Kundenrezension

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Hab es nicht aus der hand legen können..., 9. Oktober 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: 1848: Die Geschichte von Jette und Frieder. Roman (Gulliver) (Taschenbuch)
Hallo!

Ich möchte hier ein Buch vorstellen, dass ich zufällig gefunden und als leichte Urlaubslektüre erstanden habe. Geschrieben hat es Klaus Kordon. Dazu muss ich sagen, dass ich Hobbyhistoriker bin und historische Romane sehr gerne lese, wenn sie auch ein authentisches Bild der Zeit wiedergeben und man nicht im Jahre 1735 auf Heuballen sitzt oder 1865 als einfacher Arbeiter Emailware benutzt... Zurück zum Buch.

Die Handlung:

Spätsommer/Herbst 1847 am Vorabend der Kartoffelrevolution, Berlin, Rosenstraße 7
Hier leben die fünfzehnjährige Henriette Mundt, genannt Jette, und ihre ältere Schwester Auguste sowie deren Sohn Friedrich Wilhelm, der aber nur Fritze gerufen wird, im Haus des Herrn Johan Christian Flatow, wohlhabender Fabrik- und Ladenbesitzer.
Unter dem Dach wohnt der siebzehnjährige Zimmerergeselle Friedrich Wilhelm Jacobi, genannt Frieder, mit seiner bettlägerigen Mutter. Zudem wohnen dort noch der Nachtwächter Kerkau mit seinen Kindern und eine Familie, die alsbald nach Amerika auswandern wird sowie die Witwe Wuttig, eine ältere geschwätzige Stundenlöhnerin.

Jette ist gefangen, gefangen in der winzigen Wohnung, die vollgestopft ist mit den Möbeln der verstorbenen Eltern. Sie ist gefangen wegen Fritzchen, ihrem Neffen, einem Bastard. Der ist noch klein und seine Mutter eine Hure, die sich verkauft um den Lebensunterhalt der drei zu sichern. Sternenkiekerguste nennt man sie auf der Straße. So bleiben Jette nur der Gang auf den Markt und das Fenster zur Straße als besondere Abwechslung. Dort, am Fenster, entdeckt sie auch der Frieder auf seinem allmorgendlichen Weg zur Arbeit und verliebt sich in das hübsche Mädchen. Er legt ihr ein paar Kartoffeln vor die Tür, jeden Tag, zum Unmut seiner Mutter, die mit den leichten Mädchen über dem Hauseingang nichts zu tun haben will. Auch Guste, die aufgrund ihrer Lebenserfahrungen nicht gut über Männer sprechen kann, warnt Jette vor Frieder, der nur das eine wolle und schließlich sitze sie da, jung, mit einem Kind und niemand würde sie in Anstellung nehmen. Jette hasst ihr "eingesperrt sein".

Frieder arbeitet mit einer Hand voll Gesellen für einen Zimmerermeister auf dem Bau. Der Altgeselle Rackebrandt hat Gefallen an ihm gefunden, denn er merkt, dass Frieder empfänglich ist für seine revolutionären Gedanken und die beiden freunden sich an.
Die Umstände der Zeit führen schließlich zur Kartoffelrevolution und reißen Frieder, Jette, Guste, Rackebrandt, Flatow, Kerkau und alle Berliner in den Sog der Ereignisse. Als sich am 18ten März des nächsten Jahres die Barrikaden in den Straßen erheben, treffen wir alle Protagonisten auf verschiedensten Seiten wieder und nicht alle werden die Kämpfe überleben...viele Freunde bleiben im Blut auf den Straßen liegen... dazwischen liegen Verrat, Liebe, Vorurteile, Freundschaften, neue Feinde, Wut, Hass, Verzweiflung, Armut, Verbrechen, Schwangerschaft und Not, Stolz, Neid, Unrecht und Willkür...

Meine Meinung zu dem Buch:
Ich hatte es nicht erwartet, aber ich war gefesselt. Zum Leidwesen meiner Frau konnte ich das Buch nur schwer aus der Hand legen und sie musste es einmal sogar verstecken, damit ich mit ihr eine Besichtigungstour machte... ;o)
Die Zeit und die Umstände der einfachen Bevölkerung und des Bürgertums in den Jahren 1847 und 1848 sind hervorragend recherchiert und in allen Farben geschildert. Die Bilder entstehen so klar und deutlich vor dem geistigen Auge, dass es leicht fällt, Jette und Frieder durch die Straßen Berlins zu folgen und die Ereignisse klar vor sich zu sehen.
Die Figuren sind am Anfang sympathisch, lassen aber noch viele Fragen offen, die im Laufe der Geschichte durch wohlplatzierte Rückblicke oder Ereignisse erklärt werden. Wenn man sich auf die Geschichte bedingungslos einlässt, wenn man sich von ihr gefangen nehmen lässt, dann lacht man und weint man mit den Personen, erlebt mit ihnen ein Weihnachten, dass man sich in der heutigen Zeit nicht mehr vorstellen kann, man baut einen extremen Hass auf gegenüber Herrn Flatow, der ein Faible für blutjunge Mädchen hat und anfängt Jette nachzustellen und ihre Lage auszunutzen, misstraut dem Nachtwächter Kerkau, der überall im Haus herumschnüffelt, wird zusammen mit Frieder die Studenten und ihre demokratischen Abende besuchen, auf Demonstrationen gehen und zittert mit ihnen, wenn von der Universität das dumpfe Stampfen und Trommelschlagen herüberschallt, während auf dem nächtlichen Opernplatz das Volk ins Stocken gerät und auf einmal die Infanterielinie auftaucht, mit gefälltem Bajonett bereit, jeden nieder zu machen, der ihr in den Weg kommt, kämpft mit ihnen auf den Barrikaden gegen die "Pickelhauben" und man steht mit einigen von ihnen trauererfüllt vor dem Schloss, mit tausenden Mitbürgern, umringt die aufgebarten Toten und schaut hinauf zum Balkon, auf dem der König steht...

Das Buch ist aus der Sicht der einfachen, armen Arbeiterbevölkerung geschrieben. Es wird sehr schön deutlich, wie wenig man bekommt für 17 Stunden harte Arbeit auf dem Bau, in der Fabrik, als Heimarbeiter. Wie viel eine Metze Kartoffeln kostet oder eine schlichte Wachskerze. Die hygienischen Gegebenheiten, die ärztliche Versorgung, der Polizei- und Militärstaat Preußens, die Behandlung des Volkes durch den Adel und das Bürgertum werden hervorragend in die Handlung eingebaut, so dass man etwas lernt, ohne es zu merken. Minutiös werden die Geschehnisse, die zu den Barrikadenkämpfen 1848 führen in die Handlung gesponnen und von den Hauptpersonen erlebt ohne dass es zu konstruiert wirkt.
Alles ist in sich schlüssig und nachvollziehbar und bleibt dabei spannend, auch wenn man eigentlich weiß, wie es ausgehen wird.
Man ertappt sich doch dabei, wie man hofft, dass eben diese Barrikade am Cöllnischen Rathaus den Angriffen des Militärs standhalten wird, dass die Revolution doch Erfolg haben muss und wie enttäuscht man dann am Ende mit den Figuren ist, wie fassungslos man erlebt, wie das reaktionäre Bürgertum alles wieder zunichte macht, wofür die Freunde gestorben sind, leidet mit, wenn der alte königstreue Zimmermannsgeselle Roderich, der für König und Vaterland gegen Napoleon kämpfte plötzlich nicht mehr weiß, zu wem er halten soll...
Hautnah erlebt man das preußische Gefängnis mit, das Leben im Armenviertel Berlins, dem Voigtland, und das Treiben in den Straßen der pulsierenden Stadt die niemals schläft und immer nur darauf aus ist, einen Groschen wenigstens zu verdienen um zu überleben - wenigstens den nächsten Tag...

Gedacht ist das Buch als Jugendliteratur aber es ist in keiner Weise schonend oder vereinfacht. Der Roman mit 503 Seiten und einem Nachwort des Autors ist qualitativ neben die Bücher von Patrick O'Brian zu stellen, denn die Welt des mittleren 19ten Jahrhunderts ist ebenso gut recherchiert und lesenswert geschildert wie die des frühen 19ten in O'Brians Werken.
Die Handlung ist packend und fesselt bis zum Schluss, hält immer wieder ungeahnte Wendungen und Überraschungen für den Leser bereit, arbeitet mit geschichtlichen Fakten korrekt und stellt die Ereignisse dar, wie sie waren. Alte Berufsbezeichnungen wie Höker werden benutzt und auch erklärt.
Der Autor beschreibt in seinem Nachwort, wie schwierig es war, aus den ganzen Quellen ein klares, unverfälschtes Bild zu bekommen, da Militär-, Bürger-, Arbeiter- und Revolutionserinnerungen immer sehr koloriert von sich selber schreiben und meist ein zu schwarzes Bild von dem zeitgenössischen Gegenüber hinterlassen.
Besonders gelungen ist es dem Verfasser, mit Hilfe des Berliner Dialekts auch in der Sprache der Personen Authentizität zu erzeugen.

Meine Empfehlung:

Kaufen, lesen, versinken...
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