Kundenrezension

55 von 58 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Mit Mängeln behaftet, 25. Juni 2011
Rezension bezieht sich auf: Through the Language Glass: Why The World Looks Different In Other Languages (Taschenbuch)
An dem Buch habe ich zwei Dinge zu bemängeln: zum einen geht es überwiegend um Farbadjektive. Das ist an sich zwar nicht unbedingt schlecht, allerdings verspricht der Titel eine ausgewogenere Abhandlung. Natürlich werden auch noch ein paar andere Themen angeschnitten, wie z.B. grammatisches Genus in den verschiedenen Sprachen, allerdings sind die meisten dieser Kapitel, in denen es nicht um Farben geht, recht kurz.

Das andere, was ich eigentlich als den weitaus größeren Mangel ansehe, ist, dass Guy Deutscher an ein paar Stellen Dinge behauptet, die z. T. umstritten und abwegig sind. Zudem wertet Deutscher an ein paar Stellen auch. Dies ist mir besonders im Kapitel zu den grammatischen Genera aufgefallen, wo er die englische Sprache als "careless" bezeichnet, da es keine grammatischen Genera mehr hat. Dies ist eigentlich unprofessionell und erinnert an Sprachwissenschaft im 19. Jh., die er, ironischerweise, ja selbst ausführlich abhandelt in seinem Buch.

Da ich nicht wie Deutscher einfach was behaupten möchte, ohne Beispiele anzuführen, gehe ich hier konkret auf einen Punkt ein, wo sich Deutscher irrt: In einem Kapitel, in dem es um die Komplexität von Sprachen geht, behauptet Deutscher, dass Deutsch sowohl morphologisch als auch syntaktisch komplexer als das Englische sei. Während er für die höhere morphologische Komplexität wenigstens noch Beispiele anführt, unterfüttert er seine Behauptung im Bezug auf die Syntax nicht. Kein Wunder! Denn eigentlich ist Englisch syntaktisch komplexer, eben weil es ja weniger Morphologie hat. Der geneigte Leser möchte sich bitte mal die folgenden zwei Sätze ansehen:

"John's refusing the offer." (John weist das Angebot zurück.)
"John's refusing of the offer" (Johns Zurückweisung des Angebots)

Im ersten Satz ist "John's" die Abkürzung für "John is" und "refusing" eine Verbform, die zusammen mit dem Hilfsverb "is" ein present progressive konstituiert. Im zweiten Satz hingegen ist "refusing" ein Substantiv und "John's" ist ein Genetivattribut, das zu diesem Substantiv gehört. Der zweite Satz enthält also gar kein Verb, ist so gesehen also auch kein richtiger Satz, sondern eine Nominalkonstruktion. Doch woher wissen wir das? In den deutschen Entsprechungen weist die Morphologie selbst auf die Unterschiede hin. Man sieht im Deutschen direkt an den Wörtern selbst, dass im ersten Satz ein Verb steht, im zweiten "Satz" keins, sondern ein Substantiv (mit Endung "-ung"). Im Englischen aber wird der Unterschied nur durch das "of" deutlich. Wenn das "of" da steht, dann kann der "Satz" sinnvoll nur als Nominalkonstruktion interpretiert werden. Welcher Wortart "refusing" angehört, wird also nicht am Wort selbst, sondern durch die Syntax gekennzeichnet. Und das ist es, was "syntaktische Komplexität" eigentlich meint. Englisch hat tatsächlich insgesamt gesehen eine komplexere Syntax als das Deutsche (was nicht heißen soll, dass die deutsche Sprache für sich genommen nicht auch eine komplexe Syntax hätte).

Man sieht, dass also ein paar Dinge, die Deutscher schreibt, mit Vorsicht zu genießen sind. Alles in allem enthält das Buch aber natürlich viele interessante Infos, auch zur Wissenschaftsgeschichte. Man kann in jedem Falle einiges lernen, weswegen ich das Buch trotz der einseitigen Fixierung auf Farbadjektive und trotz der sachlich- fachlichen Mängel empfehlen kann.
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Kommentare

Von 2 Kunden verfolgt

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1-6 von 6 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 02.09.2011 11:16:18 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 02.09.2011 11:21:54 GMT+02:00
Thouart 86 -

gute Anmerkungen zu einem sehr komplexen Thema, die anzeigen, dass, sich ein Objekt durch die Art, wie es betrachtet wird, verändern kann - so wie sich die Temperatur von heißem Wasser schon verändert, wenn man ein kaltes Thermometer hineinsteckt, um festzustellen, wie heiß es nun eigentlich ist.

So ist auch die Einteilung unserer Wörter in Kategorien wie Substantiva, Verben o.ä. irgendwie willkürlich, wenn man sich vor Augen hält, dass sich die Dinge im Chinesischen durchaus verwischen, oder dass man etwa im Japanischen, Personalpronomina oder Konjugationsformen z.T. dadurch entbehrlich machen kann, dass man in der ersten Person oft ein anderes Verb verwendet, als in der zweiten oder dritten.

So würde auch jeder vernünftige Mensch, jedenfalls in den meisten europäischen Ländern, sagen, dass man doch einen Plural für Substantiva auf jeden Fall braucht, während man, wiederum im Japanischen, meistens auf eine besondere Hervorhebung einer Mehrzahl verzichtet.

Hier kann man sich auch fragen, warum die ganz ollen Griechen es mal für wichtig ansahen, die Zweiheit von Dingen mittels eines Duals anzudeuten, und warum man dann irgendwann später glaubte, darauf verzichten zu können.

Das scheint mir doch ein sehr weites Feld zu sein, auf dem Deutscher in verdienstvoller Weise etliche Markierungssteine gesetzt hat, die anderen Forschern sehr nützlich sein können. Man sollte ihn nicht tadeln, weil er noch nicht das ganze Feld vermessen hat.

Ach, und noch etwas zu dem Beispiel mit "John's refusing": für mich verwischen sich schon da die Unterschiede zwischen Verb und Substantiv, wenn man eine dritte Möglichkeit in Betracht zieht: "John's refusing the offer caused great consternation", kein besonders gutes (weil etwas unklares) Beispiel aber doch nicht ganz ungebräuchlich. Vielleicht gibt's bessere Beispiele.

Der Amateurlinguist in mir sieht da auch irgendwo eine Beziehung zwischen Morphologie und Syntax in der Weise, dass ein quasi mathematisches Produkt aus beiden konstant sein könnte, d.h. je vielfältiger die Morphologie, desto klarer die Syntax, bzw. umgekehrt.

TD

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 11.09.2011 15:01:27 GMT+02:00
Zeitblom meint:
Hallo und zunächst einmal Danke für Ihren Beitrag! Sie haben natürlich Recht, dass eine Einteilung in Wortklassen immer schwierig ist. Vor allem, wenn sie universell für alle Sprachen gelten soll, ist es nahezu unmöglich. Im Bezug auf eine gut erforschte Sprache wie Deutsch oder Englisch kann man allerdings schon im Großen und Ganzen Substantive von Verben unterscheiden. Wobei es auch im Deutschen Diskussionen gibt, was z.B. alles zu den Adverbien gehört. Also trivial sind solche Fragen in der Tat nicht.

Ihr angeführter englischer Beispielsatz gibt mir allerdings Rätsel auf. Er klingt für mich eigentlich in jeder Hinsicht ungrammatisch. Eines ist klar: "caused" ist das Vollverb des Satzes und die Phrase "John's refusing the offer" das Subjekt zu diesem Verb. In der Subjekt-Phrase fehlt mir aber ein "of"; "John's refusing of the offer caused great consternation." Ohne "of" wäre "John's refusing the offer" für sich genommen ein Hauptsatz mit "refusing" als Vollverb und " 's " als Abkürzung für das Hilfsverb "is". Dann aber scheint er mir nicht korrekt im Matrixsatz eingebettet zu sein. Es müsste nach meinem Sprachempfinden im Englischen ein "that" davorstehen: "That John's refusing the offer caused..." (Will aber nicht ausschließen, dass im gesprochenen Englisch das "that" auch entfallen kann.) Aber dann gäbe es immer noch einen Tempuskonflikt. Denn "John's refusing" wäre das verlaufende Präsens, "caused" Präteritum. Im Deutschen sähe der Satz so aus: "Dass John das Angebot zurückweist, verursachte großes Entsetzen." Ja was nun? Wenn John JETZT (Präsens) das Angebot zurückweist, kann es nicht bereits in der Vergangenheit etwas verursacht haben. Sinnvollerweise müsste der Nebensatz also im Plusquamperfekt oder Präteritum stehen, da erst Ursache, dann Wirkung... das gilt im Deutschen wie im Englischen. Im Englischen müsste es also heißen: "That John was refusing the offer caused..." oder gar: "That John had refused the offer caused..." oder - besonders elegant- mit einer Partizipialkonstruktion: "John having refused the offer caused..." bzw. bei Gleichzeitigkeit auch: "John refusing the offer caused..." Möglicherweise haben Sie auch die letztere Variante gemeint und sich nur verschrieben in Ihrem Beispielsatz. Sie sehen: das Wegfallen des " 's" an John lässt die Phrase wiederum in anderem Licht erscheinen, obwohl sich an dem Wort "refusing" selbst nie etwas verändert. Ganz anders im Deutschen, wo man schön zwischen dem Verb „zurückweisen", dem Substantiv „Zurückweisung" oder auch dem Partizip „zurückweisend" unterscheiden kann, auch ohne die Syntax betrachten zu müssen.

Das Englische bietet viele Möglichkeiten, ebenso wie das Deutsche, aber: im Englischen wird mehr über die Syntax codiert, im Deutschen mehr über die Morphologie. Insofern haben Sie das schon richtig erkannt: es gibt einen Zusammenhang zwischen Syntax und Morphologie. Je vielfältiger die Morphologie, umso freier ist tendenziell die Syntax. Das weiß jeder, der z. B. Latein gelernt hat. Je weniger Morphologie vorhanden ist, umso wichtiger und reglementierter wird die Syntax. Zumindest in der Tendenz. So wie in unserem englischen Beispielsatz das Fehlen oder Vorhandensein des Funktionswörtchens "of" oder des Klitikons " 's" an der entsprechenden Stelle (die Position im Satz ist sehr wichtig! => die Syntax ist wichtig) die Phrase mal als Satz mit konjugiertem Verb, mal als Nominalphrase mit dem Substantiv "refusing" als Kopf, mal als Partizipialkonstruktion erscheinen lässt.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 11.09.2011 15:50:37 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 11.09.2011 20:25:54 GMT+02:00
Thou art certainly correct as to my limping example; as I mentioned, I am only an educated amateur when it comes to linguistics, being a mere engineer albeit with a good background in foreign languages. Languages have always fascinated me and continue to do so, especially when it comes to etymology.

I have had the good fortune of having been exposed to foreign languages ever since I was very young, German mother tongue, French as first foreign language quickly followed by English because of the war, which makes for a very good basis as far as English is concerned. Latin and Greek thrown in for good measure, and then later on Japanese plus a smattering of Chinese.

If you feel like it, you can write to me using my name with a dot in the middle, the server, or whatever these people are called

"Je weniger Morphologie vorhanden ist, umso wichtiger und reglementierter wird die Syntax" - genau das meine ich auch und würde sagen, das Produkt beider Größen (oder auch ihre Summe, darüber kann man streiten) ist konstant - sowie die Beziehung von Freiheit und Sicherheit.

Danke für den langen Kommentar.

TD

Veröffentlicht am 21.01.2012 15:33:32 GMT+01:00
B. Smith meint:
You don't even need 'of' to be correct in English - the two phrases can be identical :-)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 25.01.2012 21:07:20 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 26.01.2012 22:57:22 GMT+01:00
Zeitblom meint:
Yes and no. Both phrases are correct English, but they don't mean exactly the same. In the first one, "refusing" is a verb and the clitic 's replaces the full form "is". It's a present progressive. In the second one "refusing" is a noun and the clitic 's marks the possessive case. Thus the second one is a noun phrase without any verb. And this, you can only detect by means of the little word "of" in the second phrase.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 28.08.2013 12:01:55 GMT+02:00
No, I am afraid you are wrong, thouart 86. You do not need the word "of". Read the following wikipedia article or a good grammar book to learn more about the English gerund: http://en.wikipedia.org/wiki/Uses_of_English_verb_forms#Gerund
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