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Kundenrezension

9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Ist er tatsächlich so naiv, oder tut er nur so?, 14. Juli 2013
Rezension bezieht sich auf: Die Unersättlichen: Ein Goldman-Sachs-Banker rechnet ab (Gebundene Ausgabe)
Beim Lesen dieses Buch fragt man sich immer wieder, wann denn nun eigentlich die Abrechnung kommt, die im Untertitel angekündigt wird. Erst kurz vor Ende des Textes beginnt Greg Smith damit. Was man dann in diesem Zusammenhang liest, ist halbherzig, naiv, inkonsequent und nicht zu Ende gedacht.

Details über Goldman Sachs wird Smith nicht preisgeben können, weil er dann wohl mit juristischen Sanktionen seines ehemaligen Arbeitgebers rechnen müsste. Und so bleibt ein allgemeiner Vorwurf, den bereits die US-Börsenaufsicht zu einer konkreten Anklage nutzte: Goldman Sachs drehte ahnungslosen Kunden Produkte an, gegen die die Bank dann selbst wettete.

Der Bank und ihren Managern würde es nur noch um solche Elefantengeschäfte gehen, die enorme Profite bringen, klagt Smith, weil einfach ein Wissensvorsprung zu Ungunsten von Kunden bewusst und brutal ausgenutzt wird. Mit Kleinanlegern befasst sich ein Riese wie Goldman Sachs erst gar nicht. Im Visier stehen Kommunen, Pensionskassen, schlafmützige staatliche Banken mit bürokratischen Wasserköpfen vorzugsweise in Deutschland und gelegentlich sogar schlecht gemanagte Hedgefonds.

Dabei konnte Smith nicht länger mitmachen, weil für ihn ein respektvoller Umgang mit Kunden zum gegenseitigen Vorteil oberstes Gebot ist. Das nimmt man ihm gerne ab. Andererseits wundert man sich bis zu seiner halbherzigen Abrechnung über die andauernden Lobgesänge auf Goldman Sachs. Noch immer ist Smith offenbar fürchterlich stolz darauf, dass er jemals in dieser wundervollen Bank arbeiten durfte und langweilt seine Leser seitenlang mit Details aus seinem tollen Bankerleben, das in der Tat zwar sehr arbeitsreich, aber auch sehr luxuriös gewesen ist.

Dass Goldman Sachs Griechenland geholfen hat, trickreich seine Defizite zu verschleiern, weiß Smith. Und er findet es ganz hervorragend, dass die Bank ehemalige Mitarbeiter in staatliche oder halbstaatliche Institutionen überall in der Welt eingeschleust und in zentrale Positionen gebracht hat. Schließlich seien diese Leute alle hervorragend ausgebildet worden. Wie naiv muss man eigentlich sein, um dahinter nicht eine glasklare Strategie zu sehen?

Wahrscheinlich ist es auch ein Zufall, dass alle US-Konkurrenten von Goldman Sachs schwer unter der von ihnen mit zu verantwortenden Finanzkrise leiden mussten, pleite gingen oder aufgekauft wurden, und nur Goldman Sachs abgesehen von einigen Kratzern am Image und ein paar Strafzahlungen schadlos davonkam? Smith meint, das sei nur passiert, weil Goldman Sachs so brillant ist. Ist Smith tatsächlich so treuherzig naiv? Man mag es kaum glauben.

Kann man aus diesem stellenweise recht langweiligen Buch auch etwas lernen? Man kann. Beispielsweise, dass man bei Goldman Sachs vier Kundentypen unterscheidet. Da wäre zunächst der Kluge Kunde. Er bekommt Zugang zu allen Ressourcen der Bank, besitzt gewisse Vorkaufsrechte und weiß wohl auch, was die Bank demnächst machen wird. Vor allem aber kann man den Klugen Kunden nicht Dinge andrehen, die ihm Verluste und Goldman Sachs die entsprechenden Gewinne bringen. Dazu verfügt der Kluge Kunde über zu viele Fähigkeiten eigener Analyse.

Dann wäre da noch der Böse Kunde, der nicht selten gleichzeitig auch ein Kluger Kunde ist. Er spielt mit Banken, neigt zu illegalen Geschäften und ist dabei insbesondere dem Insiderhandel gegenüber nicht abgeneigt.

Schließlich folgen die von Goldman Sachs so geliebten Kunden. Zunächst hätten wir da den Einfältigen Kunden, gewissermaßen das perfekte Opfer. Er ist zu langsam, zu bürokratisch und bereit, sich alles andrehen zu lassen, was Goldman Sachs an zunächst wohlschmeckenden und oft sehr innovativen Giftbechern so austeilt. Zu diesen Kunden zählen die immer wieder gerne genommenen deutschen Staatsbanken. Und schließlich bleibt noch der Kunde-der-nicht-zu-fragen-versteht. Er ist nicht nur einfältig, sondern auch noch vertrauensselig.

Immerhin zeigt allein diese zynische Analyse doch deutlich, wie man bei Goldman Sachs denkt. Und genau diese Denkweise sei der Grund gewesen, mit der Bank zu brechen, erfährt man später. Leider aber bleibt das Buch auf diesem Niveau stecken. Interessante Fragen, beispielsweise, warum es überhaupt möglich ist, mit Summen zu spekulieren, die weit über das Eigenkapital der Bank hinausgehen, oder wieso es erlaubt ist, nicht standardisierte Derivate, die kein Mensch wirklich versteht in einem undurchsichtigen Markt zu handeln, oder wieso Banken, die angeblich zu groß zum Sterben sind, dann nicht konsequent zerschlagen werden, solche Fragen stellt sich der Autor offenbar nicht.

Alles in allem ist diese ermüdende Abrechnung so zwar persönlich nachvollziehbar, aber keineswegs konsequent, noch gar irgendwie geeignet, um daraus wirkliche Substanz zu ziehen.

(Diese Rezension erschien leicht verändert zuerst auf gold.de.)
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