Kundenrezension

12 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein befriedigendes Meisterwerk, 19. Mai 2012
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Rezension bezieht sich auf: The Better Angels of Our Nature: The Decline of Violence In History And Its Causes (Taschenbuch)
Unter den Sachbuchautoren ist Steven Pinker unübertroffen. Hoch verständlich, präzise formuliert und strukturiert, unterhaltsam und intelligent, ohne Arroganz oder übertriebene Gewissheit. Die Freude, die er bei mir als Leser bereits mit The Blank Slate: The Modern Denial of Human Nature und How the Mind Works (Penguin Press Science) hervorgerufen hatte, setzte sich mit The Better Angels of Our Nature: The Decline of Violence In History And Its Causes fort.

Das Buch ist schnell zusammengefasst: Kapitel 2-7 dokumentieren den historischen Rückgang der Gewalt in den teilweise überlappenden Sequenzen Pazifizierung, Zivilisierung, Humanisierung, langer Frieden (nach 2. Weltkrieg), neuer Frieden (nach Kaltem Krieg) und Menschenrechte. Kapitel 8-9 behandeln gewaltfördernde (Prädation, Dominanz, Rache, Sadismus, Ideologie) und gewaltmindernde (Empathie, Selbstkontrolle, Moralität/Tabu, Vernunft) Elemente der menschlichen Natur. Das letzte Kapitel fasst fünf Trends zusammen, die den Rückgang der Gewalt bedingt haben: Leviathan, Handel, Feminisierung, Ausdehnung der moralischen Kreise, und Vernunft (Pinker nennt hier auch Faktoren, die nicht in einem klaren Zusammenhang mit Gewalt stehen: Waffentechnologie, Ressourcen und Macht, Wohlstand, Religion).

Den größten Teil des Buches machen die Kapitel 2-7 aus. Nach deren Lektüre war ich überzeugt, dass Menschen sich heute weniger Gewalt antun als vor 100 Jahren, vor 100 Jahren weniger als vor 1.000 Jahren, und vor 1.000 Jahren weniger als vor 10.000 Jahren. Diese Erkenntnis hatte ich, wie vielleicht der ein oder andere Leser, schon erahnt. Aus dieser Ahnung macht Pinker mit zwei Mitteln aber Gewissheit: Erstens mit den essenziellen Statistiken ("narratives without statistics are blind", S. 193), in deren dutzenden graphischen Repräsentationen die Trends von links oben (früher, mehr Gewalt) nach rechts unten (später, weniger Gewalt) verlaufen. Zweitens mit Beschreibungen zahlreicher Gewaltanwendungen in ihrer heute kaum mehr vorstellbaren Alltäglichkeit ("statistics without narratives are empty", S. 193). Mord, Krieg, Genozid, Folter, Verstümmelung, Vergewaltigung, aber auch weniger schwerwiegende Gewalt wie Unterdrückung/Ungleichberechtigung/Verfolgung von Andersgläubigen, Schwarzen, Frauen, Kindern, Schwulen, Tieren waren früher viel häufiger als heute. Dieser historische Trend ist umfassend und robust, was nicht heißt, dass in der Vergangenheit ein stetiger Rückgang zu verzeichnen war oder heute ein Nullpunkt erreicht ist. Pinker hält sich zudem fern von Prognosen (vgl. Future Babble). Zahlen und Beschreibungen von Greueltaten können natürlich keine 450 Seiten füllen. Die Kapitel sind durchsetzt mit hochinteressanten Diskussionen: Etwa zu den statistischen Eigenschaften von Kriegen, den relativen Beiträgen von Demokratie, Handel, oder Atomwaffen zum Frieden, gewaltsteigernden Gegenepisoden zu Aufklärung (Nationalsozialismus, Kommunismus), Pazifizierung (Entkolonisierung) oder Zivilisierung (1960er), oder zur höheren Gewaltrate in den USA verglichen mit Westeuropa. Hier ist sicherlich für jeden etwas dabei.

Kapitel 8-9 befassen sich mit der Wissenschaft der menschlichen Natur im Bezug auf Gewalt. Hier nimmt die Informationsdichte etwas zu, beispielsweise musste ich die Abschnitte über die beteiligten Hirnareale zweimal lesen. In den Kapiteln werden zahlreiche psychologische Experimente besprochen. Wenngleich es klare Belege für die Heritabilität von Gewalt gibt und wir alle Mechanismen für Gewaltausübung (und Gewaltverzicht) in uns tragen, bleibt die Ausübung von Gewalt ein Resultat der Umweltbedingungen; Zitat: "The violent inclinations of human nature are a strategic response to the circumstances rather than a hydraulic response to an inner urge" (S. 52). Pinker sieht keine überzeugenden Hinweise für eine kürzliche biologische Evolution des Menschen zu einer friedlicheren Natur, sondern macht stattdessen sich ändernde Umweltbedingungen verantwortlich.

In Kapitel 10 fasst Pinker die in den vorhergehenden Kapiteln bereits angeklungenen Erklärungsansätze für den Gewaltrückgang zusammen. Erstens reduzierte sich die Gewalt durch die zunehmende Konsolidierung der Staatsmacht. Wie ein Schiedsrichter steigert der Staat die Kosten gewalttätigen Verhaltens, indem er dieses Verhalten bestraft (im Zuge wird Gewaltverzicht als Norm internalisiert). Ein staatliches Gewaltmonopol steht in einer positiven Rückkopplung mit dem zweiten Faktor, dem Handel. Das gewaltreduzierende Potenzial von Arbeitsteilung und Handel ist vielleicht der von allen Faktoren am wenigsten anerkannte. Handel ist win-win, oder, in den Worten von Friedensforscher Nils Petter Gleditsch: "make money, not war" (S. 288). Der dritte Faktor ist die Feminisierung. Aufgrund fundamentaler biologischer Realitäten ist das weibliche Geschlecht weniger gewaltgeneigt als das männliche (abzulesen in jeder Kriminalstatistik). Der zunehmende Einfluss von Frauen bedeutet, dass primär männliche Nullsummenspiele um Status, Ehre, Dominanz und Ruhm abnehmen. Hinter dem vierten Faktor, der Ausdehnung moralischer Kreise, verbirgt sich das Hineinversetzen in Menschen anderer ethnischer Herkunft, Nationalität, etc. Ursachen sind für Pinker Druckpresse und sinkende Transportkosten (Verbreitung des Romans und anderer literatischer Werke) und später Massenmedien (globales Dorf). Bildung und Kosmopolitismus fördern auch den fünften Faktor, die Vernunft. Wissen und Vernunft erlauben es, sich der Realität zu nähern und sich damit von Aberglaube (z.B. Hexerei) und anderen schlecht gerechtfertigten Praktiken (z.B. Sklaverei) abzuwenden.

Pinker füttert seine Ausführungen mit vielen Veröffentlichungen der Kriminalistik, Anthropologie, Psychologie, Soziologie, Neurowissenschaft, Ökonomie, Geschichts- und Politikwissenschaft. Es gefällt, dass er große Theoretiker (Hobbes, Kant, Elias, etc) nicht einfach erwähnt, sondern sie quantitativ hinterfragt. Als Laie des Forschungsfelds Gewalt/Krieg kann man jedenfalls eine Menge lernen und weiteren Erkenntnishunger mithilfe des umfangreichen Literaturverzeichnisses stillen. Ob man Pinkers Ausführungen überzeugend findet oder nicht: die Lektüre des Buchs lohnt sich allein schon aufgrund der Fülle des zusammengetragenen und unterhaltsam vermittelten Wissens.
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