Kundenrezension

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5.0 von 5 Sternen Populär, vielleicht z.T. auch sehr vereinfachend geschrieben, aber ein wichtiges Buch, 9. Februar 2011
Rezension bezieht sich auf: Die Logik des Mißlingens. Strategisches Denken in komplexen Situationen. (Taschenbuch)
Der Bamberger Psychologe Dietrich Dörner hat mit "Die Logik des Misslingens" ein ausgesprochen wichtiges Buch vorgelegt. Dörner beschreibt darin, dass Menschen in komplexen Entscheidungssituationen häufig andere Ergebnisse erzielen als es ihre Intention war. Dieser Befund lässt sich, so zumindest das Ergebnis der Forschung des Kognitionspsychologen, unabhängig von der Intelligenz der Beteiligten, ihrem Bildungsstand und ihrem ausgeübten Beruf aufrecht erhalten.

Komplexe Situationen im Sinne Dörners zeichnen sich dadurch aus, dass viele Variablen zu berücksichtigen sind, dass die Art des Zusammenhangs zwischen den Variablen unklar ist, sie häufig kompliziert untereinander vernetzt sind, dass positive Rückkoppelungseffekte vorliegen (also z.B. exponentielles Wachstum) und u.U. auch darin, dass erste positive Zwischenergebnisse trügerisch sein können.

Dörner beschreibt die kognitiven Probleme seiner Versuchspersonen auch etwas eingehender. Häufig wird monokausal gedacht, also eine Hypothese über den Zusammenhang zwischen zwei Variablen aufgestellt. So könnte z.B. ein Entwicklungshelfer denken: wenn ich Nahrungsmittel einfliege, dann haben die Leute mehr zu essen. Auf den ersten Blick erscheint dies bis an den Rand der Banalität logisch und funktioniert u.U. auch zunächst wunderbar. Nach einiger Zeit jedoch ist trotz Nachschub die Versorgungssituation auf dem gleichen Niveau wie zu Beginn oder gar darunter. Was ist passiert? Vieles ist denkbar, wie z.B. ein Zusammenbruch der vor Ort vorhandenen Landwirtschaft oder dass es einigen wenigen gelungen ist, übergroße Anteile der Nahrung zu erwerben oder eine Reihe anderer Sachen. Charakteristisch ist, dass die Vernetztheit der Variablen des komplexen Systems nicht berücksichtigt wird und dass langfristige Entwicklungen nicht prognostiziert werden können.

Ein weiterer typischer Fehler sind die Annahme linearer Zusammenhänge (eine Einheit mehr von x bewirkt immer 10 Einheiten mehr von y, wohingegen es in der Realität zunächst 10, bei der nächsten Einheit schon 100, bei der übernächsten schon 1000 sind). So lassen sich z.B. die Probleme Australien erklären, dass viele Tiere eingeführt hat (z.B. Kröten), die bestimmte Schädlinge bekämpfen sollten und sich dann selbst so rasend schnell vermehrt haben, dass sie heute eine Plage sind. Auch Medikamentenmissbrauch, also eine Überdosierung gegen ärztlichen Rat kann sich so auswirken. Viel hilft eben nicht immer viel!

Weitere typische Fehler wären zu nennen. Dörner beschreibt sowohl seine Versuche als auch Beispiele aus der Welt außerhalb der Versuchslabore sehr anschaulich und sehr eingängig. Des weiteren skizziert er Lösungsansätze. So hat sich in seinen Versuchen gezeigt, dass insbesondere die Personen gut abschnitten, die sich von negativen Ergebnissen einerseits nicht aus dem Konzept bringen ließen, also nicht in Panik verfielen, andererseits aber auch nicht starr an ihrem Programm festhalten, sondern alternative Hypothesen ausprobieren, die Zahl der beobachteten Variablen klein halten, aber ggf. bereit sind, weitere mit einzubeziehen.

Wichtig ist es aus meiner Sicht noch zu erwähnen, dass großes Wissen in einem Fachgebiet ebenso hilfreich wie gefährlich sein kann. Dörner beschreibt dies an der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl sehr eindrücklich. Hier hat sich ein Team hochrangiger Experten einfach das Problem so lange schön geredet bis sie es nicht mehr kontrollieren konnten. Sie haben zahlreiche Sicherheitsregeln missachtet, vermutlich in dem Glauben, diese seien nur etwas für weniger Erfahrene.
Des weiteren ist davon auszugehen, dass sozialpsychologische Befunde hier ebenfalls wichtig sind. So konnte mehrfach gezeigt werden, dass es schwierig ist, in Gruppen Minderheitenmeinungen zu vertreten. Wenn vier Leute einen Gegenstand als grün bezeichnen, der völlig offenkundig gelb ist, dann gerät die fünfte Person ins Zweifeln und erklärt häufig ebenfalls, er sei grün. In Expertengruppen kommt hinzu, dass man sich keine Blöße geben will. Wer will schon der Feigling sein, der erklärt, er traue sich im Gegensatz zu den anderen nicht zu, eine Entwicklung zu prognostizieren und poche deshalb auf Einhaltung der Sicherheitsregel. So kann Eitelkeit im Extremfall tödlich sein.

Dietrich Dörner schreibt einen höchst unterhaltsam Stil. Das Buch ist flüssig lesbar, enthält so gut wie keinen psychologischen Jargon und bedarf eigentlich keiner Vorkenntnisse. Für Psychologen und Psychologie-Studenten ist das Buch sicher auch bestens geeignet, wenn nicht gar Pflichtlektüre, auch wenn man vielleicht das, was für den Laien angenehm ist, als Mangel ansehen mag. Viele statistisch-methodische Fragen werden nicht diskutiert. Auch werden die Stichproben nur oberflächlich beschrieben. Da ich die Originalarbeiten z.T. kenne muss ich z.B. darauf hinweisen, dass es fraglich ist, ob die Tatsache, dass kein Zusammenhang zwischen der Intelligenz der Versuchsteilnehmer und ihrer Leistung gefunden wurde nicht darauf zurückzuführen ist, dass nur Akademiker an den Studien teilnahmen und somit die Bandbreite der Intelligenz eingeschränkt war. Aber das nur am Rande.

Stilistisch ist vielleicht kritisch anzumerken, dass Dörners Sendungsbewusstsein hoch ausgeprägt ist und er seine Botschaft bisweilen fast schon in Predigermanier immer und immer wieder wiederholt. Kritsches Hinterfragen der Befunde und allgemeine Zurückhaltung sind des Autoren Sache nicht.

Als Gesamtfazit bleibt aber eindeutig: ein exzellentes Buch, ein hochgradig wichtiges Buch, ein gesellschaftlich relevantes Buch, da viele negative Entwicklungen, ob politischer, ökonomischer, gesellschaftlicher oder auch privater Natur häufig darauf zurückzuführen sind, dass komplexe Systeme schlecht gesteuert wurden.

Unbedingte Kauf- und Leseempfehlung!
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