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5.0 von 5 Sternen Herausragende Doppelmonografie, 7. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Hubert Gerhard und Carlo di Cesare. 2Bde. Bd. 1: Text, Dokumente und Anhang. Bd. 2: Katalog und Bibliographie. (Gebundene Ausgabe)
Hubert Gerhard gehört zu den Bronzebildnern der zweiten Riege, der sich die Kunsthistoriker nicht immer angemessen gewidmet haben. Gerhards Qualitäten sind in der Vergangenheit zumindest soweit aufgefallen, dass bereits zwei Monografien angekündigt waren, die aus unterschiedlichen Gründen nicht realisiert werden konnten. Nun hat Dorothea Diemer dieses von ihr seit mindestens den Achtzigerjahren verfolgte Sujet aufgegriffen und in einer sensationell umfassenden Weise publiziert. Nicht zufällig ist es auch das Thema ihrer Habilitationsschrift von 2005.
Dass das ursprünglich als Einzelmonografie geplante Werk nun auch noch Carlo di Cesare einschließt, liegt an der engen Verflechtung der beiden Skulpteure, die sich nicht nur während ihrer Lehrzeit begegneten (über die vor allem im Fall Gerhard allerdings wenig bekannt ist), sondern im Laufe ihres Lebens viele Aufträge in Süddeutschland gemeinsam ausführten.

Gerhard ist vor allem deshalb durch das kunsthistorische Raster gefallen, da er es den Wissenschaftlern nicht gerade einfach gemacht hat, ihn in eine "Schublade" zu stecken. Als Niederländer mit italienischer Stilbildung, tätig in Süddeutschland im Übergang von Renaissance zum Frühbarock vereint er viele Merkmale, die es einerseits interessant machen, sich mit ihm zu beschäftigen, andererseits aber auch kompliziert. Dorothea Diemer untersucht in ihrer Monografie alle verfügbaren Primär- und Sekundärquellen, dokumentiert sämtliche erhaltenen Werke und durchleuchtet sowohl die Auftragsgeschichte als auch die Arbeitsorganisation bis ins Detail. Immer wieder habe ich über den detektivischen Spürsinn und die Akribie gestaunt, mit der Diemer vorgeht, nur der materialwissenschaftliche Bereich kommt etwas zu kurz, was allerdings auch an mangelnden Daten liegen kann. Das Leben von Gerhard und di Cesare wird ausgesprochen transparent - so transparent, wie es nach 450 Jahren nur werden kann.

Carlo Cesare ist der Kunstgeschichte noch nicht lange als Person greifbar. Eigentlich erst mit Diemers Doppelmonografie wird er vom "Mitarbeiter" zum Künstler mit eigenem Profil. Das liegt möglicherweise auch daran, dass gerade sein Werk, mehr noch als das von Gerhard, aus dem ursprünglichen Zusammenhang gerissen wurde. Nur noch 3 seiner Großbronzen stehen am für sie vorgesehenen Ort.

Der Werdegang von Gerhard und di Cesare, obwohl in der Lehrzeit für beide nur schwer greifbar, weist dennoch Parallelen auf. Beide haben eine künstlerische Nähe zu Giambologna, im Fall Carlo auch historisch belegt, im Fall Gerhard zwar noch unbelegt, aber mehr als wahrscheinlich, da er sich nachweislich in Florenz aufhielt und Giambologna (obwohl der italisierte Name das nicht gleich erkennen lässt) ebenfalls Niederländer war, der engen Kontakt zu seinen Landsleuten in Florenz pflegte. Interessant ist, dass bisher nicht bekannt ist, wo die beiden Künstler eigentlich das Handwerk der Großbronzengießerei erlernten. In Giambolognas Werkstatt haben sie sicherlich die Technik studiert, aber an der Ausführung waren sie nicht beteiligt. Diemer analysiert ihre frühen Werke technisch sehr genau und kommt zu dem Schluss, dass sie tatsächlich eine Art Übungsphase markieren, mit zahlreichen Gussfehlern und Reparaturstellen. Auch später dokumentiert die erhaltene Korrespondenz kostspielige Fehlgüsse, was ebenfalls für eine ursprünglich nicht vorhandene Expertise im Guss von Großbronzen spricht.

Carlo arbeitete (auch noch in späteren Jahren) eher auf dem Gebiet der "Dekorationskunst", häufig mit vergänglichen Materialien wie Papiermache. Er war der Spezialist für die Ausstattung von fürstlichen Hochzeiten mit effektvollen Elementen. Ein wenig merkt man das seinen späteren Werken auch noch an. Sie sind oft auf "Effekt" gearbeitet und an nicht sichtbaren Stellen eher grob gehalten.

Ab 1581 arbeiten die beiden offiziell zusammen. Zunächst für die Fugger in Augsburg. Der Grabaltar für Christian Fugger ist Gerhards erstes erhaltenes Werk. Anschließend treten sie in München in den Dienst von Wilhelm V., Herzog von Bayern. Diemer untersucht hier nicht nur die Bronzeskulptur an sich, sondern auch andere Bildwerke aus vergänglicherem Material, wie Terracotta, (Hart)Stuck, Wachs und Papiermaché. Auch die Ikonografie und Wirkungsgeschichte wird durchleuchtet, nutzt doch gerade Wilhelm V. die Kunst als Mittel der Politik und Repräsentation. Er zieht gerade italienische oder italienisch beeinflusste Spitzenkünstler an seinen Hof und trotzdem interessiert ihn die Sammlung von Kunst oder der künstlerische Wert (anders im Fall seines Vaters) eher wenig.

Mehrere Kapitel befassen sich mit einzelnen Hauptwerken, so z. B. dem Erzengel Michael in der Münchner Michaelskirche, den Wittelsbacher und Kirchheimer Brunnenanlagen oder dem Stiftergrabmal Wilhelms V. Neben der Planungsgeschichte interessiert die Autorin vor allem die Arbeitsorganisation und Rekonstruktion des Originalzustands. Viele Ensembles wurden in späterer Zeit auseinandergerissen oder zerstört. Hier helfen oft nur historische Zeichnungen, textliche Beschreibungen und (wenn überhaupt erhalten) Entwurfsskizzen.

Carlo stirbt 1598 in Mantua, bereits kurz nachdem Wilhelm V. abgedankt und sein Nachfolger Maximilian fast alle Künstler, darunter auch Gerhard und Carlo, entlassen hatte. Gerhard trat später in die Dienste des Erzherzogs Maximilian III. von Österreich, wo er (bis auf das Grabmal des Erzherzogs), eher im Metier der qualitätvollen Kleinbronzen arbeitete.

Der zweite Band enthält zumeist qualitätvolle, wenn auch leider bis auf einige Farbtafeln nur in schwarz-weiß reproduzierte Abbildungen mit zahlreichen Details. Auch der Textband ist großzügig bebildert, sodass man in der Regel ohne einen Blick in den Tafelband inhaltlich problemlos folgen kann. Die Aufnahmen im Tafelband liefern aber einen erkennbaren Mehrwert.

Bei aller Detailfreude verliert die Autorin niemals die Lesbarkeit aus den Augen. Auch für interessierte Laien ist ihr Werk spannend und lebendig geschrieben, ohne professorale Hybris oder mehr vernebelnder als klärender Fachsprache. Das ist ausgesprochen angenehm und im Kunstbetrieb leider nicht die Regel. Nur die zahlreichen, nicht übersetzen Originalzitate in italienischer und französischer Barocksprache sind etwas lästig. Dennoch ist diese Doppelmonografie eine würdige, inhaltlich herausragende Dokumentation sowohl der beiden Künstler, als auch zur komplexen Arbeitsorganisation der Bronzegießerei in der deutschen Spätrenaissance.
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Volker M.
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