Kundenrezension

39 von 40 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ein sehr früher Zafon - mit guten Ansätzen, aber..., 9. November 2009
Rezension bezieht sich auf: Der dunkle Wächter (Gebundene Ausgabe)
Auch wenn einem die Erkenntnis von Seiten des Verlages nicht eben leicht gemacht wird: Dies ist ein sehr früher Roman von Carlos Ruiz Zafon, der mich zuletzt mit seinem grandiosen Das Spiel des Engels gebannt, begeistert und um den Schlaf gebracht hatte. "Der dunkle Wächter", das sei vorausgeschickt, ist noch weit davon entfernt, sich mit dem "Spiel des Engels" messen zu können. Es ist eigentlich der dritte Band von Zafons Mitte der 90er Jahre entstandener und wohl nur lose verwobener "Nebel-Trilogie", die im Original mit Der Fürst des Nebels beginnt und mit Der Mitternachtspalast fortgeführt wurde. (Der Fischer-Verlag hat bzw. wird beide Titel im Laufe des Jahres 2010 veröffentlichen...) Warum der letzte Teil dieser Nebel-Trilogie der erste ist, der der darbenden deutschen Zafon-Anhängerschaft endlich anheimgegeben wurde, steht entweder in der Bibel oder bleibt bis auf Weiteres das Geheimnis des Verlags.

Aber wie dem auch sei: "Der dunkle Wächter" erzählt in oft schöner, teils aber auch übertriebener bis schiefer Sprache die Geschichte einer Familie, die, nach dem Tode des Vaters mittellos geworden, aus Paris in ein kleines Dorf an der See zieht, wo der Mutter eine neue Stellung angeboten wurde: Sie soll das gespenstische Anwesen Cravenmoore verwalten, in dem der grandiose Spielzeugerfinder Lazarus Jann residiert. Cravenmoore ist vollgestopft mit mechanischen Figuren, Mobiles und etwelchen anderen Spielzeugen, die auf die Besucher aber eher einschüchternd bis beängstigend wirken. Neben den Geschöpfen Janns lebt nur noch dessen bettlägerige Frau in dem schlossgleichen Herrenhaus, und - wenigstens tagsüber - die junge Köchin Hannah.
Die Tochter der Neuankömmlinge, Irene, verliebt sich bald in Hannahs Cousin Ismael und lässt sich auf einen kleinen Törn mit seinem Segelboot ein. Als sie auf der verwaisten Leuchtturminsel vor den Gestaden des Dörfchens Halt machen, fällt Irene das Tagebuch einer Toten in die Hände, das sie in seinen morbiden Bann zieht. Wenig später wird Hannah im Wald von Cravenmoore tot aufgefunden - doch was sie tötete bleibt unklar. Nur so viel steht fest: Ein unfassbarer Schrecken hat ihr Herz stillstehen lassen.
Irene und Ismael sind schockiert, doch sie machen sich auf, das Geheimnis zu lüften. Und ihr mehr als nur gefahrvoller Weg führt sie mitten ins Herz der Düsternis: nach Cravenmoore.

Die Figuren sind wunderbar, die Story ist gut durchdacht und aufgezogen, den Pro- bzw. Epilog des Buches bilden zwei Briefe, die so voll von wunderbarer Sehnsucht sind, dass diese fast körperlich spürbar wird, die Passagen der Annäherung der beiden Jugendlichen sind fast schon poetisch in ihrer bezaubernden Einfachheit, die Gruselpassagen sind überaus gelungen... fast mehr also, als man von einem Jugendbuch (denn das ist es) erwarten kann. Weshalb dann der Punktabzug?
Zum einen wegen der ärgerlichen Fehler, die sich allenthalben eingeschlichen haben (an einem Sommerabend scheint um 20 Uhr noch die Sonne, und es ist NICHT tiefschwarze Nacht; eben noch wirft der Mond ein silbernes Band übers Meer, keine zwei Sätze später taucht blutrot und siedend die Sonnenscheibe ins Meer; die Jugendlichen segeln morgens kurz nach Sonnenaufgang zu einer Lagune, in der sie kurz bleiben - und plötzlich ist es Abend. Diese Liste ließe sich fortsetzen...), zum anderen wegen der teils unerträglichen Schwurbeligkeit von Zafons damals noch nicht ganz ausgereifter Schreibe. Was hier mit teils dreifachen Adjektiven herumgeflattert wird, ließ mich unweigerlich an "Das Spiel des Engels" denken, wo Zafon Don Basilio sagen lässt, allzu verschwenderisch gebrauchte Adjektive und Adverbien seien etwas für Perverse und Leute mit Vitaminmangel. Vielleicht hätte Zafon damals ein paar Äpfel mehr essen sollen, vielleicht war auch der Lektor überarbeitet.
Der letzte Kritikpunkt geht an den deutschen Verlag Fischer: Die Seiten sind dicker als mancher Aquarellkarton (wirklich!) und so verschwenderisch bedruckt, dass zu vermuten steht, dass das Buch auch auf 250 Seiten mit der Hälfte an Umfang hätte gedruckt werden können. Und wäre das schlimm gewesen? Nein! Was haben Verlage heutzutage nur gegen etwas schmalere Bücher?

Dennoch - und hiermit möchte ich meine Rezension beschließen -: "Der dunkle Wächter" ist ein recht schöner Schmöker, der einem das Warten auf Neues von Zafon verkürzen kann, und den man an wenigen Tagen gelesen hat. Wer den Erbsenzählermodus auschaltet und keinen Zweiten "Schatten des Windes" erwartet, wird auch nicht über Gebühr enttäuscht werden.
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Kommentare


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1-8 von 8 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 16.11.2009 19:11:24 GMT+01:00
Hallo Daniel,

okay, das nächste Mal werde ich den "Erbsenzählermodus" ausstellen ;-)))

Kann Deinen Ausführungen zustimmen und noch einmal bekräftigen, dass der Roman für einen Jugendroman voll okay ist. Nur bin ich über dieses Alter doch etwas hinaus und lese Literatur für Erwachsene dann doch lieber ;-) Hoffentlich lässt sich Zafon nicht noch einmal jahrelang Zeit, bis ein neuer Roman für die "Silberrücken" vorliegt.

Einen schönen Abend noch
Gruss Tanja

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 17.11.2009 11:12:41 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 17.11.2009 11:12:56 GMT+01:00
"Silberrücken" war jetzt ein schöner Schmunzler, danke! :-D
Deinem Wunsch kann ich nur voll und ganz Beipflichten!
Aber diese Verliebtheits-Passagen lese ich auch heute noch sehr gern. Vor allem, wenn sie so gelungen sind wie hier. Da wird man kurzzeitig wieder 16. Irgendwie reizend, nicht? Dass aber die Bücher für uns "Silberrücken" oft deutlich mehr fürs eigentliche Leben und die großen Fragen taugen, ist freilich klar. Und auch gut so. Übrigens: kennst Du Der schwarze Obelisk??? Ein wunderbares Buch! Mich würde Deine Meinung sehr interessieren...

Liebe Grüße
Daniel

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 17.11.2009 15:26:30 GMT+01:00
"Der schwarze Obelisk" ist mir bisher unbekannt. Ich habe bisher nur die "Kriegs- bzw. Antikriegsbücher" von Remarque gelesen ("Im Westen nichts Neues", "Liebe deinen Nächsten" und "Zeit zu lieben und Zeit zu sterben"). Die Romane sind sehr gut geschrieben und die melancholisch-realistische Sicht des Autors reisst richtig mit. Ist das von Dir gelesene Buch etwas mhm, positiver?

Habe gerade die Familiengeschichte von Udo Jürgens gelesen. War etwas skeptisch, aber "Der Mann mit dem Fagott: Roman" ist wirklich mehr eine deutsche Familienchronik und kein reines Starportrait. Der Sänger Udo Jürgens nimmt sich hier sehr zurück. Abwechslungsreich, temporeich und geschichtlich interessant geschrieben.

Liebe Grüße
Tanja

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 17.11.2009 20:30:10 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 18.11.2009 12:48:36 GMT+01:00
Also Remarque bleibt natürlich Remarque, aber dennoch ist "Der schwarze Obelisk" wohl einer seiner sonnigeren Romane. Es ist eine schöne Liebesgeschichte in den Inflationswirren der 20er: Ein Organist liebt eine Irre, oder ist es die Welt, die irre ist? Gespickt mit zahllosen tollen Figuren und Anekdoten. Ein himmlisches, lustiges, trauriges, wehmütiges, einfach ein wirklich grandioses Buch!

Liebe Grüße
Daniel

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 18.11.2009 19:11:29 GMT+01:00
Ein himmlisches, lustiges, trauriges, wehmütiges, einfach ein wirklich grandioses Buch? Bei so vielen Adjektiven wird mir ja ganz schwindelig! Kommt das von der Zafon-Lektüre, oder ist es jedes Wort einfach wert? Ich tippe mal auf Letzteres und merke es mir als Lektüre vor. Vielen Dank :-)

Weißt Du eigentlich schon, das KSM auch auf Sally Lockhart aufmerksam wurde? "Der Rubin im Rauch" und "Der Schatten im Norden" werden im Januar 2010 nun auch in deutscher Sprache erhältlich sein. Auf der NewKSM Homepage kann man schon ein paar Bilder und zu dem "Rubin" konnte ich mir auch den Trailer ansehen. Ist natürlich gemein und gerissen von KSM, zwei Ausgaben zu präsentieren und wieder mal doppelt zu kassieren, wenn man beide Filme sehen will. Und eine DVD wird bei Neuerscheinung mal wieder schlappe 20 EUR kosten.
Was mich allerdings irritiert ist die Altersfreigabe. Der "Rubin" ist erst ab 16 Jahre freigegeben; der "Norden" ab 12 Jahren. Was für ein Horror erwartet den Zuschauer denn in Teil 1? Kannst Du Dir das denken?

Liebe Grüße
Tanja

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 18.11.2009 22:06:23 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 24.11.2009 10:08:17 GMT+01:00
??? Das klingt ja total unlogisch! Teil 2 ist viel düsterer und spannender als der erste. Könnte mir nur vorstellen, dass das mit der Opiumsucht-Problematik zu tun hat. Aber das wäre auch ein bisschen verlogen und bescheuert. Ansonsten habe ich keine Idee... Aber gut zu wissen, dass die Filme endlich erscheinen. arte hatte sie ja vor einem Jahr oder so schon synchronisiert ausgestrahlt. Aber die sind ohnehin ganz weit vor was Synchro angeht.

Und, ja: jedes einzelne Adjektiv ist es wert. Eigentlich hätten es noch ein paar mehr sein können... ;-)

Liebe Grüße
Daniel

Veröffentlicht am 24.05.2010 01:05:23 GMT+02:00
Buck meint:
Danke für die Rezension, ganz meine Meinung. Aber ich wusste nicht das "Der dunkle Wächter" ein früheres Werk war, das erklärt natürlich dann auch warum es der "unreifste" der Triologie ist. Die anderen beiden, (Spiel des Engels & Schatten des Windes) sind um längen voraus. Für mich ist der dunkle Wächter auch eher ein Jugendroman und nicht wirklich das was ich mir nach den ersten beiden erhofft hatte. Dennoch lesenswert. MFG Linda

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 27.05.2010 07:31:02 GMT+02:00
Hallo Linda,

der dunkle Wächter ist Teil einer ANDEREN Trilogie! Die Nebel-Trilogie war Zafons Anfang und wird bis Ende des Jahres bei Fischer veröffentlicht. Nicht zu verwechseln ist diese mit der (geplanten) Trilogie um den Friedhof der vergessenen Bücher! Hier ist der Schatten des Windes das erste Buch, das dritte ist wohl noch in Arbeit...

Viele Grüße
IC
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