Kundenrezension

28 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Vorzüge sehr guter Literatur, 10. Juni 2012
Rezension bezieht sich auf: Die Vorzüge der Dunkelheit: Neunundzwanzig Versuche die Welt zu verschlingen. Horrorroman (Gebundene Ausgabe)
Alle vier Wochen wird der interessierte Literaturfreund Sonntagabends mit einer halbe Stunde Fernsehunterhaltung der besonderen Art begeistert: "Druckfrisch" von und mit Denis Scheck. In dieser Sendung stellt er Neuigkeiten auf dem Büchermarkt vor, führt Interviews mit Autoren und bespricht die aktuelle Spiegelbestsellerliste. In der vergangenen Ausgabe durfte der Zuschauer ein Gespräch mit dem achtzigjährigen Schriftsteller Ror Wolf erleben, in dem sein neuestes Buch "Die Vorzüge der Dunkelheit" vorgestellt wurde.

Ich kannte Ror Wolf bisher nicht und sein literarisches Schaffen ist bis dato an meiner Lesegewohnheit vorbei gegangen. Das hat sich nun schlagartig geändert. Ror Wolf beschreibt in seinem Buch "Die Vorzüge der Dunkelheit" das Leben eines Ich-Erzählers, der unfreiwillig aus seinem geordneten Leben auszubrechen scheint und durch eine implodierende Welt streicht. Anders als bei seinem Kollegen Peter Handke (in seinem Roman Der Große Fall) ist diese Reise durch Raum und Zeit von Versatzstücken und einer immerwährenden Sprunghaftigkeit geprägt. Beim Schreiben dieser Rezension wollte ich den Begriff "Roman" benutzen, musste diesen jedoch revidieren, da es der literarischen Dazugehörigkeit und Gattung nicht gerecht werden würde. "Die Vorzüge der Dunkelheit" ist vielmehr ein Panoptikum morbider Kreaturen und unwirklicher Subjekte, eine buchgewordene Chiffre voller Doppeldeutigkeiten sowie eine gigantische Allegorie auf das literarische Schaffen.

Die ständige Präsenz von Metaphern und die fehlende Nennung von konkreten Sachverhalten lässt dem Leser viel Platz für interpretatorisches (Nach-)Denken. Wie ist dies gemeint? Was will Ror Wolf damit sagen? Die Typologie des Werkes fördert diesen Umstand ungemein. "Die Vorzüge der Dunkelheit" ist in neunundzwanzig Kapitel gegliedert und strukturiert die Reise des Ich-Erzählers in (lt. Untertitel) "neunundzwanzig Versuche die Welt zu verschlingen"; jeder dieser Versuche bekommt ca. 3-4 Seiten eingeräumt. Unterstützt wird das geschriebene Wort durch eine Vielzahl von Bildern. Zu diesen äußere ich mich jedoch später differenzierter. Es empfiehlt sich, die Kapitel nicht wie bei einem Roman "zu verschlingen", sondern sukzessive und aufmerksam zu 'konsumieren'. Verstehen Sie mich nicht falsch: dieses Buch ist alles andere als leicht zugängliche Literatur. Ich rate Ihnen vielmehr, jedes Kapitel nach dem Lesen Revue passieren zu lassen und zu versuchen, die gezeigten Bilder in einen Kontext zum Gelesenen zu setzen. So viel sei gesagt: die abgedruckten Bilder fördern das Leseverständnis nur bedingt bis gar nicht.

Ich habe mich nach den ersten Seiten auf einen Interpretationsansatz eingeschossen und diesen versucht, durch jeden neuen Verschlingversuch zu bekräftigen. Für mich war "Die Vorzüge der Dunkelheit" eine Parabel über das Schreiben und das Erleben des eigenen Geschriebenen. Jeder Autor, sei es ein Hobby-Schreiberling oder ein Profi, durchlebt die Leiden seines literarischen Schützlings und wandert durch dessen Kosmos. Die Variation von Realität und Fiktion, der schmale Grat zwischen beiden Welten und der häufig fließende Übergang werden in diesem Buch brillant dargestellt. Wie gesagt: in der Art und Weise, in der ich das Buch lese. Der Ich-Erzähler kämpft mit der Fantasie, mit der Geschichte an sich und der Macht der Subjektivität. Der Protagonist hat Schreibblockaden, wird von seiner Geschichte verfolgt und lernt seine Charaktere kennen. Dabei stellt der Leser fest, dass in den Sequenzen, die ich der Realität zuordnete, der Ich-Erzähler ein zerbrechlicher, kranker Mann und in den fiktionalen Momenten ein agiler Alleskönner war, den nicht einmal der sich anbahnende Weltuntergang aus der Ruhe gebracht hat.

In Bezugnahme auf das Interview mit Denis Scheck, in dem er über selbst erlittene krankheitsbedingte Halluzinationen sprach, kann das Buch auch als ein abstraktes, beinahe surreales Tagebuch einer Krankheit gelesen werden. Egal ob man sich für die erste, zweite oder eine gänzlich andere Interpretation entscheidet, "Die Vorzüge der Dunkelheit" ist Literatur erster Klasse. Sätze wie "...und eine große Geräuschlosigkeit begann, eine Geräuschlosigkeit, wie ich sie noch niemals in meinem Leben gehört hatte." (S.49) oder "Als ich mich beim Vorüberlaufen im Spiegel sah, kam ich mir plötzlich bekannt vor. Doch das sah nur so aus." (S. 250) ziehen sich durch die gesamte Parabel. Wer sich jedoch an sexuellen Doppeldeutigkeiten stört, könnte "Die Vorzüge der Dunkelheit" pikiert beiseitelegen, da es an allen Ecken und Enden davon strotzt: Feuchte Ritzen, Spalten, angeschwollene Teile, reiben, wässrige Flüssigkeit, etc. Mich hat's amüsiert.

Die bereits erwähnten Illustrationen und Bilder erinnerten mich an einen Rene Magritte oder späten Salavdor Dalí und sind eindeutig ein wichtiger, aber auch dominanter Bestandteil des Werkes. Demontiertes, Absurdes, Verwirrendes, Ekliges und Gruseliges wechseln sich von Bild zu Bild ab. Zum Beispiel ist zu Beginn des 17. Kapitels ein Bild zu sehen, in der ein übergroßer Hirschkäfer eine panische Magd jagt. Im Hintergrund fliegt ein rippenbogenähnliches Etwas über die Szenerie hinweg, im Vordergrund zwinkert dem Leser ein Junge zu. Sie sollten vor dem Kauf des Buches jedoch wissen, dass der eigentliche Text auf ca. 100 Seiten hätte zusammengepresst werden können, der Rest wird von diesen besagten Bildern gefüllt. Wenn Sie sich auf diese Kombination aus literarischer und künstlerischer Vielfältigkeit einlassen, werden Sie ein spannendes, intensives Leseerlebnis haben dürfen.

Der Untertitel "Horrorroman" hat mich vornehmlich bewogen, dieses Buch zu kaufen. Ich bin nicht enttäuscht worden. Natürlich, das werden Sie bereits herausgelesen haben, handelt es sich keineswegs um einen klassischen Horrorroman mit Aliens, Monstern oder dem Horror der eigenen vier Wände. Es ist ein "Roman" über einen Protagonisten, der den Horror einer Krankheit und/oder des Schreibens bewältigen muss. Der Autor sagte in dem Interview mit Denis Scheck, er wolle nun keine Romane mehr schreiben, sondern wolle sich nun einer Autobiografie widmen. Herr Wolf, mal ganz ehrlich: sind Sie sich sicher, dass Sie mit "Die Vorzüge der Dunkelheit" nicht bereits den ersten Teil geschrieben haben?

Eine große, beängstigende Geschichte. Ein Kunstwerk.
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