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18 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ein Atheist auf Entdeckungsreise durch die Welt der Religionen, 17. Juli 2013
Von 
Rezension bezieht sich auf: Religion für Atheisten: Vom Nutzen der Religion für das Leben (Gebundene Ausgabe)
Alain de Botton empfand seine Erziehung als eine Art atheistische Indoktrination. Später machte er ähnliches durch, wie Kinder manch frommer Eltern, nur eben „spiegelverkehrt“. „[Ich] begann […], das ganze Ausmaß meiner Ambivalenz hinsichtlich der doktrinären Grundsätze zu erkennen, die mir in meiner Kindheit eingebläut worden waren.“, so der Autor. Die Phase der persönlichen Auseinandersetzung mündete bei de Botton jedoch nicht in eine Hinkehr zu Gott. Vielmehr begann für ihn eine Entdeckungsreise durch die Schatzkammern der Religionen. Er begann diese als kulturelles Erbe zu betrachten, das auch von nicht-religiösen Menschen angetreten werden kann.

Von dieser Entdeckungsreise berichtet sein Buch, dessen Prämisse lautet, „dass es möglich sein muss, überzeugter Atheist zu bleiben, die Religionen aber dennoch gelegentlich ganz nützlich, interessant und tröstlich zu finden – und dafür offen zu sein, welche Möglichkeiten sich auftun, wenn man gewisse religiöse Ideen und Praktiken auf die säkulare Welt überträgt.“

Der Autor beleuchtet dabei den Buddhismus, das Judentum und das Christentum. Zen-buddhistischen Tee-Zeremonien, Wahrnehmungsübungen und Meditationen vermag er ebenso viel abzugewinnen, wie der entlastenden Gebetspraxis an der Klagemauer oder den Werken der alten Meister christlicher Kunst. Er ahnt dabei voraus, dass man ihm vorwerfen wird, „dass Religionen keine Büfetts sind, an denen sich jeder nach Lust und Laune bedienen kann.“ Doch, so fragt er, „Warum sollte es nicht möglich sein, die Darstellung der Sittsamkeit in Giottos Fresken zu würdigen, ohne an die Lehre der Verkündigung Mariä zu glauben, oder den hohen Stellenwert von Mitgefühl bei den Buddhisten zu bewundern und gleichzeitig von ihrer Theorie über ein Leben nach dem Tode Abstand zu nehmen?“

Was immer man von de Bottons Eklektizismus halten mag – er vermag tatsächlich in z.T. genialer Weise auf Kostbarkeiten aufmerksam zu machen, die selbst den Insider der betreffenden Glaubensrichtungen überraschen können. Eine besonders schöne Passage findet sich bei seiner Behandlung Blaise Pascals:

„In seinem Werk „Les Pensees“ (Die Gedanken), zwischen 1658 und 1662 geschrieben; lässt Pascal keine Gelegenheit aus, um seine Leser mit Beweisen für die definitiv verkorkste, erbärmliche und verachtenswerte Natur des Menschen zu konfrontieren. In bestechendem, klassischem Französisch teilt er uns mit, dass das Glück eine Illusion (»Wer die Eitelkeit der Welt nicht sieht, ist selbst sehr eitel«) und Trübsal unser Normalzustand ist (»Wenn unser Zustand wahrhaftig glücklich wäre, bräuchten wir uns nicht vom Nachdenken daran abzulenken«). Des Weiteren ist die wahre Liebe für ihn ein Hirngespinst (»Wie ist das Herz des Menschen hohl und verderbt«), sind wir so dünnhäutig wie eitel (»Eine Kleinigkeit tröstet uns, weil uns auch eine Kleinigkeit aufregen kann«), stehen selbst die Stärksten unter uns zahllosen Krankheiten hilflos gegenüber (»Fliegen sind so mächtig, dass sie Schlachten gewinnen, unseren Geist lähmen und unseren Leib zerfressen«), sind alle weltlichen Institutionen korrupt (»Nichts ist sicherer, als dass die Menschen schwach sind«) und neigen wir Menschen absurderweise dazu, uns selbst viel zu wichtig zu nehmen (»Wie viele Königreiche wissen nichts von uns!«). Das Beste, was wir unter diesen Umständen tun können, schlägt er vor, ist es, unserer aussichtslosen Situation beherzt ins Auge zu blicken: »Die Größe des Menschen liegt darin, dass er sein Elend erkennt.«

De Botton weiter:

„Angesichts dieses Grundtenors ist man doch irgendwie überrascht, wenn man entdeckt, dass das Lesen von Pascals Werk keineswegs so deprimierend ist, wie man erwarten würde. Nein, es ist tröstlich, herzerwärmend und zeitweilig sogar höchst amüsant. Für alle, die am Rande der Verzweiflung stehen, gibt es paradoxerweise keine bessere Lektüre als ein Buch, das versucht, die Menschen selbst ihrer allerletzten Hoffnungen zu berauben. Pensees ist wahrlich kein honigsüßes Buch, das innere Schönheit, positives Denken oder die Vergegenwärtigung eines verborgenen Potentials anpreist, und doch hat es die Macht, einen Selbstmordkandidaten vom Geländer eines hohen Turms wegzulocken.

Wenn uns Pascals Pessimismus in der Tat ein Trost sein kann, dann vielleicht deshalb, weil es normalerweise weniger Negativität ist, die uns in Schwermut verfallen lässt, als vielmehr die Hoffnungen, die wir in unsere Karriere, unser Liebesleben, unsere Kinder, unsere Politiker und unseren Planeten setzen, die in erster Linie zu unserer Wut und Verbitterung geführt haben. Es ist die Kluft zwischen unseren hochtrabenden Wünschen und der schnöden Realität unseres Daseins, die zu den schlimmen Enttäuschungen führt, die uns Tage vergällen und Kummerfalten in unsere Gesichter eingraben.

Deshalb unsere Erleichterung, die sich in schallendem Gelächter äußern kann, wenn wir endlich auf einen Autor stoßen, der uns ohne Umschweife wissen lässt, dass unsere schlimmsten Befürchtungen keineswegs ein persönlicher Tick von uns und beschämend sind, sondern mit zur gewöhnlichen, unausweichlichen Realität des Menschseins gehören. Unsere heimliche Furcht, wir könnten die sein, die ängstlich, gelangweilt, neidisch, grausam, pervers oder narzisstisch sind, stellt sich als herrlich unbegründet heraus und bietet uns daher unerwartete Gelegenheiten, auch die dunkleren Seiten unserer Existenz zu akzeptieren.

Wir sollten den Hut ziehen vor Pascal und der langen Reihe von christlichen Pessimisten, zu denen er gehört, da sie uns den unschätzbar großen Gefallen erwiesen haben, öffentlich und elegant zu postulieren, dass wir Menschen in der Tat sündhafte und bemitleidenswerte Geschöpfe sind.“ - Zitat Ende.

Religionen, so der Autor, sind Weisheits-Ressourcen, derer auch eine zunehmend säkulare Welt dringend bedarf. Sie zeigen aber auch, wie gelebte Gemeinschaft funktionieren, Engagement und Initiative kultiviert werden kann. „Der Irrtum des modernen Atheismus“, so der Autor, „war es, zu übersehen, dass viele Aspekte einer Religion auch dann relevant bleiben, wenn deren zentrale Lehrsätze nicht akzeptiert werden. Erst wenn wir nicht mehr das Gefühl haben, uns ihnen entweder komplett zu unterwerfen oder sie in Bausch und Bogen ablehnen zu müssen, sind wir in der Lage, die Religionen als Fundgruben unzähliger ausgeklügelter Konzepte zu entdecken, mit deren Hilfe wir versuchen können, einige der hartnäckigsten und akutesten Übel und Missstände des säkularen Lebens zu lindern.“

De Botton zieht das Fazit, „dass Religionen allein schon wegen ihres konzeptionellen Anspruchs unsere Aufmerksamkeit verdienen; weil sie die Welt auf eine Art verändert haben, wie es nur wenigen säkularen Institutionen jemals gelang. Sie haben es geschafft, Theorien über Ethik und Metaphysik mit praktischem Engagement auf Gebieten wie Erziehung, Mode, Politik, Reisen, Herbergen, Initiationsriten, Verlagswesen, Kunst und Architektur zu verbinden – ein so breites Spektrum von Interessen, das die Errungenschaften selbst der größten und einflussreichsten säkularen Bewegungen und Einzelpersonen in der Geschichte weit in den Schatten stellt. Alle, die an der Verbreitung und an den Auswirkungen von Ideen interessiert sind, können sich nur schwerlich der Faszination entziehen, die von den Beispielen der erfolgreichsten Bildungs- und Geistesbewegungen ausgeht, die es auf unserem Planeten jemals gab.“

Nach der Lektüre des interessanten Buches fragt man sich freilich, wie es zu erklären ist, dass ein Mensch so positiv, offen und vorurteilsfrei auf das Thema Religion zu geht und sich dann doch an der entscheidenden Stelle kategorisch verschließt. Warum jemand – um das Bild vom Büfett noch einmal aufzugreifen – alle kulinarischen Genüsse und Köstlichkeiten der Welt vor sich aufgetürmt sieht und sich dann doch mit Toast und O-Saft, Nudelsalat und Weintrauben zufrieden gibt.

Man kann Psalmen, Propheten und Evangelien; Franziskus, Kierkegaard und Pascal als Poesie und Lebensweisheit lesen und davon sehr profitieren, doch ist das wenig im Vgl. zu dem Reichtum, der sich auftut, wenn man die dort enthaltenen transzendenten Dimensionen entdeckt, es einem so ergeht wie Blaise Pascal, dem unbestechlichen Realisten, der nicht glauben konnte bis zu jenem Abend eines Novembertages im Jahr 1654: „Seit ungefähr abends zehneinhalb bis ungefähr eine halbe Stunde nach Mitternacht – Feuer - "Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs", nicht der Philosophen und Gelehrten. - Gewissheit, Gewissheit ... Freude, Friede.“
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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 01.10.2013 00:29:41 GMT+02:00
Hallo FMA'chen,

für den Autor kann ich nicht sprechen. ICH kenne beide Seiten in voller Tiefe und könnte mich nie mehr für Religion entscheiden. Nie zuvor habe in in einer solchen Freiheit, mit so viel Lebensfreude, mit so viel Harmonie und Friede und - endlich - auch Ehrlichkeit, gelebt. hb

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 04.10.2013 14:00:44 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 04.10.2013 16:44:44 GMT+02:00
FMA meint:
@ Käthchen Binninger ...Mit diesem Statement kannst du glatt bei der Miss-Breisgau-Wahl antreten! ;) .. Aber ernsthaft: Sich von einer pervertierten, einengenden, pseudo-christl. Religiosität freizumachen, kann ja tatsächlich ein erster Schritt sein. Beim Autor des Buches würdest du da wohl ebenso offene Türen einrennen, wie bei mir.. Nun musst du aber auch dafür sorgen, dass die Menschen, mit denen du es zu tun hast, etwas davon mitbekommen.. Die Ruhelosigkeit, mit der Ihr Missions-Atheisten hier durch die Threads geistert und die Art und Weise, mit der du dich andernorts gegen alles und jeden auslässt, was nicht deiner Doktrin entspricht, spricht ja eher eine andere Sprache..
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