Kundenrezension

133 von 147 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Zurück zu Ludwig Erhard - ausgerechnet bei Sahra Wagenknecht, 25. Mai 2011
Rezension bezieht sich auf: Freiheit statt Kapitalismus (Gebundene Ausgabe)
Die stellvertretende Vorsitzende und wirtschaftspolitische Sprecherin der Linken hat ein neues Buch mit dem Titel Freiheit statt Kapitalismus geschrieben. Der Name Sahra Wagenknecht ist für viele Konservative ein rotes Tuch. Die - jetzt ruhende - Mitgliedschaft der Politikerin in der kommunistischen Plattform der Linken sowie unbedachte Äußerungen aus ihrer Frühzeit haften im Gedächtnis.

Dabei kann es sich durchaus lohnen, sich mit den wirtschaftspolitischen Thesen der Sahra Wagenknecht auseinanderzusetzen. Menschen sind lernfähig, und die studierte Philosophin und Literaturwissenschaftlerin hat offensichtlich dazugelernt. Viele Ihrer Analysen hätten so auch von den Begründern der sozialen Marktwirtschaft - Ludwig Erhard, Wilhelm Röpke oder Alfred Müller-Armack -, die Wagenknecht ausgiebig zitiert, verfasst worden sein können. Eine Stalinistin ist Wagenknecht nicht, sondern eine Politikerin, die ihre Bücher selber schreibt und über ihren Gegenstand nachgedacht hat.

Wagenknecht demaskiert die Mythen und Schwachstellen des globalen Hyperkapitalismus. Dazu kann der sozialistische Standpunkt nur hilfreich sein. Schon der Ordoliberale Alexander Rüstow sprach in seiner Schrift Zwischen Kapitalismus und Kommunismus 1949 davon, dass Marxisten und Sozialisten eine bessere Krisentheorie als die liberalen Ökonomen hätten, weil sie einen größeren Abstand zum Geschehen haben.

Im ersten Teil, der mit Unproduktiver Kapitalismus überschrieben ist, zeigt sie auf, warum der heutige Hyperkapitalismus ein unproduktive und unfaire Ordnung ist. Die Macht der Finanzoligarchie - von den Nazis "Plutokratie", von Rudolf Hilferding das "internationale Finanzkapital" genannt - unterwirft sich die Politik ganzer Länder und führt letztlich zum dem jetzigen Sozialismus für Banken und Bankmanager: Banker können riskante Wetten eingehen. Gewinnen Sie, erhalten sie extreme Vergütungen, verlieren sie, zahlen alle. Damit entsteht das Gegenteil einer Leistungsgesellschaft und produziert gerade die Finanzoligarchie viele leistungsfreie Einkommen.

Wagenknecht prangert das Firmenmonopoly bloße Renditestreben in den Großkonzernen an. Wenn man ihr entgegenhält, dass sie sich damit nicht auf dem Boden einer Marktwirtschaft befindet, sollte man zweimal nachdenken. Schon Peter Drucker, der größte Managementdenker des 20ten Jahrhunderts, hat darauf hingewiesen, dass Unternehmen, die Kapitalrendite als oberstes Ziel haben, irgendwann zugrunde gehen. Gewinne werden nach Drucker dann dauerhaft gemacht, wenn das Unternehmen durch intelligente Produkte und Dienstleistungen dauerhaft Kunden zufriedenstellen kann. Die Rendite ist laut Drucker eine Residualgröße, wenn man seinen Job gut macht. Auch die Tatsache, dass heute meistens die Konzerne herrschen und sich die Politik kaufen und gefügig machen, wird detailliert erläutert und belegt.

Der zweite Teil - Kreativer Sozialismus: Einfach. Produktiv. Gerecht. - ist allerdings weiter eher Analyse als Präskripition. Interessant die Ausführungen zu den Staatsschulden. Von Ihnen lebt eine Klasse von Rentenbeziehern - leistungsfreie Einkommen. Der Französische Arzt Francois Quesnay (1694 - 1774) sprach zum ersten Mal von den Einkommen der verschiedenen Klassen - den Grundbesitzern, den Händlern und eben auch den Rentiers. Wagenknecht zeigt auf, dass in den letzten Jahrzehnten die Vermögen der Reichen um ungefähr dieselbe Summe gestiegen sind, wie auf der anderen Seite die Staatschulden. Das zwingt zum Nachdenken.

Öffentliche oder genossenschaftliche Banken lobt die Autorin - in Deutschland die Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken - hätten der Realwirtschaft besser als Goldman Sachs, McKinsey & Co. gedient und auch öffentliche Unternehmen funktionierten oftmals, zum Beispiel bei der Modernisierung Frankreichs.

Insgesamt bleiben die Lösungsvorschläge allerdings etwas vage. Die vorgeschlagene stückweise Überführung des Anteils von Großkonzernen in Belegschaftseigentum löst die Probleme noch nicht, obwohl gerade die Begründer der sozialen Marktwirtschaft sich eine breite Streuung des Aktienvermögens gewünscht haben.

Hier zeigt sich eine Schwäche der großen Utopien, sei es nun Kapitalismus oder Sozialismus. Für im heutigen Sinne Neoliberale richtet der Markt alles. Das ist der gängige Glaube. Für Sozialisten ist der Mensch primär gut. Sie übersehen, dass jeder Mensch gut und böse sein kann, dass der Mensch eine duale Natur hat. Mit anderen Worten: der Sozialismus hat nicht wirklich eine Theorie der Macht und Ihres Ge- und Missbrauchs in Organisationen und Staaten.

Die heutigen Konzerne sind massive Ansammlungen von Macht und gigantische Bürokratien. Schon Walther Rathenau, Siemens-Lenker und genialer Wirtschaftspolitiker, sprach von Beamten in den großen Konzernen. Josef Ackermann ist danach kein produktiver Unternehmer, sondern ein Spitzenbeamter, der nach bestimmten Regeln agiert.

Daneben haben die Staatsbeamten immer weniger Gewicht. Wir es gelingen, einen schlanken, aber starken neopreußischen Staat als Gegengewicht zu den globalen Konzernen zu bauen? Einen Staat, der die den Superreichen verpflichteten Konzerne, wieder in einen Ordnungsrahmen einbettet, der allen nützt? Werden wir es schaffen, Government statt Governance zu re-etablieren? Werden wir eine neue Staatselite aufbauen? Bei den Lösungsvorschlägen bleibt Sahra Wagenknecht vage. Das mindert aber nicht den Wert den hervorragenden Analyse.
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1-6 von 6 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 15.08.2011 18:29:35 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 15.08.2011 18:35:57 GMT+02:00
R8D8 meint:
Sehr geehrter Herr Dr. Otte. Sie formulieren punktiert, offen und in klar verständlicher Sprache ihre Rezension zum Buch von Frau W.. Großes Kompliment.

Besonders folgender Part begeistert: "Mit anderen Worten: der Sozialismus hat nicht wirklich eine Theorie der Macht und Ihres Ge- und Missbrauchs in Organisationen und Staaten." Denn exakt daran scheitert jegliches volkswirtschaftliche und in Folge betriebswirschafliche Modell schon zu Beginn. Sprich, auch eine Frau Wagenknecht versäumt sich selbst die erste Frage, dem Mythos des Geldes überhaupt nachzugehen, der Geschichte der Macht an sich. Auch hier stelle ich fest dass sich sämtliche "Ideologen" (bewußte Bezeichnung, verallgemeinernd) sämtlicher -ISMEN dieser Frage strikt entziehen. Nicht im Ansatz darüber vermitteln können oder wollen. Ohne eine Machttheorie kein Eigentum, ohne Eigentum kein Geld.

Vereinfacht dargestellt.

1. Geld ist ohne Eigentum nicht definierbar.
2. Eigentum ist ohne Macht (angedrohte oder eingesetzte) nicht definierbar.
3. Macht ist ohne (überlegene) Waffen nicht definierbar.
4. Das erste (personale) Eigentum ist die Waffe. Ihr Besitz besichert durch ihre Eigenschaft ihr Eigentum.

Wie entsteht Geld!? Warum fortwährend der Aufbau These /Antithese /Synthese!? Wer profitiert wirklich!? Frau Wagenknecht hat einen guten Ansatz geliefert, aber um in die tiefen des Kaninchenbaus wirklich zu blicken muß eindeutig weiter in die Geschichte des Geldes an sich zurück geschaut werden. Noch tiefer: Die Entstehung des Staates. http://www.miprox.de/Wirtschaft_allgemein/Macht-der_Staat-Eigentum.htm

Ein Werk - erweitert - welches ich als unabdingbare Grundlage sehe, überhaupt ein Buch über eine Neuorientierung der Wirtschaft, der Systeme zu schreiben UND welches Frau Wagenknecht sicher einen tieferen Einblick verschaffen könnte: Der Mythos vom Geld - die Geschichte der Macht. Stephan Zarlenga. Leider vergriffen, jedoch als Download im Netz frei verfügbar. Ein Inhalt, den sich ein jeder Anhänger einer politischen "Partei" welcher über Wirtschaft sprechen will, zu Eigen machen sollte. Freiheit mit -ISMEN ist eine vorgegauckelte Illusion. Eine Annäherung gibt Frau Wagenknecht. Mehr ist es (leider) noch nicht. Ich hoffe auf Vertiefung. Schreiben Sie ein Buch zusammen mit Frau Wagenknecht.

Frei, frei wären und sind indigene Völker. Dies eine wohl sicher unumstössliche Wahrheit. Gruß

Veröffentlicht am 21.11.2011 18:40:37 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 21.11.2011 18:42:22 GMT+01:00
Ebenso großartiger wie uneinvorgenommener Kommentar von Max Otte. Einem der wenigen "Wirtschaftsweisen" in unser Republik, wenn es denn diese Wirtschaftsweisheit geben sollte. Jedenfalls keiner der üblichen "Vernichtungs-Kommentare" über Wagenknecht...Die inzwischen allerdings auch gelernt, mit jenen wirtschaftlich-geistigen Pfunden zu wuchern, die einst von Erhard, Armack und Eucken beschrieben wurden... und welch Witz der Geschichte... einst von den achsolinken 68er in den Orkus des ewigen Vergessens geschleudert worden waren. Nun hat ausgerechnet die Linke Sahrah Wagenknecht diese liberalen "Grundsätze der Wirtschaftspolitik" (Eucken) für sich und uns neu entdeckt... Es geschehen noch Zeichen und Wunder

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 11.12.2011 18:53:49 GMT+01:00
Holger meint:
Manfred Julius Müller

http://www.neo-liberalismus.de

http://www.anti-globalisierung.de

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 05.03.2012 07:50:19 GMT+01:00
Wanderer meint:
Klasse Kommentar auf das Kommentar!!
Mir fehlt leider die Möglichkeit "intelektuell" Dinge zu formulieren, aber vom Gefühl, vom Bauchgefühl und vom Herzen her fühle ich mich mit diesem Kommentar in meinem Denken bestätigt. Gerade der letzte Satz! Ich verfolge schon seit Jahren (Jahrzehnten) die immer noch massiv anherrschende Vertreibung und Unterdrückung indigener Völker. (Sibieren, Nepal, Mongolei, Regenwälder ect. ect) All diese Zusammenhänge sind sehr tiefliegend und alle miteinander verknüpft. Warum wohl werden so massiv die noch einzig freien Völker auf der Erde mit einer solchen Verhemens verdrängt? Werde mir das Buch mal ansehen, Danke!

Veröffentlicht am 05.03.2012 20:49:29 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 05.03.2012 21:20:46 GMT+01:00
Kevin meint:
Wenn ich meinen Senf dazugeben darf:
Sie schreiben: "Für Sozialisten ist der Mensch primär gut. Sie übersehen, dass jeder Mensch gut und böse sein kann, dass der Mensch eine duale Natur hat."

Ich werde jetzt frech un behaupte dass die VWL die für den Kapitalismus sind, immer wieder übersehen dass die menschen gut und böse sein können. Der Grund? passen Sie mal auf

Mein VWL Lehrer, mit Doktor Titel, ist in Kapitalismus verliebt. Der behauptet dass die Welt keine Regierung braucht, denn die Regierung stört nur. Die Wirtschaft soll unantastbar sei. d.h. wenn Unternehmen pleite gehen, dann sollte man denen nicht helfen. Der bezeichnet es als "schöpferische Zerstörung". Wenn wir jetzt aber keine Regierung hätten, die anständig ist, dann hätten wir jetzt den selben Chaos wie in Russland in den 90ger. Kriminalität, Morde, Raubüberfälle, Korruption, Menschen sterben vor Hunger und Kälte. Komisch dass der auch sagt dass die Regierung MUSS zahlen, wenn Unternehmen Mist bauen, dabei widerspricht der sich selber, wenn der auch sagt dass Regierung fehl am Platze ist. Naja der widerspricht sich immer...

Jede Stunde zeigt der uns seine Diagramme und Funktionen, die seine Meinung angeblich beweisen sollen. Der redet von Variablen die Politiker nicht beachten, aber selber vergisst er dass Menschen unberechenbar sind.
Man kann die Vorgehensweise der Menschen nicht berechnen, nur vermuten! Seine Theorien bzw. Theorien der anderen VWLer, die der als fast Götter anbetet, sind für die Roboter gedacht. Denn nur bei den Roboter kann man Verhalten voraussagen.

Abgesehen davon habe ich nie gehört dass der jemals sagte, dass beim Kapitalismus um Wohl der Menschen geht. Nur Geld, Geld, Geld. Als ob Menschen mit mehr Geld sich wohler fühlen... kurz vielleicht.

Mein Lehrer ist so frech und behauptet dass beim Sozialismus Verdummung des Volkes vorangetrieben wurde. Weil es gab keine große Lohn/Gehaltsunterschiede, deswegen haben viele sich nicht weiterbilden lassen. Nach dem Motto, wieso soll ich weiter studieren, wenn ich auch ohne Studium genug Geld haben um gut leben zu können.
Komisch dass in der UdSSR die Bildung zu den besten der Welt gehörte (was schon seine These widerspricht "Verdummung des Volkes"), die Unis usw. waren immer voll belegt. Menschen haben NUR aus Interesse studiert und nicht wie heute um Anspruch auf mehr Geld zu haben.
Heute kenne ich paar Leute die zwar studiert haben, aber dumm wie Brot sind. Komisch die sollte aber klüger sein, denn die haben während des Kapitalismus studiert. Tja der Humankapital hat hier versagt...

Menschen sind soziale Rudeltiere. Mensche brauchen Führung, Schutz und soziale Kontakte. Aber mein Lehrer sagt dass wir keine Ameise sind, Sozialismus geht nur bei den Ameisen. Dann behauptet er dass beim Sozialismus geht es immer wie damals beim Stalin und Mao. (der hat ja in USA studiert, kein Wunder)

Wenn dass aber so ist, dann kann man sagen dass Demokratie und Kapitalismus auch nicht funktionieren. Als Beispiel kann man ja USA nehmen, ein demokratischer und kapitalistisches Land, der gerne Kriege führt und alles niedermetzelt was denen im Wege ist.
Oder Mexico, Kriminalität hoch 3, Drogen, Morde...
Aber wenn ich es ihm sagen würde, dann würde mein Lehrer behaupten dass ich spinne. Weil diese bösen Menschen, die an der Macht sind, schuld sind, nicht das System!

Ich werde jetzt keine weitere Beispiele schreiben, sonder meine Meinung.
Kapitalismus ist nichts anderes als eine Zerstörung der Welt, Ressourcen werden immer schneller ausgebeutet, um mehr zu produzieren, um dadurch geringere Kosten zu erreichen, um am Markt konkurrenzfähig zu sein. Wohl der Menschen wird einfach ignoriert.
Es wird BIP als A und O bezeichnet, ohne darüber nachzudenken, wie der entstanden ist, d.h. ob es Menschen für den Sklavenlohn geschuftet haben, oder ob die Menschen ständig bei der Arbeit sterben, Selbstmord begehen, bzw. Umwelt zerstören, Kinderarbeit <-- all das ist den pro-kapitalistischen VWLer EGAL! Hauptsache der BIP und seine Wachstumsrate stimmt.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 06.03.2012 22:49:54 GMT+01:00
Wanderer meint:
Bist Du Student? Ich würde aufstehen und Ihm mal die Meinung sagen!! Trau Dich! Mach diesen Schritt! Die Studenten schweigen heute viel zu viel! Ich studiere BWL, und werde wahrscheinlich damit aufhören. Sag Deine Meinung, das ist Studium! Mich würde gern interessieren ob Du es getan hast und wie die Reaktion war. GErade in der HEUTIGEN Zeit sind solche Vorlesungen absolut nicht tragbar und müssten eigentlich verboten werden.
Viele Grüße
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