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5.0 von 5 Sternen Eine hervorragend recherchierte und literarisch auf höchstem Niveau erzählte Geschichte von Opfern und Tätern des Nazi-Regimes, 18. September 2009
Rezension bezieht sich auf: Graubart Boulevard. Roman (Gebundene Ausgabe)
Wohl jahrelang hat diese Suche gedauert, auf die sich der Innsbrucker Autor Christoph W. Bauer da gemacht hat, die Suche nach den Hintergründen des Mordes an einem Juden aus seiner Heimatstadt im November 1938. Originaldokumente hat er gesichtet, Briefe gelesen, mit überlebenden Familienangehörigen und vor allen Dingen mit deren Nachkommen gesprochen und sich damit auf eine Spurensuche begeben, deren Ergebnisse nicht nur den Lebens- und Leidensweg der Familie Graubart eindrücklich, sensibel, und bewegend beschreiben, sondern die auch ein Stück Zeitgeschichtsschreibung seiner Heimatstadt Innsbruck darstellen, wo er bei seinen Recherchen nicht immer auf Gegenliebe gestoßen ist.

Indem er sich nicht nur auf die Spur der Familie Graubart setzt, sondern auch der der Täter nachgeht, schreibt Bauer ein eindrückliches Kapitel der jüngeren Geschichte Österreichs.

Immer wieder stellt Bauer in seinem wie ein Dokumentarroman abgefassten Buch die parallel laufenden Geschichten der Opfer und der Täter gegenüber. Auf der einen Seite die Familie jenes jüdischen Kaufmanns Richard Graubart, der am 9. November, jenem Tag, an dem die Synagogen brannte und Tausende von Juden getötet und noch viel mehr ihres ganzes Eigentums beraubt wurden, von einem Rollkommando der SS in seiner Wohnung getötet wurde. Danach wird seine Familie, so wie vielen andere Innsbrucker Juden nach Wien ausgewiesen. Einigen von ihnen, darunter der in der zionistischen Bewegung sehr aktive Bruder Siegfried, gelingt von dort aus die Flucht in ein rettendes Gastland. Die Tagebücher und Aufzeichnungen Siegfrieds, die Bauer von seinen Enkel in Amerika bekommen hat, werden dem Autor im Laufe des Buches noch wertvolle Hinweise geben. Immer wieder wird daraus zitiert.

Auf der anderen Seite die Täter, zunächst jener Skilehrer Aichinger, der der Tat verdächtigt wird, sie wohl auch begangen hat. Er ist der Sohn Innsbrucker Hoteliers, Mitglied einer angesehenen Familie. Als er nach dem Ende des Krieges wegen dieser Tat vor Gericht gestellt wird, was Bauer akribisch recherchiert nacherzählt und berichtet, flieht er ins Ausland. 1999 nach Österreich zurückkehrt, wird er erneut verurteilt und nach zwei Jahren aus dem Gefängnis entlassen.

Christoph W. Bauer lässt keinen Zweifel an seiner Abscheu vor all dem, was da schon lange vor 1938, denn auch diese Zeit wird ausführlich beleuchtet, in seiner Heimatstadt Innsbruck abgelaufen ist. Der Leser gewinnt bei der Lektüre auch den durchaus gewollten Eindruck, dass all dieses antisemitische Denken nach 1945 nicht einfach verschwunden ist. Obwohl er keinen direkten Bezug darauf nimmt, ist doch deutlich, dass gerade dort, mehr noch als im übrigen Österreich, rechtspopulistische Traditionen und Denkweisen schon seit langem fröhliche Urständ feiern. 30 % bei der letzten Wahl für eindeutig rechte und fremdenfeindliche Parteien ist ein besorgniserregender Zustand nicht nur für jeden aufrechten Österreicher, sondern auch für jeden überzeugten Europäer und jeden, der nach 1938 ganz vorsichtig und sensibel geworden ist, was die offizielle und die inoffizielle Haltung gegenüber den Juden betrifft.

Das Buch ist eine ganz hervorragend recherchierte und literarisch auf höchstem Niveau erzählte Geschichte von Opfern und Tätern des Nazi-Terrors. Ich habe es mit großer innerer Bewegung gelesen und gleichzeitig die Meldungen aus Österreich verfolgt über die Bildung einer neuen Regierung mit all seinen für einen Deutschen vielleicht auch schwer nachzuvollziehenden ungründigen Dimensionen am rechten Rand des in Österreich an dieser Stelle besonders weiten Spektrums. Merkwürdige Sensationen hat das verursacht, das muss ich sagen. Aus der Ferne des in Deutschland lebenden Rezensenten wage ich aber aus Unkenntnis keine weiteren Analysen. Erschrocken über jene 30% Wählerstimmen bin ich aber sehr.
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