Kundenrezension

8 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Eine Ausnahmeerscheinung, 26. November 2009
Rezension bezieht sich auf: Eye to Eye (Audio CD)
Hier muss mal eine Lanze für die Scorpions gebrochen werden: "Eye To Eye" ist nicht so schlecht wie allenthalben verlautbart wird. Im Gegenteil: Es ist sogar richtig gut! Ich verstehe, dass die Anhänger des Stampfrocks, der den Scorpions zum Markenzeichen avancierte, hier ihre Schwierigkeiten haben, aber wer sich öffnet für eine Band, die nach fast 30jähriger Karriere ein Experiment wagt, wird mitunter feststellen dass es kein Naturgesetz gibt, das dieses per se zum Scheitern verurteilt, bloß weil hier Drumloops die einstigen Gitarrengewitter zurück gedrängt und die Band in ihrem Nach-Vorne-Rock ausgebremst haben.

Ich habe selbst lange einen Bogen um dieses Album gemacht und es mir erst zugelegt, als ich den restlichen Katalog der Hannoveraner vervollständigt hatte. Und das auch nur nach Probehören im Plattenladen, nachdem ich so viel Negatives darüber gehört und selbst einen kleinen Kulturschock erlitten hatte, als ich mir gleich bei Erscheinen die Singleauskopplung "To Be No. 1" als Maxi-CD zulegte. Dieser Plastikpop, so meinte ich, sei der Scorpions nicht würdig, und dass sie sich sogar erdreisten, "superstar" auf "wunderbar" zu reimen, sprengte mein Fassungsvermögen, und wenn sie im Refrain dreimal losrockten.

Entnervt legte ich die Single beiseite, und staunte so einige Jahre später bei besagtem Probehören des Albums nicht schlecht: Zugegebenermaßen hatte das, was ich hörte, außer Klaus Meines Stimme mit den Scorpions nicht viel gemein, aber gleich der Opener, der Pop-Rocker "Mysterious", kam so verschmitzt daher, dass ich nicht umhin kam, anerkennend zu nicken. Kurzum, ich kaufte die CD, und holte nach, was ich 1999 bei ihrem Erscheinen übergangen hatte: Ich hörte sie mir mehrmals an, von vorne bis hinten. Und wieder. Und wieder. Und fragte mich, warum sie bloß so verteufelt wird?

Gut, jedermanns Geschmack ist das hier sicher nicht, aber wer vorlaut "Popmüll" und "Verrat an der eigenen Sache" schreit, der verkennt meines Erachtens die hohe künstlerische Qualität von "Eye To Eye". Denn hier handelt es sich keineswegs um einen Ausrutscher à la "wollen wir doch mal sehen, ob wir mit ein paar Hitproduzenten und Songschreibern auf unsere alten Tage noch auf dem Cover der Bravo landen", sondern ein wohlüberlegtes, ausgeklügeltes Unterfangen, und das spiegelt sich in den Songs wieder. Sie alle sind abwechslungsreich und vielschichtig, natürlich reine Studiobasteleien, aber man merkt ihnen an, dass die Musiker mit nicht weniger Herzblut zu Werk gegangen sind als bei ihren größten Klassikern. Sie muss die Herausforderung gereizt haben, die Verstärker mal nicht immer bis zum Anschlag aufzudrehen und sich auf unbekanntem Terrain auszutoben. Das Album zeichnet sich durch eine unglaubliche Kreativität und Intensität aus, die nur durch künstlerische Freiheit erreicht wird.
Zum Beispiel der Titelsong, der sich mit dem Verlust eines geliebten Menschen befasst und den das Duo Meine & Schenker ihren Vätern gewidmet hat. Und gerade durch das ungewohnte Soundgerüst, diesen federleichte Beinahe-Reggea, entfaltet der Song seine ganz eigene Wirkung.

Auch dass man sich mit "Du Bist So Schmutzig" erstmals traute, einen deutschsprachigen Song aufzunehmen, der noch dazu mit einem (englischsprachigen) Nu-Metal-Rap von Neu-Schlagzeuger James Kottak daherkommt, zeugt außerdem vom Experimentierwillen der Musiker. Am streitbarsten bleibt wohl "To Be No. 1", weil es die größte Abkehr vom eigenen Sound darstellt, obwohl der Refrain ganz gut losrockt. Ich habe irgendwann den selbstironischen Witz, den digitalen Charme dieser Nummer begriffen, und seitdem kann ich sie einfach nur noch genießen. Mit "Mind Like A Tree" ist dann doch immerhin eine Nummer enthalten, die in die Hardrock-Ecke schielt, hier hat mich nur immer der etwas dumpfe Klang gestört, wo der Rest des Albums doch glasklar produziert ist. Eine schöne Melange aus Stampfrock-Duktus und einer gleichzeitigen Abkehr vom eigenen Wiedererkennungswert, nicht nur weil sphärische Keyboards den Mittelteil überlagern, sondern weil die Scorpions aus ihren gewohnten Melodiemustern ausbrechen. Das zieht sich wie ein roter Faden durchs Album, beinahe jedes Lied verfügt musikalisch (produktionstechnisch sowieso) über ungewohnte Elemente. Das Paradoxe: Es sind eben jene Studiospieleren, die aus einer 08/15-Ballade wie "What You Give U Get Back" erst wirklich hörenswert machen.
Klar, nicht jeder Song ist ein Überflieger, in der zweiten Hälfte finden sich die sperrigen Titel "Yellow Butterfly" und "Freshly Squeezed", und hier wäre in der Tat weniger mehr gewesen, dennoch zumindest interessant und somit hörenswert, und als Gesamtwerk betrachtet erreicht man durch die neu eingeschlagenen Wege, was sowohl Produktion als auch Komposition angeht, eine ungewohnte, gleichzeitig unerreichte Dichte und Substanz. "Aleyah" ist noch so ein Song, der auf allen Disziplinen siegt und für ein Rappeln in der Kiste sorgt, so herrlich und unbeschwert hat man die Scorpions noch selten rocken gehört, in dieses Horn stößt auch "Priscilla".

Man kann von Klangwelten sprechen, die Lieder sind so vielschichtig arrangiert, dass es immer etwas zu entdecken gibt, und die Gitarren, die naturgemäß weniger im Vordergrund stehen, üben sich zusehends in feinen Zwischentönen und nuancierter Klangmalerei. Natürlich ist der Bombast der Scorpions nicht völlig flöten gegangen, sich aber niemals zur Brachialgewalt auswächst wie auf "Alien Nation" oder "Rock You Like A Hurricane". Dies ist eine andere, subtilere Welt, in der sich die Scorpions leider wohler gefühlt zu haben scheinen als ihre Fans.

Im Nachhinein kann man natürlich erleichtert aufatmen und feststellen, dass die Scorpions seit 2004 wieder zum traditionellen Hardrock zurückgekehrt sind. Aber gerade im Vergleich fällt auf, dass eben jenes "back to the roots"-Album "Unbreakable" zwar nicht schlecht, aber irgendwie auch etwas langweilig, na, sagen wir: eindimensional daherkommt. Warum also "Eye To Eye" nicht in aller Gelassenheit als das betrachten, was es ist: Eine Ausnahmeerscheinung. Mir selbst geht nichts über ein fettes Gitarrenriff, und Drumloops haben bei mir stets Misstrauen verursacht, aber ein Album wie dieses zeigt mir, dass es auf die Art und Weise der Anwendung ankommt, und hier kann ich meine helle Freude an all den Studiospielereien haben. Und wenn dabei so ein Hammersong wie "10 Light Years Away" heraus kommt, der mich in seinem sehnsüchtigen Selbstfindungsschmerz unglaublich berührt, dann ist das allein die Anschaffung wert.

Und wenn man die - von Rudolf Schenker auf dem Cover angedeuteten - Scheuklappen ablegt und einen Blick nach links oder rechts riskiert, wird man sich vielleicht einlassen können auf die faszinierende Reise, die dieses Album für den geneigten Hörer bereit hält. Von jeder anderen Band als den Scorpions veröffentlicht (mal abgesehen von AC/DC), wäre es als ein Meisterwerk bejubelt worden, und das ist das traurige Schicksal von "Eye To Eye" - dabei ist es gut, wirklich richtig gut, und somit in jeder Beziehung eine Ausnahmeerscheinung.
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Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

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1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 02.03.2010 10:54:40 GMT+01:00
Florian meint:
Danke für diese hervorragende differenzierte Kritik!
Auch ich finde dieses Album, wenn vielleicht auch nicht Scorpions-typisch, absolut klasse!
Für jeden Nicht-die-hard-Rocker eine absolute Kaufempfehlung!

Veröffentlicht am 05.08.2010 19:09:35 GMT+02:00
H. Engelmann meint:
Danke für diese gute & informative Rezension!

"Du bist so schmutzig" ist tatsächlich nicht das erste deutschsprachige Lied dass die Scorpions aufgenommen haben. Es gab da im Februar 1975 eine Single mit deutschen Covers der beiden Lieder von Sweet: "Fuchs geh' voran" (Fox on the Run) und "Wenn es richtig losgeht" (Action) - unter dem Pseudonym The Hunters. M. E. passt "schmutzig" da prima dazu, ist nämlich genauso daneben. Aber das ist Geschmacksache...

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 13.08.2010 17:44:45 GMT+02:00
Michel S meint:
ich bin nie so richtig drin gewesen, in den Scorps. K.A. warum. Habe demzufolge nur wenige Alben (Lonesome Crow, Tokio Tapes und Eye II Eye). Gekauft habe ich es, weil es sehr billig war und ich zu diesem Zeitpunkt noch keine CD von den Scorps hatte.
Nach dem Auspacken wusste ich auch warum: Das Label der CD-Oberseite ist verzerrt. Es scheint, als sei beim Aufbringen des Labels mit der Maschine etwas nicht in Ordnung gewesen und das Klebematerial verrutscht.
Wie dem auch sei: Die Motivation des Kaufs war alles andere als ein großer Spass an Scorpions-Musik. Aber seitdem höre ich die Platte immer wieder gern und kann die Sichtweise des Rezensenten absolut nachvollziehen.
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