Kundenrezension

961 von 1.114 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Missverständnisse, 9. April 2010
Rezension bezieht sich auf: District 9 (DVD)
In den vorangegangenen Kritiken ist bereits eine Menge über den Inhalt von "District 9" gesagt worden, deshalb möchte ich mir das sparen und stattdessen auf die Form eingehen, denn diese hat Anlass zu Missverständnissen gegeben, die zu den schärfsten Meinungsverschiedenheiten in diesem Forum geführt haben.

Dass eine Geschichte davon lebt, dass der Zuschauer oder Leser (im Fachjargon "Rezipient" genannt) sich auf sie einlässt, ist eine Binsenweisheit. Nicht ganz so selbstverständlich ist vielleicht, dass es neben guten Gründen, dem Erzähler (oder Regisseur) nicht zu folgen auch schlechte gibt, auf die sich zu stützen, den Konsumenten vom Rezipienten unterscheidet. Dies festzustellen ist kein Zeichen der Häme, sondern eine Unterscheidung, die für die Wirkung der Form entscheidend ist.

Zu den guten Gründen, einer Geschichte nicht zu folgen, zählen:

-- Plausibilitätslücken (nicht "Logiklöcher", wie einige Vor-Rezensenten reklamierten; wer von einer Geschichte, bei der gleich zu Beginn ein riesiges Raumschiff über einer irdischen Großstadt schwebt, durchgängige Logik erwartet, ist zweifellos im falschen Film).

-- schlechte Machart (z. B. Pappmaché-Ungeheuer, die an Drähten hängen, Zaubertricks, die leicht zu durchschauen sind, fehlerhafte Ausstattung usw.).

-- langweilige Geschichte (öde Charaktere, die öde Dinge tun oder sagen, aber auch absurde Charaktere, die absurde Dinge tun.)

-- schlechte Dialoge (gestelztes Gerede, umständliche Erklärungen, die dem Handlungsverlauf im Nachhinein Sinn verleihen sollen, ideologisches Getöse usw.)

"District 9", um das gleich klarzustellen, leistet sich keinen dieser Fehler. Die Geschichte ist plausibel aufgebaut und straff erzählt, die Tricks sind angenehm in die Szenen integriert und versuchen einen nicht zu erschlagen (wie bei den meisten Sci-Fi-Blockbustern der letzten Jahre), die Handlung ist spannend und die Dialoge dienen ihr und versuchen nicht etwas zu suggerieren, was die Story nicht hergibt.

Woraus resultiert dann aber die doch relativ breite Ablehnung? Nun, aus den oben genannten Missverständnissen. Und hier muss ich, so leid es mir tut, den Film auch gegen seine Verteidiger in Schutz nehmen: "District 9" ist keine Parabel über den Rassismus. -- Eine Parabel ist ein Gleichnis mit lehrhaftem Inhalt, das allgemein anerkannte ethische und moralische Wahrheiten verdeutlichen will. Wer wissen will, wie eine Parabel funktioniert, lese im Neuen Testament nach (alternativ ließe sich auch die berühmte Ringparabel aus Lessings "Nathan der Weise" anführen, und wem beides zu altmodisch oder religiös ist, dem empfehle ich Bert Brecht).

Eigentlich macht es "District 9" einem sehr leicht, seine Form zu erkennen. In den ersten Minuten wird nämlich in einem quasi-dokumentarischen Aufriss die Vorgeschichte erzählt: Außerirdische sind in Johannesburg, Südafrika gelandet. Dazu sieht man in der Eingangssequenz ein riesiges Raumschiff über der Stadt schweben (wer da nicht sofort an Roland Emmerichs "Independence Day" denkt, kann sich kaum als Kenner von Science-Fiction-Filmen bezeichnen). Weitere Hinweise bieten die enthusiastischen Kommentare der Protagonisten, die sich überrascht und (anfangs) erfreut geben, dass die Fremden nicht New York oder eine andere Weltmetropole angesteuert haben, sondern eben ihre Stadt im südlichen Afrika. Damit ist von Anfang an klar, dass es sich bei "District 9" um eine Parodie handelt.

Da wir uns aber in Deutschland befinden, sind vielleicht doch einige Worte der Erklärung nötig: Eine Parodie zeichnet sich nicht dadurch aus, dass zappelige Schauspieler Grimassen schneiden und alberne Dinge tun. Vielmehr greift sie Genre-Konventionen auf, um durch Übertreibung etwas zu zeigen. Es gibt also eine absichtsvolle Diskrepanz zwischen Inhalt und Form, und das ist genau der Punkt, wo sich Konsumenten von Rezipienten scheiden: Erstere erwarten nämlich die Erfüllung der Konvention, d. h. sobald ein parodistisches Element auftaucht, steigen sie aus der Geschichte aus.

Der Trick, der aus "District 9" einen der intelligentesten Science-Fiction-Filme der letzen Jahre macht, ist, dass es sich nicht um eine platte Genre-Parodie handelt, sondern dass mit den Mitteln der Parodie die Dummheit des Rassismus vorgeführt wird. Beispiele: Schwarze und Weiße ereifern sich gleichermaßen über das unterirdische Verhalten der Fremden -- das ist komisch! Auch der Hauptdarsteller, ein kleiner Angestellter, der zuerst eifriger Erfüllungsgehilfe der Unterdrücker ist, um nach dem Zwischenfall, der ihn allmählich in einen der Außerirdischen verwandelt, am eigenen Leibe zu erfahren, was es heißt, verfolgt und gedemütigt zu werden, ist ein tragikomischer Antiheld.

Der Film liefert keine moralinsaure Verurteilung der Apartheit, sondern ein erfrischendes, ironisches Selbstporträt eines Landes, das sie überwunden hat, und das der Welt zuruft: "Seht her, wir sind nicht mehr der moralische Fußabtreter für Euch! Wir sind nicht besser, aber auch nicht schlechter als Ihr!"

Das sollte uns durchaus ein wenig Aufmerksamkeit und Aufgeschlossenheit wert sein.
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Von 8 Kunden verfolgt

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1-10 von 73 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 09.04.2010 19:05:57 GMT+02:00
Frank S. meint:
Hut ab!!

Für mich eine der interessantesten Rezensionen seit Langem (!).
Selten hat sich jemand so fundiert und sachlich mit einem Film und den Ursachen für die so divergierenden Bewertungen durch Amazon-Rezensenten auseinandergesetzt.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 09.04.2010 19:19:13 GMT+02:00
J. Buesching meint:
Herzlichen Dank! Ich gebe mir eigentlich immer Mühe einem Film oder Roman gerecht zu werden, und vor allem nicht anderen Leuten um jeden Preis meine Meinung aufzuzwingen. Leider habe ich aber auch bereits feststellen müssen, dass eine solche Haltung ein wenig aus der Mode gekommen zu sein scheint.

Veröffentlicht am 10.04.2010 09:37:27 GMT+02:00
Nina R. meint:
Ich habe Ihre Rezension ebenfalls als sehr gut empfunden und sie auch als "hilfreich" bewertet, obwohl ich ebenfalls zu den Leuten gehöre, die eine Parabel darin sehen. Grund dafür: Der Regisseur selbst hat gesagt, dass er in dem Film seine Erfahrungen mit Apartheid verarbeitet hat (er ist ja in Johannesburg aufgewachsen).
Sie haben natürlich Recht, der Film enthält sehr viele parodistische Elemente. Allerdings sehe ich keinen Widerspruch zwischen Parabel und Parodie, auch eine Parabel kann sich der Werkzeuge Parodie oder schwarzer Humor bedienen. Und für mich war der erstere Aspekt einfach vordergründiger.

Was der Film in meinen Augen hervorhebt, ist eben der Umstand, den Sie selbst hervorgehoben haben: Rassismus ist kein "Vorrecht" der Weißen. Es ist vielmehr eine menschliche Grundeigenschaft, das Fremde, Unbekannte abzulehnen und es gleichzeitig auszubeuten. Die Laborversuche, die die Weißen an den Aliens vollziehen oder die Art und Weise, wie nigerianische Waffenschieber sie für ein paar Dosen Katzenfutter übers Ohr hauen - jeder beutet die Unterdrückten aus. Vitus ist dann nur noch die Jedermann-Spielfigur, die uns deutlich macht, dass es uns alle treffen kann: Wart's ab - vielleicht gehörst du eines Tages und ohne es je vermutet zu haben selbst zu den Parias.

Veröffentlicht am 10.04.2010 10:13:11 GMT+02:00
Dacian Falx meint:
Das ist mit Abstand die beste Rezenzion, die ich bisher hier in amazon gelesen habe ! Vielen Dank dafür.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 10.04.2010 10:47:40 GMT+02:00
J. Buesching meint:
Natürlich haben Sie grundsätzlich recht. Solche Begrifflichkeiten und Definitionen können niemals die Objektivität naturwissenschaftlicher Erkenntnisse beanspruchen. Es handelt sich immer um Hilfsmittel der Interpretation. Die für mich entscheidenden Gründe, den Film nicht für eine Parabel zu halten waren:

1. Die Definition der Parabel als Lehrstück. Nachdem ich mir den Kommentar des Regisseurs angesehen hatte, kam ich zu dem Schluss, dass er nicht die Absicht hatte, ein solches abliefern zu wollen. Das wäre auch weder angemessen gewesen, noch hätte er damit erfolgreich sein können. Ein Beispiel aus dem NT kann das verdeutlichen: Stellen Sie sich vor, nach der Kreuzigung hätte Judas, statt sich zu erhängen, eine Parabel über den Verrat erzählt. -- Man kann eine Geschichte niemals völlig vom kulturellen Kontext abstrahieren, in dem sie entsteht.

2. Eine Parabel benutzt bildhafte Vergleiche: Ringe etwa für die Weltreligionen, ein Familiendrama für das schwierige Verhältnis zwischen Gott und dem Volk, mit dem er einen Bund geschlossen hat usw. Diese Bildhaftigkeit würde konterkariert, wenn das, wofür die Bilder stehen sollen, selbst Eingang in die Geschichte findet. Die für mich in dieser Hinsicht aufschlussreichsten Abschnitte waren die Dokuszenen, in denen Weiße und Schwarze sich gleichermaßen über die Fremden echauffieren. Damit würde der Regisseur den Rahmen der Parabel sprengen -- sollte er denn wirklich eine solche beabsichtigt haben.

Ich hoffe damit meine Ansichten einigermaßen begründet zu haben. Auf jeden Fall danke ich Ihnen für Kommentar und Bewertung!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 10.04.2010 11:13:23 GMT+02:00
J. Buesching meint:
Auch Ihnen herzlichen Dank!

Veröffentlicht am 12.04.2010 16:08:59 GMT+02:00
Invictus trax meint:
Kann mich nur anschliessen, sehr gute sachliche Rezension!!

Veröffentlicht am 13.04.2010 01:47:16 GMT+02:00
Eine sehr Wortgenaue und ausführliche Rezension, meinen Respekt an Sie.

Veröffentlicht am 14.04.2010 16:43:38 GMT+02:00
Sehr geehrter J. Buesching, es war mir ein Hochgenuss, Ihrer pointierten und auf allerhöchstem stilistischen Niveau rangierenden Rezension zu folgen, natürlich ohne hierbei die Wertigkeit des informativen Gehaltes schmälern zu wollen. Es kommt heutzutage kaum noch vor, dass sich Autoren bei der Kritikerarbeit des elaborierten Codes befleissigen. Sie sollten sich ob Ihres wohlfeilen Scheibstils Gedanken machen, Kritiken zukünftig nicht bei amazon.de zu veröffentlichen, sondern eventuell einen Kritikerjob bei der Süddeutschen Zeitung anzustreben. Ich zolle hiermit einem souveränen Beherrscher der Sprache der Dichter und Denker meinen allerhöchsten Respekt und lassen Sie öfters was von sich lesen!

Veröffentlicht am 14.04.2010 19:25:58 GMT+02:00
K. Florian meint:
Zitat: "alternativ ließe sich auch die berühmte Ringparabel aus Lessings "Nathan der Weise" anführen, und wem beides zu altmodisch oder religiös ist, dem empfehle ich Bert Brecht)"
=> Ich schmeiß mich weg^^ Arroganz 4tw :-)
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