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Kundenrezension

9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wunderbare Zumutungen, 7. August 2012
Rezension bezieht sich auf: 2666: Roman (Taschenbuch)
Der Härtetest kommt früh. Gegen Ende des ersten der fünf Teile dieses Romankolosses macht Bolano zum ersten Mal ernst. Drei der vier Germanisten, die die Suche nach einem geheimnisvollen Schriftsteller in die fiktive mexikanische Stadt Santa Teresa verschlagen hat, unterhalten sich mit dem Literaturprofessor Amalfitano. Was als lockerer Dialog über den mutmaßlichen Verbleib des Schriftstellers beginnt, verengt sich bald in einen atemlosen, über mehrere Seiten gedehnten Monolog des Professors, der anfangs noch halbwegs verständlich das Verhältnis der mexikanischen Intellektuellen zur Macht beschreibt, dann aber mehr und mehr ausfranst, bizarre Bilder heraufbeschwört und immer unverständlicher wird, bis man sich auch als wohlwollender Leser entkräftet fühlt. "Ich verstehe kein einziges Wort", sagt eine Zuhörerin am Ende dieser wahnwitzigen Rede. "Ich habe auch nur Unsinn geredet", antwortet der Professor.

Natürlich ist das eine Zumutung: den Leser einem langen Strom wirrer Gedanken auszusetzen, der auch von den zuhörenden Romanfiguren nicht verstanden und von seinem Urheber selbst als Unsinn bezeichnet wird. Und an solchen Zumutungen herrscht fürwahr kein Mangel in "2666". Immer wieder bricht die Erzählung aus der - ohnehin nicht gerade dynamischen - äußeren Handlung aus. Seitenlang werden Träume beschrieben, frei schweifende Gedankengebilde, scheinbar ins Nichts führende Reflexionen, befremdliche und doch fesselnde Dialoge. Nichts davon ist konventionell im Sinne klassisch konstruierter Plot-Romane. Aber es ist doch faszinierend, mit welcher Fröhlichkeit Bolano auf diese Konventionen pfeift und auch den abstrusesten Traum irgendeiner Randfigur akribisch zu Ende schildert. Und weil er all dies in einer reichen, schillernden Sprache tut und der Roman eine Fülle großartiger, erschütternder, auch urkomischer Passagen enthält, bekommt Bolano reichlich Kredit, von dem er dann während der schwierigeren Passagen zehrt.

Über den Aufbau des Romans und die Inhalte der einzelnen Teile ist viel gesagt worden. Eine kompakte Inhaltsangabe ist gar nicht möglich. Zu vielschichtig ist die Erzählung, zu eng geknüpft das Netz der Figuren und Handlungsverwicklungen. "Das finstere Herz" des Romans ist der vierte Teil ("von den Verbrechen"), der den Leser der wohl größten Zumutung von allen aussetzt: Hier greift Bolano die erschreckende Serie von Frauenmorden in der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Suarez auf, und zwar auf die denkbar radikalste, deprimierendste Weise. Einhundertacht Morde (irgendjemand hat gezählt) werden hier nacheinander abgehandelt, immer wieder durchbrochen von verschiedenen Handlungssträngen. Die Schilderung der Mordfälle setzt immer ein, wenn es zu spät ist: mit dem Auffinden der Toten. In nüchternem Protokoll-Stil werden Fundort, Zustand der Leiche, familiärer Hintergrund des Opfers und seine letzten Stunden beschrieben. Ein paar Polizisten ermitteln routiniert. Am Ende wird die Akte geschlossen, ist der Verdächtige verschwunden, gehen Beweismittel verloren. Kaum ein Fall wird aufgeklärt. Dieser Teil ist eine nicht endende Zufügung von Schmerz. Schmerz über die (teilweise bestialischen) Morde, Schmerz über die gnadenlose Wiederholung der immer ähnlichen schrecklichen Bilder, und, am schlimmsten, Schmerz über die Ohnmacht und Teilnahmslosigkeit der Behörden, die jeden Fall unaufgeklärt in der mexikanischen Wüste versanden lassen. Den Teil von den Verbrechen zu lesen heißt, die Seele von einem bösen kleinen Hämmerchen bearbeiten zu lassen, das hart zuschlägt. Und zwar immer wieder.

In der exzessiven, vermeintlich teilnahmslosen Wiederholung des Schrecklichen liegt in Wahrheit eine große Anklage: Diese Morde geschehen, sie geschehen immer wieder, und niemand tut etwas dagegen. Jede Szene ist ein Andenken an das Opfer, ein kleiner Grabstein, wie Daniel Kehlmann geschrieben hat. Irritierend ist, dass mancher die fehlende Aufklärung der Mordserie moniert. Denn darum geht es doch gerade: Den diabolischen Einzeltäter gibt es nicht, "Täter" ist eine Gesellschaft und Politik, die ein Klima der Frauenverachtung zulässt, in dem solche Morde gedeihen können und nicht ernsthaft verfolgt werden. Ein Klima, in dem sich Polizisten nach Dienstschluss johlend frauenfeindliche Witze erzählen, eine lange Kaskade dummer, bösartiger Sprüche. "Frauen sind wie Gesetze, dazu da, missachtet und missbraucht zu werden", heißt es da. Und sowenig, wie einer der anwesenden Polizisten protestiert gegen diesen brutalen Ordinärchauvinismus - im Gegenteil, es wird laut gelacht -, so wenig wird getan von Politik und Strafverfolgungsbehörden, um die Frauen in Santa Teresa zu schützen.

Man muss Bolano dankbar sein, dass er seine schmerzhaft-nüchternen Beschreibungen einmal durchbricht, als er das Leid eines Beamten beschreibt, der wochenlang an einem besonders grausamen Mord zu knabbern hat. Diese Schilderung umfasst nur eine Seite, aber sie ist wirklich wohltuend, weil endlich, nach all der kalten Hoffnungslosigkeit, ein Mensch mit Herz und Mitleid erscheint: "...dann stellte Juan de Dios Martinez die Kaffetasse auf den Tisch und vergrub den Kopf in den Händen, und seinen Lippen entschlüpfte ein schwaches, deutliches Jaulen, als würde er weinen oder mit den Tränen kämpfen, aber wenn er schließlich die Hände wieder sinken ließ, kam nur seine alte, von der Mattscheibe erleuchtete Visage zum Vorschein, seine alte, unfruchtbare, trockene Haut, und nicht die Spur einer Träne". Eindringlicher kann man Verzweiflung und Selbsthass nicht beschreiben.

Aber 2666 ist vielmehr als die Behandlung einer alptraumhaften Mordserie (auch wenn es dieser Aspekt des Romans ist, der viele Leser anziehen dürfte und den auch der Verlag zum Marketing nutzt). Der erste Teil etwa schildert recht unterhaltsam die Suche eine Germanisten-Quartetts mit ausgeprägten Nerd-Qualitäten nach dem geheimnisvollen deutschen Schriftsteller Benno von Archimboldi und überrascht mit einem schönen, geradezu altmodisch-romantischen Schluss. Der zweite Teil ist beklemmend und unheimlich: hier begleiten wir den eingangs erwähnten Literaturprofessor, der seine fortschreitende geistige Erkrankung bewusst erlebt. Der dritte Teil ist spannend und kernig wie ein amerikanischer Gangsterroman. Der fünfte Teil schließlich - nach dem Massaker - kehrt zurück zu Benno von Archimboldi. Dieser Teil ist eine schöne Überraschung: plötzlich platzen überall schöne Anekdoten auf, Nebenstränge entwickeln sich, interessante Figuren erscheinen, die Geschichte lebt und leuchtet wie eine aufgehende Blüte. Das tut gut und war eigentlich nicht mehr zu erwarten nach der Trostlosigkeit des vierten Teils, aber hier zeigt sich noch einmal Bolanos Meisterschaft: Mühelos wechselt er Thema und Erzählstil und schafft noch einmal einen knalligen Kontrast zum vierten Teil.

Das ist 2666: ein völlig entfesselter Autor, der sich selbst laufen lässt und nichts darauf gibt, wer unterwegs abgeworfen wird. Ein tiefer Griff ins Füllbecken des Lebens, mit beiden Händen, mutig und rücksichtslos. Wunderschöne und völlig unartifizielle Sprache, die mühelos zu schweben scheint, weit über dem allermeisten, was man sonst lesen kann in diesen Tagen. Das ist oft keine leichte Kost. Und doch gibt es ganz selten Literatur, die uns das Leben so nahe bringt, ein wildes, schreckliches, wunderschönes Leben.
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