Kundenrezension

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Jenseits der Worte, jenseits der Stille entdeckt man die eigene Menschlichkeit.", 3. April 2012
Rezension bezieht sich auf: Ziemlich beste Freunde: Ein zweites Leben (Gebundene Ausgabe)
«Er ist unerträglich, eitel, stolz, brutal, unzuverlässig, menschlich. Ohne ihn wäre ich zugrunde gegangen. Abdel hat mich pausenlos gepflegt, wie einen Säugling. Er hat auf jedes noch so kleine Zeichen von mir geachtet, während jeder einzelnen meiner Ohnmachten war er zur Stelle, er hat mich befreit, wenn ich gefangen war, beschützt, wenn ich schwach war. Er hat mich zum Lachen gebracht, wenn ich nicht mehr konnte. Er ist mein Schutzteufel.»
[aus "Ziemlich beste Freunde: Ein zweites Leben" von Philippe Pozzo di Borgo; S.116]

Erster Satz:
Soll ich vom heutigen tristen Tag aus wehmütig in die Vergangenheit zurückblicken oder soll ich über eine Zukunft ohne Hoffnung klagen?

Inhalt:
Nachdem der 42-jährige Geschäftsführer, Philippe Pozzo di Borgo, der Firma Champagnes Pommery mit dem Gleitschirm abstürzt und querschnittgelähmt bleibt, ist er auf die ständige Hilfe anderer angewiesen. Den Job des Intensivpflegers erhält der arbeitslose Exsträfling Abdel Sellou, der für Philippe das pure Leben ausstrahlt. Durch ihn erhält er die ersehnte Lebensfreude zurück und erzählt in dem Buch von seiner jahrelangen Leidensgeschichte, den Verlust seiner Frau und der Hoffnung, die ihn bis heute begleitet.

Schreibstil:
Offen, unverblümt, persönlich und zeitweise sehr poetisch philosophiert Philippe Pozzo di Borgo über sein/das Leben und erzählt dem Leser seine Leidensgeschichte, die den Leser oft bedrückt, selten zum schmunzeln bringt und dennoch von viel Hoffnung und Lebensmut berichtet. Jedoch ist der Schreibstil stellenweise auch sehr verwirrend und mag durch viel Spiritualität befremdlich wirken. Die vielen Zeitsprünge sorgen außerdem dafür, dass man oft nicht mehr so genau weiß, wovon der Autor nun gerade redet. Ansonsten lässt sich das Buch jedoch sehr flüssig lesen und stolpert oft über wunderschön beschriebene Lebensphilosophien.

Meinung:
Diese Rezension müsste auf Grund der Erwartungshaltung in zwei Rezensionen aufgesplittet werden, nämlich einmal in eine Rezension über das, was das Buch verspricht und das, was es dem Leser letztendlich serviert, denn das sind zwei gänzlich unterschiedliche Dinge. Vermutlich werden sehr viele dieses Buch wegen dem Film "Ziemlich beste Freunde" lesen, da das Buch als Grundlage für ebendiesen fungiert, allerdings ist es auch wirklich nur das: Eine Grundlage. Was der Film an Optimismus, Wärme und Humor hergibt, ist in dem Buch rar gesät und schwer zu finden. Der Buchtitel wird dem Inhalt hier demnach absolut nicht gerecht, denn die Freundschaft zu seinem Pfleger Abdel wird nur zwischenzeitlich angesprochen und der Großteil des Buches beschäftigt sich mit Philippe Pozzo di Borgo selbst und seiner Behinderung. Das Buch ist daher kein "Buch zum Film", zumal es lange vor dem Film geschrieben wurde und es sich hierbei lediglich um eine Neuauflage mit neuem Vorwort und unveröffentlichtem Text handelt.

Lässt man den Film einmal außer Acht, der natürlich sehr stark beschönigt, so kann das Buch allerdings auch eine interessante und aufwühlende Geschichte sein. Man darf sich eben nicht zu sehr auf die Geschichte im Film konzentrieren und muss versuchen, sich auf die sehr betrübende Lebensgeschichte des Pozzo di Borgo einzulassen und zugegeben: Das ist manchmal gar nicht so leicht, denn dieser berichtet sehr direkt und unverblümt von seiner Behinderung, den Folgen dieser, seinen sexuellen Sehnsüchten und dem Tod seiner Frau. Teilweise wirkt dies alles sehr befremdlich, denn die meisten, die dieses Buch lesen, können sich derartige Schmerzen und Lebensumstände vermutlich kaum vorstellen - mich eingeschlossen. Daher sind die teilweise auftretenden Halluzinationen sehr verwirrend und die ständigen Gedankensprünge oft schwer greifbar.

Philippe Pozzo di Borgo, dessen Lebensgeschichte hier erzählt wird, stürzte am 27. Juni 1993 beim Paragliding ab und verletzte sich dabei so stark die Wirbelsäule, dass er nun vom Hals abwärts querschnittgelähmt ist. Mit seinem Unfall verliert er nicht nur die Fähigkeit der Bewegung, sondern ist nun rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen und verliert sich zwischendurch oft selbst. Mit dem Tod seiner Frau Béatrice wird er zunehmend depressiver, da diese ihm zuvor die nötige Hoffnung geschenkt hat. So wirkt das Buch durchgehend stimmungstechnisch natürlich sehr bedrückt und schockierend. Seine Gedanken und Gefühle legt Pozzo di Borgo klar auf den Tisch und beschönigt keine Tatsachen. Theoretisch müsste auf der anderen Seite der Charakter nun Abdel Sellou stehen, der Pfleger, denn Pozzo di Borgo einstellte, jedoch wird er erst gegen Ende mit in den Mittelpunkt gerückt und bleibt daher für den Leser sehr undurchsichtig und wird auch erst später für ihn greifbar.

Die Gegebenheiten, die von ihm erzählt werden sind anfangs schockierend und machen Abdel leider nicht zu einer Sympathiefigur. So behauptet dieser beispielsweise bei einer Massenvergewaltigung mit dabei gewesen zu sein, des weiteren verbrachte er 18 Monate im Gefängnis und hat eine sehr frauenfeindliche Haltung. Alles Dinge, die ihm schon einmal keine Pluspunkte einbringen und die im Film stark beschönigt worden sind. Zwar kommt Abdels Humor zwischenzeitlich raus, aber der wirkt im Anbetracht der Tatsachen doch etwas zu makaber und unverantwortlich - vor allen Dingen, wenn man sich das starke Leid des Pozzo di Borgo ansieht. Zum Ende hin bessert sich dies allerdings und Abdel wird dem Leser sympathischer. Vor allen Dingen sein natürlicher Umgang mit Philippes Behinderung und seiner Lebensfreude stecken trotz allem irgendwann an - die Realität ist eben kein Ponyhof!

Sehr bewundernswert und faszinierend fand ich die Hoffnung, die Pozzo di Borgo trotz der vielen Schicksalsschläge ausstrahlt. Die Biographie des Mannes zeigt, dass man immer wieder - zumindest mental - aufstehen kann und sich nicht vom Leben unterkriegen lassen darf. So findet er trotz vieler schrecklicher Geschehnisse immer wieder zu sich selbst und hält an den Menschen fest, die ihm Lebensfreude und Hoffnung geben. Abdel dient daher auch als Stütze für ihn, denn er präsentiert für ihn quasi das pure Leben - wenn dies auch teilweise illegal und nicht wirklich unterstützbar ist.

Fazit:
Ziemlich gut befreundet kann man mit dem Buch nur dann werden, wenn man den Kinofilm ausblendet und die Geschichte als das sieht, was sie nun mal eben ist: Die Lebensgeschichte eines Mannes, der alles verloren hat und sich selbst trotzdem nicht verliert. Philosophisch und direkt erzählt Philippe Pozzo di Borgo von seinem Leben und dem dramatischen Schicksal, dass ihm wiederfahren ist. Der Titel "Ziemlich beste Freunde" führt leider in die Irre und spiegelt nicht das wieder, was das Buch letztendlich zu bieten hat. Hier geht es hauptsächlich um den echten Philippe und seine Geschichte, die sicherlich nicht so beschönigt wurde, wie im Film. Erst gegen Ende wird seine Freundschaft zu Abdel kurz und knapp beschrieben. Wer also ein hoffnungsvolles und zugleich sehr betrübendes Buch lesen möchte, in dem gezeigt wird, dass man nie aufgeben darf, dem könnte "Ziemlich beste Freunde" durchaus gefallen. 3,5 Sterne
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