Kundenrezension

90 von 105 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Meisterwerk, 17. März 2007
Rezension bezieht sich auf: Shining (DVD)
Auch wenn es King nicht so sieht: Stanley Kubricks Shining ist trotz der Verfremdung seines Buchs die bessere Verfilmung dieses Werks und ein (das) Meisterwerk des postmodernen Thriller- und Horrorfilms schlechthin. Die in den neunziger Jahren gedrehte Miniserie "The Shining", bei der Stephen King das Drehbuch schrieb, hält sich sehr genau an das Buch. Wenn man bedenkt, dass es sich dabei um eine TV-Produktion handelt und nicht um einen Kinofilm, ist der Horror-Dreiteiler nicht schlecht geraten. Kings geliebte "Heckentiere", die Kubrick als albern empfand, kommen dank moderner Computertechnik darin vor, und manche Szenen lassen durchaus die Haare zu Berge stehen. Allerdings ist er wegen der Detailtreue zu Kings Buch etwas zu lange geraten, hat einen ärgerlichen, hollywoodschmusigen Schluss und verblasst gegen Kubricks Shining, das seinen herausragenden Platz in der Filmgeschichte unantastbar eingenommen hat und das Fundament zu Jack Nicholsons herausragenden Ruf als Schauspieler bildet.

Nicht unerwähnt bleiben darf, dass der Erfolg dieses Films auch auf den Einsatz der von Garrett Brown entwickelten "erweiterten Steadycam" zurückzuführen ist. Das ist eine bewegliche Kamera, die sich der Kameramann in einer Art Rucksack vor die Brust schnallt, um möglichst wackelarme Aufnahmen zu erhalten, die den Zuschauer erlauben, sich visuell mit den Protagonisten zu bewegen. Der Betrachter gibt also seinen fixen (sicheren!) Beobachtungsposten auf und begibt sich mit dem Akteur in die Tiefe des Raums. Das hat zur Folge, dass nun auch der Rücken des Zuschauers freigelegt wird und das unangenehme Gefühl entsteht, es könnte etwas hinter einem sein oder an der nächsten Ecke lauern. Etwas, dass man lieber nicht hinter oder vor sich hätte. So sitzen wir mit Danny auf dem quietschenden Dreirad und radeln durch die endlos langen Gänge des Hotels oder hetzen mit ihm durch das Labyrinth. Adrenalin pur! 1978 hat Garrett Brown einen Oskar für diese Technik bekommen, die heute zur Standartausrüstung eines Kameramanns zählt.

Wie hat Stanley Kubrick diesen Film angelegt? Drei Elemente sind wesentlich: Die Natur, die Geschichte (der Gegend und des Hotels) und das Nebeneinander verschiedener Zeiten, Welten und Realitäten.

Zur Natur.

Grandios und bedrohlich. Die Großartigkeit, aber auch Überlegenheit und Gleichgültigkeit der Natur ist von Anfang an präsent. Später wird das Wetter, das wie ein Bann wirkt, als gefährliche Komponente ebenfalls allgegenwärtig sein. Zu Beginn sehen wir aus der Vogelperspektive, wie sich der gelbe Käfer weg vom Pazifik und Hwy 1 immer höher in die Bergwelt schraubt. Es ist ein schöner Herbsttag, Indiansummer, der an der Schneegrenze zurückbleibt. Hier schmiegt sich das Overlook Hotel an einem leicht von Schnee bestäubten, baumlosen Bergrücken. Der Winter ist noch weit entfernt und nur die Musik wirkt in dieser zauberhaften Bergwelt bedrohlich. Noch einmal findet das Auto den Weg zurück ins Tal, um die Familie des Schriftstellers Torrance abzuholen. Sie werden den langen, schneereichen Winter, abgeschnitten von der Zivilisation, im Hotel verbringen, um es zu hüten und vor Frostschäden zu schützen. (Das Overlook gibt es wirklich. Es ist ein 3-Sterne-Hotel in Oregon namens Timberline Lodge, ein architektonisches Meisterwerk aus Holz und nationales Wahrzeichen; aber auch eine Art XXL-Skihütte an der Südwand des ca. 3400 m hohen, weithin sichtbaren Mount Hood. Das Hotel liegt ziemlich entlegen, obwohl es nur ca. 150 km von der Pazifikküste entfernt ist und Portland in ca. 2 Fahrstunden erreicht werden kann - vorausgesetzt es liegt kein Schnee! Wenn man der sich in die Höhe windenden Straße eine kleine Ewigkeit folgt, hat man irgendwann in 1800 m Höhe ein Stück Filmgeschichte vor sich: Die Silhouette des Hotels aus Shining. Das Zimmer 237 gibt es allerdings nicht und auch der bis zur Bösartigkeit höfliche englische Service fehlt. Die Innenaufnahmen entstanden auch nicht hier, sondern in einem englischen Studio.)

Zur Geschichte.

Die Besiedelung des Westens der Vereinigten Staaten kennt viele grausame Stories. Eine davon ist die der historisch verbürgten 'Donner-Gruppe', die Jack Nicholson bei der Fahrt zum Overlook erwähnt. Beim Treck nach Westen warfen die Überlebenden der Siedlergruppe alle zivilisatorischen Werte über Bord und wurden zu Kannibalen. Das Hotel selbst steht auf einem heiligen Ort der Indianer und musste während des Baus mehrfach gegen Indianerangriffe verteidigt werden. Es steht für die gewaltsame Landnahme und die Ausrottung der Ureinwohner. Im Film sind etliche indianische Motive zu sehen: im Dekor, in den Teppichen, selbst im labyrinthischen Teppichboden mit seinen psychedelischen Knallfarben der 1970er Jahre. Das Labyrinth selbst ist in der indianischen Kultur ein Weltall- Schöpfungs- und Unendlichkeitssymbol. Auch die hippieartige Kleidung Wendy's hat indianische Anklänge. Es gibt in der Vorratskammer eine herabfallende Kiste mit der Aufschrift "Indian Head" und am Schluss rettet sich Danny durch einen Indianertrick: Er geht rückwärts in den eigenen Fußstapfen. Das Hotel selbst hat ebenfalls eine lange, gewalttätige Geschichte. Hier sind Morde und Selbstmorde begangen worden. Das Haus ist nach den Regeln des Horrorfilms böse und will den drei von der Außenwelt abgeschlossenen Menschen böses. Der kleine Danny mit seinem "Zweiten Gesicht" spürt das von Anfang an. Er hat dadurch immer einen Wissensvorsprung und weiß, dass sein Vater das schwächste Glied der Kette ist und so als Instrument des Hotels zur tödlichen Bedrohung wird.

Das Nebeneinander verschiedener Welten, Zeiten und Realitäten

Danny lebt in einer eigenen Welt, in der es "Tony" und Visionen gibt. Ist das Gegenwart, Vergangenheit oder gar die Zukunft, die er sieht? Wendy steht für Realität, Normalität und Gegenwart, die zu zerbrechen droht. Der labile Jack mutiert zum blutrünstigen Monster; das Hotel ergreift Besitz von ihm. Die Bilder an der Wand gaukeln vor, dass Jack schon immer und zu allen Zeiten hierher gehört hat. Die Normalität entgleitet ihm: "'All work and no play makes Jack a dull boy."' Die Außenwelt wird durch den Koch des Hotels verkörpert, der aus einem in diesem Film völlig surreal wirkenden Florida aufbricht, um Danny zu retten. Er nimmt eine beschwerliche Anreise auf sich, um sofort bei Ankunft - vernichtet zu werden. Da ist dann wieder das Grauen: In einem ordentlichen amerikanischen Film kommt die "Kavallerie" immer rechtzeitig und rettet die "Guten". Hier nicht. Immerhin aber liefert er das überlebensnotwendige Schneemobil.

Viele Szenen im Film sind gespiegelt und die rote Farbe zieht sich wie der berühmte Faden durch den Film. Der in rot/weiß gehaltene Waschraum, in dem das Hotel in der Gestalt des Mörders Grady' Jack ermuntert, seine Familie zu ermorden, erscheint unwirklich und ist in keiner Zeit verankert. Als Leit- und Schlüsselmotiv wird das Labyrinth(metapher) benutzt. Der Irrgarten steht zwar für Chaos, folgt jedoch logischen Gesetzen. Hier findet der Film sein (gutes?) Ende und lässt das Grauen zu Eis erstarren. Das Hotel bleibt zurück, erfüllt von einer unwirklichen Leere, festlicher Tanzmusik und der Schwarzweiß-Fotografie vom 4. Juli 1921. Sie zeigt einen jungen, strahlenden und hoffnungsfrohen Jack im Smoking, inmitten von illustren Ballgästen des Overlooks.

Shining will Angst erzeugen. Keine Frage. In dem Film werden jedoch viele andere interessante Themen aufgegriffen, allerdings ohne eine Vertiefung zu erfahren. Die handelnden Figuren sind treffend gezeichnet und agieren gut, wirken aber dennoch wie Schachfiguren, die von einem unsichtbaren Spieler bewegt werden. Der Horror findet fast immer in gut ausgeleuchteten Räumen statt. Bei den wenigen Nachtszenen kommt das Grauen nicht aus dem Dunkel, sondern stets aus der Situation, in der sich die Akteure befinden. Jack Nicholson spielt hier die Rolle seines Lebens. Seine Mimik, besonders sein Haifischgrinsen, das zu seinem Markenzeichen werden sollte, ist uneingeschränkt sehenswert. Das einzige Manko des Films ist vielleicht, dass er seiner Figur von Anfang an zu sehr einen Anstrich von Wahnsinn gibt. Eine zunächst liebevolle oder auch nur normale Beziehung zu seiner Frau und seinem Kind ist kaum erkennbar. Mit diesem Mann möchte man nicht monatelang in einem riesigen Hotel allein und auf sich gestellt sein. Das ist sofort klar. Eine Bedrohung von einem zunächst sehr vertrauten, liebevollen Menschen hätte den Horror noch vertieft. Ansonsten gilt: Chapeau Mr. Kubrick!

Helga Kurz
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Helga Kurz "Helga Kurz"
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