Kundenrezension

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Giftiges Schlusswerk einer Kamelot-Ära, 21. November 2011
Rezension bezieht sich auf: Poetry For The Poisoned (Audio CD)
April 2011 war es so weit. Was sich Monate zuvor bereits schleierhaft angekündigt hatte, wurde nun zur traurigen Wahrheit:
Roy Khan geht.
Eine Ära, die ihm folgt. Sieben Alben mit Kamelot, alle in Zusammenarbeit mit Thomas Youngblood und Casey Grillo, sechs davon mit Bassist Glenn Barry und immerhin zwei mit dem neuen deutschen Keyboarder Oliver Palotai. Wenn so eine fest verschworene Gemeinschaft auseinandergeht, stimmt einen das schon melancholisch.

Drei Jahre nach dem Erscheinen des sperrigen "Ghost Opera"-Opus waren Kamelot Herbst 2010 zurück. Das ist die längste Zeitspanne zwischen zwei Kamelot-Alben seit dem allerersten Album 1995 (damals noch mit Mark Vanderbilt am Mikro).
Das neunte Album der international besetzten Ausnahmeband erweist sich als weniger hymnisch, aber experimenteller und düsterer als die früheren Werke. Wie auf jedem ihrer Alben schaffen Kamelot es, eine individuelle Stimmung zu schaffen. So liegt über diesem Werk poetische Melancholie. Wie ein finsterer Schleier, der sich wirklich erst lichtet, wenn die Gitarre die letzte Note gespielt und die Scheibe eine letzte Runde gedreht hat. Trotz seiner dichten Atmosphäre und Komplexität fehlt aber nie die Eingängigkeit. Viele Songs zünden bereits beim ersten Mal hören, was den Wiederhörfaktor steigert. Trotzdem werden die Songs nicht langweilig, weil es sowohl lyrisch als auch musikalisch immer wieder etwas zu entdecken gibt - ein Merkmal von Kamelot.

So wie auch die Gitarrenarbeit von Thomas Youngblood, dem Mastermind hinter der Formation. Seit jeher komponiert und schreibt er die Stücke der Band, und seine High-Speed-Rhythmusgitarren ziehen sich wie ein roter Faden durch die Bandgeschichte. Leider sind diese in der Produktion des Albums zu sehr in den Hintergrund geraten und wirken nicht mehr ganz so dominant wie noch auf "The Black Halo".
Roy Khan singt nun in tieferen Tonlagen und verzichtet - wohl auch aus Altersgründen - auf den sirenenartigen Gesang der "Epica"-Epoche. In jedem Song schlüpft er in eine andere Rolle und drückt andere Emotionen aus, ist mal ein Vampir und mal ein Serienkiller, und überzeugt durchweg mit seinem (anscheinend angeborenen) Charisma. Bei seiner finsteren Darbietung wird er von drei Gastsängern unterstützt, darunter auch Kamelot-Gast-Veteranin (und Freundin des Keyboarders) Simone Simons von Epica.
Casey Grillo stampft immer noch wie ein Meister. Die Double-Bass-Figuren bilden einen bebenden Boden unter den Tempo-Refrains. Erneut beweist der Drummer sein Talent in einer Fülle von Taktwechseln, beispielsweise in den Strophen von "The Hunter's Season".
Sean Tibbetts ersetzt den Bassisten Glenn Barry, der bereits auf dem Debüt-Album vor Khans Zeit dabei war. Er verließ die Band, um mehr Zeit mit seiner Familie zu haben. Wie auf den meisten Kamelot-Alben steht das Bass trotz einer guten Leistung im Hintergrund. Für die, die es noch nicht wissen: Tibbetts war Bassist bei Kamelot, noch bevor sie ein Album herausbrachten.
Bleibt noch der Neuzugang aus 2007, Oliver Palotai, der mit seinem Keyboard die orchestralen Parts übernimmt. Diese sind definitiv vorhanden, aber im Gegensatz zur Ghost Opera zurückgeschraubt und weniger bombastisch.

Das Artwork des Albums ist erste Sahne, deshalb empfehle ich es, sich die physische Version des Albums zu kaufen und nicht nur die Dateien. Sehr schön auch die Aufmachung der Limited Edition. Diese bietet zwar bis auf ein gelungenes Musikvideo und ein paar nette Interviews nichts äußerst Interessantes, ist aber auch nicht viel teurer als die Standard-Edition.
Ebenfalls positiv nennenswert finde ich die Texte. Ein weiteres Mal gelingt es Herrn Youngblood fantastische Welten zu schaffen. In diesem Werk sind diese jedoch erstaunlich finster geraten. Die meiste Zeit sind sie von Gothic-Mythologie inspiriert, was nach den hauptsächlich sagenhaften und/oder religiösen Thematiken früherer Werke doch eine (durchaus angenehme) Überraschung ist. Gleichzeitig gibt es auch den ein oder anderen Song, der textlich so kryptisch angelegt ist, dass es wohl Ansichtssache ist, was man als Hörer dort herausliest. Dabei denke ich in erster Linie an "Seal Of Woven Years".

Das Album beginnt schon sehr untypisch für die Band. Elektronische Klänge, orientalische Melodie, dann die schreddernden Riffs und düster gehauchte Strophen von Khan, der hier in die Rolle eines verbannten Fürsten der Finsternis schlüpft, der darauf wartet, aus der Hölle aufzusteigen (vielleicht Mephisto?). "The Great Pandemonium" zeigt sich als der bis dato finsterste Song der Bandgeschichte und kann auch nur noch einmal auf diesem Album übertroffen werden. Man hat sich für einen entsprechend furchteinflößenden Gastsänger entschieden: Soilwork-Fronttier Björn "Speed" Strid gibt in kurzen Einlagen seine Growls dazu. Khan selbst meinte, man habe sich für einen Gastschreihals entschieden, da er selbst für sowas nicht "die Eier hat".
Ich bin mir jedenfalls sehr sicher, auch Simone Simons' unverkennbare Stimme nach dem zweiten Refrain zu hören, sie ist im Booklet aber nicht für diesen Song aufgelistet. Danach bekommt man ein fulminantes Gitarrensolo zu hören ' ganz großartig, was Youngblood da abliefert. Am Ende steigert sich der Song in ein kurzes Finale, wo man das Gefühl hat, dass alles in sich zusammenbricht, während Khan und Strid sich einen Schlagabtausch liefern - ein Pandämonium halt. So bildet der Song einen beinahe schon an das neuere Symphony X erinnernden Auftakt.

"If Tomorrow Came" beginnt äußerst passend mit verzerrtem Bass und kommt zuerst auch heavy rüber, drosselt das Tempo aber bereits in der Strophe. Der Refrain ist wieder typisch Kamelot mit prächtigem Double-Bass-Geprügel. Sehr interessant finde ich auch diese Effektspielereien, die insbesondere in der Bridge zum Einsatz kommen. Textlich geht es, wie öfters auf dem Album, um einen Sukkubus.

Strukturell intelligent ist die Platzierung eines Interludiums an dritter Stelle, um dem Hörer nach den beiden etwas härteren Einstiegsnummern eine Pause zu gönnen. "Dear Editor" heißt das kurze Stück und bildet mit einer Großstadtkulisse eine ungewöhnliche Atmosphäre. Khan liest mit entfremdeter Stimme einen Brief vor, dann geht es los:
"The Zodiac"'s Beginn kommt wie ein Gewitter über den Hörer herein und eröffnet den meiner Meinung nach pechschwärzesten Kamelot-Song aller Zeiten. Er erzählt eine ganz eigene Version der Geschichte des "Zodiac-Killers", welcher in den 70ern in Los Angeles sein Unwesen trieb und niemals gefasst wurde - umgesetzt in einem progressiven Mid-Tempo-Stampfer. Hier wirkt der Killer wie eine Art Frankensteins Monster.
Preisfrage: An wen wendet sich eine Band, wenn sie einen Gastsänger für ein pechschwarzes, fieses Stück Musical-Metal-Geschichte brauchen? Es gibt zwei Antwortmöglichkeiten, und da Alice Cooper zu teuer ist, ist es der noch beeindruckendere Bergkönig Jon Oliva. Seine unverwechselbare Brecheisenstimme zerfetzt die zweite Strophe geradezu. Ich liebe diesen Mann!

"The Hunter's Season" ist eine etwas gemächlichere Nummer. Youngblood hat sie als Ehrung seiner kürzlich an Krankheit verstorbenen Mutter geschrieben. Umgesetzt wurde dies in einer Kamelot-typischen Tempo-Nummer, die den Spagat zwischen astreinem Power-Metal und balladesken, herzzerreißenden Melodien schafft. Auch für Fans der älteren CDs absolut hörenswert. Gegen Ende gibt Flinkfinger Gus G (Firewind, Ozzy Osbourne) ein grandioses Solo hinzu.

Wie man es bereits von Kamelot gewohnt ist, kommt in der Mitte des Albums die obligatorische Halbballade. In diesem Falle ist das "House On A Hill", welches meiner Meinung nach seinen Vorgänger von der Ghost Opera, "Love You To Death", übertrifft. Das Duett, das Khan und Simons sich hier leisten, braucht sich nicht vor "The Haunting" verstecken. Einfach nur wahnsinnig, wie die beiden Stimmen miteinander harmonieren. Die beiden Sänger strahlen beide dieses majestätische Charisma aus - Sie wirken wie König und Königin.

Nach diesen beiden etwas epischeren Exkursen begibt die Band sich wieder in düsterere Gefilde, genauer gesagt sogar direkt in die Unterwelt, zur "Stadt der Toten", der "Necropolis". Dieser Stampfer erinnert (vor allem im Refrain) an "March of Mephisto" und erweist sich nach häufigem Hören als äußerst vielschichtig.

Wie üblich schaltet die Band auf der zweiten Hälfte einen Gang runter. "Train Of My Thoughts" ist ein Titel, der sich zunächst unauffällig im Hintergrund bewegt, sich nach mehreren Durchläufen aber als Glanzstück heraussetzt. Wenn man die Augen schließt, kann man förmlich die Winterwelt an einem vorbeirauschen sehen. Äußerst atmosphärischer Track.

"Seal Of Woven Years" habe ich oben bereits als recht kryptischen Song genannt, und das wirkt sich auch auf seine Grundstimmung aus. Er ist düster und mystisch, beginnt mit einem langen orchestralen Intro, das sich still aufbaut. Dann setzt die Band ein und befördert einen direkt in die treibendste Nummer des Albums, die mit jedem Songpart eindringlicher wird.

Das Finale (welches mir persönlich auf "Ghost Opera" ein wenig gefehlt hat) ist der vierteilige Titelsong, der sich zu einem 10-Minuten-Epos zusammensetzt. Damit ist er eine Art Nachfolger des verehrten "Elizabeth"-Monsterwerkes aus dem 2001er "Karma"-Album. Auch hier wird eine durchgehende Geschichte erzählt. Es geht, das Album gut zusammenfassend, um Vampire, und so beweist die Band, dass sie in 10 Minuten eine packendere Blutsaugergeschichte erzählen können als andere in fünf Filmen.
Der erste Part ist, wie schon bei Elizabeth, eher eine Einleitung in die Materie. Am seinem Ende gibt es einen kurzen Sprechpart durch einen Lautsprecher, der ein wenig unpassend wirkt, aber darüber kann man hinwegsehen. Der zweite und längste Teil, "So Long", ist ein balladeskes Stück mit einem weiteren Auftritt von Simone Simons. Die Gebissene liefert sich ein Duett mit Khan, das in einem stimmlich beeindruckenden Finale gipfelt. "All Is Over" ist dann ein sehr kurzes, hauptsächlich instrumentales Stück, bevor es in "Dissection" wieder ganz ruhig wird. Am Ende wird dem Epos dann die Krone aufgesetzt. Laut dem Booklet wurde dieser letzte Part von Khan und Palotai geschrieben. Die wollten Youngblood anscheinend für längere Zeit beschäftigen, denn am Ende wartet auf den ein Solo, das den Gitarrenhals glühen lässt.

Den Abschluss markiert dann die Up-Tempo-Nummer "Once Upon A Time", vergleichbar mit "Serenade" oder "Silence Of The Darkness" (bei letzterem klingt der Refrain schon sehr ähnlich). Zwischen dem 10-Minuten-Epos und dem Ende der CD-Spielzeit eingequetscht, hat der Song es nicht leicht, auf sich aufmerksam zu machen und bleibt die unbedeutendste Nummer auf dem Album. Ist aber trotzdem schön anzuhören und erfrischend eingängig im Verhältnis zum Rest des Albums.

Die Limited Edition erweitert das Album noch um ein Cover von "Where The Wild Roses Grow" von Rick Cave. Vorgetragen von Khan und einer mir unbekannten Gastsängerin namens Chanty Wunder, wird der hier erzählten Geschichte die nötige Dramatik eingehaucht. Ich mag Khans Stimme hier besonders, er singt sehr tief. Eine nette Beilage, über die man nicht meckern kann, wirklich vermissen würde ich sie aber auch nicht.

Fazit: Alles in allem gefällt mir dieses Album doch noch ein gutes Stück mehr als "Ghost Opera". Es ist düster, experimentell und vielschichtig, sehr sperrig, sodass es eine recht lange Eingewöhnungszeit braucht. Trotzdem hält es sich noch eingängig genug, um zum Wiederhören zu motivieren. Eine weitere Perle, dem sich "Karma", "Epica" und selbst "The Black Halo" zu keiner Sekunde schämen müssen.

Und was Khan angeht, bin ich genau auf diesem Album auf ein nur allzu passendes Zitat gestoßen:

So far astray..
When all comes to all
You'll never be satisfied
You might as well let go...
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