Kundenrezension

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Dieser Roman ist ein literarisches Ereignis und ragt unter den Neuerscheinungen des Frühjahrs 2009 heraus, 25. Februar 2009
Rezension bezieht sich auf: Nikolski (Gebundene Ausgabe)
Dieser Debütroman des französischsprechenden und schreibenden Kanadiers Nicolas Dickner ist, das muss zu Anfang gleich gesagt werden, ein literarisches Erlebnis und ragt unter den Neuerscheinungen dieses Frühjahrs in ganz besonderer Weise heraus. Dickner hat da einen Roman vorgelegt, der schillert und glänzt in einem wahren Überfluss und Reichtum an schönen Geschichten, Geschichten, die erzählt sind mit einer Lust am Fabulieren, ein Roman, der so erfrischend und mitreißend daher kommt, dass er den mit jeder Seite begeisterteren Leser einhüllt in eine wunderbare Welt von Büchern und Ländern, der ihn mit seinem Charme einfach nicht mehr loslassen will.

Die Geschichte erzählt von drei Menschen. Sie kennen sich nicht, werden, obwohl sie im Verlauf der Handlung sich ganz dicht einander nähern, sich leider nie begegnen. Alle drei aber stammen sie von einem Mann ab, dem ruhelosen Matrosen Jonas Doucet, ein überall in der Welt herumgekommener Globetrotter. Sein einer Sohn ist der namenlose Erzähler des vorliegenden Buches, ein Mann, der in Montreal als Buchhändler arbeitet. Er hat an seinen Vater, den Matrosen, keine einzige Erinnerung außer einem Kompass, ein Gerät, das nicht wie üblich nach Norden weist, sondern stetig auf einen auf den Aleuten gelegenen Ort namens Nikolski, wo es außer einigen Tausend Schafen nur wenige Einwohner gibt.

Der andere Sohn ist der Halbbruder des Montrealer Buchhändlers und Erzählers. Er heißt Noah und seine Mutter ist eine von ihrem Stamm verstoßene Indianerin. Er schreibt seiner Mutter, die ruhelos auf dem Kontinent mit ihrem Wohnmobil herumfährt, Briefe, die aber alle ungeöffnet bzw. unzustellbar zurückkommen. Verständlicherweise entwickelt er ein besonderes Interesse für das Schicksal indigener Völker, besonders das der Indianer. Er studiert bei Thomas Saint-
Laurent Archäologie, "einer rätselhaften Person, die sich mit Abfallarchäologie beschäftigte. Sein Lebenslauf war beeindruckend: Ordinarius für Archäologie, Direktor eines der best angesehensten Forschungszentren des Landes, Ausgrabungsleiter auf mehreren vorgeschichtlichen Ausgrabungsstellen in Nunavik sowie der Autor eines Dutzend Bücher. Außerdem waren seine Arbeiten über die Müllhalden der Gegenstand von zahlreichen Artikeln, drei Dokumentarfilmen und einigen Fernsehbeiträgen." Postindustrielle Archäologie nennt er das, was er da tut und was Noah zunehmend begeistert.

1994, die Geschichte des Buches selbst beginnt 1989 und endet 10 Jahre später, lernt Noah eine Frau kennen, Arizna Burgos Mendez, eine in Caracas geborene Venezolanerin, die bei ihrem Großvater in Montreal aufgewachsen ist, der einen Posten im venezolanischen Konsulat in Montreal begleitet. Von dort ist sie irgendwann nach Venezuela zurückgekehrt, wo ein gewisser Hugo Chavez schon von sich reden macht. Sie erzählt Noah, dass sie dort ein Studium begonnen hat am Instituto Indigenista Autonomo, einer kleinen, wenig bekannten Universität in Caracas. Sie interessiert sich nur für ihr Studium und ihre indianischen Forschungen , redet gerne über die Zapatisten ..

Noah findet nirgendwo im Internet ein solches Institut erwähnt, auch sein Lehrer Thomas Saint-Laurent kennt es nicht. Über viele Jahre werden die beiden eine Beziehung haben, und bis zuletzt ist es unklar, ob der kleine Simon Noahs Sohn ist.
Natürlich hat die ganze Beziehung etwas zu tun mit Noahs indianischer Mutter, die er im Verlauf des ganzen Buches nicht wiederfindet.

Die dritte in der illustren Reihe der Abkömmlinge des Matrosen Jonas Doucet ist Joyce, eine Nichte von Doucet. Sie arbeitet in einer Fischfabrik und in ihrer Freizeit sucht sie alte Computer in Mülltonnen und bastelt sie wieder zusammen, wobei sie ihnen jeweils lustige und originelle Namen gibt. Auch sie ist auf ihre Weise auf der Suche nach ihrer Mutter, von der ihr der Großvater Lyzandre Doucet viel erzählt hat. Sie wird als Daten-Piratin vom FBI verhaftet, was Joyce in einer Zeitungsmeldung liest. Sie kann ihr aber nicht begegnen.

Der wunderbare Roman, der von Geschichten nur so überlauft, erzählt die Parallelgeschichten dieser drei Menschen, lässt den Leser teilhaben an ihren Erfahrungen und Gedanken und führt sie irgendwann in Montreal fast zusammen. Doch der Nikolskikompass funktioniert nicht richtig und so wird sie bis an ihr Lebensende nur verbinden die gemeinsame Abstammung, die Suche nach den Ursprüngen und die Liebe für Bücher.

Kanadische Pressestimmen sprachen 2005 von "hemmungslosem Vergnügen" und einem "ausgesprochen unterhaltsamem Leseereignis". Sie haben recht.
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