Kundenrezension

5.0 von 5 Sternen Die "kommerziellen" motörhead, 27. Juli 2012
Rezension bezieht sich auf: March Or die (Audio CD)
Das 1992 veröffentlichte "March Ör Die" von motörhead scheint eine regelrecht zwiespältige Angelegenheit geworden zu sein. Die Meinungen gehen ja mittlerweile ziemlich auseinander. Ich kannte damals all' die Kritiken, die von "kommerziell", "Kraftlose Produktion", "schwache Lieder", alles abdeckten, was genügt, um einen Bogen um eine Platte zu machen. Und so habe ich auch ersteinmal einen weiten Bogen um "March Ör Die" gemacht, bis es mir eher mal zufällig in die Hände gefallen ist. Aber da mir "zu kommerziell" und "schwach" im Geiste herumgeflogen ist, habe ich das Album auch beim Anhören sofort als schlecht und nicht motörhead-würdig abgetan.

Mit "I Ain't No Nice Guy" eine motörhead-Power-Ballade? Akustik-Gitarren? Bäh, sofort weg! Durch all die negativen Kritiken, die ich zu lesen bekommen habe, und die aussagten, wie motörhead zu klingen und vorallem nicht zu klingen hatten, war ich so von Vorurteilen behaftet, und so voreingenommen, dass ich dem Album anscheinend noch nicht einmal richtig zugehört habe. Selbstverständlich ist es vollkommen unsinnig, sich von irgendwelchen Kritiken die Meinung vordiktieren zu lassen. Irgendwann habe ich das Album aus einer Laune heraus wieder hervorgezogen, ich hatte wohl aus unerklärlichen Gründen gerade Bock drauf, und es mir angehört. Hmm .... so schlecht ist das jetzt aber auch nicht .. boah, das geht ganz schön ab. Warum hatte ich das so noch nicht wahrgenommen?

Ja, die Produktion ist ziemlich glatt, "kommerziell", wenn man von mir aus möchte, und dem US-Metal/Hard-Rock der 80iger bzw. der frühen 90iger angepasst(er). Aber kraftlos ist sie nicht, und schlecht schon gleich gar nicht. Der Sound mag glatt sein, ist aber eigentlich ziemlich wuchtig und massiv. Die Gitarren wühlen sich zwar nicht kopfüber im Schlamm, klingen aber doch recht räudig, und der E-Bass brummt und grummelt immer noch so vor sich hin, wie man es seit eh und jeher von motörhead kennt. Bemeckern könnte man vielleicht die Gitarren-Melodien, die immer wieder aufblitzen, und die Soli, die allesamt vielleicht auch zu einer Hair-Metal-Combo gepasst hätten. Aber dann wäre es eine ziemlich gute gewesen. Ich finde, diese Melodien ergänzen die Songs gut und verleihen ihnen etwas mehr Tiefe. Darüberhinaus erkennt man auf "March Ör Die" trotzdem sofort, dass motörhead zugange sind, Lemmy krächzt so wie man es von ihm kennt, und die Songs sind, auch wenn sie überwiegend im Mid-Tempo-Bereich angesiedelt sind, und vereinzelt Blues-Einflüsse aufweisen, alles andere als schlecht.

"Stand" ist ein flotter, hymnenhafter ("kommerzieller") Opener, "Cat Scratch Fever" mag zwar ein Cover sein, klingt aber schon etwas ungehobelter, und hat mehr Wumms als das Original von Ted Nugent. "Bad Religion" ist ein headbangendes Groove-Monster mit sehr wirkungsvollen Lyrics, die glatt geschliffenen, aber messerscharfen Riffs schneiden sich nur so durch die Gehörgänge. "Jack The Ripper" knüpft da ein wenig an, klingt aber gehetzter und nicht ganz so intensiv. "I Ain't No Nice Guy", die Ballade mit Ozzy und Slash, ist wirklich kein Überflieger, ist aber ganz nett anzuhören; es sorgt für Abwechslung und fügt sich ganz gut ins Album (ein Schelm, der Böses denkt? Aber nein.. ). "Hellraiser" dürfte in der Version von Ozzy bekannter sein, gefällt mir von Ozzy auch ein wenig besser. motörhead haben den Song ein wenig "eingeschmutzt", und dadurch, dass der Song zuvorderst für einen Film verwendet wurde, produzierte jemand anderes, was man meiner Ansicht nach auch hören kann. Jedenfalls bin ich froh, dass der Song mit auf dem Album gelandet ist, denn diesbezüglich gäbe es noch einen weiteren Song, der zu einem "lost track" avancierte: "Hell On Earth".

"Asylum Choir" und "Too Good To Be True" sind zwei Lieder, die recht bluesig und rockig sind, aber - was das Songwriting betrifft - auch etwas nach typischen 80iger-Jahre-US-Hard-Rock klingen, mir aber sehr gut gefallen. Wobei man mit anmerken muss, dass ich sowieso auf solches Zeug abfahre. motörhead klingen dabei allerdings wesentlich wuchtiger, nicht nach Pop, sondern nach Rock. "You Better Run", ein klassischer, aber heftiger Blues, der auch George Thorogoods' "Bad To The Bone" zitiert, hat es mir besonders angetan. Wenn ich mir alte Blues-Musiker anhöre, wie sie diese Musik interpretieren, denke ich mir oft, das die es wirklich drauf haben und dabei auch noch wirklich "bad-ass" sind. Man kann motörhead zwar nicht direkt mit Blues-Musikern aus den 30iger und 40igern vergleichen, aber "You Better Run" ist defintiv "bad-ass". "Name In Vain" ist dagegen eine ein wenig unscheinbare Nummer, aber wahrscheinlich die einzige, die wirklich auf "1916" gepasst hätte, es ist eine fetzige, schnelle Heavy Rock N'Roll-Nummer, die vorletzte vor dem etwas verstörenden Titelsong. Lemmy hatte ja zur Protokoll gegeben, dass er mit dem Klang des abschließenden Titelsongs nicht zufrieden ist, und weitaus besserere Versionen davon zuhause hat. Die veröffentlichte Version klingt wirklich etwas matschig und verwaschen, aber so daneben finde die Nummer hier gar nicht. Sie transportiert eine düstere Stimmung, thematisiert wie auch der ungewöhnliche Titelsong auf "1916" den Krieg, hat aber musikalisch nichts damit zu tun. So wie sie ist, gefällt sie mir recht gut, der Matsch passt hier eigentlich zu dieser Art von Thematik; die anderen Versionen würden mich jedoch brennend interessieren.

Meiner Ansicht nach ist das Album ein ganz guter Nachfolger zu "1916" geworden, selbst wenn die Produktion dabei glatter ausgefallen ist. Eine glatte Produktion allein bedeutet aber noch kein schlechtes Album. Man mag motörhead vielleicht in eine Waschmaschine gesteckt haben, aber sie sind immer noch 100% motörhead. Sie waren immer noch schmutzig, glänzten jedoch ein bißchen. Eine ganze Zeit lang konnte ich "March Ör Die" nicht aus meinen Soundsystemen kriegen, und das Album findet immer noch mit regelmäßigen Abständen den Weg dorthin. Wahrscheinlich mache ich mich jetzt der Blasphemie schuldig, aber ich finde, "March Ör Die" ist nicht sehr viel schlechter als "Ace Of Spades" - nur eben anders. Und sauberer.
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