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Kundenrezension

30 von 36 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Eine Zeitreise mit vielen Fragezeichen, 20. April 2012
Rezension bezieht sich auf: Der Letzte macht das Licht aus: Die Zukunft der Energie (Gebundene Ausgabe)
Mit diesem Buch unternimmt Physik-Nobelpreisträger Robert B. Laughlin nach seinen Worten eine Zeitreise aus dem Lehnstuhl in eine Zukunft, in der die fossilen Brennstoffe Kohle, Erdöl und Erdgas nicht mehr zur Verfügung stehen. Was passiert dann? Wie wird der Transport von Waren und Personen organisiert, und wie entsteht elektrische Energie, ohne die unser modernes Leben undenkbar wäre?

In unserer Zeit umweht die Größen der Wissenschaft ein Hauch von fast göttlicher Unfehlbarkeit, besonders natürlich dann, wenn sie sich mit Leistungen in einer so exakten Lehre wie der Physik hervorgetan haben. Dennoch wird dieses Buch vielleicht dem einen oder anderen aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht gefallen, was weiter unten deutlicher werden wird.

Zunächst sollte man die Prämissen dieses Textes hinterfragen. Da wäre zum einen das prognostizierte Ende der Erdölvorräte. Solche Prognosen gibt es schon eine ganze Zeit lang. Sie werden jedoch immer wieder weiter in die Zukunft verschoben. Bei Laughlin sind es nun bereits ganze zwei Jahrhunderte.

Nicht unerwähnt bleiben sollte in diesem Zusammenhang die Theorie der abiotischen Entstehungsweise von Erdöl, die den ganzen Text hinfällig werden lassen würde, jedoch weder in der öffentlichen Diskussion, noch in der Mainstream-Wissenschaft eine Rolle spielt, aber keineswegs widerlegt ist.

Die zweite grundlegende Annahme in diesem Buch behauptet, dass alle Kenntnisse und prinzipiellen Technologien zur Energiegewinnung bereits bekannt seien. Ohne eine solche Annahme könnte man schließlich ein solches Buch nicht schreiben. Aber natürlich ist das reichlich kühn. Wenn man nur einmal 50 Jahre zurückgeht und den damaligen technologischen Standard mit dem heutigen vergleicht, wird das bereits deutlich.

Neben diesen beiden Annahmen existiert versteckt noch eine dritte. Laughlin geht in seinem gesamten Text immer davon aus, dass sich global gesehen stets die billigste Energieerzeugungsform durchsetzen wird. Diese realistische ökonomische Argumentation orientiert sich vernünftigerweise an den Tatsachen menschlichen Verhaltens und nicht an Modell-Menschen ökonomischer Theorien.

Unter anderem auf dieser Argumentation beruht seine Aussage, dass sich sämtliche Alternativen zu den fossilen Brennstoffen jetzt und in Zukunft am Preis von Atomstrom messen lassen müssen, egal ob er aus herkömmlichen Atomkraftwerken oder aus der Brütertechnologie stammt, für die der Autor eine nicht unbedeutende Rolle in der Zukunft vorhersagt. Die Planungen für neue Atomkraftwerke überall in der Welt scheinen Laughlins Hypothese zu stützen.

Obwohl das Buch recht umfangreich aussieht, besteht der eigentliche Text nur aus etwa 220 Seiten. Dann folgen ungefähr 160 Seiten Anmerkungen, durch deren Verzicht im eigentlichen Text das Buch erst lesbar wurde, denn wahrscheinlich hätten Formel für chemische Reaktionen oder physikalische Berechnungen so manchen Leser verschreckt.

Auch wenn der Autor einen lockeren Schreibstil bevorzugt, überkommt ihn immer wieder der Drang zum detaillierten Argumentieren, der für manchen Leser auch ohne Formeln schwer nachzuvollziehen sein wird. Auf der anderen Seite hatte ich gelegentlich den Eindruck, dass sich Laughlin überschätzt. Er kennt einfach nicht alle Verfahren und Technologien, die gegenwärtig entwickelt werden.

Beispielsweise glaubt er, dass sich Widerstand gegen Elektroautos bilden wird, weil enorme Mengen an Schwermetallen aus den Batterien und sonstigen Teilen in den Müll und damit in die Umwelt gelangen. Dieses Problem wird in Europa jedoch bereits mit zahlreichen Gesetzen und Verordnungen offenbar erfolgreich bekämpft.

Laughlin schreibt, dass wir uns ums Klima weit weniger kümmern müssen als manche denken, weil "die Energiekrise über uns gekommen sein wird, ehe es uns gelingt, das Wärmegleichgewicht der Erde entscheidend zu ändern (S.43)." Dann widmet er sich Preisbildungsmechanismen ("Das Gesetz des Dschungels") und formuliert, dass wir uns schrittweise von einer billigsten Energiequelle zur nächsten bewegen werden, bis wir bei der Kohle landen und sie als letzte fossile Quelle abbauen (S.47). "Außer man bezahlt höhere Preise für Benzin, wozu niemand bereit ist." Offenbar kennt Laughlin die europäischen Verhältnisse nicht.

Sollten die Erölvorräte allmählich ausgehen, werden - so Laughlin - synthetische Treibstoffe ihren Platz einnehmen, die wie sie funktionieren. "Batterien, Brennstoffzellen auf Wasserstoffbasis und anderes Zeug dieser Art wird keine bedeutende Rolle spielen. Das liegt unter anderem daran, dass Treibstoffe auf Kohlenstoffbasis im physikalischen Sinn optimal sind und folglich nur durch unterlegene Produkte zu ersetzen wären, die von den Verbrauchern nicht geschätzt würden (S. 78)."

Bei der Stromerzeugung kommt der Autor zu einer ganz ähnlichen Einschätzung. Wenn die sogenannten fossilen Brennstoffe verbraucht sein werden, werde sich keine Regierung dem Atomstrom verweigern können. Stromerzeugung durch Sonne und Wind hält Laughlin zwar für eine gewisse Alternative, sie könne jedoch niemals allein den Bedarf sichern. Dazu fehle es jetzt und wohl auch in der näheren Zukunft unter anderem an ausreichenden Speichermöglichkeiten für den Strom aus diesen nicht ständig verfügbaren Quellen.

Natürlich kann man in einer Rezension nicht den differenzierten Inhalt dieses Buches wiedergeben. Der Leser findet in ihm noch zahlreiche und hier nicht erwähnte Ideen und Varianten für eine mögliche Zukunft der Energieerzeugung.

Insgesamt empfand ich dieses Buch als sehr informativ, aber weniger spektakulär als man es vielleicht nach den Ankündigungen und bei seinem Autor vermuten könnte. Es ist auch nicht immer einfach geschrieben. Insbesondere sollte sich der Leser darauf gefasst machen, dass der Autor zwischen locker und im Plauderton geschriebenen Absätzen und solchen, bei denen es hart zur Sache geht, hin und her schwankt, ebenso wie er zwischen hartem physikalischen Realismus und mutigen Voraussagen pendelt, die wegen der Komplexität gesellschaftlicher Entwicklungen nicht in jedem Fall eine hohe Treffergenauigkeit besitzen werden.
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