Kundenrezension

17 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen So kann's weiter gehen, Mr. Anderson!, 16. April 2014
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Rezension bezieht sich auf: Homo Erraticus (Limited Edition) [Vinyl LP] (Vinyl)
Nach dem doch eher unerwarteten Erfolg von "Thick as a Brick 2" war ich ziemlich gespannt, wie lange es bis zu einem neuen Album von Ian Anderson dauern würde. Umso angenehmer, dass der Meister mit "Homo Erraticus" bereits zwei Jahre nach dem Vorgänger ein neues Werk vorlegt. Und um es vorweg zu nehmen – es ist ein Meisterwerk geworden!

Dass Anderson nach vierzig Jahren, in denen er ständig "Mr. Tull" oder "Jethro" genannt wurde, die Nase voll hat und in der Spätphase seines Schaffens nun lieber unter eigenem Namen werkelt – wer will es ihm verdenken? Schade um die jahrelange gute Zusammenarbeit mit Gitarrist Martin Barre und Drummer Doane Perry, aber das Leben geht - auch nach dem Dahinscheiden von Jethro Tull - weiter. Und wenn es so weiter geht wie mit der neuen Platte "Homo Erraticus" bin ich gerne bereit, auf den Markennamen Jethro Tull zu verzichten. Denn Mr. Anderson legt mit seinem neuen Konzept-Album, der Saga vom umherirrenden Menschen im Laufe der Geschichte, ein Werk vor, das sich hinter kaum einer der klassischen Tull-Aufnahmen verstecken muss. Zwar sollte niemand erwarten, dass Ian Anderson 2014 klingt wie vor 40 Jahren mit Jethro Tull, aber "Homo Erraticus" ist ein reifes Werk eines genialen Musikers und einer hervorragenden Band.

Dass Anderson ein feines Händchen bei der Auswahl seiner jeweiligen Mit-Musiker hat, hat er in der Vergangenheit zur Genüge bewiesen. Und auch diesmal liefert die inzwischen eingespielte Truppe eine makellose Leistung ab. Die Rhythmusgruppe mit Scott Hammond an den Trommeln und David Goodier am Bass versorgt die Songs von der ersten bis zur letzten Minute mit dem nötigen Drive. Ryan O'Donnell bekommt als zweiter Sänger mehr Einsatzzeit (und wird live sicher noch größere Anteile haben), während Tastenmann John O'Hara mit Soli an Klavier, Keyboard und Akkordeon glänzen kann. Und Gitarrist Florian Opahle, bei "TAAB2" noch eher im Hintergrund, bekommt deutlich mehr Freiraum als auf dem Vorgänger, wodurch ein rockigerer Gesamteindruck entsteht. Kurz und gut - Ian Anderson und seine Mannen sind in Hochform.

Zu den Tracks: Den Anfang macht mit "Doggerland" ein Song, der die Tradition des rockigen Auftakts, den man von Tull-Alben wie "Rock Island" oder "Roots to Branches" kannte, wieder aufleben lässt. Das Album startet ohne Schnickschnack von 0 auf 100. Opahle gibt den Gitarrengott; O'Haras Solo auf der "Schweineorgel" klingt aber gewöhnungsbedürftig. (4/5)

Es folgt mit "Heavy Metals" ein - ungeachtet des Titels - kurzer, akustischer Song. Wie bei den meisten Songs auf diesem Album lohnt sich auch hier ein Blick ins Textheft. Schließlich handelt es sich bei "Homo Erraticus" um ein "Konzept-Album"! Leider zu schnell vorbei. (4/5)

Mit "Enter the Uninvited" schließt sich ein Titel an, der in früheren Jahren möglicherweise als Single ausgekoppelt worden wäre. Stampfender Rhythmus, eingängige Soli und teilweise im Sprechgesang vorgetragen – hat eine gewisse Ähnlichkeit mit "Bends like a Willow" von "Dot Com", kommt live sicher gut. Schlägt inhaltlich den Bogen von der Invasion der Römer in Britannien zum Einfluss der Big-Mac- und Trash-TV-Kultur auf das heutige Leben. (4/5)

Für den obligatorischen Long Track "Puer Ferox Adventus" (Wild Child Coming) braucht man etwas Zeit. "Homo Erraticus" ist schließlich Progressive Rock, und Anderson ist 2013 zum "Prog God" gekürt worden , deshalb verlangt er einem beim Anhören wegen der vielen Rhythmuswechsel und des durchaus nachdenkenswerten Textes einiges ab. Tolle Flöten-Passagen. Hätte gut auf "Stormwatch" gepasst. (4/5)

"Meliora Sequamur" (Let us follow better things) fängt mit leisen Orgeltönen und kirchlich angehauchtem Gesang an. Der zunächst mittelalterlich klingende Song entwickelt sich zu einem Midtempo-Rocksong und - nicht zuletzt durch den Wechselgesang zwischen Anderson und O'Donnell - zu einem regelrechten Ohrwurm. (4/5)

Auch bei "The Turnpike Inn" wechseln sich die beiden Vokalisten ab und erzählen, begleitet von einer Band in Hochform, die Geschichte von unsicheren Straßen und Wegelagerei im mittelalterlichen England. Ein Song, der auf jedem Jethro Tull-Album seinen Platz gefunden hätte. (5/5)

Für meinen persönlichen Geschmack spielt das Akkordeon ("The Instrument from Hell"), auf das ich im Zusammenhang mit Rockmusik gut verzichten könnte, bei "The Engineer" eine etwas zu prominente Rolle. Aber das ist Geschmackssache. Ansonsten ein guter, rockiger Song mit einigen Rhythmuswechseln und interessanten Solo-Einsprengseln, aber für mich nicht das Highlight des Albums. (3/5)

"The Pax Britannica" - sicher nicht der originellste Song, den Anderson in seiner Karriere geschrieben hat, aber das Zusammenspiel von Flöte, Piano und Gitarre ist in sich absolut stimmig und sehr eingängig. Klingt stellenweise nach einem Tanzlied der Renaissance. (4/5)

In nicht einmal drei Minuten versucht Ian Anderson dann, in "Tripudium ad Bellum", dem einzigen Instrumental, die Geschichte der beiden Weltkriege musikalisch umzusetzen. Natürlich sehr ehrgeizig und – natürlich - zum Scheitern verurteilt. Aber trotzdem bis hin zum kakofonischen Ende eines der besten Instrumentalstücke aus der Feder des Meisters und ein Höhepunkt des Albums. (5/5)

"After these Wars" – mein persönliches Lieblingsstück auf der Platte. Geht mit seinem entspannten Rhythmus und Gesang sofort ins Ohr und Florian Opahle setzt mit einem gelungenen Solo ein Highlight. Auch ein Kandidat für eine Single-Auskoppelung. (5/5)

Mit "New Blood, Old Veins" macht Anderson für den Song, in dem das englische Inselvölkchen nach zwei Weltkriegen beginnt, die Welt aus Urlauberaugen zu sehen, einen kleinen Abstecher ins Jazzige. Ein angejazzter Beginn geht in einen rockigeren zweiten Teil über, bevor der Song wieder mit dem relaxten Urlaubs-Jazz endet. Für mich einer der schwächeren Titel. (3/5)

Demgegenüber ist "In for a Pound" mit nur 0:36 Spielzeit eine kleine, nur von der akustischen Gitarre begleitete Perle. Das hätte ruhig deutlich länger ausfallen dürfen! (4/5)

Nachdem Anderson bis hierher einen Rückblick in die britische Geschichte geliefert hat, ist er mit "The Browning of the Green" in der Jetztzeit (2014) angekommen. Für einen Song, der von der explodierenden Überbevölkerung und deren Auswirkungen auf die Erde handelt, kommt der Titel geradezu unverschämt eingängig daher. Ein weiterer Ohrwurm, der auch einen Platz auf "Roots to Branches" gefunden hätte. (4/5)

"Per Errationes ad Astra": In einem überwiegend gesprochenen Text liefert Ian Anderson einen nicht allzu optimistischen Ausblick ins Jahr 2024. Auf gesprochene Teile kann ich bei einem Rock-Album allerdings verzichten. (3/5)

Mit dem Schlusstrack "Cold Dead Reckoning" ist die Geschichte vom umherirrenden Menschen in der Zukunft des Jahres 2044 angelangt. Auf einen leisen und nachdenklichen Flöten-Auftakt folgt ein stampfendes Zusammenspiel von Opahle und O'Hara, das den Hintergrund für einen von Anderson sehr eindringlich vorgetragenen Ausblick in die Zukunft bildet. Mit dem überraschenden Schluss bleibt dann vielleicht doch noch etwas Hoffnung für die Menschheit – allerdings wohl erst beim Neustart nach der großen Katastrophe. Ein würdiger Ausklang für die Platte und die darauf erzählte Geschichte. Ich freue mich schon darauf, diesen Song im Herbst live zu hören! (5/5)

Fazit: Ein hervorragendes Album! Meiner Meinung nach müsste es jedem Tull-Fan und Freund außergewöhnlicher Rockmusik gefallen und sollte sich in einer gerechten Welt auch einen oberen Chartplatz erobern können. Einiges klingt zwar schon mal gehört, aber nicht einmal von Ian Anderson kann man erwarten, dass er ständig das musikalische Rad neu erfindet. Was für mich zählt, ist das Gefühl, in die Welt eines neuen Anderson-Werkes einzutauchen und es immer wieder durchhören zu können, ohne dass es langweilig wird – wie bei Jethro Tull früher.

Im Schnitt der Einzelsongs etwas über 4 Sterne, aber wegen des Gesamteindrucks, der guten Produktion, der skurrilen Geschichte und des endlich mal wieder überzeugenden Covers auf jeden Fall die vollen 5 Sterne!

Meine persönlichen Favoriten: "After these Wars", "Cold Dead Reckoning", "The Turnpike Inn"
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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 16.04.2014 15:23:50 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 16.04.2014 15:26:18 GMT+02:00
Amberle meint:
Klar - deshalb steht auch fett auf dem Sticker auf dem Cover: JETHRO TULL'S Ian Anderson.
Und Meisterwerk? Seit "Roots to Branches" kann Ian Anderson nicht mehr gut komponieren, alle seine Werke seit diesem Zeitpunkt klingen gleich. Wem dieses Spätwerk gefällt, der macht hier nichts falsch. Mir liegt es nur wenig.
Dass Jethro Tull oder Anderson Prog wären ist übrigens genauso beknackt wie die Auszeichnung als beste Heavy Metal Band (für Crest of a Knave damals). Mit Thick as a brick hatte sich Anderson über all die aufgeblasenen ProRock-Bands damals lustig gemacht. Hoffentlich lacht er immer noch. Mann.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 17.04.2014 20:08:22 GMT+02:00
Yepp,5 Sterne für diesen Beitrag!
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Ort: Tübingen

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