Kundenrezension

9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Endlich........, 1. Juli 2013
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Rezension bezieht sich auf: Thomas Mann: Der Zauberberg - Der komplette 3-Teiler (Langfassung) (Fernsehjuwelen) [4 DVDs] (DVD)
Es ist so eine Sache mit den Thomas Mann-Verfilmungen: Entweder man reduziert den Stoff auf das Vordergründige (wie zum Beispiel die Buddenbrook-Verfilmung mit Buchholz) oder man verheddert sich in der filmischen Umsetzung des Stoffes, weil man der Komplexität der Vorlage gerecht werden möchte (die Reitz-Verfilmung von Doktor Faustus). Ich selbst kenne vier hervorragende Mann Verfilmungen: Viscontis "Tod in Venedig" und Geissendörfers "Zauberberg"; beide sind grandios gelungen. Dann noch Rolf Thieles Verfilmung von "Wälsungenblut" und "Doktor Faustus" von Reitz aus dem Jahre 1982. "Wälsungenblut" und "Doktor Faustus" sind als Verfilmungen gescheitert. "Wälsungenblut" ist in der Besetzung der Hauptdarsteller zu schwach (dafür sind die Nebenrollen vorzüglich) und "Doktor Faustus" scheitert einfach an der Komplexität der Vorlage, aber beide haben eine unglaublich dichte Atmosphäre und fangen das faszinierende der Belle Epoque sehr gut ein. Wer wissen möchte, welche geistigen Kräfte das alte Europa vor 1914 bestimmten, der schaue sich diese vier Filme an. Dann bekommt man ein Gefühl dafür, was 1914 eigentlich endete.

Geissendörfers Verfilmung ist ein Meisterwerk. Warum? Weil sie aus meiner Sicht die Leseerfahrung, die dieses gewaltige Werk bedeutet, visualisiert. Und das wirklich in einer phantastischen Weise. Viele geistige Strömungen haben zum Selbstmord des alten Europa geführt.

Und alle werden sie in diesem Roman angesprochen: Das hohle Pathos einer europäischen Aufklärung, die geistig noch in den Pariser Salons des 18. Jahrhunderts beheimatet ist, aber ratlos einem weltanschaulichen Extremismus gegenüber steht, für den sie keine Kategorie mehr hat; Settembrini hört die Worte des Gesinnungsterroristen Naphta, allein er hört sie nur, er hört sie nur. Das sich in ihnen die Welt der totalitären Oger brauner und roter Gesinnung ankündigt, kann Settembrini, für den Zerstörung immer nur Mangel an Vernunft ist, aber niemals Selbstzweck sein kann, nicht verstehen. Naphta hingegen sieht die Blutmühlen der neuen Zeit anbrechen. Allein die Szene, wie Castorp und Settembrini gebannt den Ausführungen Naphtas über den vermeintlichen Durst einer Jugend nach Terror schildert, ist schon den ganzen Film wert: Das Mienenspiel von Castorp und Settembrini, die unheimliche Musikuntermalung, die das kommende Grauen andeutet - einfach großartig. Noch heute läuft mir Schauer den Rücken hinunter, wenn ich diese Szene sehen. Die großen und pervers-reinen Gesinnungsmörder wie Fouqier-Tinville, Dscherschinski, Best - bei der Szene sehe ich sie förmlich hinter Naphta stehen. Diese Geisteshaltung, die letztendlich nach Auschwitz und Kolyma führte, in die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts - Mann hat sie meisterhaft vorausgeahnt und dargestellt. Das ist nicht mehr nur literarischer Text auf Zelluoid gebannt. Die glänzenden Schauspieler Bucci und Azanavour transponieren diesen weltanschaulichen Konflikt in großes Kino. Und in diesem Sinne steht Geissendörfers Werk auf der gleichen Stufe mit Visconts Mann-Verfilmung und "Der Leopard" oder mit David Wards "Cannery Row" - die besten Literaturverfilmungen, die ich kenne und gesehen habe.

Die Welt des alten Europas vor dem Beginn des europäischen Selbstmordes ab 1914 ist einmalig eingefangen. Jede Rolle, ausnahmslos jede Rolle (überspitzt geschrieben bis zu den Türgriffen) ist perfekt besetzt. Man kann sie nicht alle aufzählen: Aber was Hielscher, Herrmann, Raab und viele andere in den Nebenrollen leisten, ist ausgezeichnet. Ich kann es bis heute nicht begreifen, warum Geissendörfer von diesem künstlerischen Weg abgewichen ist um dann in den Niederungen der Lindenstraße mit ihren drittklassigen Kleindarstellern zu enden.

Keine Rezension kann den Feinheiten dieser Verfilmung gerecht werden werden. Und es ist nun ein großes Glück, dass endlich die Fernsehfassung erscheint. Der Film war immer nur ein Torso, dem zu viele Nuancen verloren gehen. Das ist nun endlich ab kommenden Freitag anders. Jetzt kann man diesen Glücksfall einer Literaturverfilmung endlich vollständig genießen.
Jeder Mann-Liebhaber wird diesen "Zauberberg" nicht sehen, sondern darin schwelgen und eintauchen wie es der Wagnerianer im Vorspiel zu "Tristan". Diese Verfilmung ist ein bleibendes Meisterwerk, weil sie nicht jedes Detail der Vorlage einfängt, aber sehr wohl das geistige Klima und die visuelle Welt dieses Gipfelwerks in überwältigender Weise einfängt!
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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 21.02.2014 14:36:25 GMT+01:00
Leider lese ich erst jetzt zufällig Ihre Rezension, weil ich die Langfassung, die früher mal als TV-Mitschnitt auf VHS hatte, zu kaufen gedenke.
Ich schätze diesen Roman Manns von allen am meisten, und ich meine mich zu entsinnen, dass ich den Film in seiner Langfassung ebenso gesehen und empfunden habe wie Sie.
All die Mäkeleien an der Langfassung dieser Romanverfilmung scheinen mir dieselbe Ursache zu haben: Die Verfasser erkennen nicht oder wollen nicht wahrhaben, dass kein Roman, schon gar nicht einer wie Manns Zauberberg, im Film eins zu eins umsetzbar ist, insbesondere eben deshalb, weil es sich immer um eine Adaption in ein anderes Medium handelt, das anderen Gesetzen gehorchen muss als das Buch. Dazu kommen persönliche Interpretationen, Schwerpunkte etc. Was aber der Regisseur und ALLE Darsteller hier leisten, ist wirklich das Optimum, und deshalb ist der Film eine wirklich angemessene Umsetzung des Romans.
Und wie Recht haben Sie, wenn Sie Geissendörfers Entwicklung von dieser Meisterleistung hin zu trivialer Vorabend-Endloserie beklagen! Da hat wohl der große und stetige Geldfluss mehr gelockt als die Herausforderung, auch andere, ähnlich komplexe literarische Werke ebenso gekonnt zu verfilmen wie Manns einzigartigen Zauberberg. Schade!
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