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3.0 von 5 Sternen Nazikrimi, au weia..., 13. April 2010
Rezension bezieht sich auf: Stern Krimi-Bibliothek, Band 2: Vaterland (Gebundene Ausgabe)
Ein Thema, bei dem man sich leicht in die Nesseln setzen kann: Hitler hat den Krieg gewonnen, wir schreiben das Jahr 1964 und Präsident Kennedy hat sich zum Staatsbesuch im Deutschen Reich angekündigt. Allerdings sprechen wir hier nicht von John F, sondern vom alten Joseph, der offenbar auch schon einige Male durch Äußerungen aufgefallen ist, die ihm Hitlers Beifall eingebracht haben.
Das Buch beschäftigt sich einerseits mit der Frage, ob es Deutschland und den Deutschen nach einem gewonnenen Krieg besser gegangen wäre als nach einem verlorenen - und wie es dann im Rest der Welt ausgesehen hätte -, andererseits mit einem konkreten Kriminalfall. Die erste Frage beantwortet Harris durchaus differenziert: Jein, auch nach einem Sieg hätte es Arme und Reiche gegeben, Machtlose und Mächtige, Profitteure und Verlierer des Systems. Er erwähnt die ausgezeichneten Karrierechancen innerhalb von Organisationen wie der SS ebenso wie das karge Leben der in den Osten umgesiedelten deutschen Bauern, die knapp vor dem Ural nicht nur ihre öden Felder bestellen, sondern auch noch aufpassen müssen, daß sie dabei nicht von Partisanen erschossen werden. Denn obwohl der Weltkrieg zuende ist, heißt das nicht, daß Deutschland sich nicht mehr im Krieg befindet. Nach Rußland hin gibt es immer noch keine feste Grenze und deutsche Truppen sind seit knapp 20 Jahren damit beschäftigt, den Widerstand der dortigen Bevölkerung zu brechen und sichere Zonen für noch mehr Siedler zu schaffen.
Abgesehen von solchen bedauernswerten Bauern, die ungefragt an den Allerwertesten des Reiches zwangsumgesiedelt werden, haben aber auch Menschen, die selbständig denken können in Hitlers Reich ein Problem, denn Intelligenz ist nur erwünscht, wenn sie parteikonform angewandt wird. Eben das tut der Held des Buches aber nicht. Xaver März ist Kriminalbeamter in Berlin und steht, da die Polizei des Reiches Teil der SS ist, unter besonderer politischer Beobachtung. Seinen Vorgesetzten ist seine unabhängige, oftmals ketzerische Art schon seit langem ein Dorn im Auge, doch da er seine Arbeit korrekt erledigt, ist er bisher um die Entlassung herumgekommen. Im Zuge der Ermittlungen zu einem neuen Fall, den eigentlich sein etwas dröger Kollege hätte bearbeiten sollen, erfährt er allerdings, daß ihm ein Gerichtsverfahren bevorsteht, weil er partout nicht in die Partei eintreten will (was ihn bereits mehrere Beförderungen und seine Ehe gekostet hat), und daß offenbar eine ganze Riege alter Nazigrößen auf einen Schlag umgebracht wurde.
Er geht der Sache mit Hilfe einer amerikanischen Reporterin nach, die durch ihre Recherchen und persönlichen Verbindungen zu einem der Opfer ohnehin bereits in die Sache verwickelt war, und wird bald von seinen eigenen Leuten gejagt, weil er dabei ist, einem Geheimnis auf die Spur zu kommen, das Hitlers Reich ins Wanken bringen könnte.
Die Geschichte kommt rasant in Fahrt, arbeitet mit wenigen Klischees und verwendet Originalzitate (u.a. von Hitler selbst) und reale Biographien, die im fiktiven Zeitstrang der alternativen Wirklichkeit glaubhaft fortgeführt werden. Daß Harris sich in puncto Grenzziehung irrt, wie hier schon verschiedentlich angemerkt wurde, stimmt: Er nennt die heutige deutsch-polnische Grenze (die grob dem Verlauf der Oder folgt) als Vorkriegsgrenze; so, als hätte Deutschland schon nach dem Ersten Weltkrieg seine Ostgebiete verloren (u.a. Preußen, das erst nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Begründung zerschlagen wurde, es sei der Haupthort der Kriegstreiber im Lande). Das ist ein offensichtlicher Patzer, aber keiner, der den Verlauf der Handlung groß beeinflussen würde. Bestimmt äußerst ärgerlich für ehemalige Bewohner der Ostgebiete, Historiker und Interessierte - aber eben nicht plotrelevant und darum nur ein geringer Aufreger am Rande.
Noch ein paar Sätze zu den Klischees: Es fällt etwas unangenehm auf, daß außer dem Helden alle SS-Leute böse sind, daß jeder Deutsche außer ihm ein mit (teils wirklich auf groteske Weise gravierenden) Makeln behafteter Trottel ist, und daß Xaver März, der immerhin in der Diktatur aufgewachsen ist, nicht mehr Vorbehalte gegen die "gemischtrassige" Reporterin hat, mit der er zusammenarbeitet. Es erscheint merkwürdig, daß allein bei ihm die NS-Erziehung nicht gefruchtet haben soll, bei allen anderen aber schon. Selbst der mit ihm befreundete Historiker, den er für seine Untersuchungen einspannt, und der die einzige andere deutsche Figur darstellt, die sich politisch gemäßigt verhält, wirkt da realistischer dargestellt. März kommen nur sehr selten Zweifel an seiner Handlungsweise, mit der er sein Vaterland gefährdet, so daß man sich irgendwann fragt, warum dieser Querkopf nicht schon viel früher aus dem Dienst entfernt wurde. Seine nicht besonders gut verborgene Abneigung gegen sein heimatliches System hätte ihm schon viel früher einen KZ-Aufenthalt einbringen müssen, hat man den Eindruck.
Abgesehen von diesem Punkt ist die Geschichte in sich aber sehr konsistent und verzichtet auf ärgerliche Analysen abnormer deutscher Nazihirne, auf Schockeffekte und plakative Darstellungen des Lebens und Sterbens in den Vernichtungslagern. Es gibt durchaus Szenen, in denen die Maschinerie des Todes in den Lagern beschrieben wird, doch handelt es sich dabei um kurz eingestreute Einzelszenen, die nicht versuchen, das Hauptthema des Buches zu überlagern. Daher ist "Vaterland" genau das, als was es beworben wird: Ein durchaus lesenswerter historischer Krimi.
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