Kundenrezension

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5.0 von 5 Sternen Weiterleben/ lieben nach einem Tsunami, 14. Oktober 2013
Rezension bezieht sich auf: Speranza. Eine Liebe im Schatten des Unglücks von Longarone. Roman (Taschenbuch)
Ein starkes Buch. Der Autorin gelingt es den Überlebenden des Tsunami eine Stimme zu geben und mitzuteilen und wie auch die nachfolgende Generation unter der Katastrophe zu leben /leiden hat. Was macht solch eine Erfahrung mit den Menschen und wie leben sie damit weiter? Was ist von den „Rettungspaketen“ der Politiker am Unglücksort zu erwarten?
Die Geschichte beginnt mit der Rückkehr von Clara, einer starken Frau und ihrem Ehemann Riccardo. Sie sind Gastarbeiter in Deutschland. Ihre erste Saison als „Bleichgesichter“, denn als Eisdielenbesitzer sehen sie die Sonne selten. Sie fahren im Herbst 1963 in die Heimat, in die Sonne nach Longarone. Mit viel Empathie und ohne Sensationslüsternheit folgt die Autorin dem jungen Paar und berichtet von der alljährlichen, „Koffertombola“, ein letztes buntes lautes Familientreffen. Hier stehen sich zwei starke kämpferische Frauen gegenüber; Clara und ihre Schwiegermutter.
In der Nacht tötet der Tsunami 2000 Menschen darunter alle 68 Familienmitglieder der Familie Fontanella, als die Flutwelle die Stadt Longarone zerstört.
Die Katastrophe wird erzählt aus der Perspektive einer Geretteten. Das junge Mädchen Marie hat nur eine Leidenschaft: Fußball. Für Mädchen in Italien 1963 eine ungehörige, unmögliche, unerreichbare Leidenschaft. Sie setzt alles daran ein Fußallspiel zu sehen, mit ihrer Freundin ist sie im Lokal als „ Osterküken in Gesellschaft von Wölfen“ Sie überlebt, weil sie den Anweisungen ihrer Großmutter aus dem Jenseits Folge leistet und sich an eine Eiche klammert, aus der sie ein USA Helikopter rettet.
Clara und Riccardo überleben schwerverletzt, diesen „Friedhofsalbtraum“. Sie erwachen „auf dem Mond?“ Sie haben alles verloren und Clara erleidet eine Fehlgeburt.
40 Tage suchen sie auf der „Autobahn des Schreckens“, in der Hölle mit „gespenstischer Energie“ nach den Leichen ihrer Familienangehörigen, damit sie nicht namenlos im Massengrab enden. Der „Herr des Autos“ wird ihr Engel und begleitet sie auf ihrem schweren Weg, mit Ironie, Sarkasmus und er Holzhammerwitzen hält er sie am Leben. Riccardos Seele ist verletzt, seine ungebrauchte Liebe als Sohn, Bruder, Onkel Freund, bringt ihn an den Rand des Wahnsinns. Die Autorin beschreibt die Fassungs-, Hoffungslosigkeit, Trauer und Wut der Überlebenden.
In Frankfurt gelingt es Clara, Riccardo wieder für das Leben zu erwärmen. Ihr gemeinsamer Sohn Sergio Speranza wird ein Hoffnungsträger. Als der Vater ihn nach Italien ins Internat schickt leidet er fern von Mutter und Vater. In der Betonwüste Longarone ist er nicht Zuhause, er vermisst Mutter, Vater, seine Nachbarsfreundin Caroline und das tägliche Eis. Ohne Familie in Italien ist er hoffungslos allein. So lernt auch er, viel zu früh, den Schmerz in sich einzuschließen.
Die Autorin berichtet, wie es zu dem gigantischen Staudamm kam, welche Mächte am Werk waren und wie sich im Tal unter den einheimischen Widerstand regte, der nicht beachtet wurde. Sie webt in ihre Geschichte die Reaktionen der politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen der italienischen Regierung ein. Ein Stück deutscher Geschichte wird sichtbar, wie die deutschen Bewohner auf die Gastarbeiter reagiert haben, ein Nebeneinander, ein kultureller, freundschaftlicher Austausch fand nicht statt.
Es ist eine spannende Geschichte und ich habe sie interessiert verfolgt, auch wenn manches nicht zu fassen war und doch scheint es sich genau so zugetragen zu haben. Wie die Flutopfer vom Sommer 2013 berichten, haben sie kaum den Kredit der Jahrhundertflut bewältigt, da trifft sie die nächste Katastrophe. Sofortmaßnahmen blieben im Planungsverfahren stecken.
Der Roman weckt Interesse für den Tsunami von 1963 und macht hellhörig, weckt berechtigte Skepsis wenn Verantwortliche und Politiker Soforthilfen versprechen.
Hoffnung besteht für die Nachbarskinder Caroline und Sergio, sie bearbeiten als Erwachsene ihre Beziehung, ihr „Nichtsvoneinanderwissen“, ihren Lebensweg, jeder auf seine Weise. Gemeinsam besuchen sie Longarone. Dort findet im Gedenken an den Tsunami und seine Opfer um den Jahrestag ein „Katastrophen-Jahrmarkt“ statt, nochmal ein kritischer Blick auf die Vermarktung des Unglücks.
Wie gesagt, ein lesenswertes, hochinteressantes, spannendes Buch, sehr zu empfehlen.
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