Kundenrezension

162 von 181 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Für gebildete und geduldige Leser ein interessanter Tour d'Horizont, 12. Dezember 2010
Rezension bezieht sich auf: Die Kunst, kein Egoist zu sein: Warum wir gerne gut sein wollen und was uns davon abhält (Gebundene Ausgabe)
Nach der Einleitung dachte ich, dass es mir zwar nicht zusteht, im Bildungsrucksack anderer Leser zu wühlen. Aber die Zweifel gingen nicht mehr aus meinem Kopf, ob Precht den Wissensstand seines Publikums nicht maßlos überschätzt. Jedenfalls sinkt die Freude auf die kommende Aufführung, wenn man bereits beim Programm mit Begriffen und Namen überhäuft wird, die schwierig einzuordnen sind. Und wenn es dann in der vorgezogenen Danksagung von Professoren und Doktoren nur so wimmelt, braucht es ein gutes Selbstbewusstsein, um keinen intellektuellen Minderwertigkeitskomplex zu bekommen. Aber nehmen wir mal an, im Saal würden tatsächlich nur humanistisch gebildete und im interdisziplinären Denken geschulte Menschen sitzen. Was wird ihnen dann geboten, wenn sich der Vorhang lüftet?

Zum Auftakt gibt es eine Talkshow von Platon. Das ist natürlich keine leichte Kost, selbst wenn salopp und mit zeitgemäßem Vokabular diskutiert wird. Salopp heißt bei Precht allerdings oft, zitierfähige und mediengerechte Sätze ins Publikum zu werfen, das sogleich verwundert zur Kenntnis nimmt, dass es in Platons Zeit um nichts weniger als das Ganze ging. Diese Verkürzung darf allerdings kein Grund sein, sich über Platons und seine Lehrer lustig zu machen. Schon gar nicht für jemanden, der sich gerne als neues Universalgenie und philosophischer Denker verkauft. Platon mit ein paar halbwegs witzigen Bemerkungen in die Pfanne zu hauen, ist billige Effekthascherei. Und damit bin ich auch gleich beim Punkt, weshalb mich die Bücher von Richard Precht nicht begeistern können. Obwohl bekennender Freund attraktiver Verpackungen, stört mich die Art und Weise, wie Precht seine und fremde Geschichten erzählt. Er jongliert mit Fragen, die sein Publikum im Innersten beschäftigen, wirft ihm aber unvollständige, meist unbewiesene und schwierig einzuordnende Antworten hin. Und er schiebt ihm subtil die Schuld zu, wenn es den Ausführungen des großen Zampanos nicht folgen kann.

Weil sich die wenigsten gerne eingestehen, sie hätten das Stück des Autors nicht verstanden, applaudiert man lieber und setzt man beim Verlassen des Saals eine weise Miene auf. Schließlich ist der Autor ja nicht irgendjemand, sondern ein gefeierter Philosoph, der mit den Geistesgrössen von heute auf Du und Du ist. Im dritten Kapitel wirft Precht die Frage in die Runde, ob der Mensch von Natur aus böse sei. Und nachdem er Philosophen aus allen Jahrhunderten zu Worte kommen ließ, schließt er mit dem Satz: "Die Antwort, so viel sei schon vorweggenommen, ist nicht einfach." Als Meister der Rhetorik bedient sich Precht also schon hier eines Mittels, das wir von amerikanischen TV-Serien her bestens kennen. Bevor der Werbeblock kommt, Spannung aufbauen, um das Publikum bei der Stange zu halten. Weiter geht's also zuerst mit Kapiteln über Kooperation, Sprache und die Natur der Psychologie. Und gespannt wartet man auf die Antwort, wie die Natur im Menschen ein Gefühl für Fairness hervorbrachte. Nach Gesprächen mit dem Primatenforscher De Waal und der Beschreibung des Ultimatumspiels, kommt Precht zum Schluss, dass unser Gefühl für Fairness und der Wunsch, nicht als unfairer Mensch dazustehen, zumindest in der westlichen Kultur tief internalisiert zu sein scheinen.

Besonders schwach, da angesichts des Buchumfangs geradezu unsäglich verkürzt, fand ich Prechts Ausführungen zur Streitfrage, ob Gefühle oder die Vernunft unsere Entscheidungen treffen. Und das ist ein weiterer Kritikpunkt an Prechts Büchern. Statt wenige, aber wichtige Themen und Argumente genauer zu beleuchten, mäandert er lieber durch die ganze Geistes-, Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte. Sein enzyklopädisches Konzept ist zwar beeindruckend, aber lässt letztlich mehr im Dunkeln, als es vorgibt.

Um den Leser meiner Lesererfahrungen mit Prechts neustem Buch nicht länger zu langweilen und weil bereits viel über den Inhalt geschrieben wurde, gehe ich auf die weiteren Ausflüge des Autors nicht näher ein. Ich kann nur sagen, dass er kaum jemanden auslässt, der seit hundert Jahren die Gemüter der Menschen bewegt und Geschichte schrieb. Von Adorno über Marx bis Zumwinkel ist alles und jeder dabei. Nur die Philosophen der Antike lässt Precht in der Ecke stehen.

Mein Fazit: Wer von den Büchern des deutschen Germanisten, Philosophen und Publizisten Richard David Precht nicht begeistert ist, muss mit den Vorwürfen rechnen, er habe die dicken Wälzer nicht aufmerksam gelesen, neide dem umtriebigen Medienstar seinen Ruhm und halte sein Publikum für ungebildeter, als es ist. Damit kann ich leben. Zumal Sprache ja, wie Precht richtig bemerkt, kein Instrument der Wahrheit ist und auch nicht zu diesem Zwecke erfunden wurde. Meine Bemerkungen und Bewertungssterne geben eine persönliche Leseerfahrung wieder. Nicht mehr und nicht weniger.
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Kommentare


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1-10 von 10 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 16.12.2010 07:47:26 GMT+01:00
Schnecke61 meint:
Danke, eine selbstbewusste und reflektierte Stellungnahme. Spricht mir in weiten Teilen aus der Seele, also... eher aus dem Verstand.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 16.01.2011 12:40:11 GMT+01:00
[Von Amazon gelöscht am 24.07.2011 08:28:09 GMT+02:00]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 16.01.2011 15:11:30 GMT+01:00
Danke für die Korrektur. aber wieso denn so giftig? Nehme an, dass die 36 Leser einfach mehr auf den Inhalt als auf einen Flüchtigkeitsfehler geachtet haben. Finde ich eigentlich gut.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 17.01.2011 20:35:20 GMT+01:00
[Von Amazon gelöscht am 24.07.2011 08:28:10 GMT+02:00]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 29.01.2011 16:18:58 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 29.01.2011 16:31:00 GMT+01:00
Herr Dr. Werner Fuchs schreibt eigentlich tolle Kritiken, die ich gerne lese. Diese hier ist aber leider ein ziemlicher Fehlgriff. Er täuscht sich nicht nur darin, dass Herr Precht Franzose sei (inzwischen im O-Text dankenswerteweise korrigiert) sondern auch darin,
dass Herr Precht Philosoph sei. Herr Precht hat meines Wissens nach Germanistik studiert und ein paar Semester Philosophie belegt ohne abzuschließen. Wenn Herr Precht also als Philosoph bezeichnet wird dann dürfen wir uns alle Philosophen nennen und ihm die vielen logischen Widersprüche, Fehlzitate, Auslassungen und Denkfehler in seinem Buch genüsslich unter die Nase reiben.
Was einen Philosophen wirklich ausmacht haben andere beschrieben (z.B.: Tom Morris in: Philosophie für Dummies) aber eben nicht Herr Precht der in diesem Buch ganz besonders deftig anderen (mit seinem ausgeprägten Talent für subtile Meinungsmache) sein antireligiöses und wissenschaftsgläubiges Weltbild unterjubelt. Das hat meiner Meinung nach mit einem echten Philosophen und dessen Art zu arbeiten wenig zu tun. Ich empfehle Herrn Dr. Fuchs mal, das Buch von Tom Morris zu kommentieren. Aber bitte vorher auch lesen (-:

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 29.01.2011 17:23:41 GMT+01:00
Geschätzter Herr Herwig. Äxgüsi, dass ich Sie mit meiner Precht-Rezension nicht überzeugen könnte. Die Nationalität von Herrn Precht habe ich schon länger korrigiert. Den „Philosophen“ ließ ich drin, weil Precht auf dieser Bezeichnung besteht. Aber meine Ironie kam offenbar nicht durch. Jedenfalls bin ich ganz ihrer Meinung, dass Prechts Denkart wenig mit der Philosophie zu tun hat, die Sie und ich offenbar schätzen. Finde es gut, dass Ihr Kommentar dies unterstreicht. Ihren Buchtipp habe ich notiert. Hoffentlich liest ihn auch die Precht-Fan-Gemeinde, die übrigens ziemlich empfindlich reagiert, wenn man am Lack ihres Idols kratzt.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 31.01.2011 09:57:27 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 31.01.2011 09:58:07 GMT+01:00
Natürlich gibt es viele Precht-Fans, die seine Stärken schätzen und sich nicht an den Macken seiner Art der Darstellung stören. Und damit wir keine Feindbilder pflegen, mir ist Precht immer noch um Längen lieber als Auflagenkönig und Bild-Idol Sarrazin.
Auch wenn Herr Precht keine neutrale Wissensweitergabe betreibt und alles, was seine Meinung in Frage stellt oder widerlegt schlicht ignoriert halte ich ihm zu Gute, dass er die Menschen mit seinen vielen Assoziationen zum Denken anregt, ob absichtlich oder versehentlich sei mal dahingestellt.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 31.01.2011 10:14:40 GMT+01:00
[Von Amazon gelöscht am 24.07.2011 08:28:16 GMT+02:00]

Veröffentlicht am 10.02.2011 15:45:55 GMT+01:00
Dr. Werner Fuchs spricht mir aus dem Herzen! Nachdem ich mich durchgerungen hatte zu dem Satz von Precht: "Mit der Verteufelung des Begehrens bediente Freud die Idee, dass man seine Affekte unterdrücken müsse." Dann las ich noch weiter bis zum Ende dieses Kapitels: "Warum wir gerne nett sein wollen". Dann war endgültig Schluss.

Veröffentlicht am 10.04.2011 20:53:43 GMT+02:00
Googloo meint:
Angesichts der enormen Ausladung vorstehender Rezension als auch der mehr oder minder hilfreichen Kommentare, ergänze ich um meine Meinung. Da ich den wehrten Autor an der ein oder anderen Stelle zitieren würde, bin ich allerdings höchstwahrscheinlich schon sehr im Widerspruch zum Gründer dieses Diskussionsfadens, der sich offenbar mit dem Buch überhaupt nicht einverstanden erklärt. Nun wäre das ja auch alles andere als verwerflich, allerdings fehlt mir dann doch die Nachvollziehbarkeit seiner Kritik.

Ich kenne den Autor, offenbar im Gegensatz zu Herrn Fuchs, weder aus anderen Werken, noch aus Vorträgen, noch aus Fernsehsendungen und auch schon gar nicht aus persönlichem Kennen. Ich habe mir dieses Buch, wohl gemerkt als Hörbuch, über einige Tage zu Gemüte geführt und war doch recht begeistert. Nicht weil es wahnsinnig neue Erkenntnisse enthält, sondern weil es sehr vieles sehr schön aufbereitet, viele Kernaussagen zu Wort kommen lässt und für den geneigten Leser oder Zuhörer eine überaus spannende Reise durch viele Epochen und Wissenschaften ist. Insbesondere, da ich mich nicht mit der philosophischen Literatur in ihrer Tiefe und Breite beschäftigen möchte, geschweige denn die Zeit dazu hätte, ist es sehr interessant, den ein oder anderen Gedanken einmal in einem verwobenen Kontext wiederzufinden und somit bildet es auch durchaus vieles bei vielen, und sei es auch nur die Erkenntnis, den Gedanken anders zu Ende zu führen.

Zitate soll man doch bitte im Original nachschlagen, wenn denn gewollt, da findet sich überall genug, wenn man denn etwas finden will. Ich finde auch zu guter Letzt überhaupt nicht, dass Precht seine Leser überfordert, da ich von einem anspruchsvollen Buch auch einen anspruchsvollen Stil erwarte und mir persönlich macht seine rhetorische Vielfalt und griffige sowie auch wohlgewählte Formulierung ebenso Spaß wie die offenbar zum Teil bewusst eingesetzten Brüche, die auffallen sollen - ja klar, warum denn auch nicht. Natürlich sollte man jedes Buch mit einer gesunden kritischen inneren Distanz lesen und so muss ich mich Precht ebenso wenig in all seinen Aussagen anschließen, wie ich das linkspolitische Gerede so genannter Kabarettisten für bare Münze nehmen muss, kann aber dennoch Spaß und Kurzweil am Gesagten haben.

Darüber hinaus finde ich eine Rezension von jemandem, der sich derart Mühe gibt sich so beharrlich auf jemanden einzuschießen auch schon ein bisschen verdächtig, hier gibt es sicherlich andere Gründe. Auch die Zahl eine Rezension ist der Arzt beeindrucken, dass dies eher einer Vollzeitbeschäftigung gleichkommt.

Insgesamt somit ein sehr interessantes, leider zu langes und auslagedemdes, aber durchaus ansprechendes Buch, dass ich mir zwar nicht am Strand durchlesen wollte, was aber als Hörbuch eine angenehme und eine anregende Lektüre war, die weder der Allgemeinbildung schadet noch den Leser mit einigermaßen gutem Sprach- und Bildungsniveau und Spaß an solchem überfordert. Wer nun gar keine Fremdwörter oder fachlichen Ausdrücke lesen möchte, ist der bei der etwas schlichteren Lektüre ausreichend vorhandener Werke gut aufgehoben.
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Details

Artikel

Rezensentin / Rezensent

Fuchs Werner Dr
(#1 HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 50 REZENSENT)    (REAL NAME)   

Ort: Zug Schweiz

Top-Rezensenten Rang: 25