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5.0 von 5 Sternen "Und wenn ich anderer Schönheit mich verschriebe, ..." (Michelangelo), 1. Oktober 2008
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Rezension bezieht sich auf: Liebesgedichte: Italienisch und deutsch (insel taschenbuch) (Broschiert)
"Und wenn ich anderer Schönheit mich verschriebe, ..." (Michelangelo)

Das Werk des "göttlichen" Michelangelo Buonarroti (1475-1564) hat Kunst, Künstler und Kunstliebhaber seit jeher verzaubert, in Aufruhr versetzt. Nahezu ein Jahrhundert umfasst seine Lebenszeit, seine Schaffenszeit galt der Malerei, der Architektur und des Bildhauens. Skulpturen, man denke an David oder gar an Moses, haben nicht nur Menschen wie Sigmund Freud begeistert und zum Nachdenken angeregt. Die jahrelange Ausmalung der Sixtinischen Kapelle im Vatikan ist ein Gipfel der Kunst in der abendländischen Kultur. Die letzten Tage des Jahres 1478 sind eine dunkle Zeit in der Geschichte Florenz, wie Landucci in seinen Tagebüchern verfasste und ein Auszug schilderte von den Taten zwischen 1450 und 1516, die als Rache an den Pazzis, den Rivalen der Medici, zur florentinischen Renaissance gehörten. Michelangelo genoss seine Ausbildung dort, wo die Ghirlandaio-Brüder gerade die anspruchsvolle Freskentechnik in der Kirche Santa Maria Nouvella durchführten. Er setzte sich zu der Zeit gerade auch mit Masaccio und Donatello auseinander, die der Kunstszene eine neue gestalterische Perspektive gaben. Diese Perspektive, erstmals im Trinitätsfresko von Masaccio dargestellt, wurde zum Inbegriff der Schönheit Übermaß, die Willi Achten in seinem Buch Die florentinische Krankheit, 2008 als Stendhal-Syndrom herausstellt und eine Episode dieser Zeit vielschichtig verarbeitet.

Michelangelo ist ein Künstler nicht nur der Baukunst und der Fresken. Da wo Schönheit krank macht, verfällt man gern der Liebe. In dieser Zeit ist er auch ein Künstler des geschliffenen Wortes, der gesprochenen Kunst und der sprachbebilderten Liebe. Vittoria Colonna ist seine Angebetete in idealer Freundschaft, eine poetische Liebe, wie es Dantes Beatrice oder Petrarcas Laura war. Und doch darf seine, Michelangelos, Lyrik nicht unterschieden werden von der gesamthaften Kunst eines Menschen mit höchst kreativer Potenz.

Kunst, Schönheit, Liebe, Tod - diese Quadrophonie des Lebens ist eben die Michelangelos. "Amor, schieß auf mich die schärfsten Pfeile" ist eine Bitte an Vollendung, damit die Zeit zwischen verlorener Liebe, Wunde und Tod Qual vermeidend kurz ist, "denn Wunden heilt, wer uns das Leben nimmt". Liebe verliert, Liebe macht verloren: "Wie kann es sein, daß ich nicht mein mehr bin? [...] Wer hat mich mir genommen, ist näher mir gekommen", sind die bangen Fragen, die auch Franz Gerber sich suchend stellt in der florentinischen Krankheit.

"Mich Freien, der nun seine Ketten spürt?", so M. in der Ambivalenz von Liebe und Freiheit und doch in der zustimmenden Abhängigkeit, "weil zwiegeteilt das Herz nur wenig lebt, / Hab beide Teile dir ich übergeben". Aufgabe seiner Selbst ist das Ziel, sich selbst zu finden. "Es genügte ihr ein Blick, um mich zu rauben" und in einer anderen Sentenz freut er sich ob dieser Situation: "Wenn ich nur wüßt', ob's heute möglich ist, / Ich tät heut, was unbeschreiblich ist".

Michelangelo taucht in die Worte ein, sie werden sein eigen, wie es seine Kunst der Malerei, des Bildhauens ist. Und doch entäußert er sich mit Worten zusätzlich, er spielt mit Silben, mit Satz und Reim in seinen Sonetten und Madrigalen wie mit der Farbe, mit dem Meißel, mit dem Hammer. Zart und wohldurchdacht begibt er sich in die Buchstaben wie in einen Stein. So wie der Stein geformt durch Absplitterung, sind die einzelnen Buchstaben die Splitter, die neu zusammengesetzt ein Wunderwerk ergeben. Er spricht in aller Kunst aus sich, er will Wahrheit, die bleibt, "denn selber lügt, wer vor der Wahrheit flieht."

So wie Dantes Komödie, Petrarcas Liebesgedichte, Shakespeares Sonette so auch diese Verse Michelangelos: in allen wird der Leser sich selbst anheim gegeben. Doch bei M. wird das unvollendet Vollkommene an sich zur delegierten Aufgabe, im Text erkennt der Leser sich selbst und die Empfindung des Lesers, sein Schauen vollendet das Werk. So wirkt es mannigfaltig, in jedem subjektiv und doch ist es aus einer Quelle, wie das Leben ein Leben ist, welches jeder zu seiner Reife führt.

"Nichts bin ich aus mir selber, wie der Mond: / Von ihm sehen unsere Augen nicht mehr / Als nur den Teil, den Sonnenglanz entzündet." Das ist der Toskaner, eine Sonne, die die Dinge der Welt, die Kunst, die Schönheit, die Liebe in uns vollendend entzündet - bis in den Tod.
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