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5.0 von 5 Sternen Ein zorniger "Hundertmeterlauf in fünf Sekunden" zwischen Himmel, Hölle und Geisterwelt, 28. Dezember 2013
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Rezension bezieht sich auf: Spielplatz der Helden: Roman (Taschenbuch)
Wann ist ein Held ein Held?
Schon in den frühesten Epen der Ilias wurden Personen heroisiert. Menschen brauchen offensichtlich Helden, um sich mit ihnen identifizieren oder sich an ihnen orientieren zu können. "Die Gesellschaft selbst ist ein kodifiziertes Heldensystem, will sagen, sie ist überall in der Welt ein lebendiger und herausfordernder Mythos des Sinnes des menschlichen Daseins.", schreibt der Kulturwissenschaftler Ernest Becker in seinem Buch "Dynamik des Todes". Zudem sei "alles kreative Tun des Menschen im Grunde nichts weiter als ein künstlicher Protest gegen eine natürliche Wirklichkeit". Heldenverehrung hat allerdings gerade im deutschsprachigen Raum einen recht schalen Beigeschmack. Vielleicht ist daher über die Leistung der Südtiroler Robert Peroni, Pepi Schrott und Wolfgang Thomaseth aus dem Jahr 1983 so gut wie nichts an die Öffentlichkeit gedrungen. 1400 Kilometer durchquerten die drei Alpinisten erstmalig ohne Hilfsmittel und Versorgungsdepots, einzig mit durch sie selbst gezogenen Schlitten und dem darauf verpackten Proviant, das Grönländische Inlandeis zu Fuß. Man stelle sich vor: ein Fußmarsch über eine Strecke, die der von Bozen nach Schweden oder nach Spanien entspricht, auf einer Meereshöhe von fast 3000 Metern, bei einer Kälte von tagsüber zehn und nachts 25 Minusgraden. 88 Tage abgeschnitten von jeder Verbindung mit der Außenwelt, ganz auf sich selbst gestellt, allein in einer endlos scheinenden Eiswüste.

Macht die Leistung dieser drei Männer sie deswegen schon zu Helden? Oder glich deren Marsch eher einem Parcours auf dem Spielplatz der persönlichen Eitelkeiten? Der österreichische Autor Michael Köhlmeier (zugegeben einer meiner ganz persönlichen literarischen Helden) hat in einem seiner frühen Werke aus diesem Geschehen ein ganz persönliches "Heldenepos" gestrickt. Aus wechselnden Blickwinkeln seiner drei Eisgänger, die er Reinold Minach, Leo Degaspari, Michael (Much) Gratt nennt, würdigt er zum einen diese schier unglaubliche Leistung dieser Grenzgänger. Zum anderen dienst sie ihm auch zum Ausloten des zwischenmenschlichen Miteinander, als Gang ins Innere. "Der Körper braucht die ganze Fürsorge des Geistes. Die Seele ist alleingelassen. Sie hat keinen Korrektor mehr. Sie schweift herum. Eine kleine Missstimmung kann zu Hass werden. Eine winzige Kränkung wird zur tödlichen Beleidigung. (...) Der Körper wird vom Geist kontrolliert, und die Seele, vom Geist nicht beaufsichtigt, kann Schaden anrichten und Schaden erleiden, wenn sie Nahrung für Misstrauen bekommt."

Der Roman, der Züge eines Melodrams aufweist, und sowohl als innerer Monolog (Ich-Erzähler) als auch als Dialog (Grönlandexpedition) verfasst ist, verwebt raffiniert das eisige Heldendrama der drei Südtiroler mit dem sie nachträglich interviewenden Autor, der wohl einige autobiografische Züge aufweist. Entstanden ist dabei eine großartige menschliche Innensicht, ein Ausloten möglicher Grenzsituationen, des Bewegen am Limits. Es geht um Liebe, Freundschaft, um Macht und um die ganz tief in jedem Menschen verborgenen dunklen Abgründe. "Solche Reste haben wir alle in uns, irgendwo in einem Panzerschrank in der Seele, auf dem steht: Vorsicht Hochspannung." Vor allem offenbart der Roman auf eindringliche Art und Weise die Problematik des menschlichen Zusammenlebens in unserer Zeit. Einer Zeit, in der ein Überangebot an zivilisatorischen Konsumgütern das Verlangen nach dem Umgang mit einer natürlich belassenen Landschaft weckt und wo die weit hinter dem technischen und wirtschaftlichen Fortschritt zurück hinkende Entwicklung des menschlichen Innenlebens einer längst fälligen Reform bedarf. Dieser Notstand wird in Köhlmeiers Roman noch dadurch unterstrichen, dass er die hin und wieder zum Weinen und dann wieder zum Lachen anmutende Handlung der drei Grönland-Pioniere in eine nicht weniger tragikomische Rahmenhandlung stellte, worin der Ich-Erzähler eine erotische Beziehung zu einer verheirateten Frau unterhält, die ihn ihrerseits mit einem anderen Mann betrügt.

Helden, so das letztendliche Fazit, haben in heutiger Zeit ganz offensichtlich ihren Nimbus verloren. Oder sie werden aus anderen Beweggründen geboren, als noch zu Zeiten der Ilias. Denn auch wenn deren zentrales Thema - der Zorn - gleichfalls treibende literarische Kraft in Michael Köhlmeiers Roman ist, verleiht er seinen Handelnden hier keinen göttlichen Status. Oder wie so äußerst treffend von Michael Gratt formuliert: "Ich denke mir im Nachhinein, man müsste bei so einer Expedition extra einen vierten Mann mitnehmen, ein sorgfältig ausgewähltes A********, das man nur darum mitnimmt, um auf ihn einen Zorn haben zu können. Weil irgendwo muss der Zorn hin."
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