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12 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unverzichtbar, 7. Mai 2010
Rezension bezieht sich auf: Beethoven: Sämtliche Sinfonien 1-9 (GA) (Audio CD)
Dass der Beethoven-Zyklus von Toscanini von mir fünf Sterne bekommt, versteht sich eigentlich von selbst: Der objektive historische Rang dieser Aufnahmen gebietet das. Ich höre sie mir in gewissen Abständen immer wieder einmal an: Zu ihnen gibt es wenig Alternativen. Wiedergaben der Sinfonien Beethovens, die sowohl den Charakter dieser Musik treffen als auch ihre Strukturen richtig erfassen und darstellen, sind dünn gesät. Toscanini gehörte (neben Klemperer und Kleiber) zu den ersten Dirigenten, die mit dem spätromantischen Beethoven-Bild brachen.

Einige wirklich bedeutende Beethoven-Aufnahmen sind heute nicht oder schwer erhältlich. Die um 1960 entstandenen Einspielungen von Scherchen und Leibowitz waren Meilensteine. An ihrer Verbreitung dürfte heute eine bestimmte Lobby kein Interesse haben: Sonst würde sich nämlich herumsprechen, dass diese von der Schönbergschule geprägten, nicht historisierenden, sondern modernen Dirigenten Beethovens Metronomangaben schon damals eingehalten haben, die heute marktgängige Originalklang-Bewegung könnte sich dieses Verdienst nicht mehr usurpatorisch zuschreiben. Leibowitz war lange Zeit nicht zu bekommen, inzwischen gibt es ihn wieder als Limited Edition, von Scherchen sind zurzeit nur die Mono-Aufnahmen aus den frühen 50er Jahren erhältlich, die im Tempo weniger konsequent und konsistent sind. Auch die in den 70er und 80er Jahren entstandenen, damals als revolutionär und avantgardistisch geltenden Aufnahmen von Gielen sind auf CD momentan schwer zu beschaffen, es gibt nur den Zyklus auf DVD. Klemperer nahm seinen Beethoven-Zyklus erst als alter Mann auf, dessen Tempogefühl sich stark in Richtung einer monumentalen Langsamkeit verändert hatte. Vor 1950 war er noch ganz anders, aber aus dieser Zeit gibt es von ihm nur wenige Aufnahmen in schlechter Tonqualität.

So steht also nach wie vor Toscanini archetypisch für einen stürmischen und furiosen Beethoven ohne spätromantische Sentimentalität. Aber mein Eindruck ist dennoch zwiespältig: Die Tempi kommen größtenteils den Forderungen Beethovens recht nahe, sind aber nicht immer sehr überlegt gewählt, sodass die Proportionen zwischen den Sätzen manchmal nicht überzeugen. Der Klang hat eine metallische Schärfe, die mitunter aufgesetzt und künstlich wirkt. Toscaninis Musizieren tendiert zum Mechanischen, zu Perfektion als Selbstzweck, der über den Sinn des Komponierten triumphiert, indem über die Innenspannungen und Widersprüche in Beethoven souverän hinweggespielt wird. (Adorno hat das einst in seinem Aufsatz "Die Meisterschaft des Maestro" aufs Korn genommen.) Die Minimalbedingungen für eine richtige Beethoven-Intepretation sind großenteils erfüllt, aber es fehlt etwas. Solange indes die meisten Aufnahmen nicht einmal die Minimalbedingungen erfüllen, bleibt Toscanini unverzichtbar. Unter den berühmten, marketingtauglichen Dirigenten ist Toscanini immer noch derjenige, dessen Beethoven am meisten nach Beethoven klingt.
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1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 28.01.2011 22:20:39 GMT+01:00
bowedmyhead meint:
Respektgebietende Rezension, die mich dennoch ratlos läßt: Toscanini yes or no?

Veröffentlicht am 28.01.2011 22:20:57 GMT+01:00
[Vom Autor gelöscht am 28.01.2011 22:21:48 GMT+01:00]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 07.02.2011 00:53:36 GMT+01:00
Henning Böke meint:
"Toscanini yes or no?" - Lieber Kommentator, Sie stellen mir da eine Frage, die sich schlecht eindeutig beantworten lässt. Das hier gegebene Bewertungssystem sieht vor, dass vielschichtige Wiedergaben vielschichtiger musikalischer Werke mit Sternen ausgezeichnet werden sollen wie Restaurants, als ob es sich um Konsumartikel handelte. Die positiven und negativen Aspekte, die Gesamtaufnahmen von neun Sinfonien, die fast alle ziemlich harte Brocken sind, unvermeidlich haben, kann man damit nicht differenzieren.

Ob man sich die Aufnahmen kaufen sollte oder nicht, das hängt davon ab, was für Wünsche und Erwartungen man hat.

Wenn man einen High-Tech-Sound erwartet, dann natürlich nicht - trotz allem Remastering sind es Mono-Aufnahmen aus einer vergangenen Epoche.

Wenn man einen "schönen" Beethoven zum "Genießen" will, dann auch nicht. Nicht nur die Tonqualität ist etwas anstrengend, auch Toscaninis stählern anmutende Interpretationen und nicht zuletzt Beethovens Musik selbst sind nicht unbedingt Wohlfühlbäder.

Wenn man up to date in Sachen Beethoven-Mode sein will, dann auch nicht ... oder vielleicht doch? Man erfährt aus den Aufnahmen, dass schnelle Tempi und ungeschönter Klang ohne Hochglanzpolitur nicht erst von den Pionieren der "authentischen" Aufführungspraxis vor fünfundzwanzig Jahren erfunden wurden. Die Befreiung Beethovens von spätromantischer Feierlichkeit hat eine viel längere Geschichte.

Ich gebe fünf Sterne, weil es sich um historische Tondokumente handelt, die für die Geschichte der Beethoven-Interpretation objektiv von höchster Bedeutung sind - und die auch heute noch zum Nachdenken über Beethoven anregen. Das ist es, was Beethoven wollte: er wollte "mit Verstand gehört" werden. Ansonsten könnte ich auch die Frage "Furtwängler yes or no?" nicht eindeutig beantworten: Auch Toscaninis großer deutsch-romantischer Antipode hat geistig-künstlerische Leistungen von objektiv höchstem Rang erbracht, auch wenn seine Musizierweise heute nicht unbedingt nachahmenswert ist.

Ich empfehle allen, die sich ernsthaft mit der Frage beschäftigen, wie Beethoven (und Musik von diesem Format überhaupt) zu verstehen ist, aber auch, den kritischen Aufsatz "Die Meisterschaft des Maestro" zu lesen, den Theodor W. Adorno 1958 schrieb. Die Gesammelten Schriften von Adorno sollten in jeder besseren öffentlichen Bibliothek greifbar sein und sind auch als Taschenbuch erhältlich. Der Text ist in Band 16 enthalten.

Ich habe mich gerade erneut damit befasst. Das Ergebnis kann ich nicht auf eine bündige Formel bringen.

Die ersten paar Seiten von Adornos Aufsatz lesen sich wie eine große Lobeshymne auf Toscanini, die dann jedoch plötzlich in eine beißend scharfe Kritik umschlägt. Ich glaube, dass Adornos zwiespältiges Urteil über Toscanini die Ambivalenz von dessen musikalischen Leistungen im Kern treffend erfasst, wenn mir auch die Kritik teilweise ungerechtfertigt hart erscheint.

Adorno hebt zunächst lobend hervor, welche positiven Impulse von Toscanini in den zwanziger, dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts ausgingen. Das betrifft zum einen die enorme Hebung des orchestralen Niveaus, zum anderen die Reinigung der Aufführungspraxis von willkürlichen, unsinnigen und obsolet gewordenen Traditionen, die Konzentration auf den Notentext. Aufführungen unter Toscanini ermöglichten eine neue Sicht auf die Werke. Adorno erwähnt hier besonders seine Leistungen im Bereich der italienischen Oper. Als Pionier von Exaktheit und Texttreue hat Toscanini innovativ und belebend gewirkt. Noch die Aufnahmen des Achtzigjährigen zeichnen sich durch eine bemerkenswerte Frische und Energie aus.

Andererseits, so argumentiert Adorno, schlagen Exaktheit und Texttreue bei Toscanini in eine problematische Tendenz zu bloß perfektem Funktionieren, zu oberflächlicher Virtuosität und zur Vergleichgültigung gegen den musikalischen Sinn um. Natürlich ist diese Kritik als Ideologiekritik gemeint, als eine Kritik am Zeitgeist, die getragen ist von der tiefen Überzeugung, dass Musik dem Zeitgeist widerstehen und Einspruch gegen den unheilvollen Lauf der Welt erheben muss. Es mutet ja erstaunlich an, dass Adorno trotz seiner dezidiert modernistischen, an Schönberg orientierten Ästhetik eine hohe Wertschätzung für den Erzromantiker Furtwängler hegte. Das ist aber durchaus leicht zu erklären: In Furtwänglers subjektiver Eindringlichkeit erkannte Adorno die Bewahrung von Sinn, die Selbstbehauptung des Geistes gegen die Tendenz zur Durchorganisation der Welt als sinnlos funktionierende Megamaschinerie. Der Vorwurf gegen Toscanini und seine objektivierende "Werktreue" besteht darin, dass seine Musizierweise sich dieser Tendenz zum reflexionslosen Funktionieren anpasst.

Adorno führt eine Reihe von Beispielen aus Aufnahmen von Toscanini an - darunter einigen der hier auf CD wieder vorgelegten Beethoven-Sinfonien -, die zeigen sollen, in welcher Weise bei ihm vordergründige Genauigkeit und Brillanz auf Kosten des musikalischen Sinns gehen. Er weist auch auf Toscaninis mangelndes Verständnis für kompositorische Qualität hin - Toscanini lehnte die Musik der Moderne durchweg ab, schätzte und förderte aber völlig belanglose italienische Kleinmeister -, um ihn als einen Musiker darzustellen, bei dem es einfach um perfekte Ausführung der Musik als Selbstzweck ohne jede Reflexion musikalischer Zusammenhänge geht. Nicht alle von Adornos Argumenten erscheinen mir überzeugend, aber einige seiner Beobachtungen sind doch ausgesprochen scharfsinnig.

Nicht verifizieren kann ich Adornos Behauptung, Toscanini wähle im ersten Satz der Neunten Sinfonie ein schnelleres Tempo, als Beethovens Metronomisierung es vorschreibt, und verfehle den mit "Allegro ma non troppo, un poco maestoso" bezeichneten Charakter. Beethoven gibt die Metronomziffer 88 für die Viertelnote an, Toscanini beginnt etwas langsamer, mit 76, gerade um dem "un poco maestoso" Rechnung zu tragen. Das Unisono-Thema gerät ihm tatsächlich etwas überstürzt. Im Seitensatz erreicht er dann ab Takt 80 das Tempo 88. Beim Übergang zur Schlussgruppe der Exposition (Takt 132-137) mit der Zweiunddreißigstelkette in den Streichern jedoch bremst Toscanini, wie Adorno aufmerksam wahrnimmt, das Tempo plötzlich spürbar ab - wohl aus Sorge, das Orchester könnte die Noten sonst nicht exakt ausführen. Adorno hat nun zweifellos Recht mit der Bemerkung, dass gerade an dieser Stelle, wo eine Auflösung des thematischen Materials stattfindet, eine Verlangsamung des Tempos strukturell völlig sinnwidrig ist (weil sie dem Gespielten einen größeren, hier völlig unangemessenen Nachdruck verleiht). Die exakte Wiedergabe der Zweiunddreißigstelnoten wird erkauft mit einer Verunklarung ihres kompositorischen Sinns.

Dies ist in der Tat ein schlagendes Beispiel dafür, inwiefern Toscanini seinen eigenen Anspruch auf "Werktreue" verfehlt: Sie bleibt bei ihm auf eine eher technisch verstandene Notentreue beschränkt, die aber die musikalische Tiefenstruktur kaum reflektiert. Mit seiner italienischen Quirligkeit hat Toscanini zwar den "con brio"-Charakter von Beethovens Musik viel besser erfasst als die teutonisch-pathetische Tradition, aber tiefere analytische Einsicht vermitteln seine Wiedergaben kaum.

Toscaninis Aufnahmen bleiben Meilensteine einer Überwindung des ins Feierlich-Erhabene verzerrten Beethovenbilds der Spätromantik. Die Tempi lassen erkennen, dass Toscanini die Metronomangaben ernst genommen hat, die sonst meist als vermeintlich falsch oder irrelevant abgetan wurden. Zu großen Teilen kommt er ihnen recht nahe. Deutliche Abweichungen gibt es einerseits in einzelnen schnellen Sätzen, wo Toscanini wohl mit Rücksicht auf die spieltechnischen Schwierigkeiten einen Sicherheitsabstand zur Metronomziffer hält (z.B. im Kopfsatz der Eroica, den Toscanini zwar deutlich schneller nimmt als die Tradition, aber doch noch eher in Viertelnoten als in ganzen Dreivierteltakten gedacht), andererseits in langsamen Sätzen, wo Toscanini noch in traditionellen Missverständnissen von Beethovens Metrik befangen blieb - ihm war noch nicht klar, dass Beethovens Adagio meistens "in zwei" und nicht "in vier" geht (Trauermarsch der Eroica, Einleitung des Kopfsatzes der 4. und dritter Satz der 9. Sinfonie). Die 7. Sinfonie, ein Stück, das an den Interpreten enorm hohe Anforderungen stellt und deshalb nur sehr selten in wirklich überzeugenden Darbietungen zu hören ist, spielt Toscanini mit einer bemerkenswerten Tempogenauigkeit: Der zweite Satz und das Trio des Scherzos sind nicht verschleppt. Leider fehlt es an den strukturellen Feinabstimmungen, die nicht unmittelbar aus dem Notentext herzuleiten sind, sondern eine interpretierende Analyse erfordern: Im ersten Satz vollzieht Toscanini den Übergang von der Einleitung zum Hauptteil sehr abrupt, das Sechsachtel-Vivace mit einem in der Partitur gar nicht vorgeschriebenen harten Staccato beginnend, statt den neuen Rhythmus aus der Auflösung des alten zu entwickeln.

Ich bleibe bei meiner Gesamteinschätzung: Trotz mancher Mängel ist Toscaninis Beethovenzyklus dennoch eine herausragende Leistung, und es gibt bis heute nur wenige wirklich ernst zu nehmende Alternativen. Wenn man wie ich davon überzeugt ist, dass das Tempo bei Beethoven ein für den Charakter und die Struktur der Musik wesentliches Element der Komposition und folglich auch ein essentielles Kriterium für die Beurteilung einer Interpretation ist, jedoch nicht das einzige, dann sind nur wenige Gesamtaufnahmen der Sinfonien in die engere Wahl zu ziehen. Der ungefähr zur gleichen Zeit im Laufe von vier Jahren entstandene Westminster-Zyklus von Hermann Scherchen erfüllt das Tempo-Kriterium nur teilweise, weil Scherchen erst allmählich den Mut fasste, die Metronomangaben einzuhalten (wobei ihm dann 1954 eine unschlagbare Achte gelang). Die Interpretation von René Leibowitz (1961) ist in ihrer spürbaren Aufbruchsstimmung nach wie vor aktuell und auch in der Tonqualität sehr gut anhörbar, wird allerdings auch nicht allen Sinfonien in gleicher Weise gerecht. Die alles in allem vielleicht gelungenste Gesamteinspielung von Michael Gielen aus den Jahren um 1990 ist leider nur noch antiquarisch zu horrenden Preisen erhältlich. Gegen die historisierende "Originalklang"-Interpretation (oder Nicht-Interpretation) von Roger Norrington aus den späten 80er Jahren sind gravierende Einwände zu erheben, die zu diskutieren hier zu weit führen würde - der Pianist und Publizist Christoph Keller hat sie am Beispiel der Neunten fundiert dargelegt (www.christoph-keller.ch/de/eroberbeet.php), und sie gelten auch für Norringtons spätere Aufnahmen mit modernem Orchester. Der Ende der 90er Jahre von einer bodenlos oberflächlichen Kritik euphorisch als "Referenz fürs 21. Jahrhundert" bejubelte David Zinman hat sich einfach schon mit seinen frei hinzukomponierten, völlig abstrusen Verzierungen langsamer Sätze disqualifiziert, und es ist binnen kurzer Zeit wieder erstaunlich still um diesen originalitätssüchtigen Modedirigenten geworden. Generell fällt bei den ganzen neueren "historisch informierten" Wiedergaben die kurze Halbwertszeit auf: Sie werden kurzfristig als große Sensationen vermarktet, verschwinden dann aber ziemlich schnell in der Versenkung. Gegenwärtig wird Paavo Järvi begeistert beklatscht - es wird ihm vermutlich auch nicht besser ergehen. Dagegen erinnert man sich an Toscaninis Resultat einer lebenslangen Beschäftigung mit dieser Musik noch nach 60 Jahren.

Adornos Kritik an Toscanini von 1958 hat, ungeachtet möglicher Einwände im Detail, gleichfalls in der Grundrichtung nichts an Triftigkeit verloren. Wie damals Toscaninis "Werktreue" sich auf eine Notentreue beschränkte, die tiefer angesiedelte musikalische Sinnzusammenhänge kaum erfasst, ist auch das, was heute als "Authentizität" und "historische Informiertheit" gilt, zumindest zu beträchtlichen Teilen eher ein oberflächlicher Tapetenwechsel: eine an sich begrüßenswerte Entschlackung des Klangs und Straffung der Tempi, eine Befreiung von Karajan-Plüsch und Bernstein-Sentimentalität, die vielleicht das Verständnis mancher Details von Beethovens Tonsprache erleichtert, sich aber als gleichgültig und desinteressiert gegenüber den großen Strukturen und unterschwelligen Prozessen in dieser Musik erweist - kein Wunder, denn darüber steht in den zum Maßstab für "authentisches" Spiel erhobenen Lehrbüchern aus dem 18. Jahrhundert nichts. Der große, wenn auch kurzfristige kommerzielle Erfolg dieser mit großem Werbeaufwand vermarkteten Einspielungen der "HIP"-Welle (diese Abkürzung für "historically informed performing" sagt im Grunde alles) legt die Vermutung nahe, dass dieser von einer einst mit Beethoven in Verbindung gebrachten, aber aus der Mode geratenen Feierlichkeit befreite, stattdessen aufgeraute, motorische "Sound" mit seinen in mundgerechte Stücke zerhackten Phrasen in seiner vordergründigen Ruppigkeit in Wirklichkeit ganz stromlinienförmig in den Zeitgeist fitnessstudiogestählter Betriebsamkeit passt. Wer von einer Beethoveninterpretation mehr erwartet als nur korrekte Tempi, mehr als quasi-barocke Motorik und einen auf schablonenhafte "Rhetorik" reduzierten Ausdruck, bleibt einstweilen auf mehr oder weniger historische Aufnahmen angewiesen. Unter diesen gehören die von Toscanini zu den interessantesten, mit ihren Tugenden und ihren Mängeln.
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