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11 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Vorgetäuschte Wissenschaftsgeschichte, 4. April 2013
Von 
Rezension bezieht sich auf: Platon in Bagdad: Wie das Wissen der Antike zurück nach Europa kam (Gebundene Ausgabe)
Dem Vorrezensenten R. Wenzl (siehe "Leider enttäuschend") ist zuzustimmen, wenn er eine Täuschung konstatiert. Hier wird Wissenschaftsgeschichte angekündigt, aber leider nicht eingelöst. Der Autor John Freely ist zwar gebürtiger US-Amerikaner, Physiker und Wissenschaftshistoriker, leider vermisst man bei seiner Herangehensweise wie auch bei seinem Schreibstil sowohl den typisch angelsächsischen Approach, Überblicksdarstellungen in den großen Zusammenhangslinien zu bieten und anschließend zu reflektieren, als auch überhaupt irgendein (natur-)wissenschaftliches Hinterfragen des Warum.

Daher erfährt der Leser leider so gut wie nichts über die möglichen Antworten auf die Schlüsselfrage, warum die islamische Welt nicht nur ihren Wissenschaftsvorsprung vor Europa eingebüßt hat, sondern wissenschaftliches Arbeiten mehr oder minder komplett zum Erliegen gekommen ist, nachdem diverse Wissenschaften einige Jahrhundert lang in diesem Teil der Welt floriert hatten.

Kurz eingeschoben seien hier Hinweise auf Bücher, die sich mit dieser Frage eingehender beschäftigen: "Im Haus der Weisheit" von Jim Al-Khalili und ganz besonders "Versiegelte Zeit" von Dan Diner.

John Freely hingegen stellt so gut wie keine Fragen, gibt entsprechend keine Antworten und stellt auch keine Beziehungen und Zusammenhänge her. Was hier über 330 Seiten (ohne Anhänge) geboten wird, ist so etwas wie ein Ausstellungskatalog. Zu einigen wenigen Graphiken, Karten und Illustrationen werden im Anhang Zitatnachweise, Bildnachweis, Verzeichnis der Quellen und Literatur sowie ein Register geboten. Leider ist der Rest des Buches nicht auch in Tabellenform gehalten, dann könnte man wenigstens den tatsächlichen Informationsgehalt besser nutzen. Denn im Fließtext enthalten sind eigentlich auch nur Auflistungen und persönliche Anekdoten.

Beispeilhaft zitiert sei ein (Schlüssel-)Absatz auf den Seiten 309 und folgende:
"Eines der wichtigsten Nachschlagewerke in meinem Kurs der Wissenschaftsgeschichte ist ein enzyklopädisches Werk, das Boris A. Rosenfeld und Ekmeleddin Ihsanoglu im Jahr 2003 in Istanbul veröffentlichten. Es trägt den Titel Mathematicians, Astronomers and Other Scholars of Islamic Civilisations and Their Works (7th-14th Centuries) - Mathematiker, Astronomen und andere Gelehrte islamischer Kulturen und ihre Werke (7.-14. Jahrhundert). Allgemein unter der Abkürzung MASI bekannt, bietet dieses Werk einen Überblick über 1711 Wissenschaftler, deren Manuskripte gemeinsam mit 1376 Werken unbekannter Verfasser in Bibliotheken in 50 Ländern aufbewahrt werden. Die Mehrzahl der Handschriften ist auf Arabisch verfasst, dazu einige auf Persisch, Syrisch, Sanskrit, Tadschikisch, Urdu, Alttürkisch, Tatarisch, Usbekisch und in anderen asiatischen Sprachen. Das MASI verzeichnet sie unter folgenden Themen: Mathematik, Astronomie, Mechanik, Physik, Musik, mathematische Geographie, beschreibende Geographie, Chemie und Alchemie, Mineralogie, Meteorologie, Zoologie, Botanik, Philosophie und Theologie, Literatur und Sprachwissenschaft sowie Mystik. 29 der Bibliotheken, wo die im MASI aufgeführten Manuskripte aufbewahrt sind, befinden sich im Irak, 27 im Iran, 25 in der Türkei, 15 in Indien, 10 in Ägypten, 9 in Afghanistan, 8 jeweils in Marokko und Russland, 6 jeweils im Libanon, in Spanien, und Syrien, 5 jeweils in Pakistan, Usbekistan und im Jemen, 4 jeweils in Tadschikistan und in der Ukraine, 2 jeweils in Algerien, Aserbaidschan, Bosnien-Herzegowina, Portugal, Saudi-Arabien, Tunesien, und jeweils 1 in Armenien, Bangladesch, Bulgarien, Georgien, Indonesien, Kasachstan, Libyen, Nigeria, Katar und Turkmenistan, um nur die Länder zu nennen, wo einst Zentren der islamischen Wissenschaften waren."

Das vorhergehende umfangreiche Zitat wurde ausgewählt, weil es zum Einen den allgemeinen Stil des Buches typisch wiedergibt und zum Anderen, weil mich ebenfalls der Verdacht beschlichen hat, dass John Freely mit dem vorliegenden Buch mehr oder weniger ein "MASI light" vorgelegt hat. (Auf die Funktion des MASI sowie auf die von John Freely auch eingestandenen fehlenden Sprachkenntnisse hat der Rezensent "Geschichtspauker" bereits zu Recht hingewiesen.) Wer sich für ein oberflächliches "MASI light" interessiert, wird möglicherweise bedient. Allen anderen, insbesondere den wachen Geistern, die "verstehen" (also Kausalzusammenhänge erfahren und Argumente gegeneinander abwägen) wollen, ist von "Plato in Bagdad" dringend abzuraten und auf Al-Khalili und Diner zu verweisen.
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