Kundenrezension

9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Pop-Porn auf solider Vinylausgabe, 22. Februar 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Artpop [Vinyl LP] (Vinyl)
--- Inhalt ---

Lady Gagas drittes volles Studioalbum (die EP THE FAME MONSTER einmal ausgeklammert) mit dem Titel ARTPOP ist das wahrscheinlich interessante der exzentrischen Künstlerin. Es klingt nämlich nach etwas Eigenständigem und nicht nach etwas, das sie aus der Plattensammlung ihrer Eltern zweckentfremdet hat. Dass sie sich in der Vergangenheit von Madonna und anderen Popikonen inspirieren ließ, möchte ich ihr gar nicht ankreiden. Meiner Meinung nach ist die frühere Gaga die Verkörperung der guten alten Zeit, als alles irgendwie frisch und besser war.

Mittlerweile ist sie wohl an einem Punkt angekommen, an dem sie zu sich selbst gefunden hat und sich von dem inspirieren lässt, das sie geschaffen hat. In dieser Selbstfindungsphase hat sie allerdings das Rad nicht neu erfunden. Vom Genre her liegt zugegebenermaßen abwechslungsreicher Pop vor, der mehr oder minder das Beste aus den heutigen Charts wiedergibt. Lady Gagas Kunstpop liegt irgendwo zwischen Neunziger-Eurodance und Dubstep (SWINE, DONATELLA), R'n'B (DO WHAT U WANT), Siebziger-Discovibes (ARTPOP) und dröhnendem Gangster-Rap (JEWELS N’ DRUGS mit T.I., Too $hort und Twista). Nur kennt man diese klanglichen Gewänder, die sich Lady Gaga überstreift, einfach zu gut.

Inhaltlich präsentiert sie sich als toughe Powerfrau. Viele ihrer neuen Stücke haben Sex und die darin gespielten Machtverhältnisse zum Grundthema, zum Beispiel G.U.Y., DO WHAT U WANT im Duett mit R. Kelly und natürlich SEXXX DREAMS, mein persönlicher Anspieltipp. Er enthält einen hypnotisierenden Mitwippbeat, den man gut und gerne als Sex für das Ohr bezeichnen kann. Der Sound des Tracks ist schlichtweg so kaputt und die Synthies extrem zerschmettert wie in GOVERNMENT HOOKER der BORN THIS WAY-Platte. Dieser Mut zur paradoxen eingängigen Hässlichkeit steht total für Lady Gaga, genauso wie ihr Hang zur bewussten Provokation. In MARY JANE HOLLAND singt sie in wohlbekannten Metaphern über Haschischkonsum; Geräusche vom Anzünden eines Joints kann man außerdem am Anfang und Ende vernehmen.

Daran schließt sich DOPE an, das sich, dem Titel nach zu urteilen, anscheinend genauso mit dieser Thematik beschäftigt. Aber weit gefehlt: Auf jedem Album befinden sich schließlich eine oder zwei Balladen, die ihre gesanglichen Qualitäten in den Vordergrund stellen. ARTPOP weist in diesem Sinne eben DOPE und GYPSY als solche vor. DOPE ist die wahrscheinlich schönste, die sie je gemacht hat. Lady Gaga sitzt zuerst nur am Piano und trägt den Songtext von bedingungsloser Liebe gefühlvoll vor. Die Höhepunkte auf ihren Konzerten bilden genau diese Nummern, die sie ohne viel Trara am Klavier vorträgt. Die eingeschobenen Synthies wirken in der Ballade etwas deplatziert, aber trotzdem verfehlt DOPE ihre Wirkung nicht.
Bei GYPSY wurde noch mehr Tempo hinzugefügt. Die sprachlichen Spielereien zum Schluss ('Cause I'm, I'm, I'm, I'm, I'm, I'm a gypsy, gypsy, gypsy, gypsy, I'm...) ähneln nicht nur stark jenen aus MARRY THE NIGHT, sondern das Lied lehnt sich auch thematisch an die frühere Singleauskopplung aus BORN THIS WAY an. Lady Gaga mimt hier den "Lonely Hunter", eine rastlose Frau, die ungern allein einschläft, aber trotzdem die Aufregung neuer Eroberungen liebt.

--- Die Doppel-Vinyl ---

Etliche Male wurde die analoge Ausgabe von Lady Gagas ARTPOP verschoben. Man musste sich zwangsläufig fragen, ob sie aufgrund des schwachen CD-Absatzes vielleicht noch gestrichen wird. Doch jetzt, dreieinhalb Monate später, kann man die Vinyl endlich in Händen halten.
Nach der ganzen Vorfreude stellt sich aber schnell Ernüchterung ein. Die Fertigung der beiden Platten ist mehr als dürftig. Die Pressung ist optisch nicht ganz sauber, das heißt, dass mitunter kleine Kratzer auf der Oberfläche des Vinyls auszumachen sind. Wenn man eine fabrikneue Schallplatte kauft, erwartet man eigentlich eine makellose Oberfläche. Zum Glück führen diese Kratzer zu keinerlei Verfälschungen des Klangbildes.
Lady Gagas Musik ist bekanntlich immer laut, auch wenn sie leise gespielt wird. Dies verweist auf den Trend der Popindustrie, die Aufnahmen für die Masse so laut wie möglich abzumischen, damit sie unterwegs oder im Auto Nebengeräusche besser ausblenden können. Das geht jedoch auch mit einer dürftigen Dynamik, welche Musik eigentlich lebhaft macht, und zahlreichen Übersteuerungen einher. Die Vinylausgabe kann solche Verzerrungen oftmals "glätten", wenngleich nicht immer perfekt. Falls man die CD von ARTPOP oder deren MP3-Dreigabe, die Amazon mit Erwerb dieses Albums kostenlos zur Verfügung stellt, kennt, wird man kaum überrascht sein, dass auch die beiden ARTPOP-LPs stellenweise matschen.
Im Direktvergleich schneiden sie aber immer noch besser ab als die CD, denn die große Stärke der Vinyl ist die Darstellung ihrer Tiefen. Diese kommen doch viel eindrucksvoller auf dem analogen als auf dem digitalen Medium zum Tragen (Anspieltipps hierfür: JEWELS N' DRUGS und DONATELLA).
Wie ist das Set eigentlich verpackt? Auf dem Klappcover befinden sich einige leuchtende Applikationen, wie zum Beispiel die rosafarbenen Buchstaben von Lady Gagas Namen. Die Hülle wurde zudem in Hochglanzpappe veredelt. Im Inneren der Hülle findet man eine zweiseitige Aufnahme von Lady Gaga, die in diesem Moment vermutlich von Jeff Koons vor einer weißen Wand fotografiert wird, vor.
Etwas unglücklich wurden die Labels der Schallplatten gestaltet. Es befinden sich nämlich keine Seite-A bzw. Seite-B-Bezeichnungen darauf. Bei der zweiten Vinyl kann man aufgrund der Songanzahl sehen, welche die richtige Seite ist. Beim Auflegen der ersten mit jeweils vier Titeln muss man im Gegensatz dazu Rätselraten.
Zuerst total übersehen, aber vorhanden: Die Songtexte wurden auf einem Lyricsheet im Kartonärmel der ersten LP beigegeben.

--- Fazit ---

ARTPOP ist mitnichten eine klangliche Innovation für die Popwelt, aber inhaltlich das Beste, das Lady Gaga bisher geschaffen hat. Hätte man vielleicht eine andere Leadsingle als APPLAUSE gewählt, würde es mehr Zuhörern und nicht nur ihren treuergebenen Fans scheren, über was sie auf ARTPOP zu berichten hat. Lady Gaga bleibt nämlich trotz alledem eine Marke, deren Stempel sie in jedem der fünfzehn neuen Titel heraufdrückt. Solch dubiose Texte über sexuelle Befreiung kann nur sie so überzeugend an die Hörerschaft bringen.
Für die Ausgabe auf Vinyl hat man sich so lange Zeit gelassen und man hätte wirklich noch mehr herausholen können: optisch zwar ein echter Eyecatcher mit den vielen Applikationen, aber dafür klanglich nur bedingt besser als die CD (Vielleicht wäre 180-Gramm-Vinyl angebracht gewesen?) - insgesamt trotzdem eine gute Wertung von vier Sternen.
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Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

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1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 28.02.2014 21:12:09 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 28.02.2014 21:39:06 GMT+01:00
ahansi meint:
Super Rezension, alles richtig gemacht, jedoch behaupte ich jetzt mal, meine Vinyls sind ohne Kratzer, klingen auf jeden Fall kraftvoll, laut und dennoch vinyl- samt. So soll es auch sein. Weiche Bässe kommen nicht zu kurz, ihre Stimme ist dazu grandios, nicht übersteuert. Gagas Vinyl`s sind insgesamt immer wieder etwas Besonderes. Selbst ihre 45" Picture Vinyls haben einen kraftvollen aber weichen Bass, da kommt keine ihrer CD`s mit.

Eines noch: Zitat: "Vielleicht wäre 180-Gramm-Vinyl angebracht gewesen?"
Also ich mag mich irren, bei meiner Ausgabe handelt es sich um 180 Gramm- Vinyls.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 01.03.2014 19:40:47 GMT+01:00
D. Model meint:
Erst einmal vielen Dank für das Lob! :)

Ich stimmen Ihnen auch auf jeden Fall bei der Aussage zu, dass die Vinyl von ARTPOP besser klingt als deren Pendant auf CD. Trotzdem finde ich nicht, dass das Beste herausgeholt wurde. Bei DONATELLA höre ich beispielsweise zum Beginn immer noch Übersteuerungen (deutlich bei "I'm skinny"). Dass diese jedoch nicht so stark vernehmbar sind, wie bei der CD, das mag ich gar nicht bestreiten. Es geht allerdings noch besser. THE FAME mit ihren ganzen Klangspielereien und hoher Dynamik bleibt für mich qualitativ ihre beste Platte. Schade, dass man sich nicht an dieser Art der Abmischung festgeklammert hat, dann könnten Lady Gagas fortführende Werke noch schöner wirken.

Es kann sich bei ARTPOP um keine 180-Gramm-LPs handeln. Wenn man z.B. Katy Perrys LP-Ausgabe von PRISM dagegen hält, die aus diesem Material gepresst wurde, dann fällt Katys wortwörtlich schwerer ins Gewicht.

Veröffentlicht am 16.04.2014 00:30:06 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 16.04.2014 00:33:23 GMT+02:00
Waldbär meint:
Ich habe überlegt, eine Rezension zu schreiben, aber in dieser hier steht quasi alles drin, was ich sagen wollte. :-)

Zwei Punkte würde ich allerdings noch mal betonen wollen:
1. Die Dynamik-Kompression selbst auf einer Vinylausgabe so zu betreiben wie hier ist peinlich und macht die Wirkung der Musik nur kaputt. Ich frage mich, wie gut die fetten Texturen z.B. in Mary Jane Holland wirken könnten, würden sie nicht in jedem Beat zusammengestaucht (statt dass der Beat einfach dazukommt). Und bei akustisch konzipierten Songs wie Dope ist es einfach nur eine Schande - ich mag sogar die Synthies darin, aber dass sie den wunderbar klaren Gesang zermatschen ist nett formuliert völlig unnötig.
2. Ich finde Artpop ehrlich gesagt (musikalisch) besser als Fame. Fame ist im Vergleich doch schon stellenweise sehr einfach gestrickt - Artpop hat da viel mehr Biss und unterschiedliche Klangeindrücke auch innerhalb der Songs. Von mir aus soll Gaga gerne so weiter machen. Ich habe zwar etwas den Eindruck, dass das für manchen Mainstream-Hörer jetzt schon zu hart ist (siehe auch die meisten 1-Stern-Rezensionen hier), aber ich find's super. :-)
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