Kundenrezension

45 von 51 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Gutes Omen, 17. August 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Projekt Seerosenteich (Live/Premium LTD) (Audio CD)
Klaus Hoffmann, Liedermacher, Chansonier, Singer-Songwriter (ach, nennt es doch wie ihr wollt) Jahrgang 1951, veröffentlichte in den Siebzieger Jahren, nach seinen ersten beiden viel beachteten Studio-LPs mit "Ich will Gesang, will Spiel und Tanz" als drittes bereits ein opulentes Doppel-Live-Album. Das Album wurde legendär und zählt für viele zu den wichtigsten Alben seiner Karriere. Hoffmann ist bis heute nicht nur relevant, er ist konstant abseits des Mainstream erfolgreich, er liefert kontinuierlich Songs mit emotionaler Substanz, geht auf ausgedehnte Tourneen und veröffentlicht im Oktober mit "Berliner Sonntag" sein 39. (!) Album.
Und mit Blick über den Tellerrand bis in die USA, kann man hier auch keinen geringeren als Tom Waits, Jahrgang 1949, bemühen. Ganz ähnlicher Ablauf. Nach dem ewig schönen "Closing time" und dem nicht minder genialen "The heart of Saturday night" folgte als drittes Album mit "Nighthawks at the diner" ein bis heute sehr besonderes Live-Album, ebenfalls als Doppel-LP. Auch Waits ist auf seine wundervoll, sonderbare Weise immer noch da, erfolgreich, speziell und brachte im letzten Herbst mit "Bad as me" immerhin auch schon sein Album Nummer 22.

Was hat das nun alles und was haben Hoffmann und Waits mit Phillip Poisel zu tun?
Rational betrachtet erst einmal nichts oder zumindest nicht viel. Dass alle drei meinen Plattenschrank bevölkern ist vermutlich auch kein absolutes Alleinstellungsmerkmal. Dennoch gibt es Parallelen, die die Hoffnung beflügeln, dass auch heute noch junge Musiker losziehen, die auch in Jahrzehnten noch was zu sagen haben, dass die großen beständigen Künstlerpersönlichkeiten kein Relikt der Vergangenheit sind. So gönn ich mir einfach den Spaß und werte "Projekt Seerosenteich" als ein gutes Omen. Sie dürfen es wahlweise ebenso sehen oder sich die Augenbrauen hochziehend mit dem Zeigefinger an die Stirn tippen.
Fakt ist, "Projekt Seerosenteich" ist nach zwei wirklich eindrucksvollen Studio-Alben von Philipp Poisel nun seine dritte Album-Veröffentlichung, es ist eine ambitionierte Live-Produktion und auch ein Doppel-Album ist es ebenfalls (ignorieren wir in diesem Punkt mal die Tatsache, dass es alternativ auch als von 120 auf 75 Minuten gestutzte, um 5 Titel amputierte Einzel-CD erhältlich ist - für wen?), es hat alle Chancen auch in Jahren noch als eines der ganz wichtigen Alben in Poisels Diskographie zu gelten.
Und wie auch Waits und Hoffmann - bei aller massiven Unterschiedlichkeit schon zwischen den beiden reiferen Herren und dann wiederum zu Poisel - hat Philipp Poisel, Jahrgang 1983, alles was es braucht, um zu bleiben. Kein Trend spülte ihn hoch, kein Radiosender dudelt ihn in der Heavy-Rotation, er ist eigen und macht seine Lieder so, wie er sie für richtig hält und darum sind sie auch richtig - richtig für ihn, richtig für ein paar hunderttausend andere. Und er drillt sie nicht nach einem Zeitgeistmuster, um kurzfristig bei Millionen zu landen und dann mit der nächsten Zeitgeistwelle hinfort gespült zu werden. So wie Hoffmann trotzig sehnsuchtsvoll und emotional Weichheit zulässt, weil er eben so ist, und so wie Waits schrullig, schräg Emotionen die vom Leben zerschunden wurden und Melancholie mit kackfrechem Schabernack vermischt, weil er nur so authentisch sein kann, so klingt Poisel eben wie Poisel. >Liedermacher< ist im Grunde ja kein Genre wie >Rock< oder >Jazz<, ein Liedermacher schreibt was sich in ihm regt und es ist herzlich egal, welches Genre er dabei streift. Ein guter Liedermacher, Songwriter, Chansonier definiert seine eigene Musikrichtung. Und so hat Philipp Poisel sehr viel gemein mit den anderen beiden: Er ist ein Liedermacher im allerbesten Wortsinn und hat seinen ganzen eigenen Stil.

Auf dem Album "Projekt Seerosenteich" wurde die Flüchtigkeit von Konzerten großartig eingefangen - klanglich und wichtiger noch, atmosphärisch! Jeder, der ein Konzert der Tour besucht hat, wird sich zurückversetzt fühlen, wer nicht dabei war, kommt mit dem Album sehr nah ran, an die besondere, gedankenvolle und gefühlvolle Stimmung der Konzerte. Mehr kann ein Live-Album nicht leisten.
Besonders wird das Album, weil die Songs von "Wo fängt der Himmel an" und "Bis nach Toulouse" nicht einfach nur runtergespielt werden und hier nun lediglich mit Publikumsgeräuschen angereichert zu hören sind, sondern weil nahezu alle Lieder musikalisch ganz anders eingekleidet wurden als in der bekannten Studioversion. Nicht völlig umgekrempelt oder neu erfunden und schon gar nicht besser oder schlechter. Nein, sie rücken klanglich irgendwie zusammen, wie für ein Gruppenfoto mit dem Titel >Was bisher geschah<. Und auf diesem Gruppenfoto sind halt alle älter geworden, haben neues erlebt, haben sich mehr oder weniger verändert, als man sie damals einzeln kennen lernte. Aber ausnahmslos alle auf diesem Gruppenfoto sind es wert sie zu kennen und ihre Veränderungen zu registrieren.

Tolle Platte, toller Musiker!

Für jeden, der Musik auch anfassen will, für den Gestaltung, Booklet, Cover ein wesentlicher Bestandteil des Kunstwerks >Album< sind, ist die edle Ausgabe im großformatigen Hardcover-Buch natürlich die Krönung und den Mehrpreis absolut wert. Wie das gesamte Projekt bis hin zur Bühnengestaltung, ist auch diese Ausgabe unaufdringlich wertvoll.
Die Doppel-CD (oder auch 3fach LP) sollte es aber in jedem Fall sein, um das vollständige Konzert zu bekommen. Was der Unfug mit der Einzel-CD soll, erschließt sich mir nicht. Wer verzichtet denn um zwei-drei Euro zu sparen auf ein gutes Drittel (75 statt 120 Minuten!) des Konzertes?
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Von 1 Kunden verfolgt

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1-4 von 4 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 17.08.2012 13:30:46 GMT+02:00
Rolf Lührs meint:
Das, lieber Christian Günther, nenne ich mal eine Rezension, die sowohl die PP-Noch-Nicht-Kennenden neugierig macht als auch den anderen gefallen müsste. Vielen Dank - und ich unterschreibe jedes Wort!

Veröffentlicht am 31.08.2012 00:17:16 GMT+02:00
mediatus meint:
Ihre Sichtweisen und die damit verbundenen Analogien sind sehr interessant und zwingen mich geradezu, hier einen Kommentar zu hinterlassen. Zu "Klaus Hoffmann" kann ich mich leider nicht äußern, da ich weder seinen Werdegang, noch seine Songs gut genug kenne, um hier meine Meinung zum Besten zu geben. Bei "Tom Waits" sieht es aber gänzlich anders aus. Auch ich besitze etliche Alben von eben jenen Künstler und habe mich auch intensiv mit ihm, als Person, beschäftigt. Für mich stellt er ein Phänomen dar, das bis dato kein zweites Mal aufgetreten ist und es höchstwahrscheinlich (der heutigen Gesellschaft geschuldet) leider auch nicht mehr geben wird. Der Unterschied zu Philipp Poisel besteht für mich zum einen darin, dass Tom Waits davon profitiert hat, dass, wenn auch bei seinen Fans unbeliebt, einen Vielzahl seiner Songs sehr erfolgreich gecovert wurden. Die damit verbundenen Einnahmen erleichterten ihm die Produktion weiterer Alben. Auch wenn er weiterhin unter der Oberfläche des großen Musikbusiness blieb, so wurde er dennoch durch die Coverversionen Stück um Stück bekannter. Zum anderen hatte er bereits nach kurzer Zeit, offenbar selbstreflektierend, seine Wahrnehmung in der Öffentlichkeit erkannt und sich fortan selbst karikiert, quasi leicht überzeichnet. Das "Produkt" Tom Waits war geboren. Er ist stets ein Künstler, der uns durch seine Songs und Texte zum Denken (bzw. auch Schmunzeln) anregen möchte, ohne aber einen allzu tiefen Einblick in seine Persönlichkeit zuzulassen. Es bleibt immer eine Frage der Interpretation zurück. Philipp Poisel hingegen offenbart uns unverhohlen sein Innerstes. Er breitet vor uns einen emotionalen Teppich aus und läd uns zum Träumen ein. Er würde aber niemals zu dem o. g. Stilmittel des Tom Waits greifen. Als Gemeinsamkeit erkenne ich bei beiden Singer-Songwritern eigentlich nur den Hang zur Sentimentalität. Unabhängig von der Vermarktung über das Radio, glaube ich, dass ein Philipp Poisel in der Öffentlichkeit deutlich stärker wahrgenommen wird, als ein Tom Waits. Das belegen allein schon die Downloadzahlen bei Youtube. Auch die größte deutsche TV-Daily-Soap hatte bis vor Kurzem ihre Storys in gepflegter Regelmäßigkeit mit dem Lied "Ich will nur" melodramatisch untermalt. Der Zielgruppe bleibt das nicht verborgen. Nicht zu vergessen natürlich der bekannte Coverauftritt bei "The Voice of Germany". Wenn nicht bereits dort gelandet, ist er dem Mainstream doch deutlich näher, als es Tom Waits je war bzw. sein wird. Hoffen wir aber, dass beide Ausnahmekünstler ihrer Linie weiterhin treu bleiben und uns noch viele Jahre Freude bereiten. Ich denke, man könnte noch Stunden über dieses Thema plaudern; aber dazu ist diese Seite wohl der falsche Ort. Auf jeden Fall möchte ich Ihnen für Ihre Ausführungen danken, ohne derer ich mich mit Sicherheit nicht zu diesem Vergleichsdenken angestoßen hätte. PS: Alles Gute nachträglich zum Geburtstag.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 31.08.2012 20:32:01 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 31.08.2012 20:43:13 GMT+02:00
Danke Rolf Lührs
und danke mediatus für die ausführlichen Gedanken (und die Glückwünsche), vielen Dank.

Dazu nur ein ergänzender Gedanke: Ist nicht vielleicht gerade doch beispielsweise Rod Stewarts "Downtown train" ein nicht selbstverschuldetes Heranrücken an den Mainstream für Tom Waits, wie für Poisel eben die Interpretation seiner Lieder durch dritte in Casting-Shows, vor einer Zielgruppe, die ihn vermutlich sonst nicht registriert hätte?

Letztlich will ich mit dem Vergleich auch nicht Gleichheiten herausabeiten, jeder der drei ist im besten Wortsinn eigen. Mich sprang nur regelrecht der unübliche und rein technische Fakt an, daß bei alle dreien bereits als drittes schon ein opulentes Doppel-Live-Album veröffentlicht wurde, was in allen drei Fällen mehr war, als ein bloßer Konzert-Mitschnitt. In allen Fällen liegt ein Konzept eines besonderen Konzertes zugrunde.
Und da aus Waits und Hoffmann lang kreative und relevante und auch erfolgreiche Künstler wurden, nehme ich "Seerosenteich" als ein gutes Omen, daß dies Poisel auch gelingen kann.
Denn, wie Sie auch andeuteten mediatus, sind Musiker die man begründet auch Künstler nennen kann, die Unterhaltung nicht mit Oberflächlichkeit gleichsetzen und einen unverkennbaren eigenen Stil ausprägen (der eben gerade nicht jedem gefallen will), in den letzten Jahren leider nicht allzuviele in Erscheinung getreten, die zumindest eine gewisses Maß an Öffentlichkeit erreichen.

Omen hin oder her, ich traue Poisel zu, in 30-40 Jahren, einige zig Alben weiter, mit Bauchansatz und grauen Haaren, noch was zu sagen, zu singen zu haben.
Grüße

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 01.09.2012 00:18:42 GMT+02:00
mediatus meint:
Ein so schnelles Feedback habe ich nicht erwartet. Bezogen auf die Diskografie gebe ich Ihnen natürlich ohne Abstriche Recht. Zum Thema "Mainstream" muss man sagen, dass ein noch so guter Künstler heutzutage ohne passendes Label kaum noch Chancen hat, im Radio auch nur angespielt zu werden. Schade, aber wir sind mit anderen / neuen Medien gesegnet - und genau davon profitiert nach meinem Dafürhalten Philipp Poisel - zumindest aktuell. Ob Rod Stewart, die Eagels u. a. durch ihre Cover Tom Waits gleichsam dem Mainstream näher gebracht haben, wie die Castingshow Philipp Poisel, ist schwer zu beurteilen. Ich tendiere aber eher zu einem "Nein". Bekanntheit erreichen dadurch selbstverständlich beide. Der gemeine Konsument findet jedoch i. d. R. den Song toll, den er häufig hört, kennt und der in den Charts steht. Die Massenkompatibilität können daher in diesem Fall ausschließlich die Coverinterpreten für sich beansprochen. Der kleine neugierige Teil, der hinter die Kulissen blicken möchte, ist nicht mainstream. Dem steht ein einzelner Castingshow-Auftritt gegenüber, bei dem der eigentliche Künstler, von den Juroren, dem Moderator und dem Coversänger selbst nicht nur namentlich mehrfach erwähnt, sondern auch zu Recht gehuldigt wurde. Die Neugierde wird dadurch ungleich mehr entfacht. Ich gebe aber die Hoffnung nicht auf, dass Philipp Poisel ein Künstler aus dem öffentlichen Untergrund bleibt bzw. wieder wird. Das macht ihn, wie ich auch Ihre Zeilen interpretiere, für uns einfach besonders und interessanter. Ob wir nach 40 Jahren noch über ihn sinnieren können, hängt leider nicht nur von ihm ab. ;-) Danke nochmals für den Exkurs.
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