Kundenrezension

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4.0 von 5 Sternen Was wusste Kafka über die NSA den BND und Five Eyes?, 15. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Der Process (Taschenbuch)
Da ist ein Bank(st)er, nennen wir in Josef K, 30 Jahre alt, Single, lebt in einer größeren, gemischten WG, er steht auf eine seiner Mitbewohnerinnen und stalkt diese ein wenig ungeschickt, bis sie lieber mit einer weiteren Frau zusammenzieht. Die NSA (?) hat wohl irgendwie mitgekriegt, dass er was gedreht hat oder auch nicht, vielleicht war es nur ein Übersetzungsfehler oder er wurde denunziert, weil er irgendeiner Wahrheit zu nahe gekommen ist. An seinem dreißigsten Geburtstag bekommt dieser Josef K. jedenfalls frühmorgens Besuch von Unbekannten Agenten, die sich nicht ausweisen (das würde wohl gegen die nationale Sicherheit verstoßen). Sie teilen ihm mit, dass er angeklagt ist. Zunächst hält K das für einen Scherz seiner Kollegen, aber die Kerle scheinen es wirklich ernst zu meinen. Weswegen er angeklagt wurde, von wem und warum? Das ist irrelevant (oder eine Sache von nationaler Sicherheit und top secret) und das wird auch so von allen Seiten akzeptiert, schließlich lebt man ja in einem Rechtsstaat.

„Das ist alles, was wir sind, trotzdem aber sind wir fähig, einzusehen, daß die hohen Behörden, in deren Dienst wir stehen, ehe sie eine solche Verhaftung verfügen, sich sehr genau über die Gründe der Verhaftung und die Person des Verhafteten unterrichten. Es gibt darin keinen Irrtum. Unsere Behörde, soweit ich sie kenne, und ich kenne nur die niedrigsten Grade, sucht doch nicht etwa die Schuld in der Bevölkerung, sondern wird, wie es im Gesetz heißt, von der Schuld angezogen und muß uns Wächter ausschicken.“

Wohl aus Kostengründen kommt K in den offenen Vollzug, Angst, dass er untertauschen könnte hat man wohl nicht (wahrscheinlich ortet man in permanent über sein Handy oder einen RFID Chip (eine Zeit in der die Geschichte Spielt hat Kafka nämlich nicht angegeben)).
Die Vorverhandlung ist eine Farce. Nachdem man ihm nicht mal korrekt Zeit und Ort genannt hat, scheint die Angelegenheit an sich ohnehin eine abgekartete Sache zu sein. K, ein bisher aufrechter Bürger stellt sich hier aus Selbstschutz zum ersten Mal gegen das System, um andere vor der gleichen Situation zu bewahren, aber nur, weil es ihn selbst erwischt hat. Vorher war ihm dieses Unrechtssystem entweder unbekannt, oder egal. »die Bücher sind wohl Gesetzbücher und es gehört zu der Art dieses Gerichtswesens, daß man nicht nur unschuldig, sondern auch unwissend verurteilt wird.«
Menschen die mehr über das System wissen könnten, ihm vielleicht helfen könnten, haben Angst um ihren Job und halten daher den Mund: „Es gibt hierfür keinen Schutz, auch mein Mann hat sich schon damit abgefunden; will er seine Stellung behalten, muß er es dulden, denn jener Mann ist Student und wird voraussichtlich zu größerer Macht kommen.“

Und nicht nur die direkten Angestellten des Systems profitieren von diesem Unrechtssystem, auch andere bereichern sich daran, allen voran die Anwälte, die damit so richtig Kasse machen und sich in Machtspielchen ergehen. Das ganze System ist korrupt und aufgrund der Geheinhaltung haben nicht einmal die Richter den vollständigen Fall vorliegen. Rettung gibt es nur über Beziehungen, Bestechung und Korruption.

Man sagte mir, Kafka sei interpretationsflexibel. So was finde ich gut, denn jeder kann somit in diese Geschichte das hineinlesen, was ihn bewegt und so das Buch durchaus als dystopische Vorhersage aktueller politischer Entwicklungen sehen.
Für mich ist dieser Roman eine Orwell‘sche Dystopie auf einen totalitären Überwachungsstaat, der seine Bürger überwacht, unter Generalverdacht stellt, ausspioniert, anklagt und exekutiert. Ohne wirklich transparente Gerichte oder Verhandlungen.
Dieses Buch ist eine allegorische Beschreibung der derzeitig von Konzernen und Geheimdiensten beherrschten westlichen Welt, in der Bürger, die ins Fadenkreuz der Dienste geraten, keine Chance haben sich zu wehren, weil sie es ja selber nicht wissen, da es ja geheime Informationen sind und somit können sie auch nicht dagegen klagen, denn es geht ja um geheime Dinge, die die Staatssicherheit betreffen. Alles, was geheim bleiben soll oder einfach nur das Weltbild stört, wird als nationale Sicherheit oder Terrorismus definiert, sei es auch noch so harmlos.
Beim Lesen fragt man sich unweigerlich: Was wusste Kafka über die NSA und Five Eyes? Was über die Geheimprozesse und woher wusste er so genau, dass selbst bei der NSA die eine Abteilung nicht weiß, was die andere macht?

Kafkas „Der Prozeß“ erschien postum und bliebt unvollendet (ein Kapitel ist unvollendet und ich glaube nicht, dass man da wirklich viel verpasst hat; es sei denn, es fehlen noch ganze Kapitel, die er nie begonnen hat). Der Roman entstand um 1914
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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 23.03.2014 12:02:55 GMT+01:00
GENIALE REZENSION

Der übergreifende Gedanke ihrer Überschrift hat mir meinen Sonntag Kaffee doppelt so gut schmecken lassen.
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