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Kundenrezension

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Die widerborstige Kunst der Fuge, 18. März 2013
Rezension bezieht sich auf: Dein Gesicht morgen. Bd. 1: Fieber und Lanze (Gebundene Ausgabe)
„Sie haben das Recht zu schweigen“ – mit diesen Worten, „Miranda-Formel“ genannt, gesteht die US-amerikanische Exekutive gemeinhin einem Festgenommenen zu, sich nicht selber durch unbedachte Äußerungen zu belasten. Dieses Recht würde auch der Erzähler in Javier Marías neuem Roman „Dein Gesicht morgen“ gerne für sich in Anspruch nehmen, da er sich – nicht nur hierin eine typische Marías-Figur – nur allzu sehr des Unheils bewusst ist, das mit dem Erzählen naturgemäß einher geht. Ein Erzähler, der Zweifel am Erzählen hat und diese wortreich zur Sprache zu bringen weiß – nichts, was den passionierten Marías-Leser vom Fauteuil würfe. Zudem gestaltet sich das neue, auf zwei Teile angelegte Werk eingangs derart spröde und spekulativ, dass man sich mit gereizten Augen durch die ersten hundert Seiten kämpfen muss, auf der Suche nach einer Geschichte, die für die Mühen entschädige.
Nichtsdestotrotz sollte man die Hürde erklimmen, die der Autor aus dem kühlen Stoff der Reflexionen über die Unmöglichkeit des Erzählens vor dem Tor zu seinem Roman errichtet hat, um bald darauf erleichtert zu gewahren, dass die Hürde selbst schon zur eigentlichen Geschichte gehört.

Gleichsam fugenhaft entwickelt sich hier zwischen unzähligen Gedanken und Betrachtungen, Erinnerungen und Vorahnungen eine Handlung, die als Skript eines Spionagethriller durchaus chancenreich wäre: Ein spanischer Literaturwissenschaftler kehrt an seinen alten Studienort Oxford zurück, wo er von seinem ehemaligen Professor nicht nur erfährt, dass dieser beim britischen Geheimdienst arbeitete und im Spanischen Bürgerkrieg eine zweifelhafte Rolle spielte, sondern bald auch durch obskure Bekanntschaften selber als Agent tätig wird, da er dank einer so segensreichen wie fluchbeladenen Gabe in der Lage ist, das zukünftige Verhalten seiner Mitmenschen, ihr „Gesicht morgen“, im Voraus zu erkennen.
Doch so widerborstig wie Bachs „Kunst der Fuge“ und so fleischlos wie ein Drehbuch-Treatment kommt auch diese Geschichte daher, so dass der Leser bald die Hoffnung auf ein neues „Herz so weiß“ fahren lassen und zu seinem intellektuellen Ergötzen lieber die Großen der klassischen Moderne, Onetti oder Cortázar etwa, als Vorbilder zu Rate ziehen sollte. Wem das zu blöd ist, dem kann Marías diesmal nicht viel bieten. Zu spannungsarm, zu blass, zu hirnlastig liest sich der Plot dieses Roman-Essays, dessen Fortgang zudem von einer strapaziösen Sprache angetrieben wird, die sich selbst immer wieder relativiert und zurücknimmt, als wollte sie den Zweifel an der Undarstellbarkeit der Welt auf den rhetorischen Gipfel treiben. Die Figuren sind Totgeburten, die Handlung bleibt ein Skelett, selbst das eigentliche Thema, Vertrauen, Verraten, Verschweigen, erscheint sonderbar seelenlos – der Leser kommt sich vor wie auf dem Friedhof. Da vermag ihn auch die Aussicht auf den zweiten Teil nicht eben von den Toten zu erwecken.
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