Kundenrezension

7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen „I’m Irish. Racism Is Part of My Culture.“, 27. Februar 2013
Rezension bezieht sich auf: The Guard - Ein Ire sieht schwarz (DVD)
Mit diesen Worten, vorgebracht im Ton freundlichster Sachlichkeit, vielleicht mit einer beigemengten Spur Verwunderung, sich dafür überhaupt rechtfertigen zu müssen, verteidigt der irische Dorfpolizist Gerry Boyle (Brendan Gleeson) einen Satz wie “I thought only black lads were drug dealers“, mit dem er das Briefing des afroamerikanischen FBI-Manns Everett (Don Cheadle) unterbricht, der sich wegen eines zu erwartenden Drogentransports in Connemara eingefunden hat, um die dortige Polizei zu unterstützen. Doch auch sonst ist Boyle ein eher unorthodoxer Gesetzesvertreter: Nicht nur besteht er ungeachtet einer laufenden Fahndung auf seinen freien Tag, den er dann mit zwei Prostituierten verlebt – nein, er erleichtert die Todesopfer eines Verkehrsunfalls auch schon mal um ihre Drogen, um sie dem eigenen Bedarf zuzuführen, und auch seine Frage, ob Geld im Hause eines Mordopfers sei, läßt Schlimmes erahnen.

Dieser Polizist, überaus ambivalent dargestellt von Brendan Gleeson, ist die Hauptfigur des Filmes „The Guard“, mit dem John Michael McDonagh 2011 sein Debüt im abendfüllenden Spielfilm gab. Boyle scheint ein urwüchsiges Produkt des ländlichen Irlands zu sein, verschroben, eigenwillig und bei all seinem Hang zu eher zweifelhaften Vergnügungen doch mit einer Bauernschläue begabt, die man besser nicht unterschätzen sollte. Er macht seine Arbeit effizient, ohne sie jedoch allzu ernst zu nehmen, folgt seinen eigenen Prinzipien und kümmert sich nebenbei rührend um seine todkranke Mutter (Fionnula Flanagan), an der er mit stolzer Liebe hängt. Mit dem neuen, korrekten und übermotivierten Kollegen aus Dublin hat er seine liebe Not, und auch der FBI-Mann wird nicht recht schlau aus ihm, und selbst den Zuschauer, der ihn immer mehr zu begreifen glaubt, stellt er am Ende des Filmes vor ein Rätsel, dessen Antwort man sich wohl erst zu geben traut, lange nachdem die Abschlusscredits vorbei sind.

Wenn „Die Zeit“ anläßlich des Filmes von einem „Fest des schwarzen Humors“ spricht, dann hat sie damit nur teilweise Recht, und das sei denjenigen gesagt, die sich von „The Guard“ ein Feuerwerk an Witzen und Geschmacklosigkeiten erwarten. Denn wer mit diesen Erwartungen an den Film herangeht, der dürfte von ihm enttäuscht werden. Coole Sprüche und übertriebenen Klamauk wird man hier vergeblich suchen. Statt dessen wird dieser Film durchzogen von der Art Humor, die so typisch für die Inseln jenseits des Ärmelkanals und die gleichzeitig so schwer zu verstehen für den Kontinentaleuropäer, den Deutschen allzumal, ist – nämlich jenen feinen, leisen, oftmals staubtrockenen, auf keinen Fall auf die Gesichtszüge überspringenden Witz, der selbst im Angesicht bitterer Schicksalsschläge und blutigen Ernstes noch sein Haupt erhebt und der ein Mittel ist, eine leichte Distanz zwischen das eigene Erleben und das Leben zu schieben. Gibt es für den Deutschen jeweils eine Zeit für den Ernst und den Spaß – ich schreibe bewußt nicht „Witz“ –, so ist der englische bzw. irische Humor allgegenwärtig und eben deshalb schwer zu fassen. Diese Erfahrung muß auch Everett machen, als er beim gemeinsamen Frühstück von Boyle mit der ohne ein Lächeln vorgebrachten Frage überrascht wird: „I thought black people couldn’t ski. Or is that swimming?“ Nur dem sorgfältigen Beobachter und Zuhörer wird klar, daß Boyle seinen Partner hier foppt und daß er dies aus Sympathie tut, wobei er natürlich schon seine Rolle des bornierten, den gängigen Vorstellungen von Wohlverhalten und Effizienz eben nicht entsprechenden Underdogs zelebriert. Auch die Freude am Absurden und Grotesken scheint hin und wieder auf, wie in Boyles Gespräch mit dem IRA-Angehörigen oder der Klage eines der Drogendealer über die Bestechlichkeit der irischen Polizei, die ja wohl für eine hoffnungslos verderbte Gesellschaft spreche.

Eine Komödie ist „The Guard“ deshalb noch lange nicht, denn die Welt bleibt grausam, traurig und sinnlos, und der Humor versöhnt weder noch beschönigt er, und ganz gewiß dient er nicht, à l’américaine, zur Stilisierung eines coolen Helden, sondern er ist ganz einfach eine Form des Umgangs mit all dem kranken Sch**ß, der darum noch lange nicht tatenlos hingenommen wird. Wir lachen hier weitaus weniger, als wir fühlen und nachdenken, und das ist doch mal was.

„The Guard“ besticht auch durch eine Riege guter Schauspieler, eine gehörige Portion Spannung und den gnadenlos guten Soundtrack von Calexico, die für mich zu den ganz Großen der zeitgenössischen Musik gehören. Um nicht doch noch zu viel vom Film zu verraten, halte ich mich jetzt besser zurück und verbleibe mit einer ganz dringenden Empfehlung, sich diesen durch und durch gelungenen Film nicht entgehen zu lassen – und ihn am besten in der Originalsprache zu schauen, denn diese Art von Humor funktioniert nun einmal nur in der Sprache der Kultur, in der er wachsen konnte.

Neben anderen interessanten Extras enthält die DVD auch den Kurzfilm „The Second Death“ von McDonagh, der aus dem Jahre 2000 datiert und der als psychologische und atmosphärisch dichte Rachegeschichte mein altes Poe-Fan-Herz um einiges hat höher schlagen lassen. An dieser Stelle nochmals meinen Dank an Eddie für die Empfehlung!
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Kommentare

Von 2 Kunden verfolgt

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1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 28.02.2013 09:31:47 GMT+01:00
Eddie Lomax meint:
Hallo Tris,

freut mich, das Dir der Film gefallen hat und Dank zurück.

Herzliche Grüße, Eddie.

Veröffentlicht am 28.02.2013 10:25:39 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 28.02.2013 19:01:28 GMT+01:00
Monty Burns meint:
Hallo Tris!

Sehr schön geschriebene Rezension die wirklich Interesse weckt. Noch dazu ist die DVD erschwinglich. Werde sie gleich auf meine Liste setzen. Gleeson und Cheadle sind aber auch schon zwei echte Klasse-Schauspieler und müssen im Gespann ziemlich abgefahren wirken. Die Ausschnitte die ich meinte sind übrigens überwiegend genau die die Du hier zitierst. Das eine Zitat hatte ich ja auch schon mal in unserer legendären Ford-Diskussion gebracht. Denke den Film muss ich haben. Ob ich ihn mir allerdings im Original antun kann? Sind die Dialekte auch für einen Ottonormal-Bähre verständlich?

LG, M.B.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 01.03.2013 11:01:25 GMT+01:00
Hallo, Ihr zwei!

Ich habe den Trailer ja nicht gesehen, da ich die Empfehlung durch Eddie bekam, aber so ist das eben mit den Trailern. Hauptsache, die Leute gehen ins Kino, da macht es dann auch nichts, wenn falsche Erwartungen geweckt werden, weil sie ja die Kinokarte bezahlt haben. Leider kosten Filme eben Geld, und das will wieder eingespielt werden.

Ich glaube, Du wirst wenig Probleme haben, den Film im Original zu sehen, denn das Englisch ist ja nur mit einem gewissen Akzent eingefärbt. An einer Stelle wird Gälisch gesprochen, doch erscheinen dann im Film Untertitel. Übrigens gibt es auch einblendbare deutsche Untertitel, was ich weniger angenehm finde als englische UT, denn irgendwie kommt es da bei mir dann zu Interferenzen.

LG und ein schönes Wochenende,
Tristram
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Tristram Shandy
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