Kundenrezension

17 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Renaissance Reloaded, 24. September 2011
Rezension bezieht sich auf: Das Geheimnis des Frühlings: Roman (Gebundene Ausgabe)
Hier muss man ausnahmsweise mal mit Äußerlichkeiten anfangen: Das Hardcover ist ein echter Hingucker. Hübsch-dezentes Titelbild, leichter Goldschimmer auf Umschlag und Einband, auf dem vorderen Vorsatzblatt eine Abbildung des Gemäldes, um das sich alles dreht, auf dem hinteren eine zeitgenössische Ansicht von Florenz. Wirklich schön und liebevoll gestaltet, ein Schmuckstück für jedes Bücherregal.

Zwischen den Buchdeckeln findet man dann die Geschichte des Florentiner Straßenmädchens Luciana, das eines Tages dem Maler Botticelli für seine "Primavera" Modell stehen darf. Eine unbedachte Bemerkung später pflastern übel zugerichtete Leichen Lucianas Weg, denn La Primavera verbirgt ein veritables Geheimnis. Um dieses zu entschlüsseln bricht Luciana (und der Leser mit ihr) zu einer Rundreise durch Renaissance-Italien auf, geführt von dem redegewandten, gottesfürchtigen und verdammt gutaussehenden Mönch Bruder Guido.

Luciana erzählt ihre Geschichte selbst, frech und direkt, mit einer guten Prise Humor und einigen erzählerischen Taschenspieler-Tricks, die die Spannung aufrecht erhalten. Das geht in etwa so: Ja, ich bin tatsächlich als Baby in einer Flasche von Venedig nach Florenz gereist... aber wie es dazu kam, erzähle ich Euch später, denn momentan bin ich ja gerade auf der Flucht und habe keine Zeit dafür. Darüber, dass die Handlung ein wenig arg konstruiert ist, liest man dank der beiden extrem sympathischen Hauptdarsteller elegant hinweg.

Weniger elegant fällt leider die deutsche Übersetzung aus, bei der Stoffe morsch sind, italienische Adelige sich einander mit "Lord" vorstellen und der Florentiner Palazzo Vecchio einen Leuchtturm aufgesetzt bekommt. Von der Unfähigkeit, für den venezianischen Dogen ein Adjektiv zu finden und deshalb alles, was mit ihm zu tun hat "herzöglich" zu nennen, mal ganz zu schweigen. Allerdings macht es die Autorin der Übersetzerin auch nicht gerade leicht: Möglicherweise gewollt sind die diversen Anachronismen - unter anderem erblickt jemand eine Armada, ein anderer wirft eine Flinte ins Korn, und Renaissance-Lucianas häufig gebrauchter Ausdruck für ihren Broterwerb (den ich hier nicht wiederholen kann, weil dann die Rezension nicht veröffentlicht wird) passt weder in die Zeit noch zum Charakter - aber WENN diese Anachronismen gewollt sind, verpufft ihre Wirkung angesichts der Verwirrung, die sie beim Leser auslösen.

Noch größer war meine Verwirrung aber, als Luciana im Mai anfängt, reife Weintrauben zu pflücken. Na gut, botanischer Irrtum, ist auch Jane Austen mal passiert. Aber dann beweist die kleine Plaudertasche wie weit sie ihrer Zeit voraus ist, indem sie als ihre Lieblingsspeise Carpaccio erwähnt (Begründung: siehe Wikipedia). Und anschließend berichtet sie von der Hinrichtung des Mönches Savonarola durch Lorenzo de` Medici (ein Ereignis, das gut zwei Jahrzehnte nach der Romanhandlung stattfand und zu dessen Zeitpunkt Lorenzo selbst schon längst unter der Erde lag). OK, man kann jetzt nicht von jedem Leser erwarten, dass er sich in italienischer Renaissance- und Gastronomie-Geschichte auskennt, AAAABER... ist das von einer Autorin, die laut Klappentext Geschichte, Kunst und Literatur in Oxford und Venedig studiert hat, auch zu viel verlangt?

Obwohl ich das Buch ab einem gewissen Punkt hauptsächlich weiter gelesen habe, weil ich so gespannt war, was noch an erzählerischem und übersetzerischem Unsinn auftaucht (und ich wurde nicht enttäuscht), fälle ich dennoch kein negatives Urteil. Nicht nur, weil der Einband so schön ist. Luciana und Bruder Guido, die sich beide im Lauf der Handlung neu erfinden müssen, sind einfach zu liebenswert, und die Autorin ist mir ebenfalls sympathisch. Denn auch wenn sie's mit den Fakten nicht immer so hat, zwei Dinge rechne ich ihr hoch an: Sie ist klug und geschickt genug, die wachsende Vertrautheit zwischen ihren beiden Protagonisten nicht in einer detailliert beschriebenen Liebesszene gipfeln zu lassen. Und sie verzichtet in ihrem kurzen Nachwort darauf, sämtlichen Bibliotheksangestellten zwischen London und Florenz sowie ihrem großartigen Mann, den wundervollen Kindern, der Schwiegermutter, dem Zeitungsmann und dem Kanarienvogel für die unendliche Unterstützung zu danken.

Vier Sterne für Luciana, Bruder Guido und die Primavera und zwei für den Verlag, der die Kosten für die schöne Gestaltung besser in eine aufmerksame Textkorrektur investiert hätte.
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Kommentare

Von 3 Kunden verfolgt

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1-6 von 6 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 25.09.2011 16:33:14 GMT+02:00
Rapunzel meint:
Jetzt bin ich (wie damals bei der "Entscheidung der Magd") schon wieder beim herumschmökern auf eine Rezension von Ihnen gestoßen. Und fand sie nicht nur hilfreich, sondern habe mich - erneut - köstlich amüsiert. Dafür ein dickes Danke schön! :o) Ich werde mir heut abend mal alle Ihre Rezensionen zu Gemüte führen. Und dabei hoffentlich keine Lobeshymnen an den Milchmann, den Nachbarn und den Kanarienvogel (genial! *g*) finden. ;o)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 26.09.2011 21:43:13 GMT+02:00
Muschelkalk meint:
Da freue ich mich sehr, Rapunzel, und überlege ernsthaft, die nächste Rezension mit einem Dank an meine Tastatur und den Wasserkocher enden zu lassen - und an all die eifrigen Mit-Rezensenten, deren wertvolles Feedback und moralische Unterstützung mich immer wieder motiviert. Oder so ähnlich ;-)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 18.10.2011 01:55:27 GMT+02:00
Sagen Sie, Frau Muschelkalk, gibt es eine Mailadresse, unter der man Sie kontaktieren kann? Ihre Rezis sind ja wirklich mehr als amüsant, dazu würde ich Ihnen gern was schreiben!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 18.10.2011 17:23:36 GMT+02:00
[Vom Autor gelöscht am 02.11.2011 18:18:05 GMT+01:00]

Veröffentlicht am 07.07.2013 11:27:32 GMT+02:00
Carfax meint:
Vielen Dank für diese Rezension; aufgrund der zuerstgelesenen hätte ich mir das Buch wohl gekauft. Anachronismen, zumal wenn sie gehäuft auftreten, und schlechte Recherche machen mich allerdings wahnsinnig. Danke also, daß sie mich vor einem Fehlkauf bewahrt haben!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 06.10.2013 11:30:54 GMT+02:00
Alfa Fähe meint:
Eine wirklich gelungene und auf den Punkt gebrachte Rezension!
Ob ich das Buch nun lesen werde??? Ich bin, was Anachronismen angeht, ziemlich empfindlich und was ich aus der Rezension herauslese, scheint die Autorin diesbezüglich gewaltig gepatzt zu haben. Schade dann auch, wenn die Übersetzung auch noch so schlecht ist. Wenn so etwas passiert, wüsste ich immer gerne, wie viel da zu Lasten der Übersetzung geht.
Anscheinend ist es ja dennoch eine spannende Geschichte, mal sehen, ob ich mir dieses Buch "antu"...
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