Kundenrezension

34 von 44 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Summa theologiae für kritische Christen, 11. August 2011
Rezension bezieht sich auf: Was ich glaube (Taschenbuch)
Im Grunde, könnte man scherzhaft sagen, ist es piepegal, was Hans Küng glaubt, schließlich ist er nicht der Papst! Aber immerhin ein bedeutender Theologe, der hier eine auch für den Laien verständliche »Summa theologiae« abliefert, ein Buch, das, auch für Nichtchristen, interessant und lehrreich ist. Für Christen lädt sein persönliches Credo ein zu einer Auseinandersetzung und, wie in meinem Fall, Abgrenzung. Unübersehbar ist: Der Theologe hat sich in Abkehr von der katholischen Orthodoxie eine Art Privatreligion zusammengebastelt, die er, belesen, religionswissenschaftlich gebildet und nicht ganz frei von Eitelkeit, philosophisch zu begründen vermag. Dabei scheint es ihn nicht weiter zu stören, dass er sich fortwährend in Aporien, in unauflösliche und für den schlichten Christen eher verwirrende Widersprüche, begibt, so etwa, wenn er zum Absolutheitsanspruch des christlichen Bekenntnisses kommt und bekennt, dass es »von außen gesehen, sozusagen religionswissenschaftlich [...] verschiedene wahre Religionen« gebe; »von innen gesehen« gebe es für ihn aber nur die christliche als »die eine wahre Religion« (S. 232). Kritiker werden mit Recht bemängeln: Mehr »Wischiwaschi« ist kaum möglich. Das größte Paradox besteht freilich darin, dass Küng durchgehend jahrhundertealte Lehren der christlichen Kirche wie die »Trinitätsspekulation« (S. 226) als Legendenbildungen und scholastische Interpretationen ablehnt und im gleichen Atemzug selbst nichts anderes als hochspekulative Theoreme an deren Stelle zu setzen sucht.

Erstes Beispiel: die Trinitätslehre. Es ist zwar zutreffend, dass die Lehre von der Dreifaltigkeit nicht unmittelbar aus den neutestamentlichen Zeugnissen hervorgeht, aber es ist schon ein bisschen viel verlangt, wenn man der Argumentation eines Autors folgen soll, der für sich ein tieferes Verständnis oder eine treffendere Einsicht in Natur und Wesen Christi beansprucht als die Kirchenväter aus dem 5. Jahrhundert, als sei es die logischste Sache der Welt, dass das Verständnis eines geschichtlichen Gegenstandes mit der zeitlichen Distanz von ihm zunehme.
Beispiel zwei: die Auferstehung Jesu. Will man die weitgehend übereinstimmenden biblischen Berichte von Auferstehung und Himmelfahrt Jesu, die das existenzielle Zentrum jedes christlichen Bekenntnisses bilden, in Frage stellen, muss man sich gut wappnen. Küng tut eher das Gegenteil: Er sucht den »unverwechselbaren« historischen Jesus in den einzigen wesentlichen Quellen, den kanonischen Texten des Neuen Testaments, und übersieht völlig, dass gerade durch sie die von ihm apodiktisch als »Gespenstergeschichte« (S. 225) diffamierte leibliche Auferstehung Jesu Christi bestens verbürgt ist, sei es durch Paulus im 1. Korintherbrief, einem der ältesten neutestamentlichen Texte, sei es durch das Johannes-Evangelium, aus dem die älteste erhaltene Handschrift stammt und das der Autor ja auch selbst als Ausdruck »offenkundig alter Quellen« (S. 223) wertet - ein klarer Widerspruch also zu seiner beharrlich wiederholten Hypothese von den »hellenistischen Neuinterpretationen« (S. 230), die mit dem historischen Jesus wenig zu tun hätten. Denn wie will man überhaupt etwas über den historischen Jesus wissen, wenn nicht aus den ältesten Schriften? Und wie will man wissenschaftlich rechtfertigen, dass man in demselben Urtext selektiv dieses für historisch hält und jenes nicht? Mit seinem durch nichts belegten Theorem von Jesu »Auferweckung in Gottes ewiges Leben, das alle menschlichen Vorstellungen übersteigt« (S. 225) fährt Küng dann als Gegenprogramm zum urchristlichen Bekenntnis nur eine dürftige undurchsichtige Worthülse auf, die sich von den »Interpretationen« der Kirchenväter vor allem dadurch unterscheidet, dass sie auf keiner biblischen Schrift fußt, sondern im luftleeren Raum hängt und also genau das ist, was Küng so gerne kritisiert: hochspekulativ. Theologisch gesprochen: Zu den Auffassungen der Kirchenväter verhält sich Küngs krudes Konstrukt von einer »Auferweckung in Gottes ewiges Leben« wie gnostische Pseudepigrafie zu einem kanonischen Paulus-Brief.
Beispiel Nummer drei: Küng beruft sich auf das Paulus-Zitat aus dem ersten Korintherbrief, dass niemand einen anderen Grund legen könne als den der in Christus gelegt sei (1. Kor. 3,11); gleichzeitig postuliert er den Islam als mögliches Korrektiv hinsichtlich der von ihm abgelehnten Lehre vom Sühnetod Christi am Kreuz, negiert also die paulinische Kreuzestheologie, die auf der Wesensgleichheit (Homousie) von Gott und Christus beruht. Wenn ich mich als gläubiger Christ auf Paulus berufe, kann ich eigentlich nur zu dem Schluss kommen, dass ich vom Islam nichts, aber auch gar nichts zu lernen habe, denn spätere oder im Widerspruch zum urchristlichen stehende legitime Zeugnisse von Gott schließt der Apostel Paulus ja gerade aus (Gal. 1,8). Hilfreicher wäre an dieser Stelle der Hinweis gewesen, dass der Islam aus abwegigen Irrlehren hervorgegangen ist, die auf dem Konzil von Nicäa verworfen wurden. Da Küng aber mit den Beschlüssen dieses Konzils auf dem Kriegsfuß steht, rückt der Islam in ein gnädigeres Licht.

Fazit: In Hans Küngs auf der historisch-kritischen Methode basierender Theologie findet sich viel Nachdenkenswertes und Anregendes und dieses Buch bietet einen verständlicheren Einblick in sein Denken als die vielen Fachbücher, die er zuvor veröffentlicht hat. Jedoch begibt sich der Autor, sobald er auf Distanz zu dem geht, was im Apostolischen Glaubensbekenntnis als kirchenübergreifender Konsens festgeschrieben ist, auf so dünnes Eis, dass man das Knirschen vor dem Einbruch in die kühlen Fluten blanker Spekulation bis in die tiefste theologische Provinz hören kann. Seine Kritik an den Kirchenvätern, die sich enger am verlässlichen urchristlichen Zeugnis orientieren als er, erweist sich als eine Art Selbstschussanlage, die beim Autor selbst die meisten Treffer landet.

Vielsagend und bezeichnend finde ich, obwohl ich Protestant bin, die direkte Gegenüberstellung dieses Buchs von Küng mit dem seines Edel-Rivalen Joseph Ratzinger alias Benedikt XVI., dessen zweiter Band einer ebenfalls von persönlichen Glaubensüberzeugungen geleiteten Auseinandersetzung mit der Figur des Jesus von Nazareth fast zeitgleich mit Küngs »Was ich glaube« erschienen ist. Mein Fazit fällt zugunsten des Papst-Buches aus, das ich als gründlicher, bibelzentrierter und vor allem wesentlich weniger spekulativ empfand. Letztlich wird aber immer das persönliche Bekenntnis ausschlaggebend dafür sein, wessen Theologie man eher zu folgen geneigt ist.
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Kommentare


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1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 30.11.2011 21:20:39 GMT+01:00
WolfRam meint:
Paulus zur "Beweisführung" für Gegenargumente zu der von Hans Küng dargestellten Sicht auf seinen christlichen Glauben scheint mir mehr als unglücklich - auch für das damit offenbarte eigene Weltbild. Paulus, der weder zu den Jüngern um den Gottessohn gehörte noch Jesus je begegnet ist, kann nicht als Zeuge benannt werden! Wir müssen nicht alles nur glauben, wir können eine ganze Menge der biblischen Geschichte wissen. Der Wert der Paulusworte lässt sich explizit aus dem Hinweis von Petrus (2. Petrus 3,15+16) erkennen; dieser Mann an Jesus' Seite warnt uns sozusagen. Und Paulus sagt mehrfach (z.B. 1.Kor 7,12 und 25; 2. Kor 11,16) selbst, dass er hier seine eignen Meinung kundtut. Paulus hat mehr zum Missverständnis als zur Klärung der christlichen Botschaft beigetragen. Jede Sekte lebt von seinen Worten ...
Zum Verständnis der Urtexte der biblischen Schriften - und damit zum besseren Verständnis der Bibel, um die wir hier streiten - empfehle ich die diversen Werke von Pinchas Lapide zu lesen.
Mir scheint jedenfalls ein Wort von Hans Küng mehr wert als ein Satz von dem, der sich als der Vertreter Gottes auf Erden versteht.
Freundliche Grüße
WolfRam
"Ein alter Irrtum ist uns lieber als eine neue Wahrheit."

Veröffentlicht am 13.07.2012 16:39:30 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 13.07.2012 17:38:22 GMT+02:00
gunter28 meint:
Mich verblüfft die Grundhaltung dieser Rezension. Wer eine Meinung vertritt, die von der Glaubenskongregation nicht geteilt wird, "bastelt an einer Privatreligion"... So gesehen, hat auch Galilei an einer Privatwissenschaft gebastelt, und man sollte wohl nur noch Privatdozenten als Universitätslehrer zulassen?

Veröffentlicht am 13.07.2012 17:36:46 GMT+02:00
gunter28 meint:
Noch etwas fällt mir auf: "Im Grunde, könnte man scherzhaft sagen, ist es piepegal, was Hans Küng glaubt..." heisst es gleich zu Beginn der Rezension. Warum "piepegal"? Weil das Werk im Verlag Josef Piper (i langgesprochen) erschienen ist? Ist das etwa eine leise Kritik daran, dass ein theologischer Verlag die Werke eines Theologen publiziert, dem die kirchliche Lehrbefugnis entzogen wurde? Der Verfasser der Rezension bezeichnet sich selbst als "Protestant". Eine solche Kritik würde aus meiner Sicht aber nur schlecht zu einem evangelischen Christen passen.
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