Kundenrezension

66 von 69 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Gelungene Werkschau der Progressive-Rock-Pioniere, 12. Januar 2005
Rezension bezieht sich auf: Platinum Collection (Audio CD)
Irgendwie war es mal an der Zeit, dass Genesis endlich eine umfassende Werkschau aus ihrer prägenden, 30-jährigen Schaffensperiode vorlegen. Die beiden "Archive"-Sampler brachten dem Fan schon Schmankerl aus den Peter-Gabriel- und Phil-Collins-Epochen, und der Sampler "Turn It On Again" fasste die Hit-Singles der Collins-Ära zusammen. "The Platinum Collection" präsentiert nun auf drei CDs in rückwärtiger Reihenfolge von 1997 bis 1970 sowohl die kommerziellen als auch die progressiven Highlights der Band.
Der Albumname erinnert zwar an den unsäglichen "Charme" diverser Tankstellen- und TV-Shop-Sixties-Sampler, aber das Cover zeigt schon, wo es lang geht - Retrospektive ist angesagt, wie man an der symbolträchtigen Parade vom "Nursery Cryme"-Kindermädchen bis zum "We Can't Dance"-Strichmännchen erkennen kann. Raritäten findet man hier bis auf die 1982er Hitsingle "Paperlate" (damals in den deutschen Charts und auf dem Livealbum "Three Sides Live" enthalten) nicht, aber dafür hat der langjährige Genesis-Studiotechniker Nick Davies den Großteil der Aufnahmen von 1970 bis 1983 neu abgemischt - mit teils hervorragenden Resultaten.
CD 1 präsentiert die kommerzielle Hitphase der Gruppe von 1982 bis 1997 und fängt komischerweise mit den vier bzw. fünf Singles der Megaseller "We Can't Dance" (1991) und "Invisible Touch" (1986) an - parallel zum "Turn It On Again"-Sampler finden sich hier Chartsstürmer wie "Invisible Touch", "Land Of Confusion", "Jesus He Knows Me" und "No Son Of Mine". Von "Genesis" (1983) ist neben der kompletten ersten Seite noch "Illegal Alien" drauf, das ebenso wie das folgende "Paperlate" geremixt ist und deutlich mehr Funk und Groove besitzt. Aus diesen drei Alben hätte man anstatt der Hitsingles ruhig mal einen der längeren Tracks wie "Domino", "Fading Lights" oder "Driving The Last Spike" oder den Instrumentalkracher "The Brazilian" auswählen können. Schade. Erst am Schluss wurde alibihaft der Titelsong vom letzten Album "Calling All Stations" mit Phil Collins Nachfolger Ray Wilson am Mikro drangehängt. Als Opener war er Mr. Banks und Rutherford wohl nicht gut genug. Schade, hier vermisst man jedenfalls die schönen "Congo"- und "Shipwrecked"-Singles. Nichts Spektakuläres also, sondern eine fast haargenaue Kopie von "Turn It On Again".
CD 2 umreißt die wirren Jahre von 1975 bis 1981 - die Phase von der allmählichen Abkehr vom Progressive Rock nach Peter Gabriels Ausstieg 1975 und Phil Collins Etablierung am Mikro sowie zur Orientierung hin zu Softrock, Soloballaden und den ersten MOR-Rock- und Radiopop-Hits. Vom 1981er Album "Abacap" stammen der Titelsong und "Keep It Dark", bei denen die Band mit New-Wave-, Funk- und Synthiepop-Elementen experimentiert. Dann folgen vier Hits vom 1980er Album "Duke" (u.a. Phil Collins Debüt als Solokomponist in der Band, "Misunderstanding") und drei Single-Auskopplungen vom kommerziellen Durchbruch "And Then There Were Three" (1978), dem ersten Trioalbum. Von den beiden progressiveren Werken "Wind And Wuthering" (1977) und "A Trick Of The Tail" (1976), noch mit Steve Hackett an der Gitarre, kommen jeweils drei Songs, darunter auch die genialen Instrumentalstürme "In That Quiet Earth" und "Los Endos" sowie das achtminütige, fantasievolle "Ripples". Dass man auf den Klassiker "Dance On A Volcano" verzichtet hat ist fast unverzeihlich, und statt einiger öder Solonummern wie Mike Rutherfords "Your Own Special Way" oder Tony Banks "Undertow" und "Many Too Many" hätte man lieber ein paar längere Tracks wie "Squonk", "One For The Vine" oder "Duke's Travels/Duke's End" dazu nehmen sollen! Die fast alle remixten Tracks sind dafür klangtechnisch alle eine kleine Offenbarung, und man hört erstmals viele Subtöne, zusätzliche Grooves und Gitarrenlicks und vor allem Phil Collins fabelhafte Trommelkünste richtig heraus. Vor allem David Hentschels dünne Produktion von "ATTWT" und "Duke" profitiert merklich davon.
CD3 schließlich konzentriert sich auf die progressiven Jahre mit Peter Gabriel von 1970 bis 1974. Nach drei Songs vom Klassiker "The Lamb Lies Down On Broadway" (1974), darunter auch die merkwürdige Singleauskopplung "Counting Out Time", folgen drei Tracks vom "Selling England By The Pound" (1973), und ab hier entfaltet Nick Davies Mixkunst seine volle Wirkung. Tony Banks Flügelintro zu "Firth Of Fifth" klingt lauter und fast so plastisch wie in einem Konzertsaal, und die instrumentalen Duelle aus Keyboards und Gitarren klangen niemals so vielschichtig und neu wie hier, ebenso wie auf den folgenden "Cinema Show" und "I Know What I Like", Genesis erster (versehentlicher) Chartssingle. Man meint sogar, das eine oder andere Instrument zusätzlich rauszuhören, und vor allem die
drei 12-seitigen Gitarren von Banks, Hackett und Rutherford sind differenzierbarer. Das 23-minütige "Supper's Ready" vom 1972er Klassiker "Foxtrot" steht für sich, wurde aber unerklärlicherweise nicht neu abgemischt - ein sträfliches Versäumnis! Warum bloß? Dagegen kommen die abschließenden beiden Tracks "The Musical Box" (vom 1971er Album "Nursery Cryme") und "The Knife" (vom 1970er Werk "Trespass", noch mit Gitarrist Anthony Philipps und Collins Vorgänger John Mayhew an den Drums) wieder richtig gut rüber und wirken fast wie neu aufgenommen, vor allem der Rocker "The Knife". Das jugendliche Debütalbum "From Genesis To Revelation" (1969) mit seinem unausgegorenen Psych-Folk-Pop wurde mal wieder vollends ignoriert. Und auch wenn man auch hier einige Klassiker wie "The Fountain Of Salmacis", "Watchers Of The Skies" oder "In The Cage" vermisst, so ist das durch die lange Laufzeit der Songs mit alleine fünf Titeln zwischen neun und 23 Minuten durchaus entschuldbar.
Fazit: Auch wenn man einige Genesis-Klassiker durchaus vermisst, so geht die "Platinum Collection" einen sicheren Mittelweg zwischen Brillianz und Banalem, Kunst und Kommerz, der zumindest fast alle wichtigen Songs aus knapp 30 Jahren zusammenfasst. Vielleicht hätte man ein 4-CD-Set daraus machen sollen, dann
hätte man durchaus eine vollständigere Best-Of-Compilation produzieren können. Aber man muss nicht meckern, denn diese CD-Box ist auf jeden Fall die perfekte Retrospektive und ein guter Einstieg für Genesis-Neuhörer oder die jüngere Generation. Und der Star dieses Werks heißt diesmal nicht Phil Collins oder
Peter Gabriel, sondern eindeutig Nick Davies, der den alten Aufnahmen einen wirklich neuen Glanz verleiht und zu einigen neuen Entdeckungsreisen einlädt. Gute Arbeit, Mr. Davies, machen Sie ruhig weiter so mit den alten Genesiswerken. Die Fans warten nur darauf!
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