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Kundenrezension

15 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Der Kreis schließt sich, 30. März 2013
Rezension bezieht sich auf: Delta Machine (Deluxe Edition) (Audio CD)
Als ich Ende 1981 oder Anfang 1982 in dem Plattenladen meines Vertrauens die Langspielplatte SPEAK & SPELL von einer mir vollkommen unbekannten Band namens Depeche Mode erwarb, ahnte ich nicht, dass ich damit a) mithelfen würde, für den ersten Eintritt dieser Gruppe in die deutschen Charts (Platz 49) zu sorgen, und b) dass dies der Beginn einer nunmehr über dreißigjährigen inneren Verbindung zu dieser Band sein würde.

Ich fand die Scheibe ganz hübsch und hörte sie mir des öfteren an. Sie hatte zwar nicht viel von dem dramatisch-melancholischen Synthesizerpop meiner damaligen Lieblingsband Orchestral Maneouvres in the Dark, aber Songs wie "Puppets", "Photographic" und "Any Second Now (Voices)" schienen darauf hinzuweisen, dass da letztlich irgendwann mehr sein könnte als nur harmlose Tanzschlager wie das nette "New Life" oder das mit seinen ständigen Wiederholungen schnell etwas nervende "Just Can't Get Enough".

Die Mitglieder von Depeche Mode waren damals in etwa so alt wie ich und sind es daher natürlich heute immer noch. Viele, viele Lebenserfahrungen liegen zwischen 1981 und 2013, und dass es die Band heute immer noch gibt, kann fast als ein Wunder bezeichnet werden. Das liegt aber natürlich auch daran, dass ihnen ihre Fans (Pardon: Devotees!) geradezu sklavisch verfallen sind. Allerdings bot die Band im Laufe der Jahre ja auch eine Projektionsfläche für sehr verschiedene Menschen: Popper, New Romantics, Schwarzkittel, Normalos, Teeniegirls, schwule Jungs (und Männer), SM-Anhänger, Theologiestudenten, Elektronikfreaks, Technojünger bis hin zu 'konservativen' Rockfans.

Der Abschied von Klangzauberer Alan Wilder machte das perfekte Quartett 1995 zum fragilen Trio und sorgte - ähnlich wie bei R.E.M. 1997 nach dem Weggang von Bill Berry - für nicht zu unterschätzende Veränderungen im Verhältnis der Mitglieder untereinander und für kreative Blockaden.

Mit Alben wie dem melodielos-düsteren ULTRA, dem technoid-kalten EXCITER und dem fast ebenso uninspirierten PLAYING THE ANGEL enttäuschte die Band viele Langzeitfans, und auch SONGS OF THE UNIVERSE konnte 2009 trotz eines leichten Aufwärtstrends nicht wirklich überzeugen. Die Auflösung von Depeche Mode schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein.

Und nun also DELTA MACHINE. 'Delta' (vermutlich abgeleitet von 'Mississippi Delta') steht für den Blueseinfluss des Chefsongschreibers Martin Gore und 'Machine' natürlich für den stets präsenten Synthesizersound der Gruppe.

Eigentlich wollte ich mir das neue Album nicht mehr kaufen, denn zu sehr hatte mich die Band in den letzten Jahren enttäuscht. Doch was soll man machen, wenn man nach all den Jahren endlich erstmals eine Karte für ein DM-Konzert erworben hat (Hamburg, 17. Juni 2013)? Da muss man die neuen Songs doch wenigstens vorher mal gehört haben! ;-)

Die übliche Vorab-Single kam diesmal völlig anders daher als in den Jahren zuvor: "Heaven" ist ein ruhiges, langsames Stück, das seinen Höhepunkt in dem von Dave Gahan und Martin Gore gemeinsam interpretierten Refrain hat, der bei mir immer wieder für Gänsehaut sorgt und mich auch schon mal zu Tränen der Rührung treiben kann. Ein wunderbarer, ja genialer Song, der das Gefühl beschreibt, sich im Hier und Jetzt auf nicht erklärbare Weise glücklich und fast wie im Himmel zu fühlen. Ich könnte diesen Song auch gerne fünf Mal hintereinander hören, ohne dass er mir jemals zu viel werden würde.

So weit, so gut. Die erste Single war fast immer Klasse, doch was dann auf dem dazugehörigen Album kam, konnte damit in den letzten Jahren nicht im Entferntesten mithalten. Wie würde das Testergebnis also diesmal ausfallen?

Der Opener "Welcome To My World" (Martin Gore) gibt das beherrschende Tempo des Albums vor: ein wenig schleppend, sich im Refrain steigernd mit großem Duogesang von Gahan und Gore. Ich würde fast wetten, dass dies der Auftaktsong ihrer Konzerte sein wird: 'And if you stay a while, I'll penetrate your soul / I'll bleed into your dreams, you'll want to lose control / I'll weep into your eyes, I'll make your visions sing / I'll open endless skies, and ride your broken wings / Welcome to my world'. Ganz großes Kino, ganz großer Kitsch. Die Fans werden jedes Wort mitsingen. 4/5

In "Angel" (Gore) präsentiert sich Dave Gahan stimmlich zunächst überraschend rau und böse, ehe der Song in einen wunderbar sanften, melancholischen Refrain mündet. 'O leave me here forevermore / I've found the peace I've been searching for'. Religiöse Errettung? 4/5

Über "Heaven" ist schon alles gesagt, obwohl man darüber eigentlich gar nicht genug sagen kann. 5/5

In "Secret To The End" (Gahan) machen sich DM einen diebischen Spaß daraus, den Klang der analogen Synthesizer ihrer Anfangsjahre hervorzukramen. Insgesamt ein überraschend guter Song von Dave, in dem allerdings zu oft die Zeile 'Should have been you' wiederholt wird. Daher auch nur 3,5/5

Im Text von "My Little Universe" beschreibt Martin eindrucksvoll, dass er trotz aller persönlichen Weiterentwicklung doch stets in seiner eigenen kleinen Welt verharren wird: 'Here I am king / I decide everything / I let no-one in / No-one / No-one / No-one'. O, ich kenne das nur allzu gut! Konsequenterweise geht es musikalisch auch hier ganz, ganz weit zurück in die Anfangstage der Band. Herrlich simple Synthies galore! 3,5/5

Ein kleines, feines Gitarrenriff führt uns durch das bluesige "Slow" (Gore), gelegentlich unterminiert von schraddelnden Synthesizersounds. Dave singt das sehr gut, doch auch hier wird es besonders toll, wenn Gahan und Gore gemeinsam ihre Stimmen erheben. 4/5

Mit "Broken" (Gahan) geht's dann erneut ganz weit zurück in die Achtziger. Ein Single-tauglicher Ohrwurm, der auch gut auf BLACK CELEBRATION oder MUSIC FOR THE MASSES gepasst hätte. 4/5

"The Child Inside" (Gore) ist leider der einzige Song, in dem Martin den Leadgesang bestreitet. Warum nur in diesem einen? Die besten Alben von DM waren jene, in denen er sich gesanglich richtig einbrachte. Auf jeden Fall ist diese Ballade wunderschön und ein wenig depressiv: 'The child inside you died'. 4/5

"Soft Touch/Raw Nerve" (Gore) ist mit seinem stoischen Rhythmus dann endlich einmal eine reine Uptempo-Nummer. Erinnert ebenfalls an die Achtziger und könnte eine gute Single abgeben. 4/5

"Should Be Higher" (Gahan) zeigt Dave sowohl kompositorisch als auch gesanglich in guter Form. Und der Titel wird mit jedem Hören besser. 3,5/5

"Alone" (Gore) bietet dramatische Klangflächen á la Ultravox/OMD und einen wunderbar melodischen Refrain. Ein Song über vergebliche Unterstützung und Hilfe: 'I couldn't save your soul / I couldn't even take you home / I couldn't fill that hole / Alone'. Großartig und sehr, sehr traurig. 5/5

"Soothe My Soul" (Gore) wird die zweite Single werden und fasst vieles zusammen, was Depeche Mode der Welt seit, sagen wir, MUSIC FOR THE MASSES, gegeben haben. Dürfte bei den Live-Shows gut abräumen. 4/5

Apropos Live-Shows: Diese werden (vor oder nach den Zugaben?) sicherlich mit "Goodbye" (Gore) zu Ende gehen. Die Gitarre und der lediglich aus einem Wort bestehende Refrain erinnern an die Beatles und werden garantiert zigtausende von Zuschauern zum Mitgrooven und Mitsingen animieren. 4/5

Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass DELTA MACHINE mich nicht nur positiv überrascht hat, sondern über weite Strecken sogar begeistert. Sehr, sehr lange haben Depeche Mode nicht mehr ein solch inspiriertes und in sich stimmiges Album abgeliefert. Mit der Deluxe-Ausgabe schenken uns Gore/Gahan/Fletcher insgesamt sogar 17 (!) neue Songs, und kein einziger davon ist wirklich schwach.

Was sagt uns das? Dass wir es hier nach vielen Jahren des Zweifels, der Unruhe und der inneren Zerwürfnisse offenbar endlich wieder mit einer ausgeglichenen und in sich ruhenden Band zu tun haben. Wie sagte Martin Gore kürzlich in seinem Interview mit einer deutschen Musikzeitschrift: 'Mir geht es sehr gut, danke. Und als Band sind wir heute sicher glücklicher als je zuvor. Es ist immer die gleiche Geschichte, man wird älter und erwachsener, Prioritäten im Leben ändern sich, und am Ende realisiert man: Viele Dinge, über die wir uns in der Vergangenheit gestritten haben, waren eigentlich völlig unwichtig'.

Letzteres glaube ich übrigens nicht, Martin. Die Dinge sind hoffentlich nur endlich wirklich ausgesprochen und bereinigt worden. Und das hat der Band letztlich zu einem neuen kreativen Höhenflug verholfen. Ich freue mich auf das Konzert im Juni und würde jeden einzelnen der dreizehn Songs des Originalabums, der dann nicht gespielt wird, vermissen.

Der Kreis schließt sich. Für Depeche Mode und für mich. See you in Hamburg!
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Kommentare


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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 30.03.2013 11:46:35 GMT+01:00
sehr gute rezi, gut geschrieben und quasi 100% d`accord. danke. ty DM for DM!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 04.06.2013 11:38:59 GMT+02:00
H. Schwoch meint:
Danke schön! :-)
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