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4.0 von 5 Sternen Kreative Selbstheilung nach Psychotrauma, 7. Oktober 2010
Rezension bezieht sich auf: Seelische Selbstheilungskraft: Ganzheitliche EMDR-Selbsttherapie und individuierende Selbstanalyse (Broschiert)
Wenn es in der Öffentlichkeit um Traumatherapie geht, fällt schnell das Stichwort EMDR, - eine Methode, durch Augenbewegungen neuronale Vorgänge zu stimulieren. Betroffene (und Kostenträger) versprechen sich von EMDR kürzere und erfolgreichere Therapiezeiten, Profis unterstreichen damit ihre traumatherapeutische Kompetenz. Zweifellos funktioniert EMDR - irgendwie! Verbunden mit den psychotraumatologischen Grundlagen der Traumatherapie ist es jedenfalls (noch) nicht. Herumgesprochen hat sich, daß EMDR durch das plötzliche Aufbrechen amnestischer Barrieren zu Retraumatisierungen führen kann (insbesondere bei Betroffenen mit komplexen dissoziativen Störungen). Besonders nützlich ist der Einsatz durch PsychotherapeutInnen offenbar bei Akuttraumatisierungen bzw. betroffenen Kindern, wenn also (noch) keine umfassende traumabedingte Veränderung der Persönlichkeitsstruktur stattgefunden hat. '
Etwas grundlegend anderes könnte es sein, wenn jemand die wirkungsvollen Augenbewegungen als Moment von Selbsthilfe an sich nutzt. Durch die fehlende Orienterung an einem Gegenüber, einer gegenwärtigen therapeutischen Situation stellt dies einen innerhalb des neurophysiologischen Systems entstandenen Impuls dar, durch den der Effekt neurophysiologisch eventuell in einer speziellen anderen Weise verknüpft wird. Das ist zwar auch nur hypothetisch, entspricht aber analogen Lebenserfahrungen, z.B. dem grundlegenden Unterschied, ob jemand zu uns sagt: "Sieh mal, dieser schöne Ausblick dort!" oder ob wir in einem bestimmten Augenblick diese Schönheit für uns erfahren, ohne begriffliche oder beziehungsmäßige Determiniertheit.
Immerhin gibt es weitere Techniken, bei denen das Hirn (bzw. das ZNS) durch rhythmisch-regelmäßige Reize stimuliert wird: die sogenanten "Meridiantherapien" (nach Roger Callahan). Zwei von ihnen werden offenbar seit längerer Zeit erfolgreich zur Selbsthilfe bei traumatischem Streß angewandt werden: EFT (von Gordon CRAIG) sowie die (umfassendere) "Energetische Psychotherapie" (von Fred GALLO). Von den neurophysiologischen Wirkungszusammenhängen wissen wir bei ihnen so wenig wie bei EMDR.

Sofia Sörensen (Jahrgang 1946) hat während Kindheit, Schulzeit und Lehre eine Kette von Mikrotraumatisierungen übelebt, dazu kam eine schwere Monotraumatisierung mit 8, später zerstörerische Eheerfahrungen, durch die traumatische Erinnerungsträume hervorbrachen, intrusive Gedanken, Flashbacks (seit 1980). Es folgten Demütigungen und Zurückweisungen im Zusammenhang mit Psychotherapie, danach eine Suche nach "selbsttherapeutischen" Möglichkeiten. Ab 2006 entdeckte Sörensen EMDR für sich und begann ' ohne therapeutische Begleitung! - eine analysierende aufdeckende Traumatherapie, offenbar erfolgreich. Die umfassende schriftliche Dokumentation des Weges (aus der u.a. das vorliegende Buch entstand) diente wohl nicht zuletzt zur Verstärkung der kognitiven Neuordnung.
Die Autorin ist einen induktiven (aus individueller Kreativität, aus der eigenen Mitte entstandenen) Heilungsweg gegangen, - in den sie verschiedenste psychologisch-therapeutische, psychotraumatologische und andere (natur-)wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfahrungen nachvollziehbar integriert hat. Bedachtsam, komplex und erfahrungsgeleitet werden in ihrem Buch unterschiedlichste Erkenntnisse und Erfahrungen miteinander verbunden, nahezu immer situativ-konkret fundiert, nicht im Sinne eines eklektischen Manuals therapeutischer Versatzstücken.
Wir finden in dem Buch ein Geflecht von Narrationen, Assoziationen, Reflexion, Kognitionen (sich schrittweise umformender Theory of Mind), (sich im Laufe des Lebens verändernde) Empfindungen (traumatische, Projektionen, gegenwartsbezogene): ein individueller tiefen-psychologischer Weg, den die Autorin aus Selbsterfahrung und (weitgehend autodidaktischem) Studium für sich entwickelt hat. Besonderen Stellenwert haben dabei Assoziationen, ein durchaus originärer Umgang mit Archetypen, Traumanalyse, Spiritualität , Vollwerternährung (nach Bruker) und (nicht zuletzt): Kreativität als grundlegende Ressource: "Wir benötigen eine Schule der Wissenschaft aus dem Selbst heraus!" (51) ' Die überlegungen und Erfahrungen sind durchaus kompatibel zur ebenfalls integrativen (und eklektischen) Traumatherapie. Überall finden sich originelle (nämlich: innengeleitete!) Verbindungen von Überlegungen verschiedener (traditioneller) Fachgebiete, deren Relevanz für Selbstentwicklung und seelische Heilung schon beim ersten Lesen zumindest bedenkenswert sind.
"Mein Buch ist keine Anleitung zur Scharlatanerie sondern zur eigenverantwortlichen Arbeit, und in erster Linie ist es mein ganz persönlicher Erfahrungsbericht, an dem unter bestimmten Voraussetzungen modellhaft gelernt werden kann. Das setzt uneingeschränkt konsequente Übernahme der Eigenverantwortung und intensives Studieren einschlägiger Fachbücher voraus." (177)
Aufgrund ihrer negativen Erfahrungen mit zweifellos unangemessenen Psychotherapien und der guten Erfahrung mit ihrer therapeutenlosen Selbsttherapie neigt Sofia Sörensen nun dazu, therapeutInnengstützte Therapien pauschal als "Quasselstunden" abzuurteilen, die als "jahrelange Redekur durch unaufgearbeitete Wiederholung der alten Gräuel eine erneute Traumatiserung darstellen können" (169). Zweifellos, nur sollte dies nicht verallgemeinert werden. Psychotraumatologisch orientierte Traumatherapie hat die Autorin offensichtlich nicht kennengelernt. Dadurch rennt sie an manchen Stellen offene Türen ein, wodurch die originellen, selbstdenkerischen Aspekte ihres Buches manchmal unter ärgerlichen Einseitigkeiten unterzugehen drohen.
Zu allen Zeiten gab es Menschen, die traumatische Erfahrungen überwunden haben ohne geführte Therapien, gerade KünstlerInnen oder Menschen, die dann besondere Entfaltungs- und Ausdrucksmöglichkeiten für sich entwickelt haben, - deren individuelle Ressourcen TherapeutInnen und Psychotherapieforscher leider kaum kennenlernen, weil es keine Kontakte gibt. Umso größer der Gewinn, wenn jemand einen derartigen Lebensweg dokumentiert wie im vorliegenden Buch.
Natürlich entfaltet sich das seelische Heilewachsen letztlich in jedem Fall von innen, es wird nicht "gemacht" vom Therapeuten. Glücklicherweise wird den individuellen Ressourcen heutzutage zunehmend Aufmerksamkeit geschenkt (Stichwort "Recovery", "Resilienz"), gerade auch in traumatherpeutischen Konzepten. ' Eine Folge früher Psychotraumatisierungen sind jedoch nahezu immer schwerwiegende Bindungsstörungen. Durch dieses Defizits ist die nötige Nachreifung im Alltag zunächst kaum oder nur sehr eingeschränkt möglich. Mindestens hier liegt dann eine kaum verzichtbare Funktion eines Therapeuten/einer Therapeutin: nachholende Bindung zu ermöglichen, wodurch Entwicklungsfähigkeit erst aktiviert wird!
Sofia Sörensen war ohne Zweifel das, was man ein hochbegabtes Kind nennt. Mutmaßlich wurde das Lernen im Erwachsenenleben zur wichtigen identitätsstabilisierenden Lebensbewegung, das wird deutlich in ihrer Biografie, aber auch schon in diesem Buch. Offensichtlich hat sie sich im Zuge ihrer Selbsttherapie (oder schon früher) durch immens viel Literatur durchgearbeitet. Sehr vieles davon wurde in beeindruckender Weise im Buch genutzt; manchmal kippt der Bildungsberg leider um in Meinungsmache. Wenn ich dann allerdings ärgerlich "Blödsinn!" an den Rand schreiben will, geht es schon weiter mit klugen, tiefgründigen und bedenkenswerten Hinweisen oder punktgenauen kritischen Einwänden!
Manchmal hatte ich den Eindruck, Sofia Sörensen schreit noch immer an gegen die allzu lang erfahrene tiefgreifende Mißachtung, das nicht-angehört-Werden seit der Kindheit und später in der Ehe und bei professionellen TherapeutInnen. (Was in keiner Weise die Relevanz ihrer Erfahrungen und Reflexion schmälern will!) Mit seinem minuziös ausgebreiteten biografischen Material und andererseits der beeindruckenden rhetorischen Dichte seiner sachbezogenen Argumentaton ist dieses faszinierende, aber auch ausufernde Buch vielleicht nicht zuletzt ein Versuch des in-Beziehung-Tretens (zum Leser/zur Leserin), - Moment von legitimer und notwendiger nachholender Bindungserfahrung, die schließlich auch innerhalb der autonomen Selbsttherapie nicht stattfinden konnte.
So würden sich auch manche Nachteile des Buches erklären: manchmal ermüdende Redundanz, Verallgemeinerungen, anklagende Rundumschläge gegen Versäumnisse der gesellschaftlichen Umwelt gegen ihre schwächsten Mitglieder, Propagierung der Selbsttherapie mit EMDR offenbar als einzig erfolgversprechenden Weg. Dem Buch hätte an manchen Stellen ein solidarischer Lektor gut getan, aber wir sollten es annahmen als Ganzes, als Achtung gebietenden, durchweg wahrhaftigen Weg vom Überleben zum Leben, als Geschenk dieser Frau an die Gesellschaft.
"Das Wichtigste an jeder therapeutischen Arbeit ist die ursprüngliche, explorierende Kreativität, die der Klient in sich selbst geschehen lassen, sich von selbst vollziehen lassen muss. Den Zugang zu dieser inneren Heilquelle müssen wir lehren und nur das. Und dieser Zugang ist das aktive Loslassen." (39)
Künstlerischer Kreativität ist gemeint als kontinuierliches Interagieren des situativen Bewußtseins zwischen Erfahrungen und Empfindungen, und so (geradezu dialektisch) weiterschreitend: "Assoziationen sind durchaus als Poesie zu bezeichnen, Poesie als Assoziationen. (') Religion nenne ich die poetische Form der Philosophie wie der Psychologie (')." (52)
Sofia Sörensen bürstet implizit und explizit die Normalität von Therapie/Medizin gegen den Strich ' nicht wissenschaftstheoretisch oder sozialphilosophisch, sondern erfahrungsgeleitet. Ihre Nachdenklichkeit ist weitgehend orientiert an Gegenbewegungen zur gesellschaftlich konsensuellen Verdinglichung/Selbstentfremdung. (In letzter Konsequenz tendiert Sörensens Reflexion meines Erachtens zu einer tiefenpsychologisch-philosophisch-spirituellen erfahrungsgeleiteten Konzeption menschengerechten Lebens!)
Jedes inhaltliche Argument wird umrandet (gestützt?) von Erfahrungen, Assoziationen, Vergleichen, Lebensweisheiten; so scheint das Werk geradezu 1:1 den realen individuellen Bewußtseinsprozeß wiedergeben zu wollen (meine Assoziation: 'Ulysses' von James Joyce). Platt wird das (fast) nie, - aber über 600 Seiten vermag derlei schon zu ermüden. Auch eine inhaltlich angemessene Rezension dieses ausufernden, rhizomatisch wuchernden Buches ist kaum mehr möglich: zunächst müßte ich dem Inhalt ein mehr oder weniger lineares Argumentationsraster verpassen, das seinem Wesen in keiner Weise gerecht würde. '
Empfehlen möchte ich 'Seelische Selbstheilungskraft' (vorbehaltlos!) jedem an der menschlichen Psyche Interessierten, der oder die unzufrieden ist mit den allzu ordentlich in Schubladen abgelegten fachlichen Erkenntnissen. Unbedingt empfehlen möchte ich es traumatherapeutischen Profis, die sich Gedanken machen über individuelle Ressourcen, über Empowerment und Selbsthilfemöglichkeiten.
Die allermeisten Überlebenden von schweren Traumatisierungen in der Kindheit werden die nötige Konzentration kaum aufbringen, die die Lektüre dieses Buches erfordert; falls doch, möchte ich vermuten, daß sie auch individuell angemessene Schlüsse ziehen werden hinsichtlich einer Eigenanwendung von EMDR. "Gefährlich" (so die Lektorin eines Fachverlages) dürften für Betroffene eher autoritäre, dogmatische, überprotektive oder indolente TherapeutInnen sein als dieses Buch!
Nicht zuletzt wäre es gut, wenn die hier dargestellten Erfahrungen mit Selbsttherapie unter Nutzung von EMDR dazu anregen würde, in diese Richtung weiterzudenken. ' Zweckmäßige Anleitungen für die Selbsthilfe mit EMDR müßten dann allerdings erst noch verfaßt werden.
TRAUMA BERATUNG LEIPZIG
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