Kundenrezension

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5.0 von 5 Sternen Der Gipfel der Gattung, 23. Oktober 2009
Rezension bezieht sich auf: Suhrkamp-Taschenbuch, Band 1: Unterwegs zu Swann. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Taschenbuch)
"Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen". So einfach beginnt es. So einfach kann ein Anfang sein. Der Rückblick auf eine bereits vergangene Zeit klingt in diesem ersten Satz bereits an und das Motiv der Zeit selber wird im Wortlaut auch schon genannt. Viele Literaturliebhaber kennen diesen Satz schon, bevor sie sich tiefer mit Proust beschäftigt haben - vom zögerlichen Aufschlagen, vom skeptischen Herumblättern in diesem Vieletausendseitenbuch. Als Einstiegssatz ist es der klassische Leseverführer: "Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen" - Ja, und dann?, fragt sich das lesende Bewusstsein - und schon ist man eingetaucht in einer Welt, die sich - noch bevor es Abend wird - zu einem unendlichen Kosmos ausgeweitet haben wird, in dem kein Bleiben und kein Halten ist und als dessen Versicherung und Gewährsmann einzig der Erzähler bleibt - ein kleiner Junge zu Anfang des Romans - an dessen Mantel sich der orientierungslose Leser festhält wie Dante am Saum des Vergil, als dieser ihn durch die Hölle führt. Nur dass man sich in Prousts A la recherche du temps perdu nicht in der Hölle, sondern wohl eher in den Himmel versetzt findet, so herrlich sind diese Kostbarkeiten der Darstellung, so anmutig die Schilderungen der Figuren, so tief die Erkenntnisse über die menschliche Seele, so leicht die über allem liegende ironische Distanz und so sanft die schwelgende Melancholie über das vergangene Leben.
In Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" hat die Romankunst unzweifelhaft den Gipfel erklommen. Es ist der grandiose Versuch, das einzulösen, worum es dem Roman als Gattung zu tun war, als er als literarische Form angetreten ist: Das Leben in seiner Totalität darzustellen. Es blieb - dies sei hier angemerkt - nicht der einzige Versuch. Es gab andere Unternehmungen dieser Art zu jener Zeit. Keine davon aber hat den Weg Prousts gewählt: Hier wird tatsächlich der Weg beschritten die menschliche Seele, ihren Bezug zur Welt und zu sich selbst in all ihren Facetten, in ihren Verästelungen, ihrer Verschlungenheit und schließlich in ihrem Gewordensein kompakt und abgeschlossen erzählend zu erfassen. Die Methode Prousts besteht darin, dass Bewusstsein in seiner Selbstvergegenwärtigung, in seiner Erinnerung des eigenen Lebens darzustellen. Symbolisch für diese Darstellung des Selbst als sich erinnerndes Subjekt steht die wohl berühmteste Stelle aus dem Mammutwerk: als der Erzähler seine Madleine in den Tee tunkt und anhand des Geschmackes, der ihn an gleiche Situationen in seiner Kindheit erinnert, ihm der gesamte Kosmos dieser vergangenen Welt aufgeht. Im Wortlaut heißt die Stelle:
"Viele Jahre hat von Combray außer dem, was der Schauplatz und das Drama meines Zubettgehens war, nichts für mich existiert, als meine Mutter an einem Wintertage, an dem ich durchfroren nach Hause kam, mir vorschlug, ich solle entgegen meiner Gewohnheit eine Tasse Tee zu mir nehmen. [...] Sie ließ darauf eines jener dicken ovalen Sandtörtchen holen, die man Madeleine nennt und die aussehen, als habe man als Form dafür die gefächerte Schale einer St.-Jakobs-Musche benutzt. Gleich darauf führte ich, bedrückt durch den trüben Tag und die Aussicht auf den traurigen folgenden, einen Löffel Tee mit dem aufgeweichten kleinen Stück Madeleine darin an die Lippen. In der Sekunde nun, als dieser mit dem Kuchengeschmack gemischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt von etwas Ungewöhnlichen [zwei Seiten ausgelassen]. Und dann mit einem Male war die Erinnerung da. Der Geschmack war der jener Madeleine, die mir am Sonntagmorgen in Combray [...] sobald ich in ihrem Zimmer guten Morgen sagte, meine Tante Léonie anbot, nachdem sie sie in ihren schwarzen Lindenblütentee getaucht hatte." (S. 63-65)
Diese Stelle über die unfreiwillige Erinnerung ist das Zentrum des ersten Teils (Combray) des ersten Bandes (In Swanns Welt) von den insgesamt sieben Bänden des gesamten Werkes. An dieser unfreiwilligen Erinnerung hängt im ersten Teil die gesamte Darstellung der Welt Combrays, ein Dorf im Norden Frankreichs, wo der Erzähler die Sommer seiner Kindheit verlebt. Prinzipiell aber erweist sich dieser Einbruch der unfreiwilligen Erinnerung als Zentrum des gesamten Werkes. Aus ihm heraus generiert sich der immer fortlaufende Erzählfluss. In unendlichen, kaskadenartigen Sätzen werden die zum Teil skurrilen Figuren dieser Welt und Schönheiten der Natur geschildert. Aber auch hierbei geht es nicht um diese selber, sondern darum, wie der Erzähler sie empfindet, um ihre Wirkung, wie alles in diesem Roman Darstellung von psychischen und emotionalen Innenwelten ist. Bereits im ersten Teil Combray taucht ein mysteriöser Monsieur Swann auf, ein Großbürgerlicher, der in den Pariser Salons in den höchsten Gesellschaftskreisen verkehrt. Ihm gilt im ersten Teil die gesamte Verehrung des jungen Erzählers, welcher Swann im Grunde nur durch die Erzählungen der Eltern wahrnimmt. Den Großteil der Erzählung Combray nimmt dann die Darstellung des dörflichen Alltags im ausgehenden 19. Jahrhundert ein. Die Spaziergänge, die entweder über das eine, oder über das andere Dorf führen und die Ausnahme des Sonntags, an dem das Mittagessen eine Stunde früher eingenommen wird. "Eine Liebe von Swann", der zweite Teil des ersten Bandes spielt zeitlich vor der ersten und behandelt die unglückliche Liebe Swanns zu der leichtlebigen Odette. Swann steht gesellschaftlich weit über dieser jungen Frau, ist ihr aber in unendlicher Liebesqual verhaftet und führt dem staunenden Leser ein weiteres Mal jenes unendliche Rätsel namens Liebe vor Augen, das er selber sicher auch in irgend einer ihrer proteischen Spielarten kennt. Dieser Teil (Eine Liebe von Swann) ist eine geschlossene Erzählung in sich und ist auch als einziger Teil im gesamten Werk in der Er-Erzählform geschrieben. Als Studie über die Formen und Abgründe der Eifersucht mag er so manchem Leser die Wunden geleckt haben
Der letzte Teil des ersten Bandes nennt sich "Ortsnamen. Namen überhaupt". Dieser Teil spielt wiederum in der Kindheit des Erzählers, diesmal allerdings größtenteils in Paris, dem eigentlichen Wohnort der Familie. Ausgehend von der magischen Anziehungskraft von Ortsnamen wie Florenz oder Künstlernamen wie Giotto erlebt der Erzähler in dieser hyper-affizierbaren Befindlichkeit des kindlichen Bewusstseins seine erste Liebe - und zwar zu Gilberte, der Tochter Swanns und - der Leser nimmt dies mit Überraschung und Erstaunen wahr - Odettes, die gegen alle Erwartung offenbar doch ein Paar wurden. Der erste Band schließt mit den Sätzen: Die Erinnerung an ein bestimmtes Bild ist wehmutsvolles Gedenken an einen bestimmten Augenblick; und Häuser, Straßen, Avenuen sind flüchtig, ach! wie die Jahre." (564)
Wenn man bis hier gelesen hat, hat man vielleicht das Basislager dieses viereinhalbtausend Seiten Buches erreicht. Zum Gipfel hinaufschauend fragt man sich, welche nachbarschaftlichen Gebirge man wohl von dort oben sichten kann. Welche anderen Romanprojekte wohl noch in diese Höhe wachsen. Es gab, wie bereits bemerkt, zu dieser Zeit auch andere Würfe, die das Versprechen des Romans, die Totalität des Lebens in erzählter Form darzustellen, einzulösen versuchten. In nächster Nähe - und doch vollkommen anders - muss wohl James Joyce Ulysses" genannt werden. Weiter hinten am Horizont taucht Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften auf".
Joyce Totalitätsversuch arbeitet nach einem völlig andern Prinzip als das Prousts. Seine Darstellung von allem in allem besteht gerade nicht in der immer differenzierteren Ausgestaltung und spiralenartigen Umkreisung des immer Gleichen, sondern in der Verdichtung, der Verkürzung, der Verrätselung und damit in der ungeheuren Aufladung eines Verweisungszusammenhangs, der potentiell unendlich ist. Sowohl Proust als auch Joyce lebten in Paris, als sie an ihren Weltromanen schrieben. Ein einziges Mal sind sie sich begegnet. Die Unterhaltung wird in verschiedenen Formen wiedergegeben. Einem Bericht William Carlos Williams zufolge sagte Joyce: "Ich habe jeden Tag Kopfschmerzen. Meine Augen sind fürchterlich." Proust erwiderte: "Mein armer Magen. Was soll ich nur tun? Ich muss eigentlich gleich wieder gehen." "Mir geht's genauso. Auf wiedersehen". "Charmé", sagte Proust, "ach, mein Magen". Margaret Anderson schreibt, Proust habe gesagt: "Ich bedaure, dass ich Joyce Werk nicht kenne." und Joyce parierte: "Ich habe Proust nie gelesen", womit die Unterhaltung zu Ende gewesen sei. Da haben wir heutigen Leser es besser: Wir können beide wieder und wieder lesen und brauchen auf ihre künstlerischen Eitelkeiten keine Rücksicht zu nehmen.

Thomas Reuter
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