Amazon.de: Gerd Lodenkmper "Pfef...ss Rezension von Die Habenichtse
Kundenrezension

 
63 von 79 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen Wunschkinder - interessanter Roman von uninteressaanten Menschen, 19. April 2006
Die zwischen 1965 und 1975 Geborenen, also die Dreißig- bis Vierzigjährigen, sind das Thema dieses „Romans wie Valium"(kulturnews.de), der zur Zeit auf Platz 1 der Bestenliste des Südwestfunks steht(,bei der es ernsthaft um die besten, nicht die meistverkauften Romane geht, so daß man sich natürlich mit dem Gefühl, etwas Verwerfliches, wenn nicht gar Verbotenes zu tun, daran macht, etwas Gewöhnliches wie eine Kunden-Rezension zu schreiben,).
Um die heute mittelalte Generation geht es also, die schon von Geburt an begünstigt gewesen sein soll - sie waren die ersten trotz Pillenknick Geborenen, beneidenswerte Wunschkinder, die mitten hinein geboren wurden in die von anderen geschaffene Wohlstandsgesellschaft, als es noch nicht die heutigen Probleme gab, ja man noch nichts von ihnen ahnte. Terroristische Ereignisse sollen diese behüteten Menschen völlig fassungslos gemacht haben, ahnungslos, wie sie offenbar durch die Weltgeschichte gelaufen sind, erst recht natürlich Kriege vor der eigenen Haustür - sie hatten noch nicht einmal um die Anerkennung als Wehrdienstverweigerer kämpfen müssen, sondern konnten frei wählen zwischen dem Dienst an der Waffe oder am Krankenbett. Später waren manche dann noch froh, beim Bund unterzukommen, bis der Kosovo auch sie aus ihren Träumen riß.
Es scheint ihnen alles zuzufliegen: Jakob hat zuerst einen Job in Berlin, dann wechselt er in eine Londoner Anwaltskanzlei, wo er die Nachfolge eines Kollegen antritt, der am 11.9.2001 in New York umgekommen ist. Isabelle geht mit ihm, sie kann ihre Berliner Grafikagentur von London genau so gut betreiben. Die beiden waren als Studenten zusammen und haben sich kürzlich wieder getroffen und „wieder" ineinander verliebt, auch wenn so recht niemand, insbesondere der Leser nicht, es mitbekommen hat. Vor dem Umzug, wie praktisch, heiraten sie.
Es wird das Bild zweier Menschen entworfen, denen es, wie es überall heißt, an nichts fehlt, was ein junges Paar braucht. Wirklich? Von ihrem Wohlstand einmal abgesehen, scheinen sie auf jeden Fall über alle Möglichkeiten und Handlungsfreiheiten zu verfügen. Alles ist selbstverständlich, und die Folge ist eine gewaltige Leere.
Sie stehen also im Zentrum des Geschehens, und das ist die Crux dieses Romans: Sie sind langweilige Menschen, es interessiert einen kaum, wie sie leben, was sie denken, womit sie ihren Tag verbringen. Sie haben nichts von dem, was eine Romanfigur braucht. Man verliebt sich halt so, wieso wird nicht wirklich klar, von großen Emotionen merkt man jedenfalls nichts, und wenn man nach London geht, na ja, dann kann man auch heiraten. Nicht einmal prickelnden Sex oder gar etwas wie Erotik scheinen sie zu kennen(„doch war sie diese Nacht bei ihm geblieben, in seinem Bett, schlief noch, als er aufstand, sich hinausschlich, um zum Bahnhof zu fahren"). Sie gewinnen nichts, sie scheinen auch nichts zu verlieren, sie haben keine Kämpfe, also auch keine Siege, keine Niederlagen, aus denen sie gewinnen können, sie haben keine Träume, keine Sehnsüchte, sie haben - nichts, der bissige Titel ist wirklich klasse! Sieht man von ihrem Wohlstand ab, und man merkt, wie unwichtig und banal dieser selbstverständliche Wohlstand ist, wenn er allein steht, fehlt ihnen alles, was ein Leben ausmacht, sogar Trauer, wie man anläßlich eines Sterbefalles beobachten kann. Ratlos und schnell verzweifelt sehen sie zu, wie ihr Leben aus den Fugen gerät. Sie können nicht für sich oder andere sorgen, sie können nicht leben. (Übrigens haben sie alle auch keine Kinder, aber das wäre auch des Lebensinhalts entschieden zuviel gewesen.)
Es macht noch nicht einmal Spaß, ihnen ihre Brieftasche zu klauen, so nachlässig, wie sie sie einstecken, stellt Jim, der Dealer, fest, dessen Geschichte neben der von ein paar anderen glücklicherweise von vornherein eingeflochten wird. Jakob und Isabelle wohnen nämlich nicht standesgemäß in London, was zur Konfrontation mit anderen Teilen der Gesellschaft führt, als die große Langeweile bereits begonnen hat, die Isabelle ziellos - eine Metapher, die sich durch den Roman zieht und für ihr ganzes Leben zu steht - durch London streifen läßt. Es ist die Konfrontation der Teilnahmslosigkeit und Selbstverständlichkeit mit der ganzen Härte der Realität.
Isabelle lernt also Jim kennen, dessen Ausstrahlung sie fasziniert, die direkte Art, seine Muskeln unter dem T-Shirt, auch die Gewalttätigkeit, die er ausstrahlt (und auch ausübt). „Die Art, wie er sie ausfragte, war beinahe rüde", und „einen Moment fürchtete sie, er würde ihr befehlen, sich auszuziehen". Das brauchen die Mädels, was. Sie bekommt die Gewalttätigkeiten in einer benachbarten Familie mit, die ihr Kind Sara schwer mißhandeln, und unternimmt nichts. Sie weiß auch nicht umzugehen mit dem vom Leben gebeutelten Jim, den sie sogar durch eine mitleidlose Denunziation Saras aufhorchen läßt. Sie versagt entsetzlich angesichts des Elends dieses Kindes.
Jakob lernt Claire kennen, für die nichts selbstverständlich ist. Er ist begeistert von ihrer Hoffnung - und verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Beruflich zu tun hat er mit Bentham, einem 66jährigen homosexuellen Juden, der Nazideutschland verlassen mußte, sich in London eine glänzende Kanzlei aufgebaut hat als Anwalt und dessen Ruf als Spezialist für diejenigen Vermögensfragen, die im Deutschland nach der Wende so gefragt waren, bis Berlin bekannt ist, und der aber in erster Linie ein spannendes Leben führt - wie lebt ein Schwuler mit 66 so, da wird sogar Jakob neugierig, wie hält er es mit der Liebe. Tja, das ist eine Biographie, kein Wunder also, daß Jakob Bentham bewundert für sein Leben, der sich dabei einen kritischen Abstand zu seinen Mandanten, die aus ihrer Rechtsverfolgung einen Selbstzweck machen, bewahrt hat und sie brillant durchschaut. Es seien die wohlhabenden Leute, die sich um ihren Besitz sorgen, sie wollen keinen Vergleich, keine Entschädigung, einsame Leute oft, und die Verfahren ziehen sich hin, um die es ihnen augenscheinlich nur vordergründig geht - sicher einer der Hauptgründe für die sich häufenden Verfahren vor deutschen Gerichten. Besitz ist ein Modus des Verlustes, wir tun nur so, als verliehe er uns Stabilität und Dauer, sagt er.
Vielleicht liegt es am spröden, unsinnlichen Stil, den langen, zerhackten Sätzen, daß die Lektüre manchmal etwas zäh ist, aber wer mit der Art der Darstellung und dem Stil klarkommt, wird die Geschichte gespannt bis zum Ende verfolgen und den zur Zeit besten Roman zumindest als Porträt einer bestimmten Gesellschaftsschicht schätzen lernen.

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