Kundenrezension

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4.0 von 5 Sternen Fantasy mit allen Vor- und Nachteilen, 21. November 2013
Rezension bezieht sich auf: Latte Igel, Band 3: Latte Igel und der Wasserstein (Gebundene Ausgabe)
Am einfachsten beschreibt man die Geschichten um Latte Igel als klassische Fantasy, nur eben für Kinder. Es gibt also Fantasy-typisch einen unerschrockenen Helden samt treuem Begleiter, die zusammen übermächtige Feinde besiegen, es gibt eine schwere Aufgabe zu lösen (durch die Reise in ein fernes Land, auch wieder typisch), und es geht typischerweise mehr um als eine spannende Geschichte als um Logik oder ähnliche Nebensächlichkeiten.

Weil es für Kinder ist, wird der Held von einem Igel dargestellt, sein Freund ist ein Eichhorn, die Feinde sind Wölfe, Luchse und Bären. Dennoch hatte ich am Anfang des Vorlesens für meinen 7jährigen Sohn durchaus Zweifel, ob das Ganze nicht zu starker Tobak ist: Auf den ersten Seiten wird das Verdorren von Latte Igels Wald beschrieben, und da ist alles trocken, traurig und hoffnungslos. Das geht so in die Richtung von Frodo im Lande Mordor, kurz vor dem Schicksalsberg, um im Fantasy-Genre zu bleiben.

Die Durststrecke endet dann aber zum Glück durch den Hinweis des Raben Korp auf den Wasserstein, der das Dilemma beheben kann und den Latte Igel sich sofort zu suchen aufmacht. Es beginnt das, was in diesem Genre "Quest" genannt wird: die Reise des Helden, um den rettenden Gegenstand zu suchen. Etwas untypisch ist höchstens, dass der Hinweg sich hier ziemlich unproblematisch gestaltet und die Gefahren erst auf dem Rückweg lauern - normalerweise ist es bei dieser Art von Geschichten umgekehrt.

Nochmal die Frage, wie kindgerecht das Buch nun ist. Würde man nur den Text sehen, hätte ich da ziemliche Zweifel, jedenfalls für Kinder ab 6 Jahren. Die Geschichte klingt großenteils ernst und düster, da gibt es viel Todesgefahr und Verzweiflung. Das könnte zu ziemlich angsteinflößenden Bildern im Kopf der Leser/Zuhörer werden, wenn da nicht die durchgehenden Bilder von Daniel Napp wären (der auch durch die Bilderbücher um "Dr. Brumm" bekannt ist). Die sehen nämlich wesentlich heiterer und kindgerechter aus, eigentlich nach Bilderbuch. Im Grunde passen sie von ihrer Stimmung und Aussage nicht wirklich zum Text, aber hier tut das der Sache ausnahmsweise gut, weil sie die Düsternis des Textes abschwächen und die Geschichte leichter verdaulich machen.

Im Ergebnis ergibt die kontrastreiche Mischung eine spannende Erzählung für Jungen im Grundschulalter. Mein Sohn hat mitgefiebert - und sich natürlich immer mal anhand der Bilder vergewissert, dass ein gutes Ende bevorsteht. Ich habe mich gefragt, weshalb ich eigentlich bis vor kurzem nie von Latte Igel gehört hatte - immerhin ist das Buch über 50 Jahre alt (Ersterscheinung 1958) und ich habe mich als Kind durch sämtliche halbwegs spannenden Bücher gefressen, die mir in den Weg kamen. Ich vermute, dass Latte Igel damals trotz Jugendbuchpreis 1959 nicht zu so einem vielgelesenen Klassiker wurde, weil es ohne die freundlichen Bilder (ältere Ausgaben sind viel bedrohlicher illustriert) zu schwierig war für die Zielgruppe. Natürlich war damals auch das Fantasy-Genre in Deutschland noch gar nicht verankert - der "Herr der Ringe" erschien erst 1969 auf Deutsch!

Stichwort Fantasy. Nicht nur schwertschwingende Einzelkämpfer wie Conan haben keine Beziehung zu moralischen Maßstäben, das ganze Genre hat sich von solchen Ablenkungen weitgehend frei gemacht. Es geht um Gut gegen Böse, und wer gut oder böse ist, das entscheidet der Autor. Wer als Guter definiert ist, darf dann auch alles, insbesondere die Bösen aufs Haupt schlagen, denn die haben es schließlich verdient. So eine schwarz-weiße Weltsicht liegt auch bei Latte Igel zugrunde, denn immerhin geht der Held einfach los und stiehlt zur Rettung seines Waldes den Wasserstein in einem anderen Land, wo er vermutlich genauso dringend gebraucht wird. Wenn die Bären den Diebstahl verhindern wollen, wenn Wölfe und Luchse ihrerseits auch gerne den Stein hätten, dann sind sie eben böse und müssen besiegt bzw. ausgetrickst werden, peng.

Zum Aufbau eines moralischen Fundamentes beim Nachwuchs taugt das natürlich nicht gerade, aber das würde man hier auch nicht erwarten. Bei Fantasy geht es um Durchbeißen und Durchhalten, um das Überwinden von Hindernissen, um Einfallsreichtum und Zielstrebigkeit ... aber nicht darum, was man auf dem Schulhof tun darf und was nicht. Nach meinem Eindruck nehmen die Kinder das auch durchaus richtig wahr und können gut zwischen Fantasygeschichte und realer Welt differenzieren - ich hatte nie den Eindruck, dass jemand durch so ein Abenteuerbuch sozialethisch desorientiert wird.

Sorgen machen würde ich mir, wenn die Geschichte mit überzogenen Gewaltdarstellungen verbunden wäre oder wenn es von den "bösen" Tieren unschöne Bezüge zu echten Völkern gäbe. Darüber kann man immerhin spekulieren: Wenn Latte Igel wie sein Autor in Finnland lebt und das Reich der Bären natürlich Russland ist (mit einem cholerischen Bärenkönig Bantur nach dem Vorbild Stalins) dann könnten die Wölfe und Luchse dazwischen für verschiedene baltische Völker stehen. Aber gut, an derlei werden jedenfalls Kinder nicht denken.

Wegen der etwas chaotischen Editionspraxis hier noch ein Wort zu den verschiedenen Bänden und Ausgaben von Latte Igel. Auf die erste Geschichte "Latte Igel und der Wasserstein" (1958, im schwedischsprachigen Original "Latte Igelkott och Vattenstenen") folgte "Latte Igel reist zu den Lofoten" (1969, "Latte Igelkott reser till Lofoten") und als Nachzügler "Latte Igel und der Schwarze Schatten" (2009, "Latte Igelkott och Svarta Skuggan"). Der letztere gab für den deutschen Verlag Thienemann den Anstoß für eine Neuausgabe aller drei Bände mit Bildern von Daniel Napp. Er hat auch 2012 "Ein großer Tag für Latte Igel" illustriert, was ein Bilderbuch für (noch) jüngere Leser ist, aber bei Amazon einfach als "Latte Igel Band 5" geführt wird.

Um es noch etwas verwirrender zu machen, ist von Thienemann auch eine Sammelausgabe der ersten beiden Bände (Wasserstein/Lofoten) noch lieferbar, die seit den 1970er Jahren in unterschiedlicher Gestaltung herauskam (bis 2009 auch als Taschenbuch bei dtv). Diese Bücher haben Illustrationen von Karin Lechler und heißen bei Amazon "Latte Igel Band 1", was Unsinn ist (so wie dieser tatsächlich erste Band bei Amazon "Band 3" heißt). Der Doppelband, der manchmal "Gesamtausgabe" heißt (bis 2009 stimmte das ja auch) ist zwar preisgünstig zu bekommen, glänzt aber viel weniger durch Illustrationen - ich würde für Kinder von heute die Neuausgabe empfehlen. An der Neugestaltung von Daniel Napp ist noch bemerkenswert, dass sie inzwischen auch für Finnland übernommen wurde, also zur Originalausgabe avanciert ist. Klarer Fall: Latte nur mit Napp!
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