Kundenrezension

20 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Grandioses Spektakel mit musikalischen Schwächen, 9. März 2006
Rezension bezieht sich auf: Scheherazade u.a. (Audio CD)
An Herbert von Karajan scheiden sich die Geister. Während die einen ihm als ewigem Gott der Klassik-Szene huldigen, schauen andere verächtlich auf seine angeblich aufgebauschten, verfehlten und schwülstigen Interpretationen herab. Zu entscheiden, welche Seite recht hat, ist schwer, denn sein Dirigat weist beides auf, sowohl Genialität als auch Selbstherrlichkeit. Auch diese Aufnahme von Rimsky-Korssakows "Scheherazade" enthält eine gewisse Zwiespältigkeit. Zum einen bestechen die Klangfülle und -schönheit des Orchesters, die technische Brillanz der Musiker, die ihre Parts scheinbar mühelos meistern, und das Moment des Grandiosen, das Karajan seiner Interpretation verleiht, andererseits gerät die Komposition so zu einem einzigen Auftrumpfen des Orchesters, und die stillen Momente gehen ein wenig unter.
Das von Karajan entfachte Spektakel klingt zeitweise wirklich unvergleichlich beeindruckend, so z. B. der Schiffbruch von Sindbads Schiff im letzten Satz, der schon fast an Wagner erinnert. Die große sinfonische Geste, die hier beschworen wird, lässt niemanden kalt. Ganz anders dann aber wieder der dritte Satz "Der junge Prinz und die junge Prinzessin": Hier wünscht man sich mehr Eleganz, Charme und Leichtigkeit und keinen ausladenden Schwulst. Sicher, die Wirkung der Musik wird damit nicht zerstört, aber doch beeinträchtigt. Das in meinen Augen bezwingendstes Beispiel für den Stil dieser Aufnahme ist allerdings die Coda des ersten Satzes "Das Meer und Sindbads Schiff". Hier steht das Thema im Posaunenfortissimo, sollte also unüberhörbar sein und das ganze Orchester übertönen, doch in dieser Aufnahme wird es noch von den Trompetenfanfaren überdeckt! So etwas ist der pure Bombast, denn Karajan vertraut offenbar nicht der Eigenwirkung der Komposition, sondern betont den Effekt. Dieser Hauch von Arroganz, der immer wieder auftaucht, ist leider auch im Spiel der Solo-Violine festzustellen, die sich zeitweise inszeniert, als ob sie das Mendelssohn-Konzert spielen würde. Zwar sind dies nur einzelne und sicherlich auch sehr subjektive Eindrücke angesichts der im großen und ganzen exzellenten Einspielung, aber im Vergleich zu z. B. Valery Gergiev mit den Wiener Philharmonikern fallen sie mir wirklich unangenehm auf und scheinen mir charakteristisch für Karajans Verhältnis zum Werk.
Die beiden Tschaikowsky-Stücke "Capriccio italien" und "Ouvertüre 1812" werden ähnlich behandelt, was vor allem dem Schlachtenepos 1812 ganz und gar nicht bekommt. Hier dominiert nur noch der reine Effekt, die lyrischen Seiten - die z. B. Leopold Stokowski unnachahmlich auskostete - kommen gar nicht zur Geltung. So werden sich denn wohl auch an dieser Karajan-CD wieder einmal die Geister scheiden. Die einen werden den berauschenden Klang seiner Interpretation rühmen und die anderen ihm mangelnde Demut vor der Musik vorwerfen - vertreten kann man beide Seiten.
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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 12.01.2012 15:49:45 GMT+01:00
Peter Rieger meint:
Ich finde Ihre Rezension gelungen, da sehr differenziert und ausgewogen. Kann mir nicht erklären, dass sie als so wenig "hilfreich" eingestuft wird. Wahrscheinlich wird hier wieder einmal "hilfreich" mit "gleicher Meinung" verwechselt.
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