Kundenrezension

24 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Dieses Buch spiegelt unseren Zeitgeist wider - leider nicht mehr, 19. November 2012
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Rezension bezieht sich auf: Die Unersättlichen: Ein Goldman-Sachs-Banker rechnet ab (Gebundene Ausgabe)
Unersättlich ist derjenige, der nicht satt wird. Das ist so einfach wie logisch. "Unmöglich" aber hat sich Goldman Sachs im öffentlichen Ansehen nicht nur durch seinen schier endlosen Hunger gemacht, sondern durch Aussagen wie diese: "Wir tun Gottes Werk." (CEO Lloyd Blankfein gegenüber der Londoner "Times"). Wie "Gottes Werk" aussieht, das versucht nun einer von Blankfeins ehemaligen Angestellten zu beschreiben. Zwölf Jahre lang hat Greg Smith für die wohl erfolgreichste und bekannteste Investmentbank der Welt gearbeitet: Goldman Sachs. Er erlebte als Frischling die Ausläufer der geplatzten Technologieblase zur Jahrtausendwende, die Folgen der Anschläge vom 11. September und die Subprime-Krise, die schließlich über den Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers in der jetzigen Finanzkrise mündete. Sein Buch soll aufklären, einen Einblick in das Innenleben der Investmentszene eröffnen. Jetzt flog es mir als Geschenk zu. Und anders als bei anderen geschenkten Büchern konnte ich nicht anders, als mich darauf zu stürzen. Allein schon, um herauszufinden, ob das Buch tatsächlich so gut ist wie es einige Rezensionen hier suggerieren.

"Goldman Sachs" und "Gier" brachte der Stanford-Absolvent Greg Smith zu Beginn seiner Karriere nicht zusammen. Im Gegenteil, er war stolz für diese Ikone der Wall Street zu arbeiten. Goldman zählte zu den großen Gewinnern des Technologie-Aktien-Booms Ende der 90er-Jahre, brachte zahlreiche große Internet-Unternehmen an die Börse. Es herrschte Goldgräberstimmung. Und Smith wollte zu denen gehören, die nach Gold graben. Dann kam der Crash, kurze Zeit später fanden die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon statt. Die Wall Street verharrte für einen kurzen Moment in Schockstarre. An Smiths Loyalität zu Goldman änderte das nichts. Nach wie vor erfüllte es ihn mit Genugtuung, für dieses Unternehmen zu arbeiten. Besonders schätzte er den Umgang von Goldman mit seinen Kunden. Seine Überzeugung: "Jetzt zeigt sich, das wir anders sind. Dass wir wirklich am Wohl unserer Kunden interessiert sind, auch wenn wir selbst nicht unmittelbar Profit daraus schlagen." Man könnte meinen, Smith sei einfach naiv gewesen. Vielleicht war er das sogar. Vermutlich aber spielte das viele Geld, das er verdiente, eine mindestens genauso große Rolle bei seiner Verblendung. Denn bis ihm die Augen aufgingen, vergingen viele Jahre. Richtig offen standen sie erst, als die Blase längst geplatzt war.

Den Wendepunkt in seinem Leben bildet ein Gespräch mit einem Kunden in Asien. Dieser sagte Smith unumwunden und direkt ins Gesicht: Wir wissen, dass Ihnen nur Ihre eigenen Interessen am Herzen liegen. Smith spricht von einem schockierenden Erlebnis. Tatsächlich geändert hat er zu diesem Zeitpunkt aber nichts. Denn Veränderung hätte bedeutet: Kündigung. Stattdessen blieb er weitere Jahre an Bord, ging nach London, um dort das Geschäft mit Derivaten auszubauen. Eine merkwürdige Ironie, denn Derivate waren es auch, die die zuvor geplatzte Blase erst möglich gemacht hatten. In London will Smith schließlich beobachtet haben, wie die Kollegen den Fokus immer stärker auf den eigenen Bonus gelegt hätten. Und das Wohl der Kunden mehr und mehr in den Hintergrund gerückt sei.

Man könnte meinen, wir müssten dankbar sein, dass es Menschen wie Greg Smith gibt. Insider, die uns Einblicke verschaffen, die wir sonst nie gewinnen würden. Das sollten wir auch, und das meine ich ohne jede Ironie. Doch ich kann mich in diesem Fall leider des Eindrucks nicht entziehen, dass dieses Buch von einem "Enttäuschten" geschrieben wurde. Smith war lange Zeit geblendet vom Glanz, und als er plötzlich klar sah, was dort Jahrelang vor sich ging, war er schockiert, enttäuscht. Diese Enttäuschung spiegelt sich in seinem Buch überdeutlich wider. Und neben der Enttäuschung klingt auch Selbstüberschätzung mit. Man merkt: Auch Smith war ein "Master of the universe", wie sich die Banker von der Wall Street selbst sehen, und hat dieses "Selbstbewusstsein" in der kurzen Zeit zwischen seinem Ausscheiden aus dem Job und dem Verfassen dieses Buches nicht abschütteln können.

Wer große Enthüllungen erwartet, wird enttäuscht. Wer eine Geschichtsstunde erwartet, wird enttäuscht. Smith hätte zurückblicken können, dann hätte er früher erkannt, das Goldman kein Wohlfahrtsunternehmen ist. Er hätte dort nicht arbeiten müssen. Und auch kein Buch schreiben. So aber präsentiert er ein Buch, dass unseren Zeitgeist widerspiegelt. Kapitalismus-Kritik ist en vogue, Banken und Banker werden an den Pranger gestellt. Verantwortung tragen einzig und allein sie. Das ist in meinen Augen zu kurz gedacht. Wo bleibt die kritische Auseinandersetzung mit der Politik? Ich persönlich halte es da mit der fiktiven Figur Will Emerson aus dem Film "Der große Crash - Margin Call". Sinngemäß sagt der Banker auf einer Autofahrt einen Tag vor dem großen Crash zu seinem Untergegebenen: Sie (die Kunden) wollen, was wir ihnen geben. Aber sie wollen auch unschuldig spielen und dann behaupten, sie hätten keine Ahnung, woher es kommt.

Was also nimmt man mit, wenn man dieses Buch gelesen hat? Smith gelingt es, komplizierte Finanzmarkt-Themen verständlich zu erklären, so dass man in jedem Fall schlauer ist als vorher. Nicht selten ist man bei diesen Erklärungen sogar gewillt, eine wenig zu schmunzeln - eine humoristische Note kann man Smith nicht absprechen. Zudem nimmt man eine ordentliche Portion Kapitalismus-Kritik mit. Und eine wenig auch eine Abrechnung mit dem heutigen Bankensystem. Das war es aber auch schon. Und so bietet das Buch ebenso viel, wie ihm zu einem wirklich guten Werk fehlt. Drei Sterne sind das Resultat. Und die Erkenntnis: Beim nächsten geschenkten Buch werde ich wieder intensiver darüber nachdenken, ob ich es tatsächlich lese.
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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 20.11.2012 08:10:55 GMT+01:00
WOW tacko Rezension CHAPEAU
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