Kundenrezension

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ganz hervorragend, 9. Oktober 2009
Rezension bezieht sich auf: Wir Menschen: Woher wir kommen, wer wir sind, wohin wir gehen (Gebundene Ausgabe)
Der Verfasser des Buches ist freier Wissenschaftspublizist und war über viele Jahre Wissenschaftsredakteur von GEO. Dies merkt man dem Buch an, denn der Autor beherrscht sein Handwerk.

Gegliedert ist das Buch in die drei Hauptabschnitte:
I. Woher wir kamen
II. Warum wir so sind und nicht anders
III. Wohin wir gehen.

Der reine Text umfasst 400 Seiten. Dazu gibt es noch ein Glossar und ein Literatur- und Stichwortverzeichnis.

Einige Aufmerksamkeit widmet der Autor der Frage, worin sich der Mensch in der Natur auszeichnet (162): "Er geht aufrecht, stellt Werkzeuge her, führt Kriege, lügt und betrügt, hat Bewusstsein seiner selbst, besitzt Sprache und Kultur. Je genauer aber die Forscher auf die Tierwelt blickten, desto häufiger entdeckten sie dort Eigenschaften, die zumindest in Ansätzen den vermeintlich exklusiv menschlichen entsprachen." Letztlich kommt er dann doch wieder zu dem Schluss, dass die besonderen kognitiven Fähigkeiten (Sprache etc.) des Menschen seine Einzigartigkeit ausmachen. Ein wenig vermisste ich hier den Hinweis auf die sozialen Fähigkeiten und die ausgeprägte Kooperationsbereitschaft des Menschen (er ist wohl die einzige Art, bei der Nichtverwandte im großen Stil miteinander kooperieren), wenngleich auch der Autor darauf hinweist, dass sich der Mensch in der letzten Phase der Hominiden-Evolution "selbst zur Umwelt geworden" ist (183).

Als sehr interessant empfand ich eine von ihm vorgetragene Hypothese zum Autismus, wobei hier in erster Linie die Hochbegabten-Formen des Autismus (Inselbegabungen, Asperger-Syndrom) gemeint sein dürften. In diesem Zusammenhang führt er aus, dass im Laufe der menschlichen Evolution größere Gehirne mit mehr "Basiseinheiten" entstanden, die eine größere Verarbeitungskapazität und höhere Komplexitäten erlaubten (177): "Bei Autisten hat sich nun ein weiteres Mal die Zahl dieser Basiseinheiten gesteigert. Während sich aber die Hirnentwicklung von den Affen zum Homo sapiens im Verlauf von vielen Millionen Jahren abgespielt hat, blieb der Evolution bei Autisten nicht genug Zeit, um die zusätzlichen Strukturen korrekt zu vernetzen. Das Gehirn wäre dieser Hypothese nach dem von Nicht-Autisten sozusagen einen Schritt voraus - einen Schritt zu viel, weil die zusätzliche Kapazität nicht richtig eingebettet ist."

Ebenfalls interessant sind seine Ausführungen zur spezifischen genetischen Ausstattung des Menschen. Meist wird behauptet, dass sich Schimpanse und Mensch zu 98,5% genetisch gleichen. Tatsächlich verfügt der Schimpanse aber über 23 Chromosomenpaare, der Mensch dagegen über 22. Die Initialzündung für die Menschwerdung sieht er in der Veränderung der Chromosomenstrukturen durch Transposons. Zwar seien Mensch und Schimpanse, was die reine Buchstabenfolge der DNA betrifft, tatsächlich zu 98,5% identisch, betrachtet man jedoch die Chromosomenstrukturen, dann ergibt sich nur eine 95-prozentige Übereinstimmung.

Sehr gelungen ist seine knappe Erklärung der evolutiven Bedeutung genetischer Strukturveränderungen, auch in Hinblick auf die Artenbildung (178). Hier findet man die Kernaussagen von Das kooperative Gen: Abschied vom Darwinismus auf wenige Abschnitte kondensiert.

Sehr lesenswert ist der Abschnitt "Die Liebe: Der Krieg der Geschlechter", in dem die unterschiedlichen Fähigkeiten, Verhaltensweisen und Paarungsstrategien der beiden Geschlechter erläutert werden. Hier vermisste ich allerdings einen Hinweis auf die stärkere Variabilität des männlichen Geschlechts (nur ein X-Chromosom), die für die Evolution des Menschen von entscheidender Bedeutung ist (siehe etwa Begabte Mädchen, schwierige Jungs: Der wahre Unterschied zwischen Männern und Frauen). Im gleichen Abschnitt erfolgt dann noch eine Auseinandersetzung mit dem Fall Reimer (193ff.). Der Autor betont die Bedeutung der Biologie für die Ausformung der Geschlechtsidentität und verwirft in diesem Zusammenhang viele Behauptungen der soziologischen Gendertheorie. Lakonisch merkt er an (196): "Die Natur hat sich große Mühen gegeben, zwei grundverschiedene Sorten von Menschen zu schaffen ...". Man kann Soziologie-Studierenden die Lektüre nur wärmstens ans Herz legen. Mancher kulturistischer Fehlschluss ließe sich so vermeiden.

Im Abschnitt "Verhalten, Gene und Umwelt" (291ff.) werden Ergebnisse und Annahmen der Verhaltensgenetik, der Verwandtenselektion, der Theorie der egoistischen Gene und der Soziobiologie zusammengefasst. Die dort gegebene Erklärung der Organisation von Bienenvölkern aus den Verwandtschaftsverhältnissen heraus wäre für Ameisenvölker korrekt gewesen, für Bienen jedoch gerade eben nicht (siehe etwa Soziobiologie: Die Evolution von Kooperation und Konkurrenz). Auch werden mir an der Stelle die Theorie der egoistischen Gene, die Verwandtenselektion und die Soziobiologie etwas zu unkritisch wiedergegeben, da sich deren Annahmen bis heute nicht auf den Menschen haben übertragen lassen (siehe etwa Central Theoretical Problem of Human Sociobiology).

Die abschließenden Abschnitte über "Künstliche Intelligenz" (331ff.) und "Die Zukunft der Menschheit" fand ich dagegen wieder äußerst lesenswert.
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