Kundenrezension

8 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Friedhöfe der Geschichte, 11. Februar 2013
Rezension bezieht sich auf: Vanished Kingdoms: The History of Half-Forgotten Europe (Taschenbuch)
Das ganz andere Europa

(Diese Rezension bezieht sich auf die Ausgabe bei Penguin Books, 2011)

Der Verfasser, Norman Davies, hat gegenüber vielen seiner Kollegen den großen Vorteil, dass er sich nicht nur in einem – mehr oder weniger sprachlich definierten – Kulturkreis bewegt, sondern den europäischen Teil der Welt von verschiedenen konkreten Blickwinkeln aus betrachtet. Dadurch erlangt er eine Unabhängigkeit im Urteil, um die man ihn beneiden muss. Darüberhinaus erweist er sich nicht nur als irgendwie gearteter Fachmann für bestimmte historische Bereiche, sondern geht über die Grenzen der Historiographie hinaus in den Bereich der Philosophie. Er versucht, ähnlich wie dies ein Psychiater bei Individuen tut, allgemeine Verhaltensmuster für ganze Völker herauszuarbeiten, indem er sozusagen die Völker als kohärente Wesen betrachtet, genauso, wie ein Astronom die Bewegungen von Himmelskörpern der verschiedensten Art anhand einiger weniger Gesetze beschreibt.

Das vorliegende Buch befasst sich mit einer Mandel von Reichen, die in den zwei Jahrtausenden nach Christi Geburt in Europa entstanden, Europas Geschicke entscheidend beeinflussten und dann wieder von den Landkarten – nicht jedoch aus den Herzen und Hirnen ihrer Bewohner – verschwanden. Manche kennt auch heute noch jedes Schulkind – Irland, die Sowjetunion, Litauen – verbindet mit ihnen jedoch vielleicht auch Ideen, die nur zum Teil, wenn überhaupt, zutreffen, andere klingen in Sagen nach – Burgund, Tolosa, Aragon – auch wenn sie viele konkrete Spuren hinterlassen haben, wieder andere – Byzanz oder Galizien – sind fast völlig aus dem heutigen politischen Weltbild verschwunden, während einige, wie das merkwürdige Borussia, den Führenden der westlichen Welt so quer in der Kehle lagen, dass man sie politisch liquidieren, ihre materiellen Spuren zerstören, ihre Geschichte umschreiben und ihre Menschen in alle Welt zerstreuen musste, um endlich so herrschen zu können, wie man wollte.

Davies, der aus einem kleinen und eigentlich völlig unbedeutenden Land stammt, aus Wales, aber vielleicht gerade deswegen einen unvoreingenommenen Standpunkt einnehmen kann und kein Land vertritt, das er irgendwie rechtfertigen muss, ergänzt diesen Vorteil noch durch einen quasi stereoskopischen Blick auf sein Gebiet, den er der Tatsache vedankt, dass er es materiell und gefühlsmäßig auch noch von einer zweiten Warte aus betrachten kann, aus dem Gebiet, das man im Englischen mit Central Europe bezeichnet und dessen Schwerpunkt durchaus weiter östlich liegt als das Zentrum von Mitteleuropa.

Für den deutschen Leser sind natürlich nicht alle Kapitel von gleicher Bedeutung, Byzanz wird ihn nur am Rande interessieren, Alt Clud sagt vielleicht nur dem gebildeten Whisky-Trinker etwas, aber mit dem kleinen Exkurs über Rosenau sollte er sich schon befassen, denn aus diesem Text kann er erfahren, warum eine große Hochzeit, die 1947 in England gefeiert wurde und die Verbindung der Windsors und der Mountbattens betraf, historisch genau genommen eigentlich die Familien Sachsen-Coburg-Gotha und Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg vereinte und eine ganze Latte von politischen Entscheidungen, Umbenennungen und Tricksereien voraussetzte.

Besonders aber ist für Deutsche natürlich die von Davies im Kapitel Borsussia geschilderte Geschichte des preußischen Reiches lehrreich, denn Davies beweist dort nicht nur seine profunde Kenntnis der historischen und dynastischen Verhältnisse, sondern enthält sich vor allem jeglicher politischen Verbiegungen, wie sie im 20. Jahrhundert besonders im angelsächsischen Bereich so beliebt waren, etwa in der Schriften von Robert Vansittert, und deren Folgen dort immer noch zu spüren sind.

Interessant ist für Davies hier auch die Tatsache, dass, besonders in Berlin, seit der deutschen Wiedervereinigung die Erinnerung an das Preußentum eine ständig wachsende Bedeutung gewinnt, die nicht zuletzt in der ganz bewussten Wiederherstellung preußischer kultureller Werte, etwa des Stadtschlosses oder der preußischen Museen an den Tag tritt.

Besonders wohltuend ist auch das Mitgefühl, das Davies für die Menschen an den Tag legt, an denen sich in der Mitte des vorigen Jahrhunderts der bösartige Hass auf alles Deutsche ausgetobt hat, der aus machtpolitischen Gründen in London nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 ganz bewusst geschürt wurde. Kennzeichnend für dieses Mitgefühl sind die Verse von Agnes Miegel, die Davies ans Ende von “Borussia” stellt, in der deutschen Fassung und einer von ihm selbst stammenden, vorzüglichen Übersetzung: “O kalt weht der Wind über leeres Land…” / “Oh cold blows the wind o’er the empty land”.

Inzwischen sind einzelne Kapitel des Buches schon als Sonderausgaben erschienen, es wäre äußerst wünschenswert, wenn auch das Kapitel Borussia auf diese Weise dem deutschen Publikum nahegebracht würde. Bis dahin ist jedoch schon die englische Fassung des Buches für jeden Leser eine Bereicherung.
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