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29 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Gleichgültigkeit als die Wurzel des ultimativ Bösen, 1. Februar 2010
Rezension bezieht sich auf: Über das Böse: Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik (Taschenbuch)
Was ist das Böse? Hannah Arendt, die 1933 aus Deutschland floh und über Umwegen nach Amerika ins Exil ging und dort nach und nach über die schrecklichen Details der "Endlösung" informiert wurde, hat sich bereits vor ihrer 1965 in New York gehaltenen Vorlesung "Some Questions on Moral Philosophy", die in deutscher Übersetzung unter dem Titel "Über das Böse" vorliegt, an einem konkreten Beispiel mit dem Bösen auseinandergesetzt. 1961 verfolgte sie in Jerusalem den Prozess gegen Adolf Eichmann. Das wahrhaft Schockierende an Eichmann stellte für Arendt seine geradezu obszöne Normalität und Durchschnittlichkeit dar, wo man doch im Angesicht von sechs Millionen ermordeter Menschen eigentlich den Teufel in Menschengestalt erwartet hätte. Wohl auch die exemplarisch an Eichmann beobachtete Banalität des Bösen veranlasste Arendt dazu, sich auf allgemeinerer Ebene mit dieser Thematik auseinander zu setzen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: "Über das Böse" ist keine Fortsetzung des Eichmann-Buches. Nur sehr selten geht Arendt auf gegenwärtige Entwicklungen ein. Im Zentrum der Vorlesung steht ihre Auseinandersetzung mit der Moralphilosophie Kants und Aristoteles sowie deren Konsequenten für gutes oder böses Handeln. So entwickelt sie zuerst an Kant angelehnt ihren zentralen Maßstab für moralisch korrektes Verhalten: "Es geht bestimmt nicht um die Sorge für den Anderen, sondern um die Sorge für das Selbst, nicht um Demut, sondern um menschliche Würde, ja menschlichen Stolz. Maßstab ist weder die auf irgendeinen Nachbarn gerichtete Liebe, sondern die Selbstachtung" (35). Des Weiteren hält sie, wiederum mit Kant, fest, dass "moralisches Verhalten nichts mit Gehorsam gegenüber irgendeinen von außen gegebenen Recht zu tun" (36) hat. Hier kommt deutlich der Unterschied zwischen Legalität und Moral zur Geltung. Unweigerlich muss der Leser an dieser Stelle an Eichmann denken, der während des Prozesses stets betont hat, sich doch während seiner aktiven Tätigkeit im Dienste der SS immer penibel an geltendes Gesetz gehalten zu haben und somit doch selbst Opfer eines verbrecherischen Regimes gewesen zu sein. Aus der von Arendt aufgestellten Prämisse, dass das zentrale Kriteriums moralischen Verhaltens die Selbstachtung einer Person sei, entwickelt sie ihre Definition des Bösen: "Das größte begangene Böse ist das Böse, das von Niemanden getan wurde, das heißt, von menschlichen Wesen, die sich weigern, Personen zu sein" (101). Wieder denkt man an Eichmann, der sich selbst nie als handelnde Person, sondern lediglich als kleines Rädchen im Gesamtgetriebe des NS-Staates sah.

Das Böse als Flucht vor der Verantwortung, als die Weigerung, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, als den permanenten Verweis auf als heilig geltende Befehlsketten. Ein Fazit ihrer Analyse liefert Arendt im legendären Abschlusssatz ihrer Vorlesung, der in einer Welt von Mitläufern und Wegsehern aktueller denn je ist: "Diese Indifferenz stellt [...] die größte Gefahr dar, auch wenn sei weit verbreitet ist. Und damit verbunden und nur ein bißchen weniger gefährlich ist eine andere gängige moderne Erscheinung: die häufig anzutreffende Tendenz, das Urteilen überhaupt zu verweigern. Aus dem Unwillen oder der Unfähigkeit, seine Beispiele und seinen Umgang zu wählen, und dem Unwillen oder der Unfähigkeit, durch Urteil zu Anderen in Beziehung zu treten, entstehen die wirklichen 'skandala', die wirklichen Stolpersteine, welche menschliche Macht nicht beseitigen kann, weil sie nicht von menschlichen oder menschlich verständlichen Motiven verursacht wurden. Darin liegt der Horror des Bösen und zugleich seine Banalität" (150).

Fazit: Große Philosophie von immerwährender Aktualität. Das Böse ist nicht das Monströse als das wir es gerne hätten, sondern die banal-alltägliche Gleichgültigkeit des Menschen, von der jeder auch einen Teil in sich selbst findet.
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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 15.03.2010 12:14:08 GMT+01:00
J. Foerster meint:
Wie man diese Rezension als nicht hilfreich bewerten kann, ist mir schleierhaft.
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