Kundenrezension

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Tourist mit Schreibmaschine und die Erlösung des einfachen Mannes, 13. Dezember 2013
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Rezension bezieht sich auf: Barton Fink (DVD)
New York 1941: Der junge Dramatiker Barton Fink (John Turturro) wohnt deprimiert hinter der Bühne der Aufführung seines neuen Stückes bei, eines Dramas über das Leben und den einfachen Mann, das vom Ensemble schwülstig, lieb- und seelenlos dargeboten wird. Ein künstlerisches Fiasko, Publikum und Kritik sind begeistert – Bartons Durchbruch. Sogleich rät ihm sein Agent doch nach Hollywood zu gehen um sein Talent und seinen neu gewonnenen Ruhm zu Geld zu machen und sich ein weitaus breiteres Publikum zu erschließen. Eine Idee die dem glühenden Idealisten Fink nicht nur fremd, sondern gar zuwider ist, kommt sie doch einer Prostitution seiner Ideale gleich, aber auch etwas bestechendes hat. In Hollywood angekommen trifft er auf Menschen die schneller reden als sie denken, denn Zeit ist Geld. Und Geld ist das einzige woran sie die ganze Zeit denken, wovon sie aber nicht reden. Zumindest anfangs nicht. Sie beauftragen Barton das Skript zu einem Catcher-Film zu schreiben. Einem Catcher-Film! Jawohl, Sie haben richtig gelesen.

Barton bezieht ein kleines Zimmer in einem Hotel jenseits des Hollywood-Zirkus' und vor allem seines Glanzes. Ein karges Zimmer mit einem quietschenden Bett, Tisch und Stuhl und einer schlichten, floral gemusterten Tapete. Tapeten sind aus Papier und machen die Wände schön, die sie bedecken. Und hinter ihnen finden die Geschichten statt, die das Leben schreibt. Doch wehe wenn sie beginnen sich abzuschälen! Hier lernt er Charlie Meadows (John Goodman) kennen; einen schlichten, fetten, grobschlächtigen Mann von jenseits der Tapete – jede Menge Projektionsfläche für Bartons Ideal vom einfachen Mann. Er arbeitet als Versicherungsvertreter, wobei er mit vielen Menschen zu tun hat und so manches erlebt – er könnte ihm Geschichten erzählen... Barton offenbart ihm seinen Traum von einem ehrlichen, jungen und neuen Theater, das sich dem einfachen Manne öffnet, und dem echten Leben. Charlie sagt, davon könne er ihm Dinge erzäh... Barton findet ihn großartig. Doch später, als er vor der Schreibmaschine und einem schlichten, weißen Blatt Papier sitzt, ist kein Leben dahinter und alles bleibt still. Denn wie könnte man schon über etwas schreiben das man nicht kennt und auch nicht kennenlernen wird, innerhalb dieser Wände mit ihren Tapeten, hinter denen man sich nicht hervorzulugen traut, und in Schuhe schlüpft die einem zu groß und nicht die eigenen sind.

Und so verlebt unser Autor von der traurigen Gestalt bedrückende und desillusionierende Tage in L.A., während er versucht ein Skript über einen Catcher zu schreiben, bedroht und gegeißelt von Mücken und anderen Blutsaugern, bis ihn die Muse eines anderen küsst und sich ihm schließlich das Leben, der einfache Mann und eine erschreckende Wahrheit offenbaren...

Mit „Barton Fink“ von 1991 gelang es den Coen-Brüdern im selben Jahr als Ersten und bislang Einzigen in Cannes sowohl die Goldene Palme für den besten Film, als auch den Preis für die beste Regie und den besten Hauptdarsteller abzustauben. Bei weitem nicht die einzigen Aspekte des Films die eines Preises würdig gewesen wären. Überragend ist auch die Kameraführung, die es versteht jede einzelne Szene in brillanten Bildern punktgenau und pointiert zu akzentuieren. Ebenso die Ausstattung, deren beziehungsvoller Detailreichtum allein schon eine separate Analyse rechtfertigen würde (Man beachte z.B. den wachkomatösen Fahrstuhlführer des Hotels oder das akkurate kleine Schildchen mit der Hausordnung an der Innenseite der Zimmertür des heruntergekommenen Hotelzimmers – allerliebst! Und wenn in diesem Film eine Schreibmaschine rattert ist es nicht Bartons, sondern die der Sekretärin des Produzenten Geisler, die hoffnungsvollen jungen Künstlern Absagen schreibt.).

„Barton Fink“ ist alles andere als eine leichte Komödie. Es war zweifellos nicht das höchste aller Ziele der Coens sich dem einfachen Manne zu öffnen. Vielmehr ist der Film eine ungeheuer beziehungsreiche, kafkaeske Groteske über das kreative, künstlerische Arbeiten unter dem kapitalistischen Kulturdiktat. Andeutungen, Anspielungen, Bezüge und Zitate sind in einer derartigen Fülle eingestreut und -geflochten, dass sie bei einmaligem Ansehen kaum zu erfassen sind. Bei aller Tiefe der coenschen Analyse bewahrt sich der Film dennoch stets einen erfrischend humorigen Grundton, der hier und da auch den Slapstick nicht gänzlich scheut. So gehen hier Humor und tiefste Depression eine eigenartige Fusion ein, die ich ähnlich bislang nur in Terry Gilliams „Brazil“ erlebt habe.

Die Figur des Barton Fink ist an den Dramatiker, Drehbuchautor und Regisseur Clifford Odets (1906-1963) angelehnt, einen glühenden Kommunisten der vor dem McCarthy-Tribunal einknickte und die Namen von Gesinnungsgenossen verriet. Ebenso spielt die von John Mahoney gespielte Figur W. P. Mayhew auf William Faulkner an.

Exzellent spielen, neben dem unvergleichlichen John Turturro, dessen Mimik und Gestik von einer vollkommen einzigartigen, skurrilen Virtuosität sind, vor allem auch die Urgewalt John Goodman und Judy Davis. In der Rolle des Filmproduzenten Ben Geisler begegnet uns zudem der damals noch relativ junge Tony Shaloub. Den exaltierten Film-Tycoon Jack Lipnick gibt Michael Lerner. Und in einer kleinen Nebenrolle, als lurchartiger Hotelpage mit viel zu knapper Uniform Chet, entdecken wir den wunderbaren Steve Buscemi.

Die kongeniale Filmmusik ist, wie bei Coen-Filmen üblich, von Carter Burwell („Fargo/Barton Fink“ von Carter Burwell).

Bild und Ton sind hervorragend. Letzterer tönt in Dolby 2.0 auf Deutsch und Englisch. Untertitel liegen ebenfalls in Deutsch und Englisch vor. Die für Coen-Verhältnisse leider mageren Extras umfassen lediglich acht Outtakes und eine Bildergalerie.
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Von 2 Kunden verfolgt

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1-10 von 19 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 14.12.2013 13:12:12 GMT+01:00
Gavin Armour meint:
Hallo M.B.!

Danke für diese Rezension - und dankedanke dafür, daß Du Faulkner als Vorbild für Mayhew nennst! Meist nämlich heißt es, das solle Fitzgerald sein...was habe ich deshalb schon für Auseinadersetzungen gehabt ;-)

Nein, im Ernst - Du beschreibst den Film wundervoll. Ich finde Deine Ansicht bemerkenswert, daß hier Komik (bis hin zum Slapstick, stimmt) mit tiefster - auch zu empfindender - Depression einhergeht. So ist es! "Barton Fink" kann quälend sein. "Brazil" wäre mir wohl nicht in den Sinn gekommen als Vergleich, aber es stimmt, es passt. Beide Filme, finde ich, kann man auch nicht in jeder Stimmung sehen, wenn man weiß, was auf einen zukommt.

Aber neben allem anderen - und für mich bald nach dem ersten Sehen eh die eigentliche Sensation - sind eben all die Ironisierungen und Seitenhiebe auf Hollywood. Und John Goodman, der mir hier ausgenommen gut gefällt.

Der Film ist wirklich großartig, mir mit "Fargo" und "Millers Crossing" der liebste von den dynamischen Brüdern. Ich bin sehr gespannt auf "ihr" Greenwich Village der frühen 60er Jahre...

Dir liebe Grüße,
Gavin

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 14.12.2013 13:51:51 GMT+01:00
Monty Burns meint:
Hi Gavin

Schön mal wieder von Dir zu hören. Und Danke für das Lob!

Ja, Hollywood ist hier sehr schön als menschenfressende Geldmaschine charakterisiert, mit all seiner exaltiert fett aufgetragenen, geheuchelten Menschenliebe, deren Hintergrundmotiv uns wohl allen klar sein dürfte. Falls nicht: "Barton Fink" gucken! Aber noch mehr beeindruckt hat mich die Zeichnung der Figur Barton, der sich als brennenden Kämpfer für das Wahre und Ehrliche und die Sache des einfachen Mannes sieht und sich dabei mit seiner uneingestandenen Arroganz in seinem Elfenbeinturm einsperrt und nicht auch nur auf die Idee käme dem einfachen Mann mal zuzuhören. Mich erinnerte das sehr an die 68er, die vor die Werkstore zogen um die Sache der einfachen Arbeiter zu vertreten und dort von denen ausgesperrt und ausgelacht wurden, denn natürlich war niemand von ihnen auf den Gedanken gekommen mal mit den Arbeitern darüber zu sprechen, was sie davon hielten und was sie denken. Missionierung von oben herab. Wie ich zugeben muss fühlte ich mich dadurch sogar selbst ein wenig ertappt. Auch diese Sache mit dem Catcher-Film: natürlich ist das eine ungemeine Provokation und Zumutung für einen kulturbeflissenen Feingeist, aber auf der anderen Seite ist natürlich genau das ein Stoff der sich für die Behandlung der Sache des einfachen Mannes geradezu anböte. So ist der Film voller subtiler Gegensätze und Doppelbödigkeiten. Letztlich scheitert unser Held dann ja sogar als er endlich doch noch zu wirklicher Kreativität findet, weil Hollywood damit nichts anzufangen weiß. Und dabei sind ja die Coens selbst eben auch Hollywood. Und auch jenseits der Coens spuckt Hollywood ja doch immer wieder bemerkenswertes aus. Wie auch immer das möglich sein kann.

Genial übrigens auch die Sache mit der Möwe am Schluss, die zweifellos nicht für diese Szene trainiert wurde, sondern wohl eher einer dieser penetranten Statisten war die sich gern ins Bild drängen. Wohl einer dieser schier unglaublichen, glücklichen Zufälle, denn dieses kleine Gimmick fasst in dieser beziehungsreich ins Off treibenden Schlussszene quasi das Schicksal unseres Helden zusammen, der in elegantem Flug, plötzlich abstürzte. Vielleicht sogar ohne sich dabei einzugestehen, dass es ihm in Wahrheit darum ging einen großen Fisch zu fangen. Kann mir geradezu bildlich vorstellen, wie sich die Coens über diesen segensreichen Zwischefall beömmelt haben mögen.

Das mit Faulkner und Odets verdanke ich übrigens der allwissenden Wikipedia. Will mich nicht mit fremden Federn schmücken.

Auf "... Llewyn Davis" bin ich auch sehr gespannt. Obwohl ich mich nicht zum Fankreis des American Folk zähle und von den Coens auch noch einiges andere zu entdecken habe. "Barton Fink" ist aber ganz sicher eines ihrer Meisterstücke.

Liebe Grüße und vorsorglich - falls wir uns nicht vorher nochmal sprechen - einen schönen dritten Advent,
M.B.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 15.12.2013 00:58:23 GMT+01:00
Monty Burns meint:
Noch ein Nachtrag übrigens zu dieser Sache mit Mayhew: Man braucht ihn nur mal mit Fotos von Faulkner und Fitzgerald zu vergleichen und es fällt sofort auf wem er nachempfunden ist.

Veröffentlicht am 18.12.2013 20:26:03 GMT+01:00
Hallo Monty,
hi Gavin,

schön, daß Du wieder ein paar Rezensionen eingestellt hast! "Barton Fink" war, wenn ich mich recht erinnere, der erste Coen-Film, den ich bewußt als Coen-Film gesehen habe, was mich dann dazu brachte, mit einer gewissen Manie meine Lücken in ihrem Schaffen zu vervollständigen.

Du hast schon recht, wenn Du sagst, daß Barton Fink nicht wenig arrogant ist, denn gerade der Künstler, der etwas über den "einfachen Mann" schreiben möchte, sollte dem "einfachen Mann" vielleicht einmal besser zuhören, anstatt ihn über Dramentheorie zuzuschwatzen. Andererseits - und jetzt könnte ich selbst vielleicht sogar als arrogant erscheinen -, ist ja die Art von Drehbüchern, zu der ihn Hollywood verpflichten will, etwas, das der "einfache Mann" gern verkostet, so daß Barton hier über einen Umweg - und sicher auch auf pervertierte Weise - dazu gezwungen wird, das zu schreiben, was er eigentlich schreiben will, aber nicht kann. Zum zweiten ist ja gerade die Art von Kunst, die für sich in Anspruch nimmt, die Welt des "einfachen Mannes" abzubilden und politisch, gar didaktisch zu wirken, oftmals unerträglich penetrant und predigend - cf. C. Odets, B. Brecht und wie sie alle heißen.

Just my two cents for now.

LG
Tristram

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 18.12.2013 21:12:02 GMT+01:00
[Von Amazon gelöscht am 19.12.2013 07:57:55 GMT+01:00]

Veröffentlicht am 19.12.2013 10:41:41 GMT+01:00
Gavin Armour meint:
Hallo M.B.,
Hallo Tristram!

Was ist mit Deinem Eintrag passiert, M.B.? Da waren doch gar keine "bösen" Wörter drin, die den Amazonfilter eine Warnung hätten auslösen lassen können...

Daß Barton Fink "gezwungen" wird, Boxerdrehbücher zu schreiben, ist übrigens ebenfalls eine Anspielung auf Faulkner (einerseits), auf das, was vielen sich "ernst nehmenden" Schriftstsellern in Hollywood passiert ist - sie wurden gewzungen, weit "unter" ihren Möglichkeiten zu schreiben. Es gibt die (wohl wahre) Geschichte, daß Faulkner von Jack Warner in senem "Büro" aufgesucht wurde und trank. Warner schnappte sich Faulkners Bleisitft und zeigte ihm, bis wohin der am Abend abgeschrieben zu sein hätte. Auch war es Jack Warner, der einst einem seiner Autoren den "Hamlet" um die Ohren schlug, den Hollywood Reporter hervorholte, auf dessen Titelseite direkt über 3 Morde berichtet wurde, und sagte: DAS ist mein Stoff! Keine Prinzen aus Dänemark". Obs wahr ist? Egal - es deutet aber an (was Irving Thalberg ja so dann auch mehrere Male bestätigt hat), daß Hollywood und seine Macher (und v.a. die frühen Studiobosse wie Cohen, Warner, Mayer usw) wirklich ein Gespür für Stoffe HATTEN. Sie waren vielleicht Monster, die meinten, mit Menschen umgehen zu können, wie es ihnen gefiel - doch hatten sie ein enormes Gespür dafür, was die Massen bewegte und was sie ihnen zeigen mussten. Sie wollten Erfolg, dazu mussten sie sich was einfallen lassen. Da sehe ich dann eben doch einen enormen Unterschied zu den namen- und gesichtslosen BWLern, die heute die Geschicke der großen Multikonzerne der Unterhaltung lenken. Die alten Bosse konnten nur Legenden werden, weil sie etwas von dem Verstanden, was sie taten (by the way - hat jemand die neu erschienen Biographie über Carl Laemmle gelesen?)

Die Studibossfigur hier ist ja eher an Mayer angelehnt (im Aussehen), doch weißt sie die Verhaltensweisen von Goldwyn oder Warner - also dieses Skrupellose - auf.

Barton Fink sehe ich allerdings etwas anders als ihr. Ich glaube nicht, daß es den Coens darum ging, einen überheblichen Intellektuellen bloßzustellen. Diese Figur ist (angelehnt - wie erwähnt - an Odets, doch war der nicht der einzige der diese Erfahurngen in Hollywood machen musste, letztendlich erging es selbst Arthur Miller nicht viel anders) schon auch tragisch. Er möchte seinen fisseligen Theorien anhängen. Das ist ja erstmal ok. Nur hätte er eben bleiben sollen, wo man ihn versteht - im intellektuellen New York mit seiner Liebe zum Theoretischen. Hollywood - und darin liegt dann das Lächerliche dieser Figur - ist ein Marktplatz der Eitelkeiten und Geschäftemacher, war es immer, es ist KEIN Ort der Kunst. Der Film spielt in dem Sinne einfach mt einem alten Mißverständnis und den sich daraus ergebenen Komplikationen, fast wie ein Screwball Comedy...

Charlie - solange er eben "nur" ein reisender Verterter ist - steht natürlich für den sogenannten "kleinen Mann", doch würde ich sagen, wenn Charlie zum Serienmörder, eigentlich ja schon zum Teufel - oder Dämon - mutiert, stellen die Coens dem Kleinbürgertum (amerikansicher Provenience) ein mindestens ebenso schlechtes Urteil aus, wie dem kleinen Intellektuellen. Immerhin sehen sie im "kleinen Mann" auch den entfesselten Spießer (also den entfesselten Faschisten) am Werk. Letztlich - wenn man den Film unter diesen Prämissen sehen will (und nicht einfach als ein recht gelungenes Spiel mit Hollywoodanekdoten/klischees) - stellen die Coens also dem Showbiz und seiner Wirkung auf ein kleinbürgerliches Amerika dann doch ein extrem schlechtes Zeugnis aus...bestenfalls geben sie ihrer Skepsis gegenüber ihrem Heimatland und den darin verborgen schlummernden Kräften Ausdruck.

Grüße,
Gavin

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 19.12.2013 11:01:17 GMT+01:00
[Von Amazon gelöscht am 20.12.2013 07:32:06 GMT+01:00]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 19.12.2013 12:36:46 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 20.12.2013 10:12:14 GMT+01:00
Monty Burns meint:
Hallo Gavin!

Habe gerade Tris nochmal geantwortet. Es lag wohl an dem vom Dude und seinen Kumpels so inflationär gebrauchten F-Wort.

Gerade hatte ich Dir schon einen recht langen Text geschrieben, dann aber im Eifer des Gefechts kurz vor Schluss versehentlich die Strg- statt der Shift-Taste gedrückt als ich ein großes W schreiben wollte, sodass die Seite geschlossen wurde und alles im Orcus verschwand. Drum nun ein vermutlich etwas kürzerer neuer Versuch.

Ich würde meine Aussage über die Figur Barton nicht darauf verkürzt sehen wollen, dass er arrogant ist. Das ist nicht das Wesentliche an ihm. Er ist vor allem in sich widersprüchlich. Er macht sich und der Welt etwas vor - wie so viele die Künstler sein wollen um Künstler zu sein und nicht wirklich um Kunst zu machen. So ist es vielleicht nicht nur Arroganz die dazu führt, dass er Charlie nicht zuhört, sondern eher Ignoranz, Betriebsblindheit. Es gäbe sicher Begriffe die es noch besser träfen. Auffällig ist aber doch, dass er das eben nicht tut. Auffällig ist auch z.B. dass er von der Aufführung seines Stückes zu Beginn des Films alles andere als begeistert ist, den Applaus und Ruhm dafür letztlich dann aber doch gern entgegen nimmt und trotz seiner Abneigung gegen den kapitalistischen Moloch Hollywood eben genau dorthin geht um ihn für sich zu nutzen. Er ist insofern mindestens korrupt. Tendenziell ebenso wie sein Idol Mayhew, das mittlerweile nichtmal mehr schreibt, sein Gewissen und seine Ideale im Alkohol ertränkt, den Ruhm und das Geld aber einstreicht und dazu lächelt. Und: Mir liegt das Metier der Ringer, Boxer usw. weiß Gott auch nicht; für jemanden der über den einfachen Mann schreiben und seine Sache vertreten will kann aber doch gerade dieses eine wahre Fundgrube sein. Das sollte doch wohl klar sein. Auch darin sehe ich einen gravierenden Widerspruch in der Figur Barton Fink. Er lobpreist den kleinen Mann, der dafür aber auch gefälligst so zu sein hat wie er, Barton, ihn sich vorstellt. Da sind die Coens übrigens anders gestrickt. Bei denen dürfen, einfache Männer und Frauen z.B. bärbeißige Marshalls sein die dem Alkohol verfallen sind und vor resoluten, kleinen Mädchen kuschen, aber im rechten Augenblick ihre Courage zu exhumieren wissen. Oder gewinnende Looser wie der Dude, arbeitslos, mit Patina am Toilettendeckel und ohne Ambitionen, und seine Freunde. Oder die trutschige Marge Gunderson. Lauter normale Menschen voller Fehler, relaxt, aufmerksam und liebevoll dargestellt. Voll das Leben!

Mit Deiner Anmerkung über Charlie hast Du Recht. Die Coens idealisieren den "kleinen Mann" nicht. Sie sind eben keine Prediger wie Barton. Dennoch ist Charlies Mutation zur mörderischen Bestie vielleicht auch gerade solchen Predigern wie Barton zu verdanken, die den "Kleinen Mann" eben auch nicht wirklich ernst nehmen und ihn achten, sondern ihn missionieren, bevormunden, benutzen und nach ihren Vorstellungen formen wollen und damit dessen aggressive Reaktion provozieren. Man könnte sagen, dass sie ihm gegenüber Gott spielen wollen und die fiese Dialektik der Dinge damit zwangsläufig den Teufel im kleinen Manne weckt. Glänzende Helden gibt es in diesem Spiel nicht.

Lipnick soll übrigens, laut Wikipedia, an Mayer und Selznick angelehnt sein. Ich würde mir darüber kein Urteil zutrauen, weil ich mich mit beiden nicht genügend befasst habe. Über den Zwiespalt der Produzenten haben wir, glaube ich, schonmal anderswo gesprochen. Es ist, denke ich, verständlich, dass sie mit ihren Filmen, die ja enorme Investitionen bedeuten, auch etwas verdienen wollen. Ohne das wäre Filme machen wohl auch nicht möglich. Auf der anderen Seite verhindert natürlich die Fixierung auf diesen Aspekt oft, das irgendwie relevante Filme überhaupt entstehen. Ein ständiger Drahtseilakt und sicher sehr aufzehrend für Regisseure die ambitioniert sind irgendwas von Belang machen zu wollen. Man kann das, denke ich, sehr plastisch an der "Alien"-Reihe sehen. Ausgangssituation des Films "Alien" war, der Überlieferung nach, dass "Star Wars" damals Weltraum-Movies in Mode gebracht hatte, aber kaum Drehbücher dieser Thematik auf dem Markt waren. Da begab es sich glücklich, dass der kleine Film-Freak Dan O'Bannon gerade eines im Angebot hatte, das er eigentlich schon Roger Corman anbieten wollte, und er obendrein beim versickerten "Dune"-Projekt von Alessandro Jodrowsky ein paar gute Leute kennengelernt hatte (Moebius, Giger...). Als die Produzenten dann auch noch den jungen, ambitionierten Ridley Scott engagierten nahm ein seltener Glücksfall seinen Lauf, über den die Produzenten, ungeachtet dessen, dass das Ergebnis künstlerisch außergewöhnlich niveauvoll ausfiel, sicher sehr glücklich waren. Dennoch ist die Zielgruppe der Genres in die "Alien" fällt gemeinhin nicht auf Kunst und Tiefgang abonniert. Weshalb die Fortsetzung dann auch weit kommerzieller ausfiel und auch der dritte und vierte Teil sehr unter dem Diktat der Produzenten zu leiden hatte. Rein finanziell mögen diese von ihrem Vorgehen durchaus profitiert haben. Der Qualität der Filme hat es nicht genützt. Bei Filmen anderer Genres sieht das sicher ganz anders aus. Zum einen verschlingen sie weniger Geld für Effekte und Ausstattung, zm anderen ist zu erwarten, dass deren Zielgruppe mehr Anforderungen an den Inhalt und gewisse Aspekte der Form stellt. Langer Rede kurzer Sinn: BWL spielt beim Filme machen immer eine Rolle, wenn BWLer allgemein auch für mich eher für Unkultur stehen. Aber wenn man nicht nur einen sondern auch danach noch Filme machen will ohne sich und andere in den Ruin zu stürzen wird man auf die Bilanzen achten müssen.

So, nun bloß nicht die falsche Taste drücken. Sei herzlich gegrüßt,
M.B.

Veröffentlicht am 20.12.2013 10:21:31 GMT+01:00
Monty Burns meint:
Kurios! Ich habe gerade festgestellt, dass Amazon nun auch meinen entschärften Post, in dem ich das böse F-Wort mit Sternchen verfremdet habe, gelöscht hat. Offenbar hat Amazon ein Problem damit wenn man schmutzige Wörter, selbst in selbst zensierter Form, aus einem Film zitiert. Diesen Film aber zum Kauf anzubieten, damit hat Amazon kein Problem. Bizarre Doppelmoral.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 20.12.2013 11:27:26 GMT+01:00
Gavin Armour meint:
Hallo M.B.,

melde mich später auf Deinen längeren Post, an dieser Stelle lediglich dies: Ich hab das neulich ebenfalls mit dem entsprechenden Wort erlebt! Umschreiben, immer umschreiben ;-)

Grüße,
Gavin
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