Kundenrezension

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5.0 von 5 Sternen West-Berlin 1982: Julika und der Rest der Welt, 25. März 2011
Rezension bezieht sich auf: Hausers Zimmer (Gebundene Ausgabe)
Später grübelte ich wieder, anstatt zu schlafen. Mir ging die Frau durch den Kopf. Kaputte Typen - das war so ein Ausdruck von Falk. Der Ausdruck war nicht eindeutig negativ belegt. Es schwang auch etwas von Hochachtung dabei mit. Wer kaputt war, hatte viel erlebt. Nicht nur beim Anblick der Einschusslöcher an unserer Hausfassade oder im Rattenloch spürte ich die Kaputtheit dieser Stadt. Diese mal sichtbare, mal nur spürbare Kaputtheit war immer da...ein gedanklicher Virus, eine chronische Sepsis...Mal fühlte der Patient sich schwach, mal war es gerade diese Schwäche, die ganz eigene Kräfte freisetzte. Die sich selbst verzehrende, schlaflose Stadt...Ich kann nicht schlafen! I`m so tired. Toda la noche sin dormir.
(Hausers Zimmer, Seite 115, 116)

Es ist Winter im Jahre 1982 in West-Berlin und eben hat ein neues Jahr begonnen. Ja, auch in der Altbausiedlung, in der die 14jährige Julika Zürn mit ihren Eltern und ihrem Bruder wohnt. Wie die Ich-Erzählerin dieser Geschichte ist die Autorin, Tanja Dückers, geboren 1968, in dieser Stadt aufgewachsen. Wahrscheinlich wirkt ihr Roman deshalb so authentisch und echt. Die bildhafte Sprache der Erzählung wirkt nie aufgesetzt, sondern wird der Entwicklung der jugendlichen Protagonistin angepasst. Der Leser sieht die Welt durch die Augen des nachdenklichen Mädchens, die für ihre Träume von Freiheit und für ihren Wissensdrang ein Ventil sucht. Dabei projiziert sie einige ihrer Wünsche auf ihren neuen Nachbarn, den unangepassten Hauser, den sie nachts heimlich vom Fenster aus beobachtet. Wenn sie ihn nackt vor seiner Hawaiitapete tanzen sieht oder er ganz in sich versunken eine Party feiert, geht ihre Vorstellungskraft mit ihr durch. Gemeinsam mit dem wilden Rocker fährt sie mit dem Motorrad durch Patagonien, weit weg von West-Berlin und Restdeutschland! Doch selbst bei diesen Träumereien fragt sie sich, ob sie wirklich den Wunsch hat, mit dem Hauser zusammen zu sein. Ist es nicht vielmehr ihr Traum, etwas von der Freiheit des langhaarigen Rockers selbst zu spüren und den Wind der weiten Welt zu genießen? Gespannt folgt der Leser ihren Gedanken und beobachtet mit ihr weiter den Hauser und natürlich auch die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse im Jahr 1982.

Wer kann es Julika verdenken, dass sie und ihr Bruder sich nach etwas Normalität sehnen? Ihre Eltern haben die gemeinsame Altbauwohnung in ein riesiges Labyrinth voller moderner Kunstwerke verwandelt. Auch sonst sind Mama und Papa Zürn etwas anders. Wiebke ist als Übersetzerin für schwedische Kinder- und Jugendbücher tätig und ist sparsam und umweltbewusst; ihr Mann Klaus dagegen wehrt sich gegen Birkenstocksandalen und C&A-Pullover (die er dann großzügig Karl, dem Obdachlosen überlässt) und pflegt den eher ästhetischen Künstlerstil, den er als berühmter Kritiker zu Recht kultiviert. Julika und ihr Bruder Falk nennen die beiden heimlich "The Wiebkes an the Klauses", nach der früheren Lieblingsband der beiden nämlich "The Mamas and the Papas". 1964 war das Ehepaar Zürn nach West-Deutschland gezogen, den sie für den besten Platz zum Leben halten. In die Straße mit den vielen zerstörten Eckbauten und den dunklen Altbauten mit Einschusslöchern. Von dem missionarischen Kultureifer von "The Wiebkes an the Klauses" eher genervt, als angeregt, bleibt Julika manchmal noch das sogenannte Rattenloch als Rückzugort. Die Ratten, die den Nachts Festmahl halten und die Scheiblettenkäsereste aus der Küche Zürn zu Recht verschmähen, sind jedoch bald nicht mehr das einzige Forschungsgebiet des wissbegierigen Mädchens. Auch der Nachbar Hauser wird gewissenhaft beobachtet. Und dann ist da ja noch der nette und zuvorkommende Apotheker aus Südamerika, der aus eben diesem Land kommt, welches schon so lange die Phantasie von Julia anregt. Herr Adán hat versprochen, seiner Lieblingskundin bald etwas Wichtiges zu zeigen. Aber was für ein Geheimnis könnte hinter seiner rätselhaften Ankündigung stehen? Ihre Freundinnen ziehen sie bereits wegen dem sanften Apotheker auf. Die Erwachsenenwelt, in die sich Julika immer stärker einzufühlen versucht, wird immer verwirrender und komplizierter. Warum geht ihrem Vater der Tod von Romy Schneider so nahe? Wieso regt sich Wiebke kaum über die rassistischen Äußerungen von Karl, dem Obdachlosen auf? Muss man auf jemanden stehen, um ab und zu Zeit miteinander zu verbringen? Ist West-Berlin wirklich so anders wie Restdeutschland?

Der Roman beinhaltet nicht nur Julikas Jahr, sondern auch ein Stück Zeitgeschichte. Manches ist noch vertraut, anderes vielleicht schon fast in Vergessenheit geraten und manches Gefühl ist vielleicht nie persönlich so empfunden worden. Während Gottlieb Wendehals fröhliche Polonäse Blakenese als Ohrwurm durch die Häuser schallt und man an einem gemütlichen Fernsehabend mit dem "Traumschiff" in ferne Länder reist, bleibt die unterschwellige Bedrohung des Kalten Krieges und mit ihr die Angst vor einer atomaren Katastrophe bestehen. In der Politik brodelt es. Die amerikanische Wirtschaftspolitik steht in der Kritik und die Regierung in der BRD steht auf der Kippe. Neugierig wagen die west-deutschen Schüler einen Blick auf den Ostdeutschen Alltag. Und in Restdeutschland lädt die Verwandtschaft zu einem Familientreffen ein.
Einen neugierigen, Teenager als Erzählerin zu wählen ist für den Rahmen der Handlung ideal. Julika ist eine aufmerksame Beobachterin, die zwar eine gewisse Abhängigkeit von Waldmeisterbrause zeigt, aber ansonsten einen sehr freien Geist besitzt. Tanja Dückers hat ihre Entwicklung sehr fein gezeichnet. Zuerst ist der Schreibstil durch die lebhafte Phantasie der Erzählerin gekennzeichnet, die sich ihre kindlichen Vorstellungen und Träume bewahrt hat. Doch die Realitäten des Lebens zerstören so manche Illusion der nachdenklichen Julika. Am Schluss ist das Jahr zu Ende. Was mit dem neuen Jahr noch kommen mag? Im Rattenloch jedenfalls stolzieren noch immer die stolzen Tauben und die regen Nager halten im Silberlicht ihr Festmahl ab. Und vielleicht gibt es ja mal ein Wiedersehen mit Julika, oder aber einen neuen Roman aus der Feder der talentierten Tanja Dückers mit der flinken Feder, die so anschaulich, amüsant und interessant zu erzählen versteht.
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