Kundenrezension

74 von 84 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "So etwas machen Eltern nicht", 1. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Deutschland misshandelt seine Kinder (Gebundene Ausgabe)
Warum schreiben ausgerechnet 2 Gerichtsmediziner ein Buch über Kindesmisshandlung, und nicht etwa ein Familienrichter, oder ein Arzt oder der Leiter eines Jugendamtes? Weil die Gerichtsmediziner oft die Einzigen sind, die sehen (wollen), dass ein Unfall kein Unfall war, sondern eine Misshandlung, und die offen aussprechen, was nicht sein darf und trotzdem ist. Die Autoren klagen an, dass unsere Gesellschaft diesbezüglich immer noch mit Verdrängen und Totschweigen reagiert. Und sie wollen das mit dem Buch ändern, indem sie mit drastischen Fällen aus ihrer täglichen Praxis aufrütteln wollen und an alle gesellschaftlichen Entscheidungsträger appellieren, solche Fälle zukünftig verhindern zu helfen.

DAS GESETZ SCHÜTZT DIE TÄTER
Aber was sind die Gründe dafür, dass Kindesmisshandlung so wenig geahndet wird und deshalb so oft geschieht? Einer ist die lasche Rechtssprechung. "Das Gesetz schützt die Täter" schreiben die Autoren im Buch. Wenn Klage erhoben wird, kann sich die Staatsanwaltschaft zwar auf ein gerichtsmedizinisches Gutachten stützen, dass eindeutig bescheinigt, dass das Kind nicht etwa durch einen Unfall geschädigt wurde, sondern durch körperliche Gewalt - oftmals für sein ganzes Leben. Alle Beteiligten wissen in der Regel auch, dass nur einer der beiden Angeklagten in Frage kommen kann (Mutter, Vater bzw. Lebenspartner) Trotzdem werden sie freigesprochen, weil die Tat keinem der Angeklagten sicher zugeordnet werden kann. Beide beteuern ihre Unschuld und entlasten sich gegenseitig - und das Gericht streicht die Segel: "Im Zweifel für den Angeklagten"!

DAS SCHWEIGEN DER ÄRZTE
Was ist mit den Kinderärzten - sehen sie Misshandlungen nicht, oder wollen sie diese gar nicht sehen? Die Autoren sind hier fair zu ihren Kollegen und räumen ein, dass es durchaus Grenzfälle gibt, wo Misshandlungen wirklich schwer zu erkennen sind. Aber oft sind Kinderärzte auch unzureichend rechtsmedizinisch ausgebildet. Das Wort "Misshandlungsmedizin" ist hierzulande anders als in Amerika noch ein Fremdwort. Das muss anders werden, fordern die Autoren. Sie nehmen ihre Kollegen insoweit in Schutz, als dass es der Gesetzgeber den Ärzten oft unnötig schwer macht. Auch wenn Ärzte ein ungutes Gefühl haben, behalten sie es meist für sich, weil sie Angst vor der Reaktion der Eltern haben, die auf ihr Elternrecht pochen. Nach jetziger Rechtslage können diese schlichtweg verbieten, dass ihr Kind mit einem CT wegen Misshandlung untersucht wird. Die Ärzte dürfen ohne ihre schriftliche Genehmigung nicht mal Blut abnehmen. Im Zweifelsfall können die Eltern den Spieß sogar umdrehen und den Arzt, der ihr Kind "unerlaubt" untersucht, wegen Körperverletzung anzeigen. Auch diese Gesetzeslage muss sich ändern, fordern die Autoren.

FAZIT
"So etwas machen Eltern nicht". Diesen Satz haben die beiden Autoren oft von Jungendamtmitarbeitern, Polizisten, Ärzten, Staatsanwälten oder Familienrichtern gehört. Und doch geschieht Kindesmisshandlung in zigtausend Familien, in der Mitte unserer Gesellschaft, weil weggeschaut und totgeschwiegen wird. Das darf nicht mehr passieren, fordern die Autoren. Denn wenn die Kinder bei ihnen in der Gerichtsmedizin landen, ist es schon zu spät. Deshalb ist ihr Buch auch eine Anklage bezüglich des Versagens der Gesellschaft und eine Forderung, dass so schlimme Misshandlungsfälle, wie sie im Buch geschildert werden, zukünftig nicht mehr passieren können.
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Von 3 Kunden verfolgt

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1-10 von 14 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 04.02.2014 19:51:32 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 04.02.2014 19:54:21 GMT+01:00
Angry Bird meint:
"So etwas machen Eltern nicht" - Ich glaube nicht, dass ein Polizist je so etwas Dummes sagt! Weil die tägliche Erfahrung etwas anderes lehrt. Gerade Polizisten sind diejenigen, die das Versagen / die Überforderung / fehlenden Befugnisse der Jugendämter / Schulen / Kindergärten und nicht zuletzt der Justiz ständig miterleben und aushalten müssen, fassungslos dastehen, weil ein Staatsanwalt sich nicht dazu durchringen kann, Anklage zu erheben, wenn ein Säugling in die geistige Behinderung geschüttelt wurde (weil die jugendlichen Harz 4-Eltern lieber Computer spielen wollten und das Kind dabei störte - und das, obwohl die Familienhilfe täglich ein und ausging), und die Eltern gegenseitig mit dem Finger auf einander zeigen, weil nicht zweifelsfrei zu kären ist, wer von beiden die enscheidende Handlung beging, anstatt beide als gemeinschaftlich handelnd zur Verantwortung zu ziehen.

Unsere Gesellschaft krankt nicht an mangelnden Gesetzen, sondern am Täterschutz!

Jahr für Jahr wird die Strafprozessordnung erweitert, mit dem Ergebnis, dass eine effiziente Verfolgung von Straftätern mitunter bis zur Unmöglichkeit erschwert wird, die Beschuldigten immer mehr Rechte erhalten und deren Strafverteidiger immer mehr Hebel, um wegen Verstößen gegen Formvorschriften Prozesse zu kippen (WENN es denn überhaupt mal dazu kommt...)

Polizisten kämpfen gegen die Windmühlen der Justiz, die Justiz gegen hirnrissige Gesetze und Formvorschriften, geschaffen von den Gesetzgebern, welche die Opfer seit Langem vergessen haben.
Ich weiß, wovon ich spreche, auch ich habe die Kinder gesehen, manche hatten noch die Muster der Schuhsohlen im Gesicht ...

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 04.02.2014 21:03:15 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 04.02.2014 21:10:29 GMT+01:00
Falk Müller meint:
Sie haben sicher insoweit recht, als dass Polizisten oder auch Ärzte oder die Mitarbeiter vom Jugendamt natürlich auch nicht dumm sind und vieles mitbekommen. Aber oft behalten sie ihre Zweifel für sich, weil sie Angst haben, dass sich die Eltern, bzw. deren Rechtsanwälte dann gegen sie wenden. Die Wahrung der Elternrechte ist in diesem Land heilig. Dass damit gleichzeitig Täterschutz betrieben wird, wie Sie es ja erwähnt hatten, wollen die Wenigsten wahrhaben.

Mit freundlichen Grüßen

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 04.02.2014 22:30:42 GMT+01:00
Angry Bird meint:
Nein, kein Polizist hat Angst vor einem Rechtsanwalt. Dann könnte er seinen Job an den Nagel hängen.
Rechtsanwälte kommen in diesem Deliktsfeld außerdem so gut wie nie vor. Die Täter sind in der Regel jene Menschen, die beschönigend als "bildungsfern" bezeichnet werden, die haben höchstens Pflichtverteidiger.

Das Problem ist unser Rechtssystem, in welchem mittlerweile an den "BEWEIS" Anforderungen geknüpft werden, die fast nicht mehr zu erfüllen sind.

Wenn das Jugendamt zaudert, dann oftmals (meine Erfahrung), weil es nicht weiß, wohin mit einem Kind, denn misshandelte Kinder sind meist psychisch so schwer geschädigt, dass man sie so ohne weiteres nicht in einer Pflegefamilie unterbringen kann (wobei Problem-Kinder auch in Pflegefamilien mitunter schwer misshandelt wurden, wie ich erleben musste...) und die Kinderpsychiatrien und viele Heime sind hoffnungslos überlastet. Also wird auf Teufel-komm-raus versucht, mit halbherzigen Mitteln (derzeit am beliebtesten: die "Familienhilfe": ein überforderter Sozialarbeiter, der das Elend auch nur verwaltet) Abhilfe zu schaffen, in der Hoffnung, dass alles nicht so schlimm ist, wie es aussieht.
Die blanke Masse an vernachlässigten und misshandelten Kindern, deren Zahl im Harz 4 gepushten "Prekariat" beängstigend rasant ansteigt, wenn z.B. eine 19 jährige Mutter das 3. Kind erwartet, das ist es, was die Jugendämter in die Knie zwingt...

Kinder kann jeder kriegen, so oft und so viel er will, egal, ob er dazu geeignet ist, oder nicht.

Wer von den "Kunden" der Polizei (in unserer Stadt zumindest) allerdings einen HUND halten will, der muss vom Ordnungsamt (welches bei der Polizei dann nachfragt, ob der potentielle Hundehalter denn geeignet ist) eine Genehmigung beantragen, sonst ist der Hund weg ...

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 15.02.2014 17:40:26 GMT+01:00
Koreander meint:
Ein weiterer Punkt wäre sicherlich noch die Kurzsichtigkeit bzw. die Ignoranz der Politiker, die Gelder immer weiter zusammenstreichen, sei es bei Kindern oder bei Alten - eben bei denen, die sich nicht wehren können.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 03.03.2014 12:35:51 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 03.03.2014 12:39:45 GMT+01:00
Conny K. meint:
Da stimme ich Ihnen vollkommen zu! Bei einem Hund muss man einen Wesenstest und einen Führerschein machen, damit er ohne Leine laufen kann und keine Gefahr darstellt.
Wichtig ist mir noch zwei Punkte anzusprechen:
1. weil unser Land ja Geld in Europa investiert statt in eigene Missstände, kommen auf einen Sachbearbeiter bei Jugendamt über 100 zu betreuende Familíen. Niemand kann dem gerecht werden und alles überprüfen! Da liegt der Hund begraben, man muss mehr Sozialarbeiter einstellen, wenn in Obhutnahme das letzte Mittel der Wahl sein soll. Kinder sollen nicht in Heime, sondern man muss Eltern befähigen, mit ihrer Überforderung umzugehen und Hilfe anzunehmen statt ihnen die Kinder zu entreißen und diese fremd unterzubringen. Kinder gehören in ihr Zuhause und Eltern muss gezeigt werden, was ein schönes liebevolles Zuhause ist. Und der 2.Punkt den ich anbringen möchte ist, das Gewalt und Missbrauch nichts mit Hartz IV oder "Bildungsferne" zu tun haben. Nein, sie kommt in allen Schichten vor, auch gebildete und gut situierte Eltern prügeln oder vernachlässigen ihre Kinder. Denn Liebe, Respekt und Geborgenheit hat nichts mit Intelligenz zu tun. Ich kenne einige Eltern, die keinen Masterabschluss haben aber bessere Eltern sind als manch ein Doktor.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 08.03.2014 00:47:24 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 08.03.2014 01:02:32 GMT+01:00
@Conny K.: Sie und alle anderen hier haben wichtige Punkte genannt, der wichtigste Grund jedoch wurde (mal wieder) nicht genannt: Eltern misshandeln, weil sie selbst einst misshandelt wurden - aber die ehemaligen Täter und deren Taten nicht benennen dürfen.
Warum ist das so?
Nun, wer die Bücher von Alice Miller kennt (oder wenigstens eines davon) kann sich mittlerweile leicht einen Reim darauf machen - die Gesellschaft fürchtet die Aufdeckung dieser Tatsache mehr als alles andere. Laut der Forschungsergebnisse von Miller wurden schätzungsweise 90% der Bevölkerung in ihrer Kindheit geschlagen (oder sonstwie misshandelt) - wollen aber nicht daran erinnert werden. Weil diese Erkenntnis auch in der Gegenwart (nachdem man längst erwachsen ist) schmerzhaft ist.
Deshalb muss ich ihnen widersprechen: man kann Eltern die misshandeln nicht "zeigen" was ein schönes, liebevolles Elternhaus ist. Wenn sie es selbst nicht am eigenen Leib so erfahren durften, ist dafür später der Zug abgefahren. Leider. Alles andere wäre lediglich ein "so tun als ob".
Was bleibt ist, die Gesellschaft endlich zu bewegen, die richtigen Fragen bezüglich der schon immer vorhandenen Gewalt gegen Kinder (und auch die Zunahme von Gewalt in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen) zu stellen. Bisher wurden diese Fragen nicht gestellt weil man die Antwort auf die Fragen fürchtete und noch immer fürchtet. Wer es doch einmal wagt, muss mit schärfster Ablehnung und aggressiven (verbalen) Attacken rechnen.
Die Konsequenz aus diesen Antworten wäre u.a. dass man mit sich belügen (um die Tatsachen weiter zu verdrängen und zu verschleiern), wegen der gesellschaftlichen (und religiösen) Konventionen, nicht mehr weitermachen könnte. Ergo kann man auch (wie Miller es immer wieder betont hat) von den Opfern kein "Vergeben" im Sinne von so tun als sei nichts passiert erwarten oder fordern. Wie es leider fast alle Religionen, als auch die Gesellschaft als solche immer noch fordern.

Die von Ihnen angesprochenen Probleme (Euro-Politik, zuwenig Gelder für soziale Bereiche etc.) sehe ich daher auch eher als Folgeerscheinung eben dieser weiten Verbreitung von Misshandlung die als Erziehungs"recht" getarnt wird an - und nicht als die Ursache. Wenn auch diese Dinge Einfluss darauf haben (wenn auch oft nur als Vorwand für das Begehen von Misshandlungen).
Sicher fehlt es überall in wichtigen Bereichen immer mehr an Geld (weil die politischen Entscheidungsträger selbiges in grotesken Höhen und immer stärker nur einer kleinen Minderheit zuschieben, die alles nur für sich alleine will) - aber auch diese Tatsache ist eher ein Nebeneffekt und nicht alleinige Ursache dafür das Menschen andere (insbesondere eben die Kinder) misshandeln.
Tatsächlich bin ich der Meinung, dass eben auch diese (und andere) politische und wirtschaftliche Fehlentwicklungen eine Folge eben dieser falsch verstandenen Form von "Erziehung" ist.
Da Kindesmisshandlung eben so weit verbreitet ist (die Anzahl der Fälle ist weit höher als die, die tatsächlich dann aktenkundig werden) durchziehen die negativen Folgen eben sehr viele gesellschaftliche Bereiche. Dies deckt sich auch mit Ihrer völlig richtigen Beobachtung, dass Kindesmisshandlung ALLE gesellschaftlichen Schichten betrifft bzw. in ALLEN gesellschaftlichen Schichten anzutreffen ist.

Wenn misshandelnde Eltern Hilfe nicht annehmen, dann oft weil sie unter (psychischem) Zwang stehen sich so zu verhalten, eben durch das eigene erlittene Leid - solange die Gesellschaft die Aufdeckung dieser Taten nicht zulassen will, und weiterhin Beschönigung, Täterschonung und den damit einhergehenden Selbstbetrug von den ehemaligen Opfern verlangt.

Neue und noch strengere Gesetze bringen solange nichts, solange dieses Dilemma nicht aufgelöst ist. Denn Gesetze verändern leider kein Denken.

Auch halte ich von der Forderung dass die Kinder prinzipiell in die Geburtsfamilie gehören, nur weil es halt die leiblichen Eltern sind, nicht viel - zumindest dann nicht wenn diese eben misshandeln. Wenn Eltern (und sonstige Betreuungspersonen) misshandeln, dann ist es eben gerade NICHT gut für die Opfer dort bleiben zu müssen.

Es ist eine romantische Vorstellung dass man Eltern und Betreuer die misshandeln, mit guten Worten und "Beispielen wie ein gutes, liebevolles Elternhaus auszusehen hat" von ihren Taten abhalten könnte. Es gibt genügend Beispiele dafür dass das in der Regel nicht funktioniert.
Das entscheidende ist eben das selbst, in der Kindheit am eigenen Leib ERFAHRENE und nicht die später -dem nun erwachsenen ehemaligen Opfer- gegebenen noch so gut gemeinten Worte oder gute Beispiele geben (zumindest dann, wenn dieses nicht so in der eigenen Kindheit erlebt wurde). Vom rationalen Verstand her wissen einige misshandelnde Eltern ja sogar dass es schlecht/schädlich ist, was sie tun (ansonsten hätten diese ja nicht häufig den Drang ihre Taten zu verheimlichen) - nur allein dies -das rationelle "Verstehen" oder Wissen- reicht halt leider nicht um Verhaltensänderungen herbeizuführen.

Therapien können einen Ausweg zeigen - das funktioniert aber auch nur dann, wenn die oben genannte Haltung der Gesellschaft hierzu sich endlich wandeln würde.
Solange weiter alles geleugnet wird, und weiterhin Täterschonung oberste Priorität hat wird das allerdings sehr schwierig sein.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 08.03.2014 23:43:01 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 08.03.2014 23:46:57 GMT+01:00
@Buecherfreundin: Vielen Dank für Ihren Beitrag - vor allem auch wegen Ihres Hinweises auf Alice Miller, deren Bücher für mich von unschätzbarem Wert waren, sind und bleiben. Aber zugleich hat mir die reale Alice Miller auch klarmacht, wie hoffnungslos es eigentlich ist: ich las das Buch von ihrem Sohn, Martin Miller ...

Nur jeder für sich kann sich bemühen alles zu tun, damit das Leben - von Kindern und auch von Erwachsenen - einfach Menschlichkeit zum Maßstab macht.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 14.03.2014 23:01:37 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 14.03.2014 23:20:37 GMT+01:00
@Berliner1972: Vielen Dank für Ihren Kommentar zu meinem Diskussionsbeitrag.

Nun, da bin ich nicht ganz Ihrer Meinung; dass es hoffnungslos sei (auch wenn mein Beitrag vielleicht leicht diese Färbung hatte - aber es ist bei diesem Thema nicht immer einfach die richtigen Worte zu finden):
Ich habe das Buch von A. Miller's Sohn, Martin Miller, noch nicht gelesen - aber in der Amazon Blick-ins-Buch Vorschau angeschaut. Auch scheint es, dass Herr Miller selbst im Kommentarbereich seines Buches aktiv mitgewirkt hat; wenn er es wirklich selbst war, war das jedenfalls ebenfalls sehr erhellend.

Ich denke, gerade ihr -Alice Millers- eigenes Beispiel, am Umgang mit ihrem eigenen Sohn, bestätigt zu großen Teilen was sie in ihren Büchern beschrieb: es ist eben NICHT einfach, manches mal gar unmöglich sich mit dem eigenen erlittenen Leid auseinanderzusetzen. In einigen ihrer Werke (wie auch in den Interviews in ihrem letzten Buch "Dein gerettetes Leben") war es sehr auffällig, wie emotionslos sie ihr eigenes Leid beschrieb. Mir fiel schon da auf, das AM hier selbst genau das nicht zeigte was sie ihren Lesern später immer wieder empfahl: die eigene Leidensgeschichte emotional und eben nicht nur rational aufzuarbeiten und anzuschauen. Tut man dass nicht, wird man immer zwangsläufig Verhaltensweisen entwickeln, die man selbst vielleicht sogar ablehnt oder nicht wahrhaben will, dass man sie entwickelt hat (AM's Brief an ihren Sohn!) obwohl man glaubt, seine Geschichte angeschaut und verarbeitet zu haben. Wie Miller selbst schrieb, ist eine Verarbeitung der eigenen Leidensgeschichte ohne Beteiligung der Emotionen, ohne sich den Gefühlen des einstigen Kindes zu nähern nicht möglich.
Dazu passt, das sie m.W. nach nie eine Therapie gemacht hat, bzw. nicht beendet hat (wobei auch das kein Garant dafür ist, das diese Annäherung an das einst misshandelte Kind auch tatsächlich stattfand bzw. geglückt ist) - meiner Meinung nach, ist darin der Schlüssel verborgen, warum sie letztendlich auch selbst dazu fähig war ihre Kinder so zu behandeln wie ihr Sohn es beschreibt. Martin Miller's eigene Einschätzung das das nicht verarbeitete Kriegstrauma die Verhaltensweisen seiner Mutter mit beeinflussten, ist deshalb sicher nicht grundsätzlich falsch - aber m.M. nach eben nicht der Hauptschlüssel um ihre Haltung ihrem Sohn gegenüber zu verstehen.

Warum denke ich nun, dass es nicht ganz hoffnungslos ist?
Nun, wie ich in meinem ersten Kommentar sagte, denke ich nicht dass man bei misshandelnden Eltern/Betreuern Verhaltensänderungen durch noch so gut gemeinte Worte erzielt.
ABER: wenn die Gesellschaft endlich ihre massive Täterschonung (und damit eben auch die massive Opferbeschuldigung) aufgeben könnte, wäre es vielleicht möglich den betroffenen Kindern frühzeitiger helfen zu können, als bisher.
Vielleicht könnten therapeutisch betreute misshandelnde Eltern, doch noch wenigstens minimale Verhaltensänderungen erzielen - vorausgesetzt, die emotionale Aufarbeitung des einstigen Traumas kann begonnen werden.
Bislang steht die grundsätzlich Opferbeschuldigende und Täterschonende Haltung der Gesellschaft hierzu dem massiv entgegen.
So wird es den Tätern leichter gemacht, ihre Taten zu verdrängen (zum Schaden der betroffenen Kinder und auch zum Schaden der Täter letztendlich) und zweitens schrecken dadurch eben auch viele Therapeuten vor einer echten aufdeckenden Therapie zurück. Auch eben weil jeder der diese Dinge wagt offen anzusprechen, mit massiven (verbalen) gesellschaftlichen Attacken rechnen muss.

Dass es durchaus möglich ist hier neue Wege zu gehen, zeigen ermutigende Projekte (wie ein Kinder/Eltern-betreuungsprojekt - mir fällt leider gerade der englische Name des Programms nicht ein- welches in Australien und neuerdings probeweise auch in den USA angewendet wird) in diesem Projekt werden gefährdete oder auffällige Mütter von einer Krankenschwester in einer Art und Weise betreut, die in den genannten Ländern ermutigende Ergebnisse in der Misshandlungsprophylaxe gezeigt hat. Ich las darüber in einem interessanten Buch zum Thema, und etwas in dieser Art habe ich noch in Erinnerung (ist schon eine Weile her, als ich das Buch las).
Wenn Sie die Thematik interessiert kann ich es als weiterführende Lektüre und Ergänzung zu A. Millers Büchern sehr empfehlen - auch weil es die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Thema Säuglingsmisshandlung/Misshandlung und deren Spätfolgen mit einbezieht.
Das Buch ist: "Sich krank fürchten -Welche Rolle Kindheitstraumata für Erkrankungen im Erwachsenenalter spielen" von Robin Karr-Morse und Meredith S. Wiley.

Ich denke dass was beide Autorinnen hier vorstellen, kann nicht nur mithelfen die Verleugnung/Bagatellisierung von Kindesmisshandlungen in der Gesellschaft aufzuheben - es zeigt auch Wege wie es nach der Bewusstwerdung der Gründe für diese Verleugnung weitergehen kann.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 14.03.2014 23:06:52 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 14.03.2014 23:07:37 GMT+01:00
@Bücherfreundin: Wie kann ich mit Ihnen Kontakt aufnehmen ?
Sind Sie in facebook? Ich wäre zu einem Austauch sehr interessiert.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 15.03.2014 00:15:46 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 15.03.2014 00:50:00 GMT+01:00
@Bücherfreundin: Vielen Dank für Ihre Antwort. Ich hatte eher aus Gründen der Zuspitzung, denn aus verfestigtem Fatalismus von Hoffnungslosigkeit gesprochen. Aber die Zuspitzung erschien mir deshalb geradezu nötig, weil mir das Beispiel von AM sehr deutlich gemacht hat, dass auch das Erkennen von Wahrheiten nicht davor schützt, diese Wahrheiten nicht auf das eigene Leben anwenden zu können. (Tragisch, denn die regelrechte "Erkenntnissucht" von AM lässt sich kaum anders als durch ihr eigenes emotionales Leid in ihrer Kindheit erklären ... aber sie konnte es nicht in ihr eigenes Familienleben transferrieren.)

Das ist kein Anlass für Hoffnungslosigkeit; da haben Sie vollkommen recht. Aber ich will mal so sagen: Viele erkennen die Wirklichkeit erst gar nicht, aber wer sie erkennt, ist ist mit dieser Erkenntnis recht allein.

Um damit nicht allein zu sein - aber erst recht, um kollektiv zu verhindern, dass überhaupt traumatisierte Kinder/Menschen aufwachsen, bedarf es eines kompletten gesellschaftlichen Umdenkens. Ein Beispiel: selbst die liebevollsten Eltern werden es nicht verhindern können, dass ihre Kinder z.B. die Panik der Eltern in Zeiten der Arbeitslosigeit in sich aufnehmen. Wie viel heftiger wird es bei Kindern Alleinerziehender, die erst recht vielfach Grund zur Verzweiflung haben.

Es sollte selbstverständlich in der Gesellschaft werden, dass Kinder niemals mit ihren Eltern, aber auch Eltern niemals allein mit ihrem Kind gelassen werden. Wären aber in Deutschland derart massiven, finanzstarken Familienförderprogramme (Weltspitze!) überhaupt erklärbar, wenn nicht sogar der Staat Kinder als nahezu unberechenbares Risiko ansehen würde, das jeder alleine zu bewältigen hat? Der Staat fördert letztlich noch dieses Denken dadurch, dass es für's Kinderkriegen eine Risikoprämie/ein Schmerzensgeld oder was auch immer gibt ...Im Ergebnis heißt das doch: Das natürlichste Ziel jedes Lebewesens, die Fortpflanzung, ist in Deutschland bestenfalls ein Gegenstand von staatlichen Förderprogrammen (ebenso wie die CO2-Gebäudesanierung) ... man könnte lachen, wenn es nicht so traurig wäre.

Das komplette gesellschaftliche Umdenken wird es nicht so einfach geben, aber jeder hat die Chance, in seinem persönlichen Umfeld Möglichkeiten zu nutzen, sich für die jungen Familien in seinem Umfeld aktiv zu interessieren ... (ist das naiv gedacht ? nein, es ist menschlich gedacht!)

Empfehlen will ich noch von Franz Ruppert: "Trauma Liebe Angst" ( über youtube gibt es auch Vorträge von ihm). AMs Erkenntnisse werden für mich durch Ruppert sozusagen ebenso wissenschaftlich wie menschenfreundlich eingefangen.
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